45. BETRACHTUNG – Dass der Wille des Vaters wie im Himmel so auf Erden geschehe

Das Einheitsgebet schließt mit einem Satz aus dem Vaterunser. Trotz dieser gewohnten Formel lohnt es sich, den Inhalt mit seinem Hintergrund genauer anzuschauen. Es dünkt mir nämlich, es werde mit dem Willen Gottes zu sehr eine irdische Vorstellung verbunden. Menschlich zeigt sich der Wille als Anfangsimpuls einer Tat. Der göttliche Wille hingegen ist eine Substanz des allmächtigen Gottes, die man vielleicht als Außenseite seines Wesens bezeichnen dürfte. Diese Außenseite befiehlt nicht, sondern strahlt ab und gebiert alles Existierende. Da sind einbezogen die Welten des Mikro- und Makrokosmos. Diese Abstrahlung zeigt sich mit der Schöpfung identisch und hauptsächlich mit deren Vollendung. Man könnte demgemäß auch nach der Innenseite solcher Strahlung forschen, die nach meiner Erkenntnis die Liebe ist.

In Jak 1,16-18 finden wir diesbezüglich wunderbare Aussagen: Irret euch nicht, liebe Brüder, lauter gute Gabe und lauter vollkommenes Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Himmelslichter, bei dem keine Veränderung und keine zeitweilige Verdunkelung stattfindet. Aus freiem Liebeswillen hat er uns durch das Wort der Wahrheit ins Dasein gerufen, damit wir die Erstlingsfrucht unter seinen Geschöpfen wären.

Der wahre Erstling Jesus wusste sich in diesem Strahlenbereich der Liebe seines Vaters. Er hat demgemäß nicht Befehle des Vaterwillens befolgt, sondern er lebte von diesem Willen. Der Wille des Vaters war sein Lebensmittel. Das bekundet Jesus nach Joh 4,34: Meine Speise ist, dass ich tue den Willen des, der mich gesandt hat.

So wie Jesu Existenz mit dem Willen Gottes identisch ist, so ist das auch seinen Jüngern zugesagt. In der Offenbarung lesen wir die hohen Worte der 24 Ältesten, nachdem sie ihre Kronen vor dem Thron ablegten:

Würdig bist du unser Herr und Gott, Preis und Ehre und Macht zu empfangen; denn du hast alle Dinge geschaffen und durch deinen Willen waren sie da und sind sie geschaffen worden (4,11).

Romano Guardini, ein römisch-katholischer Theologe, den ich selbst noch erleben durfte, schrieb einmal: Der Mensch verrate seinen Adel, wenn er sich von dem her verstehe, was unter ihm ist. Der Mensch lebt erst dann richtig, wenn er von dem herab lebe, was über ihm ist; auch wenn er nicht fähig ist, es zu begreifen und er sich selbst manchmal sonderbar vorkommt.

Was von Jesus zum Willen des Vaters bezeugt ist, gilt gleicherweise für seine Jünger, wie es Johannes bezeugt (Joh 7,14-18). Das sei auch der Schluss der Betrachtungen, nämlich der Vers 18: Wer von sich selbst redet, der sucht seine eigene Ehre; wer aber sucht die Ehre des, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig und ist keine Ungerechtigkeit in ihm.

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