Ökumene – Abbruch oder Aufbruch

Den folgenden Beitrag übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung der „Redaktion Leben“ aus einer Publikation der Fokolare-Bewegung in der Schweiz. Gottfried W. Blocher, Bern, Vizepräsident des Reformierten Weltbundes, beobachtet und kommentiert die aktuelle ökumenische Lage. Uns erfreut daran die selbstkritische und zugleich hoffnungsvolle Sicht eines Ökumenikers, der wohlwollend auf die röm.kath. Kirche sieht, ohne seinen reformierten Standpunkt zu verleugnen. Die Zahlenangaben der Schweizer Verhältnisse gelten entsprechend für Deutschland.


Das Wort „Ökumene“ weckt in mir zwiespältige Gefühle. Einerseits gute: die haben mit Liturgie und Gottesdienst, mit persönlichen Begegnungen und Freundschaften zu tun. Ökumene ist ein großes Geschenk für jene, die wachsen wollen in ihrem Glauben, die den Reichtum des Christentums suchen und sich an ihm freuen können. Denn es gibt viel Schönes: die Ikonostase einer russisch-orthodoxen Kirche, die gesungene Vesper der Anglikaner, die armenische Liturgie, die Gospeltradition schwarzer Christen, und so weiter.

Aber auch die eigene westliche Tradition könnte man neu entdecken: die lateinische Messe etwa, oder den Genfer Psalter aus der Reformationszeit. Gute Ökumene ist die gemeinsame Suche nach geistlicher Qualität im Leben der Kirche. Es ist eine beglückende Suche, weil sie empfängt, nicht fordert.

Und doch: „Ökumene“ löst in mir auch ungute Gefühle aus. Die kommen immer dann auf, wenn jemand meint, Ökumene selber „machen“ zu wollen. In der Kirche herrscht ein gewisser ökumenischer Machbarkeitswahn, die Illusion, wir könnten die alten und neuen Brüche im Christentum selber wieder zusammenbasteln. Seit Jahrzehnten pflegen wir eine Art von Funktionärsökumene, die gut gemeint ist, aber nicht gebracht hat, was sich Einige von ihr erhofft hatten.

Wir können Einheit nicht selber „machen“; das ist die Einsicht, die sich mir immer klarer aufdrängt. Wir können allenfalls Hindernisse aus dem Weg räumen und dem einheitsstiftenden Geist etwas weniger im Weg zu stehen versuchen.

Der Heilige Geist ist glücklicherweise so frei, seine eigenen Wege zu gehen. Mir scheint übrigens, er gehe allen ökumenischen Initiativen, die nur entfernt nach konfessioneller Kirchenparteipolitik, nach faulen Kompromissen und ökumenischem Zweckoptimismus riechen, zuverlässig aus dem Weg. Kein Wunder, kommen uns besagte Initiativen dann eben eher Geistlos vor.

Keine naive Ökumene.

Verstehen Sie mich richtig: Ich rede nicht einer naiven Ökumene das Wort, die sich über Tradition und Theologie hinwegsetzt. Es gibt auch eine Basisökumene, die meint, indem man alles miteinander macht, mache man auch gleich die Einheit. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln. Es braucht viel, um aus einem Nebeneinander ein wirkliches Miteinander zu machen.

Die Tradition ist zu kostbar, als dass man sie einfach weglegen, vergessen und statt dessen die Kirche neu erfinden dürfte. Und zur Tradition gehören die Trennungen der Kirchengeschichte, so traurig sie auch sind. Entsprechend soll man die Brüche ernst nehmen, die uns voneinander trennen.

Letztlich bleibt in den Kirchenleitungen wie auch an der Basis dasselbe entscheidend: dass wir aufhören, uns selber als Architekten der Kircheneinheit zu verstehen und vielmehr endlich wieder darauf vertrauen, dass sie von woanders kommt. Wir werden die Einheit geschenkt bekommen, wenn wir nicht in uns selber, um uns selber herumkurvend, nach ihr suchen. Was heißt also „suchen“? Das heißt dann eben zuerst einmal nicht selber reden, sondern auf Gott hören, im Gebet, in der Predigt, im Gottesdienst, einfach in aller Liturgie, die uns gemeinsam möglich ist. Dass das nicht auch die Eucharistie sein kann, schmerzt den reformierten Pfarrer, und nicht nur ihn. Aber die Suche nach Einheit kann nicht schon bei ihrem Ziel beginnen. Es gibt andere Wege! Wenn wir sie wirklich suchen wollen, dann werden wir sie finden. Darauf kann jeder vertrauen, der in der Nachfolge Jesu Christi steht.

Ökumene Schweiz.

In der Schweiz haben wir in Sache Ökumene viel erreicht, ja mehr als in anderen Ländern. Es gibt unzählige Beispiele guter ökumenischer Zusammenarbeit, im Gottesdienst und im Alltag der Kirchen. Vieles ist aber im Umbruch. Ökumene Schweiz: Das heißt heute etwas anderes als noch vor kurzem.

Die Konfessionsverteilung in der Schweiz ändert sich spürbar. Vor 50 Jahren bestand die Schweiz zu 56% aus Protestanten und zu 42% aus Katholiken, also etwa halb-halb mit evangelischer Schlagseite. Heute sieht die Situation anders aus:

  • Die Protestanten sind auf 37% zurückgegangen, die Katholiken – nach größerem Auf und Ab – etwa auf demselben Stand (44%) geblieben. Aber das ist nicht alles:
  • Mit mehr als 130’000 Menschen bildet heute die Orthodoxie in unserem Land bereits die drittgrößte Konfession, viel größer als die Altkatholische Landeskirche.
  • Die Zahl der Muslime hat sich allein in den letzten zehn Jahren verdoppelt; es sind heute über 300’000.
  • Die Zahl jener Menschen, die sich als konfessionslos bezeichnen, ist um 50% auf über 800’000 gestiegen.
  • Schwer erfassbar sind die Zahlen der neu entstehenden christlichen Gruppierungen mit charismatischer oder pfingstlerischer Ausrichtung. Dort ist mit großem Zuwachs zu rechnen.

Abbruch…

Erinnern Sie sich noch an die angebliche New Economy? Alle haben geglaubt, der Erfolg komme, wenn man nur so tue, als sei er schon da. Alle haben die heiklen Fragen geflissentlich überhört. Niemand hat es für nötig gehalten, nach den Fakten zu fragen. Dann, eines schönen Tages, ist sie zerplatzt, die „Internet bubble“, und siehe da: die Vernunft hat wieder Einzug gehalten. Heute zählt bei den Anlegern offensichtlich wieder Substanz.

Abbruch der Hindernisse

Etwas Ähnliches ist in der Ökumene passiert, nicht ganz so spektakulär zwar, aber grad so ernüchternd. Und Einiges begann sich tatsächlich zu ändern: vor Ort arbeitet heute manche katholische Kirchgemeinde eng mit ihrer reformierten Schwester zusammen; … an den theologischen Fakultäten finden sich Dozenten beider Kirchen. Seit dreißig Jahren anerkennen die beiden Kirchen die Taufe der jeweils anderen. Die alten konfessionellen Gräben spielen im öffentlichen Leben keine Rolle mehr (die konfessionellen Seilschaften hingegen schon…). Kulturell ist „christlich“ wichtiger geworden als „katholisch“ oder „reformiert“. Das ist nicht nichts in einem Land, wo die einen um ihres Glaubens willen auch schon mit Hellebarden auf die andern losgegangen sind.

Abbruch der Illusionen

Und doch sind Unterschiede geblieben, Gegensätze nicht bloß in den Details, sondern in den Kernfragen. Hartnäckig haben sie sich gehalten, diese Unterschiede, auch dann noch, als man sie fein säuberlich mit Aktivismus zudeckte. Vieles ist heute so strittig wie eh und je: Wer entscheidet in Glaubensfragen? Ist der Papst unfehlbar? Darf der Priester heiraten? Braucht’s die Bischöfe? Wozu Ökumene?… Was ist überhaupt die Kirche? Feiern wir Messe oder Gottesdienst? Eucharistie oder Abendmahl? Firmung oder Konfirmation? Die Ehe als Sakrament? Priesterweihe? Letzte Ölung? — Dass man in diesen und vielen andern Fragen uneins geblieben ist: außer ein paar Rufer in der Kirchenwüste hat das niemanden ernsthaft derangiert. Und so ist sie halt weiter gewachsen, die Ökumene-Blase, und gewachsen. Wer es wagte, das angebliche Versöhnungs-perpetuum-mobile anzuzweifeln, der machte bestimmt keine Karriere auf dem Ökumeneparkett.

Geplatzte Hoffnungen

Und die Ökumene-Blase des New Ecumenism ist weiter gewachsen, bis sie geplatzt ist. Als Stichdatum kommt vielleicht der Fall der Berliner Mauer in Betracht. Von da an waren die orthodoxen Kirchen nicht mehr auf den Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf angewiesen, und rasch verschlechterte sich das kirchendiplomatische Klima zwischen der Orthodoxie und dem Protestantismus. Zuerst war es die orthodoxe Kirche aus Russland und Griechenland, die keinen Hehl mehr daraus machte, dass sie nichts mit Luther, Zwingli, Calvin und Konsorten zu tun habe. Dann reagierten die Reformationskirchen mit entsprechenden Profilierungen, betonten z.B. die Frauenordination und das offene Abendmahl. Schließlich sorgte auch der Vatikan für Aufregung, indem er per Dekret wichtige theologische Aussagen erneuerte und so wieder einmal klarstellte, was katholisch sei und was nicht… Evangelische Kirchen haben darauf ablehnend geantwortet, hie und da auch irritiert oder gehässig. Eines aber war nun unbestritten: die Ökumene-Blase ist geplatzt.

Aufbruchstimmung!

Dieser Situation muss man in die Augen schauen und sie als Chance wahrnehmen. Es geht darum, wieder Freude für die Sache des Glaubens zu entwickeln! Manchmal frage ich mich, wer denn überhaupt aus vollem Herzen dafür einsteht, was von den Kanzeln sonntäglich so gepredigt wird… Es braucht eine starke, glaubwürdige Institution Kirche, welche ihre Seelsorgerinnen und Seelsorger schützt und begleitet, damit diese die Freude am Evangelium wieder aus vollem Herzen weitergeben können. Unsere Kirchen sind reich an Menschen mit Charisma und Begeisterung. Darum ist es eine ökumenische Aufgabe, dieser Begeisterung zum Durchbruch zu verhelfen. Denn versöhnte Kirchen sind als Arbeitgeber für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter glaubwürdiger. Versöhnten Kirchen wird es besser gelingen, Menschen zu überzeugen.

Auf reformierter Seite muss das Bewusstsein wieder wachsen, zu einer 2000-jährigen Tradition zu gehören und nicht nur zu einer 500-jährigen. Die reformierte Kirche wurde nicht im 16. Jahrhundert sozusagen aus dem Nichts geschaffen; schon damals hat gegolten: Kirche kann man nicht „machen“. Wer heute reformierter Christ ist, dessen Tradition ist, kirchengeschichtlich gesprochen, zu drei Vierteln katholisch. Pointiert und verkürzt gesagt: Reformierte Christen sind reformierte Katholiken, ob sie wollen oder nicht.

Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts wussten noch sehr gut, wie wertvoll diese Tradition ist. Sie wollten ja gerade nicht eine „neue“ Kirche schaffen, sondern eben die eine, alte Kirche reformieren. Es ist dann anders herausgekommen – wir wissen es. Aber nichts hindert reformierte Christen daran, sich wieder ihren eigenen Ursprüngen zuzuwenden. Die Gleichung „reformiert gleich nicht katholisch“ ist falsch, und sie hat viel Schaden angerichtet. Stattdessen gilt: das reformierte Bekenntnis ist Teil der westkirchlichen Tradition. Dazu gilt es endlich wieder Ja zu sagen.

Leib Christi sein

Die Kirche ist der Leib Christi. Ich denke oft, dass wir das zu wenig ernst, zu wenig wörtlich nehmen. Wir sind als Kirche sichtbarer und erfahrbarer Leib des Auferstandenen auf Erden. Wir sind als Kirche dazu gerufen, die frohe Botschaft in Wort und Tat glaubwürdig weiterzugeben, eben wie Christus. Leib Christi sein: das ist nicht bloß ein schönes Bild, nicht nur ein Vergleich, keine Metapher, sondern Wesensbestimmung, Wirklichkeit, Wahrheit.

Die Kirche trägt eine unvergleichliche Verantwortung für das Heil der Menschen: sie gibt die Schlüssel zum christlichen Glauben von Generation zu Generation weiter. Dass die Kirche dazu ermächtigt ist und bleibt, das ist allein aus der Gnade Gottes heraus zu verstehen. Ihre Kraft und Vollmacht ist Gottes lebensstiftendes Geheimnis – darum können wir die Kirche selbst ein Sakrament nennen. Christus hat dieses Sakrament eingesetzt und mit einem Auftrag versehen. Diesem Auftrag soll die Kirche unbedingt treu bleiben. Denn sie ist das unentbehrliche Zeichen des Kommens Gottes für die ganze Welt. Wären wir uns dessen bewusster, wir würden sorgfältiger und liebevoller mit der Kirche umgehen.

Wenn wir dazu Ja sagen, dann bejahen wir auch eine sichtbare Dimension der Kirche. Wir lesen in der Bibel: die Kirche ist Leib Christi. Nehmen wir das nicht zu wenig ernst? Wir sind als Kirche sichtbarer und erfahrbarer Leib des Auferstandenen auf Erden. Wir sind als Kirche dazu gerufen, die frohe Botschaft in Wort und Tat glaubwürdig weiterzugeben. Leib Christi sein ist nicht nur ein schönes Bild, sondern Wesensbestimmung.

Aufbruch in der Begegnung mit Christus

Ich bin zum Schluss gekommen, dass in der Ökumene ein Abbruch sowohl von Gutem wie von Schlechtem stattgefunden hat. Folglich ist jetzt ein Aufbruch möglich, weil Illusionen weggefallen sind und die Wahrheit zu Tage tritt.

In seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ schreibt Papst Benedikt XVI: „Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt‘ (vgl. Johannes 4, 16). Wir haben der Liebe geglaubt: So kann der Christ den Grundentscheid seines Lebens ausdrücken. Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.“

Gottfried Wilhelm Locher

Artikel in dieser Serie← Die Bruderschaft aller Christen ← Vorheriger Artikel