17. BETRACHTUNG – Dein Blut komme über alle Menschen in allen Stände

Immer wieder werden wir beim Beten erinnert und ermahnt, die verschiedensten Entfaltungen des Lebens nicht nur gelten zu lassen, sondern keine davon auszuschließen. Der Begriff des „Standes“ allerdings hat heute nicht mehr jenen Gebrauchswert, den er in Jahrhunderten vor uns hatte. Es ist daher be-sonders interessant festzustellen, wie zäh sich Wortverbindungen bis heute gehalten haben. Das ist bei der Bezeichnung „standesgemäß“ feststellbar. Dies Wort verweist auf einen Zustand, der heute nicht mehr sauber erklärbar ist, weil vielerlei verstanden werden kann. Immerhin verweist dieser Begriff auf übereinstimmend sein sollende Gruppierungen, denen z.B. Braut und Bräutigam angehören. Beim Beten geht es genau ums Gegenteil: Hier soll die Vielfalt der Berufe, der Politik, der Wirtschaft, der Kunst etc. ins Bewusstsein kommen.

Oft haben sich die Stände im Lauf der Generationen polarisiert. Ursprünglicher Sinn war das Zusammenwirken der Verschiedenen. Im kirchlichen Bereich denkt man noch ständegemäß, und zwar im Miteinander.

Hier spricht man vom ledigen Stand, vom verheirateten Stand und vom Witwenstand. Jedenfalls liefern Stände in einem Gemeinwesen jeglicher Art von Begabungen, Interessen, Prägungen und Tätigkeiten einen Schutzraum zur Förderung, Ergänzung und auch Vertretung gegenüber anderen Ständen. Die Geschichte der Stände ist hochinteressant. (24)

Hier geht es zunächst um den Einbezug der vielen Lebensentfaltungen in das Spektrum des Gebets. Da bündeln sich dann verschiedene Welten. Wenn wir diese bewusst vor Gott tragen, dann wird man mit der Not unserer Zeit konfrontiert, dass Menschen mehr und mehr sich zu Individualisten entwickeln, die sich vor zusätzlichen Aufgaben für das Gemeinwohl scheuen. Dabei gilt zu beachten, dass organisatorische Festlegungen immer die Gefahr der Einseitigkeit in sich bergen, ja sogar der Gegnerschaft. Man denke nur an die politischen Parteien, die auf staatlicher Ebene die Macht installieren. Dabei mangelt es gerade im parlamentarischen System, gesellschaftliche Stände mehr zu berücksichtigen. In Deutschland bilden Beamte das Gros des Bundestags.

Auch Gewerkschaften sehen ihre Hauptaufgabe darin, die Macht der Arbeitgeber zu beschneiden. Gerade dort, wo sich Selbstbehauptungskämpfe abspielen, scheuen Christen sich zu engagieren, wobei gerade wichtig wäre, ja sogar notwendig, aus der Kraft des Heiligen Geistes Feindbilder abzubauen. Wo solches dann doch geschieht, ist es umso notwendiger, für diese Menschen einzustehen. Das Gebet betrifft ebenso, bei übertriebenen Lobby-Engagements das rechte Maß gewinnen zu können (Lobby = Interessengruppen).

Anmerkungen

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Stände waren seit eh und je eine vielfältige Notwendigkeit, weil der einzelne Mensch sonst seine besondere Prägung nicht zur Geltung bringen kann und er andererseits auf spezielle Unterstützung und Hilfe verzichten müsste. In unserer Zeit fällt es nicht schwer, moderne „Ständeordnungen“ auszumachen. Sicher muss man sich auf die Suche nach anderen Begriffen machen, wie z.B. Fachgruppe („Kammer“ wie Ärztekammer, Handwerkskammer, Handelskammer etc.), Partei, Verein oder Vereinigung.

Dazu kommen die vielfältigen Entwicklungen in anderen Ländern, wenn man an die „Stämme“ oder „Kasten“ denkt. Aber auch im deutschen Sprachraum gibt es die unterschiedlichsten Entwicklungen, angefangen bei den germanischen Besonderheiten; dann die Zeit der Römer und daraus folgernd die Hinentwicklung zum Deutschen Reich. Ob man nun die ”Geistlichkeit” als Stand erkennt oder den Adel oder die Zünfte: Alles hat Vorteile und Nachteile. Solange ein Stand in sich die eigenen Belange verantwortet, hat er zwar eine große Konfliktminimierung und kann seine Mitglieder bestärken, fördern, vertreten und vieles mehr. Greift er aber über sich hinaus, was eigentlich wegen eines Volksganzen nötig ist, so beginnt die Selbstbehauptung. Und damit entsteht politisches Wirrwarr. Das zeigte sich in der Frühzeit Deutschlands. Da herrschten drei Stände im Land: der Klerus, der Adel und die Werktätigen. Ein wenig basierte das auf der Dreiständelehre Platons. Dieser hat sehr wohl erkannt, dass die Intellektuellen allein fähig wären (damals die Philosophen), Macht für alle auszurichten. Um solche zu schützen, braucht es dann den Stand des Militärs; und um sie am Leben zu erhalten, ist die Wirtschaft nötig. Seine Lehre verlangte also nach einem Ständestaat. Diese These griff nach dem Ersten Weltkrieg der Philosoph Oswald Spengler („Untergang des Abendlandes“) auf, weil er in der parlamentarischen Demokratie die von politischen Extremen gesteuerte Staatsmacht gefährdet sah. In der Tat wurde versucht, in den Parteien die neuen Stände zu erkennen. Man kann sie tatsächlich als Neigungsgruppen ansprechen: Sozialisten / Liberalisten / Nationalisten / Universalisten / Anarchisten / Traditionalisten. Selbst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bemühte sich in Österreich eine Gruppe um die Errichtung eines Stände-Staates, um für alle Schichten der Bevölkerung ein politisches Mitwirkungsrecht zu installieren.

Nur wenn jede Gruppe (Stand) sich in den Leib Christi integrieren lässt, steht die Aussicht auf deren Miteinander. Daher: in allen Ständen!

Nicht vergessen möchte ich die Untersuchung, ob und wie die Bibel den Begriff der Stände kennt. Dass sich bereits im AT diesbezügliche Aussagen finden lassen, erstaunt sehr. So steht in Jes 56,11: Ein jeglicher sieht auf seinen Weg; ein jeglicher geizt für sich in seinem Stande.

Das dürfte für das 5. Jahrhundert v. Chr. sehr erstaunlich sein.

Sucht man noch weiter zurück in der Zeitrechnung, so findet man im 10. Jahrhundert v.Chr. einen salomonischen Rat in Spr 3,19: Liebes Kind, bleibe gern im niedrigen Stande; das ist besser denn alles, darnach die Welt trachtet.

Das Neue Testament bringt ein Wort des Apostels Paulus, das er Titus ans Herz legt (3,8): Die, so an Gott gläubig geworden sind, sollen in einem Stand guter Werke gefunden werden. Solches ist gut und nütze den Menschen.

Aus all dem folgert die Erkenntnis von einem speziellen Stand in allen Ständen.

In der gegenwärtigen Zeit gibt es einige gute Beispiele. So hat sich der „Verband christlicher Kaufleute“ (jetzt „Christen in der Wirtschaft“) zur Aufgabe gemacht, in Handel und Geschäft Prämissen der Ehrlichkeit um Gottes Willen zu bezeugen. Oder man denke an den „Verband christlicher Hotels“, der den Gast nicht nur als Einkommensquelle, sondern als Aufgabe sieht.

Sogar in der Christenheit selbst entwickelten sich mannigfache Stände.

So sind immer viele Menschen mit gleichen Begabungen und Interessen, mit unterschiedlichen Frömmigkeiten und Prägungen auf einander zugegangen. Mich setzt in Erstaunen, wie dies Gebet auf allen Ebenen des Lebens mit der Realität Jesu Christi und seiner Einwirkung rechnet. Dabei wage ich den Stand der Prostituierten und Schwulen einzubeziehen. Der Christenheit hat es vielfach geschadet, manche Menschen und Gruppen mit dem Prädikat „Unwürdig“ abzustempeln. Jesus hat während seines Erdenwirkens besonders die Sünder und Außenseiter angenommen (Pharisäer / Zöllner / Aussätzige u. dgl.), ja ist für sie das Lamm Gottes geworden, das der Welt Sünde trägt. Mt 9,10f:

Da er zu Tisch saß im Haus, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Die Pharisäer sprachen zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?

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