Neues Land gewinnen

Ideal Lukodi Okes

Seit etwa einem Jahr lebt Ideal Lukodi Okes, ein junger Fokolar aus dem Kongo, in Ottmaring. In eindrücklicher Weise erzählt er, wie die Begegnung mit Gott für ihn zu einer „Exodus-Erfahrung “ wurde, die ihn bis heute mutige Schritte in eine unbekannte Zukunft wagen lässt.

Plötzlich im Exil….

Ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen. Schon als Kind haben mich die Priester fasziniert, die immer wieder in unser Dorf kamen, und es war etwas Besonderes für mich, in der Kirche aus der Bibel vorlesen zu dürfen. Als Ältester von drei Kindern versuchte ich, meinen Eltern ein guter Sohn zu sein. Mit meinem Älterwerden änderte sich jedoch meine Perspektive. Ich nahm die Priester ganzheitlicher als Menschen wahr. Da gab es Dinge in ihrer Lebensweise, die mich enttäuschten. Ich begann die Lehren der Kirche zu hinterfragen. In mir wuchs zusehends Widerstand.

In dieser Phase lernte ich neue Freunde kennen, die mein Leben beeinflussten. Ich begann zu rauchen. Es kam öfter zu Schlägereien. Mein Leben bekam eine ganz andere Wendung.

Meinen Eltern gegenüber erwähnte ich nichts von diesen Vorgängen. Für sie war ich nach wie vor der brave Sohn. Aber in mir spürte ich den Zwiespalt sehr stark.
Eines Tages machte ich mit meinem Vater einen Besuch bei einem Bekannten. Mein Bick fiel auf ein Foto, das in einer Zeitschrift abgedruckt war. Es zeigte Jugendliche. Aus ihren Gesichtern leuchtete ein Glück, das mich tief anrührte. Ich begriff, dass ich noch nie die wahre Freude erlebt hatte.

Der Bekannte meines Vaters erklärte mir, dass diese Jugendlichen das Evangelium leben. Das war für mich ein ganz neuer Gedanke: Das Evagelium lässt sich leben – nicht nur lesen.

Loslösung

Durch den Freund meines Vaters bekam ich Kontakt zu Jugendlichen der Fokolarbewegung und wurde schließlich zu einem viertägigen Fokolartreffen eingeladen. Aus Sicherheitsgründen durften wir das Gelände nicht verlassen. Das bedeutete für mich vier Tage auf das Rauchen zu verzichten. Jetzt spürte ich, wie stark ich davon abhängig war. Am ersten Tag war ich nicht fähig, etwas von den Impulsen aufzunehmen, weil sich meine Gedanken ständig um das Rauchen drehten. Aber dann, in einer Zeit der Meditation, ereignete sich für mich eine tiefgreifende Begegnung: Plötzlich sah ich mein bisheriges Leben klar vor mir. Ich sah all die Dinge, die nicht in Ordnung waren. Ich empfand einen Ekel vor dem Rauchen. Und ich spürte meine Einsamkeit. „Loslösung“ und „Einheit mit Gott“ waren die einzigen Worte, die mir aus dem Impuls geblieben waren, und die jetzt stark vor mir standen. Ich sah so klar wie nie zuvor, dass ich viel Zeit verloren hatte für ein Leben ohne Gott.
In dieses alte Leben wollte ich nicht mehr zurückkehren. Im Gespräch erklärten mir die Verantwortlichen, dass es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben Gott schenken. Das war auch mein Wunsch. In mir entstand der Entschluss, mein Leben in der Fokolarbewegung zu führen.

Entscheidungen

Ich begann mein Studium an der Universität Kinshasa. Zusammen mit anderen Jugendlichen konnte ich tiefer in die Spiritualität der Fokolarbewegung hineinwachsen.
Ich machte ein gutes Examen. Mein Professor bot mir an, weiter als Assistent bei ihm zu arbeiten und eine Doktorarbeit zu schreiben. Doch ich spürte auch die andere Stimme in mir: jenen inneren Ruf, der mein Leben getroffen hatte. Ich entschied mich, auf die Universitäts-Laufbahn zu verzichten und den Weg ins Fokolar einzuschlagen. Aber dieser Schritt betraf meine ganze Familie. Denn als ältestes und einziges männliches Familienmitglied der nächsten Generation stand ich in der Nachfolge und Pflicht meines Onkels, der das Amt des Sippenchefs (Häuptling) hatte.

Im Gespräch sagte ich ihm von meinem Eindruck, etwas anderes tun zu sollen. Mein Onkel wurde sehr traurig. Meine Entscheidung bedeutete, dass wir nun eine Person aus einer anderen Familie finden mussten, die die Aufgabe des Sippenchefs für mich übernehmen konnte.

So fühlte ich mich bei meinem Aufbruch in die Fokolarsiedlung Fontem stark mit Abraham verbunden: Auch für mich galt es, alles zu verlassen: Familie, Dorf, Heimat.

Schritte der Freiheit

Dem Jahr in Fontem folgten für mich zwei Jahre im internationalen Ausbildungszentrum der Fokolarbewegung in Loppiano/Italien. Während dieser Zeit wurde mir sehr klar, dass ich Gott gewählt habe und nicht einen bestimmten Ort, wo ich im Apostolat tätig sein kann.
Im Gespräch mit den Verantwortlichen kam für mich die Perspektive in den Blick, nach Deutschland zu gehen. Ich konnte kein Deutsch, hatte keine Ahnung von der deutschen Kultur,
auch die berufliche Zukunft war in Frage gestellt: Was nun? Mir war klar, dass ich viele Fehler machen würde. Aber in mir war keine Angst vor den Fehlern. Ich fand mich, ähnlich wie Mose bei seiner Berufung (Ex 3,1-19;4,10-17), in einem tiefen Gespräch mit Gott. Ich spürte Seine Zusage an mich, Seine Einladung, mich ihm anzuvertrauen und die Ermutigung, meinen Brüdern in Deutschland zu vertrauen. Jetzt bin ich in Deutschland und muss mich an eine fremde Kultur gewöhnen und neue Freundschaften aufbauen. Aber stärker als alle Unterschiede nehme ich die Wirklichkeit von Menschen wahr, die nach dem Evangelium leben: Wir sind eine große Familie.

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