Leiden am und mit dem kranken Leib Christi

O Gott, geheimnisvoll ist deine Kirche,
die heilige Stadt und der Tempel des Herrn,
gefügt und gerichtet nach göttlichen Maßen und Gedanken
auf ewigem Grund, den du gelegt
in den Aposteln und Propheten: Christus.
Du hast der Kirche Ordnungen gegeben von Zeit und Stunde,
von Ämtern und Diensten,
von Sakramenten, Lehren und Geboten.
Sie soll dein Volk erziehen, die Völker leiten und weisen
und uns alle unter den Gehorsam
deines Namens und deines Willens stellen.
Lass neu deinen Willen kund werden mit deiner Kirche.
Segne und erleuchte alle Diener im Amt,
besonders die Bischöfe aller Kirchen.
Gib ihnen die Bereitschaft auf dich,
aufeinander und auf deine geisterleuchteten Boten, zu hören,
zur Vollendung deiner wahren und vollkommenen Absichten.

(nach der Gebetssammlung „Brüder betet“)

Leiden am und mit dem kranken Leib Christi

Walter Goll

Bei der Frage nach dem Leiden an der Kirche, unter der Kirche und mit der Kirche stellt sich bei mir spontan der Gedanke ein: „Ja, was soll das, die Kirche gibt’s ja gar nicht, da geht’s schon los mit dem Problem!“ Insofern beginnt das Leiden schon allein beim Betrachten der christlichen Welt, wie sie in ihrer Zersplitterung, in ihrer Unübersichtlichkeit, in ihrem gleichgültigen Nebeneinander, in ihrem Gegeneinander und auch in ihren regional und kontinental so großen Unterschieden erscheint.

In Vielem hat dies damit zu tun, dass jede Gruppierung, jede Gemeinschaft, jede Konfession und Kirche in erster Linie sehr mit sich selbst beschäftigt ist und ihre je eigene Sicht und Lehre über alle anderen stellt.

Charismatisch aktive und sehr lebendig erscheinende Gruppen, die – Gott sei Dank! – teilweise viele Menschen erreichen, setzen sich ab von den traditionellen Kirchen und es entstehen neue Welten christlichen Lebens, die keine Beziehung zu den bestehenden haben.

Die Großkirchen in unserer westlichen Welt scheinen in erster Linie mit ihren finanziellen und strukturellen Problemen beschäftigt zu sein und verlieren doch immer mehr den Kontakt zu den unkirchlich aufgewachsenen Menschen. Was an missionarischen oder auch diakonischen bzw. caritativen Initiativen und Diensten geschieht, hat oft keine rechte Verankerung im Gemeindeleben.

Diese sehr grobe und damit vereinfachende Skizzierung lässt mich fragen, wie es denn mit der einen Kirche, dem einen Leib Christi ist. Ist das wirklich so schwierig oder gar unmöglich, sich bei aller Unterschiedlichkeit, die ja durchaus auch gottgewollt ist, als Einheit zu sehen? Müssen wir auf unserer dogmatisch richtigen Glaubenslehre beharren? Müssen wir bei der Meinung bleiben, unser je eigener Weg sei der einzig richtige? Müssen wir uns wegen möglicher Irritationen aufgrund geisterfüllter Wirkungen abgrenzen oder andererseits wegen vermeintlich verknöcherter Haltungen? Müssen wir all diese Dinge wichtiger nehmen als das Suchen der Brüder und Schwestern in Christus?

Gegenseitiges Kennenlernen, auch auf dem Hintergrund kirchengeschicht- lichen Wissens, das zum gegenseitigen Annehmen in Christus führt, wird nicht ohne gewisse Leiden aneinander gehen. Aber in und aus Ihm lebt die eine Kirche, hat der eine Leib Christi sein Haupt. Zu Ihm sollten wir jeweils umkehren, uns in Ihm suchen und so als die eine Kirche und Christenheit in ihrer Mannigfaltigkeit das Wesen des Dreieinigen Gottes in der Welt widerspiegeln.

Vermutlich wird das Leiden des kranken Leibes Christi noch weitergehen und sich noch vertiefen. Könnte es sein, dass er denselben Weg vor sich hat wie sein Haupt in seinem irdischen Leben? Er litt sehr auf seinem schmerz- und schmachvollen Weg und erschien den Menschen als ein zutiefst Gescheiterter am Kreuz. Und doch lernte er daran Gehorsam, Er als der Sohn Gottes, und eröffnete auf überraschende Weise den Menschen den Weg zum Vater. Könnte der Weg des einen Leibes Christi nicht auch ein schmerzvoller Leidensweg sein, der zugleich eine göttliche Gehorsamsschule darstellt, die letztlich unter der Leitung und dem Wirken des Hauptes, spätestens bei dessen Wiederkunft, Herrlichkeiten des Heils offenbar machen wird?

Wachstumsstörungen im Leibe Christi

Br. Johannes Junger

Im Evangelium nach Mark. 4,26ff steht ein Gleichnis Jesu über das Reich Gottes, das keine Parallele im Zeugnis Jesu hat: Der ausgestreute Weizen wächst ohne menschliche Einwirkungen. Zunächst sieht man den Halm, dann die Ähre und am Ende steht die Frucht, der volle Weizen in der Ähre, da. In diesem Gleichnis ist von Wachstum und Reifung die Rede. Es gibt einen Anfang. Ebenso gibt es ein Ziel: Die reife Frucht, die dem ausgestreuten Samen gleicht. Wenn wir davon ausgehen, dass Jesus das Samenkorn ist (Joh 12,24ff), dann sollen am Ende der Heilsgeschichte gereifte Christusmenschen, ja auch ein gereifter Christusleib, stehen. Paulus bezeugt im Epheserbrief: „Lasset uns rechtschaffen sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke“ (Eph 4,15f). Die gleichen Gedanken können wir auch im anderen apostolischen Schrifttum erkennen.

Wachstumsstörungen im Werden und Reifen des Einzelnen und des Christusleibes gab es oft dann, wenn ein Anfangsimpuls oder ein erreichter Zustand konserviert und für endgültig, letztgültig, angesehen wird.

Schon im NT läßt sich das erkennen: Jesus sammelt um sich seine Jünger- und Apostelschar. Aus diesen Erstlingen im Volk Israel entsteht die Urgemeinde. Die ersten Christen versammelten sich einmütig im Tempel und hin und her in den Häusern, sie brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen (Apg 2,46). Es ist kaum anzunehmen, dass bei allen „Feiern des Brotbrechens“ die Apostel anwesend waren. Auch ist nicht die Rede davon, dass die Vorsteher in den Häusern (Väter – Vaterschaft; Mütter – Mutterschaft) von den Aposteln „geweiht“ bzw. „beauftragt“ wurden.

Schwierig wurde es bereits, als der „neue Weg“ (Apg 9,2), die „neue Lehre“ (Apg 5,28 u.a.) bis zu den Nationen drang und dort Gemeinden entstanden. Vor allem von Paulus und seinen Mitarbeitern wissen wir, dass sie hin und her Älteste einsetzten, dass Ämter und viele Ordnungen entstanden. Alles, um im Geist Jesu zu ordnen und den Gemeinden eine vom heiligen Geist gewirkte strukturelle Grundlage zu geben. Das hielt an, bis die „Kirche“ im 4.Jahrhundert zur Staatskirche wurde. Jetzt benötigte es feste Formen und Ordnungen. Alles wurde geregelt. War dies nun der endgültige oder allein gültige Zustand im Wachstum des Leibes Christi?

Man gewinnt beim Betrachten der Kirchengeschichte den Eindruck, dass nun alle Gruppen und Aufbrüche, die wiederum die alte Urgemeinde zum Vorbild nahmen, verfolgt wurden. Die Kirche konnte aber die anstürmenden Völker und Nationen nur eingliedern und zur Lehrerin der Völker werden, indem sie feste Ordnungen und klare Richtlinien für die gültige Lehre und Gemeindeordnung schuf. Damit einher ging die Überzeugung, dass es nur eine Gestalt der Kirche geben könne, weil es ja nur eine Kirche Jesu Christi nach dem Zeugnis der Apostel geben kann. Zwar hat die Kirche durch die Zeiten viele Bewegungen und Gruppierungen in sich aufnehmen können, aber nur unter der Anerkennung der bestehenden Ordnungen.

Wo blieb aber der Glaube an das Wirken des Heiligen Geistes, an die Verheißung Jesu, dass er – das Haupt der einen Kirche – in alle Wahrheit einführen werde, uns an alles erinnern werde, was er gelehrt hat (Joh 14,26) und uns in alle Wahrheit leitet (Joh 16,13)? War es nicht die Angst, den Einfluß und die Macht über die Menschen und ihre Seelen zu verlieren? Auch die Angst vor falscher Lehre und Untreue? Diese Angst prägt auch heute nicht nur die großen und ganz großen Konfessionskirchen, sondern die kleinen und kleinsten Gruppen und Gemeinden. Können wir vertrauen, dass das Wirken des Heiligen Geistes in Strukturen und Ordnungen hineinreicht?

Manche Christen und Gemeinschaften haben am Glauben der einen Kirche festgehalten durch die Zeiten, weil sie dem Wort Gottes vertrauten. Aber dass der heilige Geist Entfaltung und Wachstum hin zur ganzen Christusgestalt schenken möchte, wurde oft übersehen. So haben wir eine lange Segens- geschichte der Christenheit hinter uns, aber auch eine nicht zu übersehende Schuldgeschichte. Gerade die Engstirnigkeit, der Hochmut – die eigentlich Erwählten, die Erstlinge zu sein, die Braut Christi u.s.w. – und zu meinen, die anderen seien Babel, die Zurückgebliebenen, oder einseitig vorwärts Stürmenden, machen oft das Zeugnis vor der Welt unglaubwürdig.

M.E. geht es heute vor allem darum, dass wir in innerer Einheit (des Heiligen Geistes) und im Wissen um den ganzen Christusleib und auch der einen Christusgeschichte (mit allen Entfaltungen und Reifungen) uns neu auf eine neue Sichtweise einlassen. Also weg davon, welche Struktur, welche Gemeindeform mit ihren Ämtern und Ordnungen u.a. richtig ist. Die 7 Sendschreiben in der Offenbarung des Johannes zeigen, dass Jesus allein es weiß. Er hält die Leiter, die Gemeinden zusammen. Er wandelt mitten unter ihnen. In seinem Geist können wir lernen, uns anzunehmen, wie er uns angenommen hat zu Gottes Lob und zu unserem Heil. Es gilt, Abstand zu nehmen von einem Glauben, der davon ausgeht, genau zu wissen, wie die Kirchengestalt zu sein hat.

Weil die Christenheit hier immer wieder schuldig wird, ist es angebracht, dass wir beten: „Wir, und unsere Väter und Brüder und Schwestern, haben vielfältig gesündigt an Deiner Liebe, Deinem Heilswillen für alle und alles. Sei uns gnädig. Hilf uns, dass wir nicht eigenen Gedanken und Plänen nachsinnen, sondern miteinander vor Dich treten, o dreieiniger Gott, und uns neu von Dir durch deinen Geist belehren und weisen lassen.“

Amt und Charisma

Frieder Rebafka

– im spannungsvolles Miteinander

Die Kirche fordert zur Vielgestaltigkeit heraus. Unterschiedliche Theologien und Gemeindestrukturen wurden von Anfang an oft in harten Konflikten ausgetragen. Immer wieder kam es zu Parteiungen. Auch heute zeigt sich die Kirche in vielfältiger Gestalt. Entscheidend bleibt die Parteinahme für Jesus Christus, der über allen Parteibindungen in der Gemeinde steht.

Das kirchliche Amt ist kein biblischer Begriff und hat sich erst geschichtlich entwickelt. „Amt“ drückt eher ein Herrschaftsverhältnis aus, stattdessen gebraucht Paulus den Oberbegriff „Charisma“. Daher ist es besser, vom „kirchlichen Dienst“ als vom „kirchlichen Amt“ zu sprechen. Aber nicht das Wort ist entscheidend, sondern dessen Verständnis.

Gespräche über die Kirche/Gemeinde erwecken bei uns unterschiedliche Emotionen. Einerseits hängen sie mit unseren eigenen Erfahrungen zusammen, anderseits sehen wir den Aspekt der Kirche im Evangelium. Auch stehen Amt und Charisma (das Sichtbare und das Unsichtbare) in der Spannung zwischen dem Anspruch des Evangeliums und der alltäglichen Wirklichkeit.

Heilsame Grundlage

Durch die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten werden alle Glieder Zeugen des einen prophetischen-priesterlichen-königlichen Gottesvolkes, eine Erstlingsschaft des Geistes. Der Heilige Geist schenkt Anteil an der Gemeinschaft, an der Einheit des Dreieinigen Gottes und verwirklicht den Bau des Leibes Christi. In der vertikalen Linie wirkt der Heilige Geist eine Vielfalt von Gaben zum Aufbau des Leibes Christi (1Kor12,11).

Die junge Jerusalemer Gemeinde verharrte einmütig beieinander und blieb beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet (Apg1,14; 2,42). Unter ihnen war ein Klima der Liebe und Einheit. Hier stand kein Konkurrenzdenken dem gemeinsamen Heilsauftrag Gottes im Weg.

Die vertikale Linie muss durch eine horizontale ergänzt werden. Durch den Heiligen Geist wird das Werk Jesu weitergeführt. Er ruft zu einem neuen Leben in Gott und er schafft ein neues Gottesvolk, wie wir das z. B. in der Gemeinde Korinth erkennen. Der Apostel Paulus verkündet dort nicht nur das Evangelium, sondern er baut auch Gemeinde Jesu. Paulus verdeutlicht uns, dass in der Gemeinde alle gleichwertige Glieder sind: „Denn wie der Leib eine Einheit ist, aber viele Glieder hat, und alle Glieder des Leibes, obwohl es viele sind, einen einzigen Leib bilden, so ist es auch mit Christus. Durch einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie. Alle wurden wir mit einem Geist getränkt“ (1Kor12,12ff).

In der Zuordnung der unterschiedlichen Gaben und Gabenträger weist er darauf hin, dass alles und alle zur Heilsgeschichte Gottes beitragen und zum Aufbau der Gemeinde dienen. Dabei gilt es, nicht primär ein Gemeindebild abzuleiten, vielmehr soll das einzelne Gemeindeglied seine Stellung im Ganzen sehen und sich selbst in den Dienst der Heiligen stellen.

Das ist der Boden, auf dem jeder Einzelne mit Christus und mit den Gemeindegliedern verbunden ist. Das ist das „In-Christus-Sein“. In-Christus-Sein ist die Zugehörigkeit zum Herrschaftsbereich Christi und damit zu seinem Leib. In Phil 2, 1–5 gibt Paulus der Gemeinde den Zuspruch, dass in ihr gegenseitige Liebe, Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen, Einmütigkeit und Eintracht herrschen sollen. In V 6–11 folgt unmittelbar der Christushymnus, wie Christus sich seiner Herrlichkeit entäußerte, gleich einem Knecht gehorsam wurde und sein Leben in den Tod dahingab. Dieses In-Christus -Sein bedeutet für Paulus genau diese Hingabe für die anderen, so zu leben, wie Jesus gelebt hat.

In heilsamer Weise mit Spannungen leben

Phil 2,1-11 ist seinem Wesen nach eine „Magna Charta der Gemeinde“. Nur aus diesem Geschehen heraus kann Gemeinde deutlich werden. Das Wesen des Dienstes besteht in Liebe, Gebet, Gehorsam und Leiden, nicht in erster Linie in Worten, Methoden und Strukturen.

Lebt die Gemeinde aus dem Sterben und von der Auferstehung Jesu her, so wird sie zu etwas Neuem in der Welt. Dann werden sogar die Unterschiede zwischen Menschen, Ämtern und Charismen zu ihrer Bereicherung führen.

Das Leben und das gemeindliche Miteinander vollzieht sich immer in einer gewissen Spannung. Einerseits ist es geprägt vom Wirken des Geistes Gottes, andererseits wird es überschattet von unseren Unzulänglichkeiten und Unterschieden. Es ist immer beides zugleich. Ein befruchtetes Miteinander von Amt und Charisma kann nur gelingen, wenn diese Spannung bejaht wird. Was das Auseinanderstreben verhindert, ist und bleibt die brüderliche Liebe und die gegenseitige Hingabe.

Wo dieser Gemeindefluss vorhanden ist, fällt auf, dass Gaben und Ämter ohne besondere Amtsbezeichnung offenbar werden können, ohne dabei zu vereinheitlichen und gleich zu schalten. Immer stärker ordnet sich der eigene Wille dem Willen des Vaters unter, auf dass Sein Wille im Himmel und auf Erden geschehe. Ein solches Verständnis fordert besonders in unserer Zeit Selbstbeschränkung, den Ausgleich suchen und ein Ja auch zum Niedrigen und Verborgenen.

In unheilsamer Weise mit Spannungen leben

Die Problematik von Amt und Charisma wird da deutlich, wo es darauf ankommt, Konsequenzen aus dem Evangelium zu ziehen. Das Amt wird in den Kirchen oft nur einseitig wahrgenommen. Der Amtsträger gilt entweder als frommer Fachmann oder als autokratische Amtsperson. Leider wird heute oft an einem starren und traditionellen Amtsverständnis festgehalten.

In einem lebendigen Organismus kann aber kein Teil den alleinigen Führungsanspruch erheben, vielmehr sind alle Teile gleichwertig und dienen einander. Jedes Glied ist einmalig und möchte seine originäre Art und seine Gaben einbringen, und es hat ein Recht dazu.

Eigenständig Denkende werden oft ausgegrenzt. Es ist ein Jammer zu sehen, wie jene Gemeindeglieder, die vom Geist Gottes als Boten erwählt werden, wenig Gehör und Aufmerksamkeit erfahren. Hinzu kommt, dass Machtfragen und Machtkämpfe in der Gemeinde ausgetragen werden.

Doch Amt und Charisma sind einander von Gott zugeordnet und aufeinander angewiesen. Ohne Amts- und Pneumaträger bleibt die Heilstat Gottes der Welt verborgen. Es geht nicht an, die neutestamentlichen Aussagen über Dienst und Geistesgaben dem kirchlichen Amt in der Separation gegenüber zu stellen. Spannungen und Spaltungen kommen nicht aus einem Mangel an Wahrheit, sondern aus einem Mangel an Liebe.

Heilsame Vollendung

Wir brauchen den bruchstückhaften Charakter des Leibes Christi nicht aufzuheben. Worauf es jedoch ankommt ist, an diesen Fragmenten die Gemeinde Jesu zu verdeutlichen. Dennoch dürfen wir feststellen, dass Gott durch Ämter- und Dienststrukturen seiner Kirche gewirkt und gehandelt hat. Er hat immer wieder unmittelbar Ämter erweckt, um die Ordnung wieder herzustellen.

Jesus leidet mit seiner Gemeinde an den Trennungen und an der Uneinheit von Amt und Charisma. „Durch sein Leiden wird mein Knecht viele rechtfertigen, indem er ihr Verschulden auf sich nimmt“ (Jes 53,8.11). Gott macht den Gottesknecht nicht bloß zum Sündenbock für die Vergehen anderer. Jesus identifiziert sich so sehr mit seiner Kirche, dass ihr Leid zu seinem Leid wird. Mit seiner Identifizierung ermöglicht er auch dort noch einen Weg, wo Spaltung und Trennung vorhanden sind. Nicht Vergeltung der Sünde, sondern Vergebung ist das letzte Wort. Nur durch Verzeihung ist neues Leben möglich.

Letztlich wird Christus selbst das Fragment Kirche bei seinem Wiederkommen vollenden und seine Braut ohne Flecken und Runzeln darstellen.

Es steht uns nicht an, Vorwürfe zu erheben, sondern es macht uns betroffen, dass vieles noch im Verborgenen liegt und nicht erkannt wird. Mag sich das erst in der Zeit der Bruderschaft, in der Gemeine lebendig auswirken. Bis dahin lasst uns in Umkehr und Buße leben und an die eine Kirche (die eine Bruderschaft) glauben, sie bekennen, ihr dienen und ihre Lasten mittragen.

„Mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen“

(Kol 3,16)

Hiltrud Priebe

Mit diesen Worten ermutigte der Apostel Paulus die junge Christengemeinde in Kolossä, und so zieht sich das Lied der Kirche als Antwort des Glaubens durch alle Jahrhunderte der Christenheit. Immer neu öffnen sich die Herzen der Menschen, um der Liebe Gottes und seiner Herrlichkeit in Freude und Schmerz mit ihrer Stimme Ausdruck zu verleihen. Martin Luther rief die Menschen geradezu auf, das neu entdeckte Evangelium in Wort und Lied lebendig werden zu lassen.

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Unser geistlicher Liedschatz ist von großem Reichtum gekennzeichnet. Er spiegelt aber auch den sich stets wandelnden Weg der Kirche, z.B. im Glaubenskampf der Reformation, der Anfechtung in Jahren vieler Kriege bis hin zum Aufbruch des „neuen Lieds der Ökumene“. Die Entfremdung von der Kirche und die fortschreitende Gottesferne vieler Menschen unserer Tage vermögen das so kostbare geistliche Liedgut nicht verstummen zu lassen.

Ein treuer, glaubensstarker Zeuge Jesu war Philipp Nicolai (1556-1608). In den Jahren nach dem Zerbruch der Einheit der Kirche und heftigem Streit um das rechtmäßige Bekenntnis litt er zutiefst an seiner Kirche. Er spürte, wie die brüderliche Liebe erkaltete.
Täglich raffte die Pest zwanzig bis dreißig Glieder seiner Gemeinde dahin. Er begleitete sie mit wehem Herzen zum Gottesacker. Aber in seiner tiefen Liebe zum gekreuzigten Gotteslamm war er gleichzeitig fast überschwänglich erfüllt von der Freude über Gottes Herrlichkeit – so wurde es festgehalten.

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Philipp Nicolai

Seiner sterbenden Gemeinde sprach er zu: Herr, mein Gott, das Licht deiner Liebe lebt in meinem Herzen, des bin ich froh, es ist aufgegangen wie der helle Morgenstern und erfreut alle meine Glieder. O komm, du werte Kron’ und erfreue mich mit deinem unverwelklichen Frieden.

Nicht das Leid menschlichen Lebens hat das letzte Wort, sondern die Gewissheit, die kein Ohr je gespürt und kein Auge je gesehen hat. Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelzungen und: Singet, springet, jubilieret, triumphieret, dankt dem Herren, groß ist der König der Ehren.

Paul Schneider

Paul Schneider

So blieben seine bekanntesten Lieder „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ und „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ bleibendes, beständiges geistliches Liedgut durch alle Zeiten und Generationen.

Als in unserer Zeit der Prediger von Buchenwald, Paul Schneider, nach langer NS-Haft begraben wurde, verabschiedete sich seine kleine Hunsrückgemeinde mit dem Lobpreis des „Gloria-Liedes“.

Christian Friedrich Richter

Christian Friedrich Richter

Aus der Blütezeit des Pietismus sind zahlreiche Lieder hervorgegangen, mit denen ihre Schöpfer die Erneuerung des christlichen Lebens fördern wollten. In ihnen brannte die Sehnsucht, das persönliche Glaubensleben zu wecken und die Erlösungskraft Jesu in den Herzen der Menschen zum Leuchten zu bringen. Im Rückgriff auf die Quelle des Schriftwortes Kol 3,3 – „Unser Leben ist verborgen mit Christus in Gott…“ – schuf Christian Friedrich Richter (1676-1711) das siebenstrophige Lied, der erster Strophe lautet:

Es glänzet der Christen inwendiges Leben,
obgleich sie von außen die Sonne verbrannt.
Was ihnen der König des Himmels gegeben,
ist keinem als ihnen nur selber bekannt.
Was niemand verspüret, was niemand berühret,
hat ihre erleuchteten Sinne gezieret
und sie zu der göttlichen Würde geführet.

Die ganze Herrlichkeit der Heilsbotschaft wird in diesem Lied ausgebreitet. Für den Dichter und Arzt im Halleschen Waisenhaus sollte dieses Lied nicht nur verstanden, sondern erfahren und durchlebt werden. In Laufe der Jahrhunderte entwickelten sich diese Verse zu einer Glaubensschule. Sie sind in das neue Evangelische Gesangbuch nicht mehr aufgenommen worden. Erhalten blieb das Lied von Johann Jacob Rambach „Ich bin getauft auf deinen Namen“. Die Waisenkinder in Halle sangen es jeden Morgen zur Erneuerung ihres Taufbundes.

Johann Jacob Rambach

Johann Jacob Rambach

Das geistliche Lied unserer Zeit ist gekennzeichnet von einer unübersehbaren Vielfalt in Text, Bildersprache, Melodie, Rhythmus und Herkunft, aber auch schnelllebigem Wechsel und der Musikdominanz. Über die Medien haben alle Christen einen Zugang zum Liedgut aller Sprachen in allen Kontinenten. Gern wird heute das Abendlied aus dem angelsächsisch-anglikanischen Raum gesungen:

Der Tag, mein Gott ist nun vergangen
und wird vom Dunkel überweht.
Am Morgen hast du Lob empfangen,
zu dir steigt unser Nachtgebet.
Die Sonne, die uns sinkt,
bringt drüben, den Menschen überm Meer das Licht:
und immer wird ein Mund sich üben,
der Dank für deine Taten spricht.

Die weltweite Ökumene lässt uns teilhaben an der Schönheit und Vielfalt der Ausdrucksformen. In lebendigen Liturgien spiegelt sich die Mühe um eine zeitgemäße Auslegung der biblischen Texte und Lebensthemen unserer Zeit.

Das Leiden an der Zerrissenheit der Kirche und die Gebetslieder für eine wachsende Einheit der Christenheit drücken eine tiefe Sehnsucht aus nach Versöhnung und Frieden, z.B. in den Strophen des Liedes „Sonne der Gerechtigkeit“:

Brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann…
Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit…
Schaue die Zertrennung an, der kein Mensch sonst wehren kann.

Und doch bleiben Fragen offen: Sind wir uns bewusst, dass all unser Stammeln hineinmünden will in die große, umfassende Verherrlichung Gottes? Sr. Gertrudis Reimann, eine glühende Nachfolgerin Jesu und Mitarbeiterin in der Una sancta Bewegung, wusste um das Gotteslob auch in der Nacht. Auf ihrem Sterbebett im vergangenen Jahr spürte man die Freude, bald in der himmlischen Welt mit einstimmen zu dürfen in die ewige Anbetung Gottes.

„…die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“

Dorothea Vosgerau

Wir kennen dies Wort des Herrn Jesus an Petrus über seine Kirche. Es ist ein prophetisches Wort; eine grandiose Verheißung!

Nicht Sieg oder Überlegenheit wird hier proklamiert, sondern eher Kampf, wie man zwischen den Zeilen erkennen kann.

Das Gebet Jesu vor seinem Tod um die Einheit (Joh 17) zeigt deutlich, wie schon Jesus vor dem Ins-Leben-gerufen-Sein der Kirche durch das erste Pfingstfest die Einheit seiner Nachfolger bedroht sieht, wenn er betet: „Ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.“ Die Kirche mit allen Gläubigen ist ständig von diesem Bösen, dem chaotischen Lebensfeindlichen bedroht. Erst wenn das Reich Gottes mit der Wiederkunft Jesu sichtbar werden wird, wird der Kampf gegen das Böse durch Jesus endgültig entschieden.

Bis es so weit ist, betet Jesus für die Seinen um die Einheit. Wie sollte der Vater dieser Bitte seines geliebten Sohnes nicht Gehör schenken? Er tut es gewiß. Die Frage ist nur, ob wir wie die Reben am Weinstockbleiben.

Noch gilt bei allem Leiden, allem Kampf, aller Sünde und Buße die Verheißung Jesu: „Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18).

Gott wird diese Verheißung Jesu nicht unerfüllt lassen! Schließlich handelt es sich nicht um Kirchen oder Gemeinden oder unsere Vorstellungen davon, sondern um seine eine, heilige, alle Jesus-Nachfolger umfassende Kirche, deren Schöpfer, Erlöser und Vollender er allein als der dreifaltige Gott ist.

 

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