Es ist ein Geheimnis um die Liebe Gottes. Wir glauben, dass sie eine unüberwindbare Macht ist. Zugleich erscheint sie ohnmächtig, als wenn sie auf der Verliererseite wäre. Sie zwingt nicht mit Gewalt. Aber sie opfert sich, ohne etwas zurückzuhalten. So ist der himmlische Vater, dem die Erde so sehr am Herzen liegt. Nichts ist deshalb letztlich außerhalb seiner Reichweite.

Das Weltgeschehen beinhaltet so viele Konflikte und Kriege mit sehr schlimmen Nöten. Ratlosigkeit macht uns dabei zu schaffen, und es entstehen Fragen, die Gott betreffen.

Wie ist das mit ihm? Gerät ihm diese Welt außer Kontrolle?

Wie ist das mit Gott oder dem Herrn der Kirche, Jesus Christus? Die Gottesfrage drängt sich auf. Welches Bild haben wir von ihm? Wie sollen oder können wir ihn verstehen angesichts dieser Fragen? Was soll denn das heißen: Gott ist Liebe?

Tatsächlich ist das eine Grundaussage über das Wesen Gottes: „Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1Joh 4,16).

Sein Ein und Alles für die ganze Welt

Das Johannes-Evangelium zeigt uns, wie diese Liebe Gottes ein für alle Mal und unüberbietbar konkret wurde. Nach der Übersetzung von Roland Werner heißt es in Joh 3,16: „Ja, Gott hat diese ganze Welt so in seiner Liebe umfasst, dass er seinen Sohn, der sein Ein und Alles war, hingab. Dadurch ist es jetzt so: Keiner, der sein Vertrauen auf ihn setzt, geht verloren. Wer aber ihm vertraut, der hat damit das Leben voller Ewigkeit.“

Dass Gott sein Ein und Alles für die ganze Welt hingegeben hat, das können wir kaum erfassen. Das ist so ungeheuerlich und absolut einzigartig in der ganzen Menschheitsgeschichte. Das bestätigt auch die Religionswissenschaft. „Der christliche Gott fordert nicht, wie die antiken Götter, von den Menschen Liebe und Verehrung – er liebt selber.1

Gott wurde einer von uns. Das ist ein einzigartiges Geschehen. Wenn wir auf Weihnachten schauen, wird uns das vor Augen geführt. Wir wissen es doch: Liebe sucht die Nähe des oder der Geliebten. Liebe entsteht durch Begegnung, besteht durch dauernde Berührung, ist ihrem Wesen nach Gemeinschaft. Der mächtige Drang des Vaters, sich mitzuteilen, seine Menschen zu lieben, gewinnt Gestalt in einer menschlichen Person. Er teilt unser Schicksal, inmitten alles Bösen und von Gott Abgewichenen, bis hin zur Ohnmacht – und wird so zum Türöffner heim ins Vaterhaus.

Der Apostel Paulus beschreibt im Brief an die Kolosser noch Einiges mehr an Dimensionen, die damit zusammenhängen. Die Menschwerdung Gottes in Jesus und sein Tod am Kreuz sind eine unumstößliche Tatsache, die diese Welt grundlegend verändert hat. So lesen wir über Jesus, den Messias, Folgendes:

„Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, auf dass er in allem der Erste sei. Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz“ (Kol 1,15-20).

Die Konsequenz, der Erweis der Liebe Gottes ist zutiefst die Hingabe seines Sohnes am Kreuz von Golgatha. Das ist der Weg, den Gott eingeschlagen hat, um unsere Entfremdung von ihm zu überwinden. Alles Geschaffene ist dadurch von Gott her mit ihm versöhnt. So ist die Tür offen, die wieder die Nähe der Liebe, die Berührung und die Gemeinschaft mit Gott ermöglicht.

Das hat Gott unvorstellbar viel gekostet. Das zeigt, dass seine Liebe nichts Weichliches und Wohliges ist. Und

wo diese Liebe noch nicht erkannt wird, kann Gott in seiner außerordentlichen Geduld auch Dinge tun, die auf den ersten Blick vielleicht nicht nach Liebe aussehen.

Gegenliebe kann nicht erzwungen werden, auf keinen Fall. Dennoch sucht die Phantasie der Liebe Gottes immer wieder Wege, den Menschen von dem zu lösen, was zwischen ihm und Gott steht. Das kann durchaus da und dort als „harte Gnade“ bezeichnet werden. Obwohl sie Freiheit gewährt, hat diese Liebe eine sehr große Kraft. So konnte z. B. Mahatma Gandhi, obwohl er kein Christ war, sagen:

„Liebe ist die stärkste Macht der Welt, und doch ist sie die demütigste, die man sich vorstellen kann.“2

Liebe umfassend und unteilbar

Die Stärke der Liebe Gottes liegt auch darin, dass sie umfassend und unteilbar ist. Sie gilt der ganzen Schöpfung, dem wunderbaren Kosmos. Das Wort Kosmos bedeutet Schmuckstück. Das ganze Universum in seiner atemberaubenden Ordnung, darin der wunderbare Planet Erde mit einzigartigen Lebensbedingungen im ganzen All, zeigt, mit welcher Liebe, Präzision und Kreativität Gott sie geschaffen hat. Deshalb macht der Apostel Paulus darauf aufmerksam, dass Gottes unsichtbares Wesen an seinen Werken erkennbar ist(Röm 1,20).

Durch die Sünde ist das Schmuckstück beschädigt. Dennoch leuchtet die Schönheit Gottes nach wie vor an vielen Stellen hindurch. Das Leuchten der bunten Herbstblätter im Sonnenschein ist ein kleines Beispiel dafür. Aber selbst der Sünder, der Schlimmes getan hat, wird von Gott noch geschützt und geliebt. So gilt der Schutz Gottes z. B. dem Brudermörder Kain.

Auch wenn noch so Vieles gottfern bleibt und das Bild der Liebe verfinstert, ist mit Jesus und seiner Auferstehung die Qualität der Liebe Gottes personifiziert und anschaubar.

In denen, die von Neuem geboren sind, lebt sie auf. Wo das neue Herz und der neue Geist geschenkt sind, wie Gott es bereits dem Volk Israel verheißen hat, da lebt die göttliche Liebe mitten in dieser Welt. In der Bergpredigt macht Jesus zudem deutlich, dass sie weiter und tiefer reicht als die Nächstenliebe. Sie vermag auch Feinde zu lieben. Die Feindesliebe ist der Ausweis der göttlichen Liebe. Sie entspricht ganz der unteilbaren Liebe Gottes, „denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Darin zeigt sich, „dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel“. Wo uns das von Gott geschenkt ist, wird man über uns sagen können: „Ganz der Vater!“

Damit der ganze bewohnte Erdkreis, die oikoumene, von der Liebe Gottes schließlich erfasst und verwandelt wird, braucht es das Zeugnis dieser göttlichen Liebe durch die Nachfolger Jesu. Dann kann der Ökumenische Christusdienst reichlich Frucht bringen.


Autor

Walter Goll
Walter Goll, Ottmaring

Vereinigung vom gemeinsamen Leben

  • Vereinigung vom gemeinsamen Leben im Ökumenischen Christusdienst

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