26. BETRACHTUNG – Vereinige uns mit dir und miteinander

Hier geht es um die Bitte, dass die Verwirklichung der ursprünglichen Schöpfungsabsicht Gottes, nämlich die Identität des Menschen mit Gott seiner endgültigen Erfüllung zugeführt werden möge. In Jesus Christus ist sie bereits im Wesentlichen schon erhört. Sie muss aber durch den Glauben aktiviert werden und zwar vor allen anderen Bitten. Daher möchte ich die Bitte um Vereinigung mit Christus als Zentralanliegen bezeichnen. Ich freue mich beim Beten jedesmal, dass fromme Wünsche um das eigene Wohlergehen fehlen. Sie fehlen deshalb, weil in der Vereinigung mit Gott in Jesus alle Anliegen enthalten sind, ja sogar als nebensächlich bezeichnet werden müssen. Und doch sind sie der Erhörung näher, wie eben Quelle und Wasser zusammengehören. Sie werden als Folgeerscheinung selbstverständlich. Die Gottvereinigung ist wie ein Kristallisationspunkt anzusehen.

Nun möchte ich noch darauf aufmerksam machen, was sich in diesem Zentralbereich der Vereinigung ereignet. Es geht gerade nicht um jene Frömmigkeit, die sich selbst gefällt und alle Kontakte mit der bösen Welt um des Wohlgefühls der Gottvereinigung willen abbricht. Genau umgekehrt wird sich in solch dichter Nähe zum Herrn jene Verwandlung ereignen, wo alle Enge des Herzens zur großen Weite des Schöpfers und Erlösers aufgebrochen wird. Damit vollzieht sich die alle und alles umfassende Liebe, von der noch zu lesen sein wird. Ins Zentrum des Daseins einzutauchen bedeutet nicht Weltverneinung. Im Gegenteil wird die Fülle der Schöpfung mit ihren tausenden Anliegen für die menschliche Seele nicht nur ansehbar, sondern zu einem Teil ihrer selbst. Hier nur vollzieht sich die Verwirklichung wahrer Ergänzung aller menschlichen Gegensätze, wie das schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Gottesmann und Bruder vom gemeinsamen Leben, Eugen Belz, bezeugen konnte:

Trotz aller mangelhaften praktischen Gestaltung halte ich unverbrüchlich daran fest, dass die Botschaft der göttlichen Einheit ohne Aufhebung der Unterschiede mir als Zeugnis aufgetragen ist, dass im Kreuz Christi das Heil für die große Not der Spaltungen vorhanden ist. Auch dass die Harmonie der Gegensätze von Gott und Mensch, von Geist und Gesetz, von Freiheit und Autorität, von Dynamik und Statik, von Himmel und Erde in dem Menschensohn und Gottessohn Jesus Christus vollbracht und dadurch jedem einzelnen Christusgläubigen als Frucht der Erlösung möglich und geschenkt ist.

Auch ein Starez Siluan bezeugt, was fast kurios anmutet, dass ihm in der äußeren Einsamkeit und Gottversunkenheit erstaunliche Einblicke in die Vielfalt der Weltsituation gegeben wurden. Und Teilhard de Chardin verrät als Forscher seine „Methode“, in der Meditation des Opfers Jesu Klarheit über die Geschichte der menschlichen Spezies zu gewinnen.

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