36. BETRACHTUNG – Vereinige uns zu aller Heiligen und der Engel Freude

Für einen Christen ist es ganz selbstverständlich, die Engelswelt als eine tatsächliche göttliche Dimension nicht nur zu glauben, sondern in der Heiligen Schrift als selbstverständlich bezeugt zu wissen. In der Tat wimmelt es dort von Engelserscheinungen. Aber auch die Menschheitsgeschichte aller Jahrhunderte greift das Geheimnis der Engel auf und versucht diesen unsichtbaren Wesen eine Gestalt zu geben. Davon zeugen die Kirchen und die Friedhöfe. Besonders vielschichtig stellt die Malerei die verschiedensten Bilder vor Augen. Das hat sich bis zu Marc Chagall durch die Zeiten gehalten.

In der Erdenwelt des heutigen Menschen allerdings verblasst die Realität der Engel. Alfons Rosenberg, der „Engelfachmann“, beklagt diese Verarmung, wenn er schreibt: Der Mensch begegnet dem Engel nicht mehr als dem Mittler göttlicher Botschaft und dem Repräsentanten der göttlichen Welt – er begegnet in ihm nur mehr sich selber. Ich selbst bekenne mich als Wahrnehmer der Engel – in aller Keuschheit und Zurückhaltung. (32)

Es heißt dort von der Freude der Engel als Folge der Gottvereinigung. Das bedeutet doch ein ausgeprägtes Wahrnehmungsvermögen seitens der Engel. Sie registrieren nicht nur die außerweltlichen Vorgänge, sondern feinste Herzensprozesse der Menschen und speziell der Christen. Dafür steht jener bekannte biblische Text:

Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut (Lk 15). Hier wird zugleich der Engel Fähigkeit festgestellt, sich freuen zu können. Natürlich wird diese Freude eine andere Qualität wie die der Menschen haben. Ohne sich in Spekulationen verlieren zu dürfen, müssen die Engel als Geschöpfe des Allmächtigen angesehen werden, also der Seinsweise der Ewigkeit zugehören. Damit haben sie solche Einblicke in geistliche Wirklichkeiten, die uns Menschen nicht zugänglich sind. So mussten sie sowohl das Werden des Menschengeschlechts als auch dessen Trennung von Gott erleben. Letzteres verursachte in ihnen einen großen Schmerz, denn der göttliche Plan mit der ganzen Schöpfung wurde vom Menschen verworfen. So ist demnach ihre Freude leicht vorstellbar, wenn die Vereinigung der Menschheit mit dem Dreieinigen Gott sich mit den „Erstlingen“ zu vollziehen beginnt. Kommt noch hinzu, dass diese mit ihrer neuen Existenz den Engeln gleichgestellt sind (Lk 20,36). Menschliche Gedanken weichen von der Wirklichkeit nicht weit ab, wenn angenommen würde, mit der Gottvereinigung finde auch eine Vereinigung mit der Engelswelt statt. Das wäre eine himmlische Analogie zur Heimkehr des verlorenen Sohns und der ausgelösten riesigen Freude des Vaters.

Anmerkung

32

Es gäbe eine Fülle von biblischen Auffächerungen der Engelwelt zu erwähnen. Da die Beter weithin beste Kenntnisse darüber besitzen, muss davon nicht berichtet werden.

Ich will lediglich auf vielleicht Unbekannteres hinweisen. Da beginne ich bei dem sprachlichen Begriff des Wortes ENGEL. Dabei handelt es sich um keine orginal-deutsche Wortfindung. Vielmehr ist das Wort Engel „klanglich“ eindeutig aus dem Griechischen übernommen worden. Dort hießen die Boten ANGELOS. Der Bote war jene wichtige Funktion, die heutzutage alle Kommunikationsmittel leisten (Post /Telefon / Internet mit E-Mail und Smartphone / etc.). Auch das römische Reich übernahm den Klang des Wortes und bezeichnete die Boten als Angelus. Interessant dürfte dabei sein, dass nicht nur im hebräischen und dann christlichen Glaubensraum, sondern über die „ungläubige“ Welt hin der Bote zur wichtigsten Funktion des Lebens zwischen der Gottheit und Menschheit geworden war. Die Gottheiten der Sumerer, Babylonier, Ägypter und anderer Volksreligionen übten ihre Herrschaft durch Boten aus. Als halbgöttliche Gehilfen und Boten durchwirkten sie die Natur und die Menschenwelt.

Wie hat nun das Christentum seine eigene Position im Blick auf die Engel gefunden? Es gibt in der frühen Kirche des Westens fast schon eine dogmatische Fixierung in der Formulierung des Augustinus:

Engel bezeichnet das Amt und nicht die Natur dieser Wesen. Fragst du nach deren Natur, so sind sie Geister; fragst du nach dem Amt, so sind sie Boten: seinem Wesen nach Geist, seinem Handeln nach Bote. Ihrem ganzen Sein nach sind die Engel Diener und Boten Gottes. Weil sie beständig das Antlitz des Vaters sehen, der im Himmel ist, sind sie Vollstrecker seiner Befehle, seinen Worten gehorsam.

Mich hat dann interessiert, wie die reformatorischen Kirchen zu den Engeln stehen. Abgesehen von deren biblischer Bedeutung finden sich in den Bekenntnisschriften keinerlei bündelnde und weiterführende Hinweise. Immerhin gab es Liederdichter, die unbekümmert ihre Engeltexte verfassten und die sogar in die Kirchengesangbücher eingingen.

Ein Beispiel ist der Text von Ernst Hoffmann (20.Jh):

Gott aller Schöpfung heilger Herr, zu deines Reiches Glanz und Ehr hast du der Engel Schar bestellt, für hohe Dienste sie erwählt.
Du sendest sie als Boten aus; dein Wort geht in die Welt hinaus. Groß ist in ihnen deine Kraft; dein Arm sind sie, der Wunder schafft.

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