Fremdes zulassen und schätzen II

Ein Evangelischer begegnet katholischen Christen

Albrecht Junginger
Kirche entdecken
Entdeckung der einen Kirche Jesu Christi ist für mich immer ein Gnadenhandeln Gottes. Solches Entdecken (Aufdecken) bleibt wachstümlich und bedarf deshalb eines fortwährenden lebenslangen Bekehrungsprozesses. Es bleibt die Herausforderung einer kontinuierlichen Hinkehr und bußfertigen Hinwendung, durch den Heiligen Geist gewirkt, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollen Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi… (Eph 4,13).
Ich bin 1938 in Ludwigsburg geboren und zusammen mit einer Schwester und zwei Brüdern in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Als evangelische Christen wurden wir von Kindheit auf in den Angeboten der evangelischen Landeskirche von Württemberg und im CVJM groß.

Schon früh nach dem Krieg kamen meine Eltern in Verbindung mit der „Philadelphia-Bewegung“, die durch den Dienst von Christian Röckle ins Leben gerufen wurde. Noch vor meiner Konfirmation durfte ich infolge einer Beichte die bewusste Erfahrung der „Heilsgewissheit“ machen (vgl. Röm 8,15-16).
Ich erlernte den Tischlerberuf und war bis zu meinem 22. Lebens­jahr im Betrieb tätig. In diesen Jahren kam ich viel nach Leonberg in das Philadelphia-Werk und erlebte dort eine erste „Herzerweiterung“.
Die jährlich stattfindenden Konferenzen stehen immer unter dem Thema „Die Wiederkunft Jesu und unsere Zubereitung“. Viele Brüder und Schwestern aus den unterschiedlichsten geistlichen Richtungen dienen am Wort Gottes.

Parteidenken und Berührungsängste verlieren

Zu diesen Konferenzen kamen Brüder, die mit Überzeugungskraft das Wort Gottes auf den Leuchter stellten. Sie riefen zu entschiedener Lebenshingabe an Jesus auf und berichteten beispielhaft aus ihrem eigenen Leben und ihrer Gemeinde. Für uns junge Leute war dies sehr beeindruckend, und diese Dienste wurden für mich zum Segen. Doch im Lauf der Zeit kam es auch zu Trennungen unter den Gläubigen und ich selbst stand damals, mir sicher nicht recht bewusst, in der Gefahr, parteiisch zu werden.
Bei den vielen Bibelwochen in Leonberg mit ganz unterschiedlichen Brüdern stellte ich fest, wie groß die Gefahr ist, wenn man sich parteiisch auf jemanden festgelegt hat; andere, die dann deshalb durchs Raster fallen, kann man nicht mehr in der Liebe Jesu festhalten. Dennoch bleiben solche Geschwister meine Brüder und Schwestern, auch wenn auf Grund der Umstände Gemeinschaft mit ihnen so nicht möglich ist.
Hier ist und bleibt ein Bekehrungsprozess das ganze Leben lang notwendig. Gottes Gnade benützt hierzu viele Gelegenheiten und den Dienst von Brüdern und Schwestern, deren Leben, Ausstrahlung und selbstloser Dienst mithelfen, dass Hinkehr zum ganzen Leib Christi bewirkt wird.
Da sind die Schriften von Christian Röckle, der die Einheit der Gemeinde Jesu liebte und betonte. Da sind Wortverkündigungen von gesegneten Brüdern. Da ist ein Geist der Freiheit, der mithilft, den ganzen Leib Christi zu erkennen und zu sehen.
Bei Mitarbeitertagen innerhalb des Philadelphia-Werkes erlebte ich seit 1983 eine nächste Herzerweiterung. Diese hatte auch zur Folge, dass ich für die Teilnahme beim „Kreis zur Einheit“ und „Treffen für Verantwortliche“ delegiert wurde. Ich entdeckte dabei wieder neue Seiten der einen Kirche und durchlief einen weiteren Lernprozess: Mir begegneten viele Brüder und Schwestern, die von Gott in vielfältige Werke und Aufgaben ganz unterschiedlicher Art gestellt sind. Ich musste und durfte Berührungsängste verlieren und mein Sendungsbewusstsein ablegen. Ich lernte bei diesen Gelegenheiten mich selbst besser kennen und den Bruder und die Schwester anzunehmen (vgl. Phil 2,3-4).
Durch die von Gott geschenkte Verbindung mit den „Brüdern vom gemeinsamen Leben“ waren wir vom Philadelphia-Werk seit 1988 organisch mit in die „Treffen im Sinne des Ökumenischen Christusdienstes“ eingebunden.Dabei geschieht im Wesentlichen „…ein Dienst aus der Einheit mit Christus und allen Christen an der Einheit aller Christen in Christus innerhalb der verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinschaften der Christenheit. Christus ist nur Einer und seine Kirche ist nur Eine, denn sie ist sein Leib.“
Die Liebesgemeinschaft mit dem Dreieinigen Gott gründet unser Leben, so dass wir weit hinaus sehen und gehen können. Es entsteht ein Kennen- und Liebenlernen zu anderen Brüdern und Schwestern hin, egal in welcher Konfession sie stehen. Ich durfte dabei manche Vorurteile gegenüber evangelischen Christen, Pfingstlern, Katholiken und Orthodoxen korrigieren. Wichtig ist mir nur, dass mein Leben wirklich ganz in der Hand des guten Hirten ist.

Gott schenkt Vielfalt

Bei den „Treffen von Verantwortlichen“ erlebte ich in den letzten Jahren Gemeinschaft auch mit Geschwistern aus der röm.-kath. Kirche. Ich saß einmal bei der Anreise am Kaffeetisch allein mit einem Teilnehmer zusammen in schönem brüderlichem Gespräch. Ich kannte ihn nicht, erkundigte mich auch nicht, wer er sei und sah zu meinem Erstaunen bei den anschließenden Begrüßungsreden, dass es Weihbischof Renz aus Rottenburg war. Er wurde für mich mein „Bruder Weihbischof“
Solche Begegnungen erleichtern das Kennen Lernen, wenn dann große Treffen wie „Miteinander für Europa“ stattfinden (z.B. 2004 und 2007 in Stuttgart). Man kann einander offen begegnen und lernen, Gottes Wort anzunehmen, egal, von welcher Seite es ver­kündigt wird. Das sind für mich wichtige Geschehen für wachsende brüderliche Wertschätzung über Erkenntnisfragen und Konfessionsgrenzen hinweg. Es entsteht eine Oekumene der Herzen, ohne vereinnahmt zu werden, auch nicht in organisatorischen Zukunftsbemühungen, vielmehr im Sinn des Organismus Jesu: Er das Haupt, wir seine Glieder.
Auch in der eigenen Familie erlebe ich etwas von der Vielfalt des Leibes Christi. Unsere vier erwachsenen Kinder haben sich jeweils einer anderen Kirche oder Gemeinde angeschlossen, was jedoch unsere Einheit in Christus in keiner Weise stört.
Gott schenkt uns eine besondere Gnadenzeit vor der Wiederkunft Jesu. Hier auf Erden ist alles noch vorläufig, oft auch bruchstückhaft; es ist immer nur ein Teil des Ganzen zu erkennen. Bis Jesus wiederkommt, möchte ich mit Seiner Gnade „Gehilfe der Freude“ an dem Platz sein, wohin Er mich gestellt hat (1Petr 4,10).

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