Hoffnung auch da, wo nichts mehr zu hoffen ist?

Walter Goll

In einer Ehe schleicht sich leicht ein Nebeneinander in der Routine des Alltags ein. Durch einen  möglicherweise harmlosen Anlass kann’s plötzlich ganz schwierig werden. Mit ungeahnter Wucht kann ein Konflikt hochkommen, der schon seit Jahren verborgen da war. Auf einmal scheint es fast aussichtslos, damit fertig werden zu können. Welche Hoffnung gibt es da noch?

Die Mutter eines Freundes hatte kürzlich einen fundamentalen Einbruch ihrer Kräfte. In ihrem gesegneten Alter Anfang 80 war das nicht außergewöhnlich. Der Kräftezerfall führte schließlich innerhalb weniger Wochen zum Tod. So fragten sich die Nahestehenden unwillkürlich, worauf verlässlich zu hoffen ist, über den Tod hinaus.

Im Betrieb sind schon länger die allermeisten Mitarbeiter ziemlich angespannt. Um im harten Konkurrenzkampf überleben zu können, muss die Effektivität deutlich gesteigert werden. Ängste und Sorgen um den Arbeitsplatz kommen hoch. Was kann insbesondere älteren Mitarbeitern dabei noch eine wirkliche Hoffnung geben, die über menschliche Möglichkeiten hinausgeht?

Bei einer christlichen Gemeinschaft holpert es auf ihrem Weg in die Zukunft. Missverständnisse und argwöhnische Gedanken tauchen auf bei der Klärung, wer künftig Verantwortung übernehmen soll. Als langsam Licht am Horizont aufleuchtet, schlägt plötzlich wie ein Blitz die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit ein. Ein wichtiges Mitglied der Leitung ist vom Tod bedroht. Wie sieht’s da mit der Hoffnung aus?

Erschütterungen gibt es erst recht im großen Horizont des Weltgeschehens. Mehr oder weniger offensichtlich gibt es Entwicklungen und Ereignisse, die einem die Knie schlottern lassen und handlungsunfähig machen können. Gibt es noch Hoffnung für diese Welt?

Macht die erschlafften Hände wieder stark und die wankenden Knie wieder fest! (Jes 35,3). So ruft es der Prophet Jesaja mit außerordentlich starkem Engagement und großer innerer Überzeugung dem Volk Gottes zu. Lasst euch nicht niederdrücken von dem, was euch vor Augen ist! Schaut tiefer, lasst euch sagen, dass Gottes Möglichkeiten keineswegs am Ende sind! So weckt er im Namen, in der Autorität Gottes, neue Hoffnung. Es ist eine Hoffnung, die auch wirklich durchträgt und sich nicht wieder in Luft auflöst und nur Enttäuschte und Frustrierte zurücklässt. Ja, Gott hat für sein Volk eine lebenswerte Zukunft, sogar ewige Freude und Wonne parat (siehe Jes 35,10)!

„Die Hoffnung stirbt zuletzt” heißt es volkstümlich. Da steckt ein Ernst und eine Wahrheit drin, die so ähnlich auch der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief formuliert: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei … Was kann uns heute helfen, von einer solchen Hoffnung erfasst zu werden, die dermaßen tief begründet ist, dass nichts, aber wirklich gar nichts sie auf die Seite schieben kann? Eine wirkliche Hoffnung muss doch so stark sein, wenn sie was taugen soll.

Es kommt auf den Blickwechsel an. Unser Blick muss unbedingt zu dem hingehen, der die absolute Autorität der Liebe über Himmel und Erde und alles Geschaffene hat. Der Blick des Glaubens, des ganzen Vertrauens heftet sich daran. Man kann es zwar mit menschlichen, leiblichen Augen nicht sehen. Aber wem es von Gott geschenkt ist, mit inneren Augen sehen zu können, der lässt nicht los von den wirklichen Begebenheiten und tatsächlichen Ereignissen, die das Heil verbürgen. Es geht um’s vertrauensvolle Festhalten an dem, was man hofft, um die Substanz und Verwirklichung dessen, was uns in Christus verheißen und geschenkt ist (siehe Hebr 11,1). So kann uns die Hoffnung der Herrlichkeit ergreifen, Christus in uns (siehe Kol 1,27). Die Hoffnung mit dieser Qualität kann letztlich nicht erschüttert werden. Sie gründet in einem Geschehen, das außerhalb dieser geschaffenen  Welt und ihrer Ereignisse zu finden ist. Denn bereits vor ihrer Grundlegung war dieses Geheimnis der unverbrüchlichen Hoffnung in Gott verborgen (Eph 1,4 und 3,9). Nachdem es durch Christus offenbar gemacht worden ist, ist uns nun dieses Hoffnungsgut in ihm angeboten. So wirbt der Hebräerbrief eindringlich darum, die ganze Fülle dieser Hoffnung bis zur Vollendung zu bewahren. Darin ist ein starker Trost und eine durch nichts zu erschütternde Verankerung unserer Seele verheißen (Hebr 6,11+18-20). Deshalb wird uns zugesprochen: Wir haben also die Zuversicht, Brüder, durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch. Da wir einen Hohenpriester haben, der über das Haus Gottes gestellt ist, lasst uns mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens hintreten, das Herz durch Besprengung gereinigt vom schlechten Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser. Lasst uns an dem unwandelbaren Bekenntnis der Hoffnung festhalten, denn er, der die Verheißung gegeben hat, ist treu (Hebr 10,19-23).

Wenn wir in dieser Glaubenshaltung leben, dann wird das Durchgehen durch Ehe-Konflikte, das Erleben des Sterbens, die Not am Arbeitsplatz, die Hilflosigkeit in krisenhaften Übergängen innerhalb einer Gemeinschaft oder Gemeinde, ja selbst das lähmende Erleben der Nöte dieser Welt durchwoben sein von einer menschlich unerklärlichen Hoffnung. Sie wird sich in allem tröstlich auswirken, ohne etwas zu beschönigen. Er selbst, der den größten Feind des Lebens überwunden hat, der Auferstandene, der die Welt erlöst hat, ist Bürge dafür. Mit seinem Kommen, das von denen, die ihn lieben, sehnlichst erwartet wird, wird es sich erweisen, durch Gericht und Gnade hindurch.

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