…und untereinander…

„Von der einen unzertrennlichen Liebes- und Lebensgemeinschaft Seines heiligen Herzens“

Br. Johannes Junger

Es heißt nicht: „in deinem Herzen…“ – auch nicht: „in der Liebe deines Herzens…“ – sondern: „deines heiligen Herzens.“ Hier wird nicht zuerst und zuletzt an die Herz-Jesu-Frömmigkeit und -Verehrung erinnert, die vor allem auf [[Bernhard von Clairvaux]] (1090-1153) zurückgeht und auch durch die Herzensfrömmigkeit im Pietismus einen Raum fand (s. Zinzendorf in seinem Lied: „Herz und Herz vereint zusammen“ – und bei [[Paul Gerhardt]]: „O Herz des Königs aller Welt…“) Es wird hier an die große Vision des

Völkerapostels Paulus angeknüpft: „Wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus“(1Kor 12,12). Paulus fährt dann mit der Aufzählung der Glieder und ihrer Aufgaben im Ganzen fort. Ohne dass der Apostel es nun ausdrücklich erwähnt, gilt hier: Der Leib hat neben allen sichtbaren Gliedern auch wichtige unsichtbare, z.B. das Herz mit seinem Kreislauf im Ganzen und für das Ganze. [[Therese von Lisieux]] hat ausgerufen: „Ich habe meinen Platz in der Kirche gefunden, und diesen Platz, mein Gott, hast du mir geschenkt… im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein…, so werde ich alles sein.“ –
gebet10„Gott ist Liebe…“ (1Joh 4,16). Diese alle und alles umfassende Gottesliebe wurde in Jesus Christus, dem Sohn Gottes, für uns anschaulich, begreifbar. Diese Liebe ist der Motor im Schöpfungsganzen. Ohne diese Liebe erkaltet die menschliche Gemeinschaft, kann die Kirche vieles erfolgreich tun, aber nicht das Eigentliche: Gott vergegenwärtigen und zu Gott weisen, dem Vaterhaus. Therese sagt nicht weniger als dies: Das Herz in der Kirche ist das Wesen Gottes, die Liebe, die in Jesus sich offenbart. Nur in dieser Liebe und von ihr her ist auch die Liebe zum Nächsten, ja zum Feind, möglich.
Hier wird in diesem Gebet also nicht nur eine Frömmigkeit ausgedrückt, auch nicht nur ein Ort der Zusammenkunft, der Sammlung („Lasst uns endlich eins sein, zusammenstehen…!“), sondern hier ist von einem Organ die Rede! Es scheint so, dass viele ökumenische Ereignisse und Erfahrungen auf eine Sammlung, eine Vereinbarung und Vereinigung um des Auftrages willen hinauslaufen. So wären nicht nur die unseligen Abspaltungen, sondern auch ungöttliches Gegeneinander vom Geist der Welt geprägt. So sehr sich Einigungsbewegungen nach dem göttlichen Willen ausrichten wollen, stehen sie doch in der Gefahr, nur Koalitionen und eine Einheit zu bilden, die erfolgreich ist.
Es gab durch alle Zeiten der Kirchengeschichte hindurch das Mühen um Einheit, um Einheit in Strukturen und Formen (z.B. im Verständnis der Ämter, der Ordnungen, der Lehre u.a.). Diese Bemühung darf unter keinen Umständen der Verachtung anheimfallen. Aber bei der Einheit im Hohepriesterlichen Gebet geht es um jene organische Einheit, die im Einheitsgebet ausgedrückt ist.
In Gott ist alles eins. Dazu ist Jesus erschienen, damit wir „in ihm die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Sünden“ (Eph 1,7). Er hat alle Spaltungen überwunden, zwischen Gott und Menschen, zwischen Israel und der Kirche (vgl. Eph 2,11ff), auch zwischen den Konfessionen und Gemeinschaften (vgl. Joh 11,51f). Jesus hat die Welt durch seinen Opfertod am Kreuz erlöst, so bekennen wir mit den Gläubigen aller Zeiten.
Darum sagt der Apostel: In Jesus ist alles erschaffen, er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Kirche (Gemeinde). In ihm wohnt die ganze Fülle (vgl. Kol 1,16ff). Wer also durch den Glauben und die Taufe Glied am Leibe Christi ist, kann eigentlich nicht in der Trennung verharren. Er sollte auch nicht nur die Geschichte und das Gewordene kritisieren. Vielmehr steht er staunend, anbetend, auch büßend und leidend im ganzen Christusleib und Christusgeschehen. Aber in und durch Christus weiß er, dass wir mit unserem ganzen Sein und Wesen Glieder der Gesamtchristenheit sind. M.a.W.: Wir sind vollberechtigte und vollverpflichtete Glieder und Diener und Dienerinnen aller und mit allen.
Die Berufung und Bestimmung des Menschen ist in der Ebenbildlichkeit Gottes begründet. D.h. wir sind zu Mitarbeitern Gottes und Gottes heiligem königlichem und priesterlichem Volk inmitten der Menschheit und der Völker, Religionen und Kulturen berufen. Diese Bestimmung leben solche Glieder des Leibes Christi, die herangewachsen sind zum vollendeten Menschsein, zum vollen Maß der Fülle Christi. Sie sind nicht unmündig und lassen sich nicht von jedem Wind einer Lehre und konfessionellen Ansicht bewegen und umhertreiben. Sie sind wahrhaftig in der Liebe und wachsen in diesem Organ des Herzens als Erstlinge im Gesamten heran und damit als solche, die Pro-Existenz leben und verkörpern. Sie sind nicht Modell, das man anschauen und nachahmen sollte, sondern sie sind Herz-Organ im Ganzen. Sie leben, lieben und leiden mit dem Haupt Christus für alle und alles. 

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