Lob der Kirche

Die heilige Kirche Gottes ist da,
sie ist geschaffen und lebt und betet und redet und handelt.
Ich glaube: darum gehöre ich dazu,
darum bin ich mit allen, die glauben, verbunden in dieser Kirche und nichts und niemand kann mich scheiden von ihr oder ausstoßen aus ihr.

Ich glaube:
trotz der sichtbaren Spaltung,
trotz der sichtbaren Verfehlungen und Entheiligungen,
trotz aller Ausschließlichkeiten und Machtausübungen,
trotz Lauheit und Verweltlichung und was es sei –
die wahre, heilige katholische Kirche ist unzerstörbar
durch alle Zeiten, durch alle Räume hindurch um deswillen, der sie aus sich selbst erschaffen hat, lebendig und wirklich.

Ich glaube
ihre heilige und umfassende,
alle Glaubenden einschließende,
alle Getauften segnende
und alle Menschen zu Gott hin rufende Gegenwart,
der ich selbst auch angehöre in Zeit und Ewigkeit.

In diesem Glauben sind alle und ist alles eingeschlossen,
was sich zur Kirche Christi bekennt
und in ihr und aus ihr geworden ist,
auch die Schwierigen,
die Einseitigen und die Anmaßenden.

Klaus Heß

Klaus Heß

Haus und Kirche des lebendigen Gottes, Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit. (1 Tim 3,15)

Michael Decker

Ich glaube eine heilige katholische Kirche, die Gemeinde der Heiligen… So bekennen die westlichen christlichen Kirchen in ihren Gottesdiensten. In der Kirche von England hat dieses „Apostolische Glaubensbekenntnis“ eine herausragende Bedeutung; es wird morgens und abends gesprochen. In der römisch-katholischen Kirche und in den Kirchen der Reformation ist das Apostolikum in den meisten Gottesdiensten und als Taufbekenntnis in Gebrauch. In den östlichen (orthodoxen) Kirchen wird statt dessen das „Nicänische Glaubensbekenntnis“ verwendet; doch das Apostolische Glaubensbekenntnis enthält keine Aussagen, die in den Ostkirchen irgendwie umstritten wären.

In evangelischen Gemeinden wird das Wort katholisch in der Regel ersetzt. Aus der Sorge, dass man „römisch-katholisch“ meinen könnte, wird lieber die eine heilige „christliche“ oder „allgemeine“ Kirche bekannt. Das ist völlig richtig, und doch ist es schade, dass aus der Hemmung vor einem Missverständnis das Ursprüngliche dabei auch verblasst. Denn gemeint ist in diesem alten Bekenntnis der ungeteilten Christenheit die eine heilige alle und alles umfassende universale welt- und geschichtsweite (= katholische) Kirche.

Im 20. Jahrhundert wuchs die Bedeutung des Apostolikums in Folge der ökumenischen Bewegung. Es gibt heute keine christliche Kirche, die die Glaubensaussagen in diesem Grundbekenntnis ablehnt.

Ich glaube die Kirche

Was die Christenheit verbindet und was hier in dichter liturgischer Sprache ausgesagt wird, ist der gemeinsame Glaube an die Grundwahrheiten der Bibel. Es heißt in den drei Artikeln dieses Bekenntnisses nicht: Ich schaffe oder ich baue oder ich rede davon, sondern ich glaube. Wir bekennen uns damit zum schöpferischen Wirken Gottes. Wir vertrauen uns einer Tat Gottes an, die wir nicht selbst geschaffen haben.

Weil die Kirche eine Schöpfertat Gottes ist, wird auch die Frage beantwortet, wer zuerst da war, die Gläubigen oder die Kirche Jesu Christi. Es ist nicht die Kirche, die aus den Gläubigen – ihrem Bekenntnis und ihrer Zahl – gebildet wird. Vielmehr ist die Kirche bereits vor unserem Gläubigwerden, vor Bekehrung und Bekenntnis, vor unserer Taufe und Nachfolge da. Nicht die gläubigen Christen schaffen die Kirche, sondern in und mit ihr schafft der Heilige Geist Gottes den Glauben. Die Kirche ist nur eine, wie auch Jesus Christus nur einer ist. Die Kirche ist das eine Haus, der eine Leib Christi, die Säule und Grundfeste der Wahrheit (1 Tim 3,15).

Wo dieser Glaube nicht angenommen wird, gab und gibt es immer neu Spaltungen: Christen ziehen aus bestehenden Gemeinden aus, die sie für erstarrt oder tot halten, und bilden neue Gemeinden oder Teilkirchen. Neben aller Not, die sich für den Einzelnen darin spiegelt, der sonst geistliches Leben entbehren müsste, kann darin aber auch die Gefahr einer hochmütigen Rechtgläubigkeit liegen. Wer den rechten Glauben nur in bestimmten Gemeinden findet, die seiner Erkenntnis nach wahrhaft biblisch oder apostolisch oder charismatisch oder nach sonst eigenem Maßstab geprägt sind, läuft Gefahr, nach seinen eigenen Horizonten die Gemeinde des Herrn zu „machen“. Doch wir haben Kirche nicht zu machen und selber zu bauen, sondern wir können sie nur glauben und in ihr in diesem Glauben gehorsam leben, dienen, lieben und leiden. Wo immer wir auf Kirche stoßen – mag sie sich uns auch als schwach oder einseitig, als wenig einladend oder am Alten hängend darstellen – immer sollen wir den Herrn der einen heiligen katholischen Kirche in ihr suchen und entdecken und ihm nahe kommen.

Wachstum in allen Stücken bis zur Vollendung

Menschen, die der Heilige Geist zu solchem Glauben erweckt hat, leben nicht nur selbst von den Gütern und Gaben, die die Kirche dem Volk Gottes vermittelt. Christen sind immer auch Menschen, die Gott und ihren Nächsten dienen und das Evangelium durch Wort und Tat bezeugen. „Zu wirklichen Dienstleuten Christi mit einer wahren oekumenischen, d.h. alle und alles umfassenden Gesinnung werden wir nicht von heute auf morgen. Das geht nicht im Eiltempo, sondern alles Leben bedarf des Wachstums“ (Klaus Heß).

Aus diesem Grund ermutigt Paulus: „Lasst uns wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, dass der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.“ Dazu hat Gott Ämter, Ordnungen und Aufgaben gegeben, „damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi“ (Eph 4,11ff).

Gottes Gaben und Ordnungen umfassen dabei alle Lebensbereiche, die inneren und die äußeren, die persönlichen und die allgemeinen. Das Wachstum beginnt in Haus und Familie. Es tritt aus dem privaten Bereich aber auch immer wieder hinaus in den sozialen und öffentlichen Raum von Gemeinde und Gesellschaft. Christen gestalten und tragen das Leben im Beruf, in verschiedenen Verantwortungen für Menschen und Güter, für die Schöpfung in Gegenwart und Zukunft. Diejenigen, die nicht nur das eigene Wohl und Heil im Blick haben, entdecken dabei, wie sie mit anderen Christen verbunden sind zu der einen Bruderschaft Jesu Christi, die in ihrer Zahl und in ihrem Umfang nur Gott kennt. Durch alle Gemeinden und Richtungen sammelt so der Heilige Geist das Volk Gottes und führt alle und alles bis zur Vollendung und Wiederkunft Christi.

Die eine heilige katholische Kirche umfasst so in diesem Verständnis die Lebensbereiche von natürlicher und geistlicher Familie, von dienender Gemeinde und Gemeinschaft in welcher Konfession und Tradition auch immer und von Bruderschaft Jesu Christi. Kirche in diesem allgemeinen christlichen Sinn ist die eine „Christusmenschheit“ aller, die der Herr der Kirche als seinen einen Leib erkennt und erhält.

Kirche – Hüterin der Wahrheit und Lehrerin der Völker

Innerhalb der einen allgemeinen Kirche haben die alten und großen Kirchen, wie sie oft genannt werden, die Konfessionen und Denominationen, die geschichtlich überlieferten Prägungen ihren eigenen und besonderen Platz.

Das Bild vom Baum verdeutlicht den Zusammenhang: Die eine heilige katholische Kirche ist wie der Baum insgesamt. Das Wurzelwerk des Baumes bilden die kleinen Zellen, die Hauskreise, die engagierten Gruppen, also der Lebensbereich der geistlichen Familien (meistens eher verborgen und nicht öffentlich). Der stabile Stamm des Baumes ist die konfessionelle Kirche im engeren Sinn, die Hüterin der Glaubenslehre und der Pfeiler der Geheimnisse der Wahrheit. Die Gemeinden innerhalb einer Konfessionskirche erscheinen wie die Krone des Baumes, die sich in viele Richtungen verzweigt. Zuletzt zeigt die Bruderschaft Jesu Christi in den Früchten, wie das Wachstum zum Ziel gekommen ist. Wer einen Bereich des Baumes wegnimmt oder sich nur auf Wurzeln oder Krone beschränken wollte, zerstört die ganze Gestalt.

So ist es wichtig, dass Christen, die zu umfassenden Dienern und Dienerinnen werden, mit allen Teilen des Baumes, mit allen Lebensbereichen vertraut werden. Dazu gehört es auch, in die Kirche im engeren Sinn hineinzuwachsen, also die Konfessionen und Liturgien, Lehren und Traditionen kennen zu lernen und anzunehmen. Kirche im engeren Sinn hat immer auch eine Ordnungsgestalt, die unabhängig ist vom Empfinden des Einzelnen. Kirche verkörpert, lehrt und bewahrt immer auch göttliche gegebene Ordnungen, die „objektiv“ sind; es kommt dabei nicht in erster Linie auf die Zustimmung oder den Gehorsam des Einzelnen an, sondern darauf, dass Gottes Impulse in allgemeinen Handlungen und Diensten geordnet sind.

So ist im Bild des Baumes auch der Stamm, die Kirche im engeren Sinn, für das Ganze unverzichtbar. Damit Gemeinden innerhalb der verschiedenen Kirchen lebendig sind und geistlich wachsen und ihre missionarische, soziale oder kulturelle Aufgabe aufnehmen können, braucht es zuvor das Fundament der geordneten und geprägten Kirchen mit allem Reichtum aus Traditionen und Formen, die den Horizont und die Kräfte des Einzelnen immer übersteigen. Es gab lange Zeiten in der Geschichte, in denen die Kirche das Leben vieler Menschen geprägt und gehalten hat. Mit Recht galt die Kirche über Generationen hin als „Lehrerin der Völker“. In den Wurzeln und Fundamenten war aus den Zeiten des Alten Bundes und aus dem Leben Jesu und der ersten Christenheit alles grundgelegt. Um das Evangelium in alle Welt zu tragen, brauchte es klare Lehren, Dienste und Ämter und die praktische Wegweisung zum christlichen Leben. Doch Kirche in diesem engeren Sinn war nie das Ganze und Letzte, so wie der Stamm nicht das Einzige und Letzte des Baumes ist. Heute ist im Rückblick zu sehen, dass die Kirchen durch die Anregungen des Heiligen Geistes weiter- und über sich hinausgewachsen sind; sie haben Gemeinden in sich, die ihre Weltverantwortung erkennen.

So ist ein Doppeltes zu behalten: Der Lobgesang über die Beständigkeit der Kirche als Stamm des Ganzen und zugleich der Dank über alle weiteren Wachstumskräfte; sie fließen gerade durch die Kirche in das Leben der Gemeinden und Gemeinschaften zum Aufbau des Reiches Gottes – bis zur Vollendung des ganzen Volkes Gottes aller Zeiten, Konfessionen und Nationen.

In der Liebe eingewurzelt und gegründet

(Eph 3,17b)

Walter Goll

In den letzten beiden Ausgaben ging es um die Familie und um die Kirche, in dieser soll es um die Gemeinde gehen. Doch was soll wohl der Unterschied zwischen Kirche und Gemeinde sein? Ist die Gottesfamilie wiederum etwas Anderes oder sind das verschiedene Worte für ein und dasselbe?

Verschiedene Bibelübersetzungen verwenden im Deutschen unterschiedliche Begriffe für das Wort ekklesia, das im Urtext steht. Dies lässt sich aus der Geschichte der Theologie erschließen und ist auch ein Ausdruck konfessioneller Unterschiede. Deshalb ist es wohl gut, sich einmal mit der ursprünglichen Bedeutung des Wortes ekklesia zu beschäftigen. Es wird im Neuen Testament mit Kirche, Gemeinde oder auch Versammlung übersetzt.

In seiner griechischen Vorgeschichte bildeten die amtlich zusammengerufenen Männer die ekklesia. Alle Bürger der Stadt waren da beieinander, die nicht ihre bürgerlichen Rechte verloren hatten. Ihre Macht und Verantwortung betraf alle Lebensbereiche ihres Gemeinwesens, ihre Entscheidungen mussten lediglich mit den Gesetzen des Staates übereinstimmen. In dieser Versammlung hatte jeder gleiche Rechte und Pflichten. Diese echte Demokratie war somit von den Begriffen Gleichheit und Freiheit geprägt.

Auch die Römer benutzten dieses Wort in derselben Weise. Wenn irgendwo in der Welt sich eine Gruppe römischer Bürger zusammenfand, war sie ein conventus civium Romanorum, eine Versammlung römischer Bürger. Diese hatte jeweils nur insofern eine Bedeutung, als sie Teil der großen Einheit des römischen Staatswesens war.

Die hebräische Vorgeschichte dieses Wortes zeigt uns Parallelen in seinem Sinngehalt. In der lateinischen Bibelübersetzung Septuaginta wird das hebräische qahal mit ecclesia wiedergegeben. Qahal bedeutet vorladen, zusammenrufen. Regelmäßig kommt es vor, wenn von der Versammlung oder Gemeinde der Israeliten die Rede ist. Es geht also um das Volk Gottes, das von Ihm zusammengerufen wird, um zu hören, was Er zu sagen hat oder im Auftrage Gottes zu handeln.

Übereinstimmend bezeichnet qahal und ekklesia eine Gemeinschaft von Menschen, die zusammengerufen wurde. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu dem, dass eine Gruppe von Menschen zusammengekommen ist, um z.B. etwas zu beraten oder eine Strategie zu beschließen für ihr Handeln. Die Gemeinde ist die herausgerufene, die von Gott zusammengerufene. Wobei dieses Herausgerufensein nicht ausschließenden Charakter hat. Wohl sind die Gerufenen aus ihren Häusern herausgerufen, um zusammenzukommen und Gott zu begegnen. Sie bilden jedoch nicht eine Elite, denn der Ruf gilt jedem Bürger, Gott ruft jeden, zu kommen, auf sein Wort zu hören und entsprechend zu handeln.

Wachstumsvorgänge der ekklesia

Wenn wir die Geschichte des Christentums betrachten, dann wird uns deutlich, dass die ekklesia einen Gestaltwandel erfahren hat. Dies lässt sich auf verschiedene Gründe zurückführen. Ein wesentlicher davon ist das Wissen darum, dass sie nicht eine Organisation, sondern ein Organismus ist, eine göttliche Schöpfung. Dem Apostel Paulus ist das Wesen der ekklesia u.a. in dem Bild des Leibes offenbart worden. Ein Leib, ein Körper, ein Lebewesen ist im Wachstum begriffen. Die Natur ist ein Abbild entsprechender geistlicher Wachstumsvorgänge. Wie bereits in der letzten Ausgabe dargelegt, könnte man die Christenheit oder die eine, heilige, katholische (allgemeine, allumfassende) Kirche in ihren Wachstumsprozessen durch die Geschichte hindurch auch mit einem Baum vergleichen. Von der Wurzel familiären geistlichen Lebens geht es über den Stamm der stabilisierenden Kirche im engeren Sinn zur Krone des Baumes. Sie stellt die sich in alle Richtungen verzweigende Gemeinde dar. Das Wachsen geht weiter bis hin zur Bruderschaft Jesu Christi als gereifte Frucht göttlichen Lebens.

Dieser Wachstumsprozess ist an vielen Stellen der Geschichte und an vielen Orten Störungen unterworfen worden, durch Sünde und Ungehorsam, durch die Eigenmächtigkeit von uns Menschen. Dennoch gilt die göttliche Verheißung, dass diese Schöpfung Gottes durch den Heiligen Geist letztlich ihre Vollendungsgestalt erreichen wird. Nach Eph 5,25b-27 ist dies in der Liebe Christi verbürgt, die bereits alles vollbracht und vollendet hat: Christus hat die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie dahingegeben, um sie zu heiligen. Er hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort, damit er sie vor sich stelle als eine Gemeinde, die herrlich sei und keinen Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern die heilig und untadelig sei. Das, was in Christus bereits von Anfang an samenhaft vorhanden ist, wird schließlich in seiner Vollendung zur Ehre Christi und Gottes offenbar werden.

Betriebsunfall oder Notwendigkeit?

Solcherlei Schwierigkeiten im Wachstumsprozess sind auch in der Geschichte des Christentums als Ganzes zu beobachten. Diese Probleme können einerseits als Betriebsunfall oder lästige Verirrungen betrachtet werden. Anders gesehen sind sie jedoch notwendige Weiterentwicklungen, ohne die ein Reifen hin zur Vollendung nicht möglich ist. Man denke nur z.B. an die Schwierigkeiten, die Teenager ihren Eltern bereiten können, die aber als Durchgangsstadium unerlässlich sind. Bei solchen Vorgängen, in solchen Ereignissen steckt eine große Gefahr, es falsch zu bewerten und dann sich voneinander zu entfremden oder gar zu trennen. Die Geschichte der Christenheit ist voll von solchen Beispielen, nicht zuletzt in den Vorgängen der Reformationszeit.

In den mancherlei Anliegen der Reformation finden sich wesentliche Aspekte der ekklesia in ihrem ursprünglichen Sinngehalt wieder. Die „Freiheit eines Christenmenschen“, das „allgemeine königliche Priestertum“ und damit die Würde und Bürde des mündigen Christen, die sich konsequenterweise dann auch in der Dienstbarkeit für alle Lebensbereiche im Sinne des Reiches Gottes zeigt, mögen als wesentliche Stichworte hier genügen. Der Einzelne kommt hier auch mehr in den Blickpunkt, er ist jedoch nicht zu trennen vom Ganzen, er kann sich nicht von der Einheit des Leibes Christi lossagen im Sinne einer Privat-Offenbarung. Er gehört eingeordnet in diesen lebendigen Organismus.

Wahrung der Einheit – ein Geheimnis des Glaubens

Wie kann dieser Gefahr der Vereinzelung und Trennung begegnet werden? In der Fürbitte des Apostels Paulus für die Gemeinde in Ephesus sind einige Hinweise zu entdecken: Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. (Eph 3,14-19).

Es ist ein Geheimnis des Glaubens, der sich in umfassender Weise der Liebe Gottes anvertraut. So geht ihm der ganze Reichtum Gottes, die ganze Fülle Gottes auf und wird zur existenziellen Erfahrung. Von Gott her kommt die Kraft, und das nicht nur ein bisschen hier und da. Das Leben, das Sein Gottes ist für uns schwache und arme Menschen unfassbar vielfältig und unschätzbar wertvoll und reich. Von seiner Person, die die Liebe und Wahrheit ist, geht stets eine wirksame Ausstrahlung hinein in die ganze Schöpfung und alle Epochen der Geschichte und darüber hinaus. Von daher und in dieser Qualität ist uns Kraft verheißen.

Zugleich ist er der, der uns als seine Kinder sieht und liebt. Er weiß wirklich bis in’s Kleinste, was uns gut tut, was wir brauchen. Er weiß, wie unser Leben jetzt und über diesen irdischen Horizont hinaus gelingen kann und wird. Innere Stärke ist seine Absicht für uns. Sie gestaltet sich durch den Heiligen Geist, durch den Christus selbst Wohnung nimmt in unseren Herzen. In der Mitte unserer Person und auch der Gemeinde, im Innersten, von dem unser Denken, Fühlen, Sinnen und Trachten ausgeht, da wird Er heimisch. Das Wohnen Christi in unseren Herzen, das Einnehmen dieser Wohnung durch Ihn selbst entspricht dem Prozess der Verwurzelung und Gründung in der Liebe, also in Gott selbst.

Der Kreislauf der göttlichen Liebe –
Weg zur Vollendung

Das Geheimnis göttlichen Lebens, wie es im Dreieinigen Gott waltet zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist, ist ein Kreislauf der Liebe. Er ermöglicht die Kontrastharmonie dieser unterschiedlichen Personen, die doch eins sind. Dieses Geheimnis ist auch kennzeichnend für den Leib Christi. Es ist nicht verkehrt, dass es unterschiedliche Prägungen in der Christenheit gibt. Die muss es geben, schon allein von dem Wissen her, dass es zu allen Zeiten der Geschichte der Christenheit immer wieder neue vom Heiligen Geist gewirkte Aufbrüche gegeben hat, die sich nicht ohne Weiteres mit dem schon Bestehenden vereinbaren ließen. Und doch, soweit es wirklich geistgewirkte Ereignisse sind und waren, gehören sie in Christus zusammen, gerade auch in ihrer Unterschiedlichkeit. Die Verwurzelung und Gründung in der Liebe Christi ermöglicht es dann, immer mehr den Reichtum, das Ausmaß göttlichen Lebens zu begreifen. Das heißt konkreterweise, in der Gestalt und dem Leben z.B. anderer konfessioneller Prägungen ebenfalls göttliches Wirken zu erkennen und von daher sich gegenseitig in Christus anzunehmen, wie Er uns angenommen hat. Das Begreifen des Ausmaßes göttlichen Reichtums, das Erkennen der Liebe Gottes in ihrer wirklichen Dimension ist nicht zu haben ohne alle Heiligen der verschiedensten Art und Geschichte. Mit ihnen zusammen, in dieser göttlichen Weite, ereignet sich die Erfüllung mit der ganzen Gottesfülle, kommt es zur Vollendung des Leibes Christi, der einer ist.

Verborgener, aber wirkungsvoller Dienst

Die in dieser Weise vor Gott gebrachte Bitte, wie sie Paulus im Blick auf die Gemeinde in Ephesus auf die Knie bringt, das Leben in diesem Glauben, in dieser Ausrichtung ist der Dienst, den der Leib Christi nötig hat. So verborgen und unerkannt er auch sein mag, so hat er doch Bedeutung für das ganze Reich Gottes und damit für alles Geschaffene. Die Existenz und vor allem die Vollendung des Leibes Christi befördert nach dem Ratschluss Gottes zugleich das in Christus gegenwärtige Reich Gottes. So sind alle Dienste aus Gott, auch gerade diejenigen, die in alle Lebensbereiche hineinreichen und alles Leben aus Gott Faktoren der Beschleunigung der Offenbarung des Reiches Gottes und der Wiederkunft Christi. Sie sind es erst recht, wenn sie in Christus sich eins wissen mit den andersartigen gottgewirkten Initiativen und Seinsweisen. Konkurrenz im Sinne gegenseitiger Abqualifizierung oder gar Verdammung andersartiger Prägungen gliche der frisch abgeschnittenen Baumscheibe. Die kann zwar im Frühjahr noch Triebe ansetzen und im ersten Augenschein ebenso lebendig scheinen wie der Stamm des Baumes mit seinen Trieben. Im Endeffekt sind solche Triebe jedoch eine Täuschung und letztlich fruchtlos. Frucht der Liebe und des Glaubens wächst da, wo das Bleiben in Ihm und damit eingeschlossen auch durch Ihn die Verbindung zu den anderen Gliedern des Christusleibes gelebt wird. Dieses Glaubensleben in der Liebe Gottes führt unweigerlich auch in Bedrängnisse und in’s Verkanntwerden, aber es hat eine wunderbare Verheißung.

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