Wo Seine Zeugen sterben, ist Sein Reich

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Von vier Märtyrern, die in bedrängter Zeit als Wartende und Glaubende ihr Lebenszeugnis gaben, berichtet Ingeborg von Grafenstein von der „Gemeinschaft Christlichen Lebens“.

Unter dieser Überschrift – einer Verszeile aus einem Sonett von Reinhold Schneider – erschien bald nach dem II. Weltkrieg eine erste Dokumentation über die „vier Lübecker Märtyrer“, deren Lebens- und Glaubenszeugnis Jahrzehnte später als „Ökumene im Widerstand“ charakterisiert wird, und zwar in der Aufsatzsammlung, die 2001 von den beiden damals amtierenden Pastoren der katholischen Herz-Jesu-Kirche wie der evangelischen Lutherkirche in Lübeck gemeinsam unter diesem Titel herausgegeben wurde.

Luebecker_Maertyrer

Jenseits konfessioneller Grenzen

Wer waren diese vier Zeugen, die im Frühjahr 1942 von der Gestapo verhaftet, in einem Schnellverfahren am 22. Juni 1943 zum Tode verurteilt und am 10. November 1943 im Abstand von je 3 Minuten durch das Fallbeil hingerichtet wurden? Es handelt sich um drei Kapläne in der Lübecker katholischen Propsteigemeinde und den Pastor der evangelischen Lutherkirche, die zunächst mehr trennte als verband: Auf der einen Seite Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller, drei junge Priester von 31 bzw. 32 Jahren, in der ersten Begeisterung ihrer Tätigkeit als Seelsorger und bei aller persönlichen Unterschiedlichkeit doch verbunden durch eine kritische Distanz und zunehmende Sorge über die herrschende nationalsozialistische Ideologie; auf der anderen Seite Karl Friedrich Stellbrink, der verheiratete Vater von drei leiblichen und zwei Pflegekindern, Ende vierzig, Soldat im ersten Weltkrieg, aufgewachsen und erzogen im Dunstkreis von Nationalismus und Antisemitismus der Vor-und Nachkriegsjahre, der mit so vielen Hitler zunächst als Heilsbringer begrüßte und Mitglied der NSDAP wurde.

Von Mitgliedern der „Bekennenden Kirche“ als einer der „Nazipastoren“ eingestuft, hatte er den weitesten Weg zu gehen von dieser Ausgangssituation über die schmerzliche Einsicht in das wahre Gesicht des nationalsozialistischen Unrechtsregimes und die Notwendigkeit, dem Unrecht entgegenzutreten. 1934 legt Stellbrink alle Parteiämter nieder. 1937 wird er aus der Partei ausgeschlossen und als er 1941 am Rand einer Beerdigung Kaplan Prassek kennen lernt, erkennt er in ihm – trotz der damals noch starren konfessionellen Schranken – den Gleichgesinnten: Mit den drei Kaplänen verbreitet er die Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen, die z.B. in aufrüttelnden Worten die Euthanasiemorde an Kranken und Behinderten anprangern. Gemeinsam wagen die vier – jeder auf seine Weise – das höchst riskante offene Wort in der Predigt, im seelsorglichen Gespräch, in der Arbeit mit Gruppen von Jugendlichen und Erwachsenen, bis hin zur verbotenen Seelsorge bei den polnischen Zwangsarbeitern. Alle vier sind dem Konflikt zwischen der herrschenden Weltanschauung und dem Glauben an Jesus Christus nicht ausgewichen und von Ihm ließen sie sich zum gemeinsamen Handeln rufen. „Die Lübecker Geistlichen haben ihr Widerstehen mit dem Leben bezahlt. Dieses Lebensopfer hat den Krieg nicht abgekürzt und das System nicht ins Wanken gebracht“, stellt ein gemeinsamer Text des Erzbistums Hamburg und der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche heraus und fährt fort: „Sie stehen gemeinsam für die Kirche Jesu Christi, die Unrecht beim Namen nennt, Lüge entschleiert und die Barmherzigkeit Gottes als Quelle des Lebens ehrt. … Als Realität haben sie eine Gemeinschaft erfahren, die Trennendes überwindet. Konfessionelle Grenzen waren für sie sekundär geworden. Das muss für uns heute Orientierung und Ansporn sein, dass wir dem folgen, was sie uns vorgelebt haben an Gemeinschaft im Geist, im Glauben und im Handeln.“

Wenn in einigen Monaten, am 25. Juni 2011, von Seiten der katholischen Kirche die drei Kapläne durch die feierliche Seligsprechung den Glaubenden heute als Gefährten vor Augen gestellt werden, so schließt dieser Schritt bewusst das Zeugnis von Pastor Stellbrink mit ein, auch wenn die Seligsprechung in seiner Kirche nicht praktiziert wird.

Bewusst formuliert deshalb Papst Benedikt XVI. in seiner Ankündigung: „Die bezeugte Freundschaft der vier Geistlichen im Gefängnis ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Ökumene des Gebets und des Leidens, wie sie vielerorts in jenen dunklen Tagen nationalsozialistischen Terrors unter Christen verschiedener Konfessionen aufgeblüht ist. Für unser gemeinsames Voranschreiten in der Ökumene dürfen wir diese Zeugen dankbar als leuchtende Wegmarken wahrnehmen.“

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