Christsein und Leid – persöhnliche Berichte

Ich bat um Kraft,
dass ich Großes vollbringen kann
und empfing Schwachheit, damit ich gehorchen lerne.
Ich bat um Gesundheit,
dass ich größere Dinge vollbringen könne
und empfing Gebrechlichkeit, damit ich bessere Dinge tue.
Ich bat um Reichtum,
um glücklich sein zu können
und empfing Armut, damit ich weise würde.
Ich bat um Macht, Erfolg und Ansehen,
um von den Menschen geehrt zu werden
und empfing Ohnmacht,
auf dass ich die Notwendigkeit Gottes fühle.
Ich bat um alle Dinge,
um mich des Lebens zu erfreuen
und empfing Leben, um mich aller Dinge zu erfreuen.
Ich habe nichts erhalten von alledem, worum ich bat
und habe doch alles empfangen, worauf ich gehofft hatte.
Mein Gebet ist erhört worden, ich bin gesegnet.

Dorothea Vosgerau

… unsere Wege führen durch die Passion

(Gedanken zur Nachfolge – angeregt durch das Buch von Klaus Berger, „Jesus“, München 2004; Prof. Berger ist Lehrer für Neues Testament in Heidelberg.)

Meine Seele ist zu Tode betrübt.“ Mit diesem kurzen Satz beschreibt Jesus die Dramatik seines Leidens im Garten Gethsemane.

Ich erinnere mich gut, wie auch ich mit „Zittern und Zagen“ dieses Ausgeliefertsein an den Tod erfahren habe, als meine Seele nicht mehr die Kraft aufbrachte, dem schleichenden Tod meines Ehepartners etwas entgegen zu setzen. Zu Tode betrübt sein ist eine reale Beschreibung dieser menschlich seelischen Erfahrung. Nicht um eine diffuse Traurigkeit oder ein allgemeines Enttäuschtsein geht es da, sondern um das Ausgeliefertsein an den Tod, um die Todesangst.

In dieser vom Tod bedrohten Situation in Gethsemane fordert Jesus seine Jünger auf: „Bleibt hier und wacht!“ Auch das habe ich erfahren:

Geschwister, die auf meinen verzweifelten Aufschrei der Ohnmacht nicht mit Worten reagierten, sondern mit mir vor Gott abwarteten und wachten, bis mir Gott selber die erlösende Antwort schenkte. Darum beschäftigt mich das Leiden in der Nachfolge Jesu unaufhörlich.

Warum hast du mich verlassen?

Die Seele, der ihr Lebensatem von Gott selbst eingehaucht wurde (1.Mos 2,7), ist nach biblisch-jüdischem Verständnis tatsächlich dem Tod preisgegeben. Das hat Jesus als Mensch in seiner ganzen tragischen Konsequenz und
Unausweichlichkeit erfahren müssen. Seine Seele war nicht nur betrübt und sein Leib musste nicht nur unerträgliche Schmerzen aushalten, sondern er musste darüber hinaus noch durch die Gottverlassenheit hindurch. Für ihn, der in ungeteilter Einheit mit dem Vater durchs Leben gegangen war, war das eine neue Erfahrung, die er mit vielen Menschen des Alten Bundes geteilt und mit Psalm 22,2 nachgesprochen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen …?

In einer solchen Leidens-Situation treibt uns die Frage nach dem Warum oft in ein verzweifeltes Kreisen um uns selbst. Und da hilft uns nur sehr bedingt, dass auch Jesus dem Vater diese Frage gestellt hat. Hilfe bekommen wir nur dadurch, dass wir uns mit unserem Fragen an Gott selbst wenden, wie es die Psalmbeter und auch Hiob in seinem Leid tun.

In seinem Buch „Jesus“ zeigt Klaus Berger auf, wie sehr die Erfahrungen Jesu über diese alttestamentlichen Erfahrungen hinaus gehen und damit auch uns, als seinen Nachfolgern, neue Horizonte eröffnen. Nirgendwo im Alten und Neuen Testament wird die Herkunft des Bösen, des Zerstörerischen und Lebensfeindlichen, erklärt; es ist gegeben. Die Schöpfung ist nicht einfach aus dem Nichts gemacht, sondern sie wird als ein Ordnen des Chaotischen beschrieben. Dieses Ordnen bezeichnet die Schöpfungsgeschichte mit „schaffen“. Gut nennt Gott immer das, was er geordnet hat. Und damit seine Menschen in seiner guten Ordnung leben können, hat er ihnen die Gebote gegeben, die der Mensch zu seinem eigenen Schaden nicht befolgt. So ist er zwischen die Fronten geraten – die Fronten zwischen dem Lebenschaffenden und dem Lebenvernichtenden – bis heute. Immer noch dauert das Schaffen Gottes an, denn dass Gott über das Lebenvernichtende siegen wird, ist feste Überzeugung der Heiligen Schrift. Die Frage, warum Gott in seiner Allmacht Leiden zulässt – Leiden, das nach Jesu Aussage durchaus nicht Strafe ist, sondern jeden treffen kann – bleibt eine philosophische Frage, die dem biblischen Denken nicht entspricht.

Dieser Gedankengang hilft mir sehr, wenn ich an persönliches Leiden, aber auch an Naturkatastrophen und unverschuldetes Leiden denke.

Wozu hast du mich verlassen?

Jesus hat durch seinen Gehorsam den Sieg Gottes zeichenhaft in die Welt gebracht mit Wundern der Heilung, durch Totenauferstehung und ordnende Machtausübung über Naturereignisse. Durch die Kirchengeschichte bis heute haben auch seine Jünger und Nachfolger solche Zeichen der Neuschöpfung und des Sieges gegen alles Chaotisch-Lebensvernichtende erleben dürfen. Die sichtbaren Zeichen der Neuschöpfung als Sieg im Kampf gegen das Vernichtende geschehen durch die „Reichgottesmenschen“, die sich befreien ließen zum Gehorsam gegen Gottes Gebote und zur Nachfolge Jesu.

Jesus schreit mit der leidenden Menschheit „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen…?“ Aus Jesu Mund ist diese Frage an den Vater neu zu verstehen: „Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen…?“ Das ist sprachlich eine durchaus mögliche Übersetzung. Und sie führt zu der
Folgerung, dass Gott Jesus verlassen hat, damit in diese Welt des Kampfes zwischen dem Tod bringenden Chaotischen und dem göttlich Leben- schaffenden das Reich Gottes hineinkommen kann durch die Auferstehung Jesu von den Toten. So beten wir doch im Vaterunser: „Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“ Denn die jetzige Weltzeit ist ein Kampfplatz, die kommende erst wird die Vollendung der Schöpfung Gottes sein, in der es keinen Tod mehr geben wird. Damit gehört Leid biblisch zu der vorletzten Wirklichkeit, die letzte ist das Reich Gottes, in dem allein Gottes Wille geschieht.

Der Vater hat auch Jesus zu seiner Erdenzeit dem Kampf und Leiden unterworfen. Sehen wir uns doch nur die Versuchungsgeschichte an. Keine beeindruckende Gotteserfahrung wird von seiner Wüstenzeit berichtet, nur alltägliche und banale Versuchungen: sich Brot zu beschaffen gegen den Hunger; seine Gottessohnschaft zu beweisen durch eine herausfordernde Tat des Glaubens; dem Lügner und Zerstörer Anerkennung zu zollen für alle Macht und Herrlichkeit dieser Welt, die der Böse zu vergeben hat. Dieser versucht, Jesus zur kampflosen Mittelmäßigkeit durch geringe Selbsthilfe – ohne Gott – zu überreden. Jesus aber hält sich an Gott. Unwillkürlich kommt uns das Hebräerbrief-Wort über Jesus in den Sinn: „So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt“ – den Gehorsam in dieser dem Bösen noch unterworfenen Welt.

Leiden ist auch für uns eine Versuchung im Sinne von Herausforderung oder Provokation. Das wird anschaulich an der Geschichte von der Heilung des Gelähmten, der 38 Jahre lang am Teich Betesda liegt. Jesus warnt nach der Heilung: „Sieh hin, du bist gesund geworden. Sündige hinfort nicht mehr, damit es dir nicht noch schlechter ergeht.“ Jesus führt hier nicht die lange Krankheit auf Sünde zurück. Vielmehr macht er deutlich, dass die Folge des Sündigens noch schlimmer ist, als 38 Jahre lang gelähmt und ohne Aussicht auf Heilung dazuliegen. Sündigen heißt hier, Gottes Lebensangebot in Jesu Person missachten, sich weigern, das Gebotene und den Geschenkten anzunehmen.“ (S.292) Noch schlechter ergeht es uns nämlich, wenn wir – biblisch gesprochen – dem Zweiten Tod, dem „totalen Tod“ verfallen. „Leiden ist in diesem Sinne ein Signal, sich Gott anzuvertrauen, um so den ‚totalen Tod‘ zu vermeiden.“ (S.294) Jesus spricht hier also nicht vom Warum des Leidens, sondern vom Wozu, von der Herausforderung, zu Gott umzukehren und sich ihm anzuvertrauen. In diesem Sinne sind Leiden Zeichen. Sie sind eine Provokation, „sie sind ein ‚Stachel‘, der den Christen auf seinem Weg antreibt, damit er im Glauben wachse, in das neue Verhältnis zu Gott hineinwachse.“ (S.296)

Als Ergebnis seiner Ausführungen fasst Berger zusammen: „Erschaffen der Welt dauert etwas länger. Gott ist noch nicht damit fertig. Wer aufgrund der Auferstehung Jesu eine Auferstehung der Toten erhoffen kann, der weiß: Erst mit der Neuen Schöpfung, die wir erwarten, wird Gott den Tod besiegen. Wo Menschen auf die Auferstehung hoffen können, gibt es eine Antwort auf Jesu Frage ‚Wozu hast du mich verlassen?‘ Diese Antwort Gottes heißt: Ich habe nichts gegen deinen Tod unternommen. So halte ich es mit den anderen Menschen auch. Aber das tat ich deshalb, weil ich Größeres mit dir vorhabe. Mein Ziel ist die Besiegung des Todes in dem zweiten, abschließen- den Akt der Schöpfung. Die einzige Frage, die bleibt, ist die nach der Größe unserer Geduld. Aber wenn alle Sünde aus Ungeduld kommt, dann zeigt sich aller Glaube vornehmlich in Geduld. Deshalb heißt Glaube auch soviel wie Treue. Nichts formt uns so sehr wie die Geduld.“ (S. 306)

Wie werden wir glaubwürdig?

Im Rückblick auf meinen Weg durch das Leiden kann ich das gut nachvollziehen: Denn die erlösende Antwort Gottes, von der ich zu Beginn sprach, war nicht eine Heilung, sondern mein Ja zum Loslassen, zum Sterbeprozess meines Ehepartners, der von mir wie ein Mit-Sterben wahrgenommen und angenommen werden musste. Ich musste mich durchringen, in diesem Sterben die Liebe Gottes erkennen zu wollen und bedingungslos Ja dazu zu sagen. Das war die Antwort, die mich von mir selbst weg und auf Gott ausrichtete. Obgleich mein Körper unter der Belastung der Pflege sehr gelitten hat, konnte meine Seele durch dieses Ja und die tägliche Lesung von Gottes Wort, durch die Stärkung des Heiligen Mahles und die Fürbitte der Geschwister doch immer wieder zur Ruhe und Gelassenheit kommen und – wie es der Jakobusbrief sagt – geduldig wie der Bauer auf das Handeln Gottes und die Auferstehung von den Toten warten lernen.

Die Herausforderung zum Glauben, die uns in der ganzen Bibel begegnet, meint „Stabilität in Gott zu gewinnen, sich auf Gott zu gründen, in ihm seinen Halt zu suchen. Immer wieder sprechen die Bilder vom Festsein, von der Standfestigkeit oder auch von der Treue…“ (S.297/298) „Vielleicht ist die Frage nicht, ob Gott (heilen) will oder ob er kann. Beides ist wohl der Fall, aber das Ersehnte kann nicht ohne uns, über unsere Köpfe hinweg, geschehen. Und dass es so lange dauert, könnte den Sinn haben, unsere Geduld und Treue unter Beweis zu stellen.“ (S. 308)

Leiden – gerade auch fremdes Leiden – nimmt uns jegliche Illusion über die menschliche (sei es medizinische oder sonst eine) Allmacht. Durch Leiden erkennen wir die Realität der Schöpfung und Allmacht Gottes klarer. Die Anerkennung dieser Wahrheit lässt uns überleben in Bitte, in Fürbitte und im Dank für jeden kleinen Schritt, der uns geschenkt wird. Und wir erfahren tatsächlich Trost in dem biblischen Gedanken, dass das Leiden in die vorletzte Wirklichkeit gehört. „Auferstehung oder Ewiges Leben ist … nicht die Antwort auf die Frage, was aus meinen Knochen wird, sondern ist ein ‚Fall von Liebe‘. Gott verstößt die, die zu ihm gehören wollen, auch im Tod nicht aus seiner Gemeinschaft. … Liebe ist stärker als der Tod. Auferstehung hat daher mit der Personhaftigkeit Gottes und auch jedes einzelnen Menschen zu tun…: Gott liebt jedes seiner Kinder in unverbrüchlicher Treue, und diese ‚Dauerhaftigkeit‘ stiftet eine ‚Person‘. Sie währt auch über den Tod hinaus.“ (S.305)

In diesen Glauben hinein zu wachsen ist eine Lebens-Aufgabe wie wir am Beispiel des Petrus sehen können. Er hatte Jesus als Messias erkannt undglaubte an seinen Herrn. Aber gerade deshalb wollte er ihn vor dem Leiden schützen. Jesus antwortet in scharfem Ton darauf: „Geh weg von mir Satan! denn du meinst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist.“ (Mk 8,33) Es genügt nicht, Jesus als den Herrn zu bekennen und vor dem Leiden wegzulaufen. Das Bekenntnis zum Leiden Jesu – etwa im apostolischen Glaubensbekenntnis – muss in der Nachfolge Jesu mit der eigenen Leidensbereitschaft verbunden sein. Auch die Dämonen glaubten ja an Jesus und zitterten vor ihm. Aber sie müssen nach ihrem Bekennen ausfahren. „Die Jünger Jesu müssen nach ihrem Bekennen leiden, das Bekennen bliebe sonst leer. … Es ist nicht nur eine Glaubwürdigkeit im Allgemeinen gefordert, sondern eine durch Leiden erwiesene und gehärtete Glaubwürdigkeit – erst der leidensbereite und für das Bekenntnis gelitten habende Bekenner hat das Recht den Mund aufzumachen.“ (S.318)

Viele unsrer Christenbrüder in der Kirchengeschichte und in der heutigen Welt haben eine solche Glaubwürdigkeitserfahrung gemacht. Wir können nur Bitten: Barmherziger Vater, schenke uns allen, dass wir nicht nur zum persönlichen Leiden Ja sagen, sondern auch dahin reifen, im Leiden um Jesu willen fest zu bleiben in der Gewissheit, dass es nur um das Vorläufige geht und Gott in seinem Reich Größeres und Besseres mit uns vorhat.

Erfülltes Leben – Leidenswege einer Familie.

Wir hatten uns unser Leben und unsere Ehe ganz anders vorgestellt. Wir waren jung und hatten viele Erwartungen. Unser Leben sollte Gott gehören, denn IHM zu dienen war unser Ziel. Das Wort aus Mt 6,33 begleitete uns: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“

Gott hat uns vier Töchter geschenkt. Unsere älteste Tochter ist verheiratet, hat einen lieben Mann und zwei gesunde Kinder. Drei von unseren Töchtern haben Krankheiten.

Unsere dritte Tochter ist nierenkrank. Mit neunzehn Jahren bekam sie eine Spenderniere, mit der sie neun Jahre gut leben konnte. Z.Zt. ist sie wieder an der Dialyse, da ihre Niere abgestoßen wurde. Unsere jüngste Tochter kam behindert mit einer Stoffwechselkrankheit zur Welt. Diese äußert sich in Zwergwuchs, Fettsucht und geistiger Retardierung.

Unsere zweite Tochter hat mit zwanzig Jahren plötzlich epileptische Anfälle bekommen.

Jede Krankheit erschreckte uns immer wieder aufs Neue. Wir waren plötzlich als Christen auch von Krankheitsnöten und Leid betroffen.

Was will Gott?

Wir kamen ins Fragen: Warum trifft gerade uns solch ein Leid? Was will uns Gott damit sagen? Was hat Er vor? – Wir erkannten: Gott führt uns nicht am Leid vorbei, aber er führt uns mitten im Leid, in seiner grenzenlosen Liebe.

Den Schmerz in solcher Krankheitszeit machte jeder in unserer Ehe ganz anders durch. Als Mutter ging ich durch verschiedene innere Kämpfe, die mein Glaubensleben stark prägten. Schon bei unserer nierenkranken Tochter war es ein Ringen mit Gott, denn dieses Kind lag als Säugling im Sterben. In meiner Not schrie ich zu Gott, denn der Zustand des Kindes war fast nicht zu ertragen. Dadurch lernte ich erkennen: Gottes Wege und seine Gedanken sind ganz anders als meine Vorstellungen. Er mutete uns zu, mit diesem nierenkranken Kind umzugehen, damit zu leben, Gottes Weg darin zu finden und mit ihm zu leben.

Bei unserer behinderten Tochter war der innere Kampf wieder anders. Wir beteten um ein gesundes Kind, da wir schon ein krankes Kind hatten, und Gott gab uns dieses behinderte Kind. Wieder schrie ich zu Gott und fragte ihn in dieser Zeit: Ist das deine Liebe? Sieht so deine Liebe aus? Durch die Krankheit unserer jüngsten Tochter wurde die Antwort Gottes immer klarer für uns.

Doch diese Liebe Gottes durfte ich ganz neu erfahren in dem inneren Kampf, den ich durchmachte. Wir beteten um Heilung für dieses Kind mit einigen Christen und vertrauten, dass Gott Heilung schenkt. In dieser Zeit kam immer wieder in mir die starke Aufforderung: Nimm dieses Kind an, so wie es ist. Ich sagte zu Gott: Bitte, mach unsere Tochter gesund! (Denn so wollte ich mein Kind nicht annehmen.) Ich weiß, dass du sie gesund machen kannst. Ich vertrau dir. – Da wurde mir klar, dass ich mein Kind unbedingt gesund haben wollte, aber wollte Gott das auch? War das der Wille Gottes? Was wollte Gott wirklich von uns?

Der Kampf und das Fragen gingen weiter. Immer wieder kam die Aufforderung in mir: Nimm dieses Kind an, so wie es ist. Immer deutlicher und klarer wurde es in mir: Nimm dieses Kind an, denn ich will mich dadurch verherrlichen. Ich konnte nicht mehr, war innerlich am Ende und damit zerbrochen. In diesem Zerbruch ging ich zu meinem Vater im Himmel und sagte: Vater, ich bin am Ende, ich kann nicht mehr weiter, hilf mir. Vater, ich sage ja gegen meinen Willen, gegen meinen Verstand. Ich will das Kind gesund haben, das weißt du.

Auch kann ich nicht verstehen, warum das alles so ist, aber ich sage ja Vater, denn du bist mächtiger und stärker als ich und ich überlasse mich deiner Führung. – Als ich das gesagt hatte, kam ein großer Friede über mich und ich war erfüllt von der Liebe Gottes. Endlich konnte ich mein Kind annehmen, so wie es war. Dies war wichtig für mein Kind, für mich und für die ganze Familie.

Dennoch bleibe ich stets an dir

Als unsere zweite Tochter dann mit 20 Jahren ihren ersten epileptischen Anfall bekam, war es wieder ein erneutes Ringen mit Gott und es kam die Frage in uns: Herr, was willst du uns damit sagen? Noch ein krankes Kind? Ich dachte, ich hätte gelernt durch das, was ich schon durchgemacht hatte, aber es tat genau so weh und war genau so schmerzhaft wie bei den andern Kindern auch. Doch ich durfte dazulernen, mich noch mehr auf Gott zu verlassen und ihm zu vertrauen, denn seine Liebe zieht mich immer mehr an sein Vaterherz.

Es gab schwere und harte Zeiten durch die Krankheitsnöte hindurch, wo wir uns im Gebet als Ehepaar vor Gott eins machten, damit uns die Krankheiten nicht beherrschen und unser Leben ausfüllen. Zu der Zeit wurde uns das Wort aus Mt 18,19 ganz wichtig: „Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.“

Uns war es ein dringendes Anliegen mit den Schwierigkeiten, die durch die Krankheiten auf uns zukamen, als Ehepaar vor Gott zu treten und in allem um Seine Führung zu bitten, denn manchmal wussten wir nicht, wie wir im Augenblick handeln oder entscheiden sollten. Wir beteten um Heilung und wir beten immer wieder neu: Herr, schenk du uns, dass die Krankheiten keine Macht über uns bekommen, denn du bist mächtiger und stärker als alle Mächte, die uns angreifen wollen. Wir geben uns mit unseren kranken Kindern in deine Hände und bitten dich um deine Führung und um deinen Frieden.
Wenn Gott aber die Krankheiten nicht nimmt, was dann? In dieser Zeit lernten wir auszuhalten im Glauben durch ein Wort aus Psalm 73: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat.“

Durch unsere Gebete lernten wir erkennen, dass Gott mit uns ein ganz anderes Ziel hat, aber welches? – Es galt wegzuschauen von dem Berg der Krankheiten, der uns oft Not machte und hinzu-schauen auf Jesus Christus, der uns den Weg zeigt und uns mit seinen Augen leitet. Wir lernten mit Gottes Verheißungen zu leben und uns festzuhalten im Vertrauen auf seine Zusagen. Wir erkannten: Wenn Gott die Situation nicht verändert, dann verändert er mein Denken und die Einstellung zur Situation.

Wir lernten durch alles hindurch, dass Krankheiten auch zu Gottes Verherrlichung dienen können. Wir lernten was es heißt, sein Kreuz auf sich zu nehmen und dass das Kreuz nicht nur zur Last wird, sondern dass wir es tragen aus der Kraft Gottes heraus. Wir lernten auch die Wunder Gottes zu erkennen und zu sehen, durch die er uns in Krankheiten und Nöten treu geführt hat.

Inzwischen sind unsere Kinder älter geworden und wir gehen weiter durch Krankheitszeiten hindurch. Als Eltern sind wir immer wieder herausgefordert, verschiedene Dienste für unsere kranken Kinder zu tun. Wir sind dankbar, dass wir unsere Kinder noch begleiten können und dass wir dazu die Kraft bekommen, die wir täglich brauchen.

Segen in allem Leid.

segen

Wie gehen die Geschwister miteinander um? Alle vier Kinder machten durch die Krankheitsnot Reifeprozesse durch, die von vielen inneren Kämpfen und Schmerzen begleitet waren. Sie haben gelernt, einander zu achten und zu lieben. Was uns immer wieder an unseren Kindern erstaunt, ist die gegenseitige Zuwendung untereinander, besonders unserer Behinderten gegenüber. Wenn sie auch weiter mit den Krankheiten leben und es für sie oft schwer ist, so ist es mir als Mutter ein Geschenk zu glauben, dass Gott sie schön machen wird für die Ewigkeit, denn er formt sie durch die Krankheit in sein Ebenbild.

Für uns als Eltern ist es wichtig, unsere Kinder ständig im Gebet zu begleiten, vom Herzen Gottes her für sie zu sehen, zu hören und zu erkennen, was sie brauchen, und sie zu lieben. Es gilt ja immer wieder neu, sie in Krankheitsnöten anzunehmen, für sie da zu sein und sie dann auch wieder loszulassen. Dies ist ein stetiges Auf und Ab, wobei nur Jesus Christus uns den Weg weisen kann, denn ER ist alle Tage bei uns. Seine Hilfe ist jeden Tag neu und wir leben täglich von ihr.

Wir durften erfahren, wie Gott sein Versprechen einhielt, sich selbst durch die kranken Kinder zu verherrlichen:

Das Leid hat uns wach und sehend gemacht für die Menschen um uns herum mit ihren Problemen und Nöten. Andere können wir besser verstehen und trösten, weil wir selber die Tiefen erlebt und erfahren haben. Bei einer Freizeit bekam ich als Mutter den Ruf zum Seelsorgedienst. Immer mehr kamen auch Ehepaare auf uns zu, durch die wir dann beide von Gott zur Seelsorge herausgefordert wurden.

Wir können darüberhinaus Eltern, die auch kranke Kinder haben, bezeugen, wie Gott uns durchgetragen hat und wo wir bei allem Leid Gottes Führung und Liebe sehen dürfen. Für einige junge Menschen sind wir inzwischen geistliche Eltern geworden.

So füllt Gott unser Leben, dass wir mit Freuden ihm dienen dürfen. Er macht uns immer reicher und erfüllt uns immer mehr mit dem, was wir brauchen in unserer Familie.

Gott sei Preis und Ehre, für SEINE Führung in allem Leid, SEINE Liebe und SEINE Barmherzigkeit jeden Tag neu!

Sieglinde und Konrad Täffner

Das Schönste kommt noch.

„Warum geht es mir so gut?“ habe ich früher gefragt, „wenn es anderen doch oft so schlecht geht!? Ich hab es doch nicht im geringsten verdient.“ – „Sei doch dankbar dafür!“ haben andere dann oft zu mir gesagt, und ich habe es auch versucht, dankbar zu sein.

Als mich in den letzten Jahren dann doch verschiedene Krankheiten heimsuchten, merkte ich bei allen Ängsten und Blockaden, dass es auch da viel Grund zum Danken gab. Vieles, was vorher so selbstverständlich war, ist jetzt ein Geschenk, über das ich staune. Viele Hilflosigkeiten und Vergesslichkeiten sind Gelegenheiten zum Gebet und zur Erfahrung von Gottes grenzenloser Güte. Und z.B. so eine ärgerliche Tatsache wie die, dass ich jetzt für längere Zeit nicht mehr selbst Auto fahren darf, lässt mich ganz neu und konkret die Liebe meiner Geschwister erfahren. So hört das Danken nicht auf.

In der Krankheitszeit ist mir ganz besonders wichtig geworden, dass ich Gottes Liebe zu mir nicht an meinem Gesundheitszustand ablesen darf, sondern ganz allein an Gottes Zusagen in der Heiligen Schrift.

Als ich vor 10 Jahren in den Ruhestand ging, musste ich diese Lebensform erst lernen. Da merkte ich, wie leistungsorientiert ich bin, und wie wichtig ich mich noch nehme. Das Abgeben und Loslassen war und ist noch immer ein schwerer Lernstoff. Aber ich muss schon sagen, der Herr macht’s mir leicht, der mich immer wieder daran erinnert, dass ER „der Letzte“ ist, und nicht ich.

Wie froh bin ich, dass er auch dort „der Letzte“ ist, wo ich früher etwas falsch gemacht oder versäumt habe. Diese Defizite sehe ich jetzt deutlicher als zuvor. Aber dann leuchtet über ihnen allen die Tatsache, dass Jesus meine Schuld vergibt, Folgen der Schuld beseitigt und das Bruchstück in seine Hände nimmt und vollendet.

Mir fällt auf, dass ich schon seit vielen Jahren bei den Todesanzeigen in der Zeitung auf das Geburtsdatum der Verstorbenen schaue. Aber ich bin froh, dass mich der Gedanke an meinen Tod nicht ängstet. Gerade jetzt, wo so manche, mit denen ich ein ganzes Stück zusammen gelebt habe, neben mir wegsterben, denke ich oft über das zukünftige Leben nach und freue mich über das, was uns da erwartet. Was ist das Leben, das jetzt da und dort mit Schmerzen an Leib und Seele verbunden ist, gegen das, was Jesus „Sommer“ und „Hochzeit“ und „Geburt“ und „den Tag“ nennt! Das Schönste kommt noch.

Ich bin froh, dass ich an mir nur verhältnismäßig wenige Alterserscheinungen beobachte. Aber was bedeutet das schon? Bin ich nicht vielleicht betriebsblind geworden? Sehe ich bloß an anderen, dass sie alt und manchmal komisch werden? Die entscheidende Frage ist ja doch, wie andere mich sehen und erleben. Ach, wie gut ist es, dass sie so nachsichtig sind und unsereinen mit so viel Geduld ertragen!

Durch mein Kranksein bin ich vielleicht etwas einfühlsamer gegenüber Kranken geworden. Aber ich merke, dass je älter ich werde, ich überhaupt etwas vorsichtiger mit Ratschlägen umgehe. Ich hoffe nur, dass die anderen es auch so sehen und dass ich mich hier nicht täusche. Denn auf der anderen Seite merke ich auch, dass ich jetzt sehr in Gefahr bin, Jüngere zu bevormunden und in ihnen noch die Jugendlichen von einst zu sehen, obwohl sie schon längst gestandene Leute sind. Schade, dass ich nicht warten kann, bis ich gefragt werde.

„Pfarrer i.R.“ zu sein, ist gefährlich. Viele verstehen das so, als hieße es „Pfarrer in Reichweite“, und machen davon auch reichlich Gebrauch. Ich muss aufpassen, dass ich auf diese Weise nicht gelebt werde. Ich möchte „Pfarrer in Rufweite“ sein, vor allem in Rufweite Gottes.

Frieder Schröter

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