Vom umfassenden Beten II

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Sr. Dorothea Vosgerau, Ottmaring

Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm

Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm
ist dir, Gott, allmächtiger Vater,
in der Einheit des Heiligen Geistes
alle Herrlichkeit und Ehre
jetzt und in Ewigkeit.
(Gebet aus der röm.-kath.Liturgie

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Vielleicht erscheint der Anspruch, umfassend zu beten, sehr hoch. Kann man das überhaupt? Manchmal erschrecke ich, wenn ich wahrnehme, wie sehr ich in meinen Gebeten doch immer wieder bei eigenen Anliegen oder denen meiner Gemeinschaft und meines Umfeldes hängen bleibe. Ist es möglich, dass die Anliegen Gottes tatsächlich auch zu meinen Anliegen werden? Ich spüre ja, dass es nicht einfach darum geht, andere Gebetstexte zu wählen: Es muss sich etwas in meinem kleinen, engen Herzen verändern. Es muss aufgebrochen werden, befreit aus meiner Eigenperspektive hin zur Weite der Liebe Gottes, die alle umfasst.

Der Apostel Paulus spricht von der überschwänglich großen Kraft, die sich an uns erweist. Ja, damit die Liebe Gottes in uns einwurzeln kann, braucht es diese Gotteskraft, das Wunder, das nicht aus uns selber kommt.

Das Wort nimmt uns hinein in die Wirksamkeit dieser Gotteskraft. Es hat seinen Platz in verschiedenen Abendmahlsliturgien. Damit wird ein wunderbares Geheimnis ausgedrückt: Wir mühen uns nicht um diese Kraft, sondern wir begeben uns feiernd in ihre Wirklichkeit. Das Erlösungsgeschehen zu feiern, heißt, im Glauben in diese Wirklichkeit einzutreten und das Heilsgeschehen für die ganze Welt und Schöpfung glaubend mit zu vollziehen. Da hat umfassendes Beten seinen Ursprung und nur von da empfängt es immer neu seine lebendige Kraft: Die überschwänglich große Kraft, die in Jesus, dem menschgewordenen Gott, ein Gesicht und einen Namen hat.

Die Menschwerdung gehört zum Wesen der Liebe Gottes, zum Geschehen der Erlösung.

Damit wird unser Alltag zum entscheidenden Ort, in dem sich das Geheimnis ständig neu entfalten will, und der darin – so beengt und banal er uns auch erscheint – wirksam für alle und alles wird.

Durch Ihn

Jesus Christus ist zu jedem Zeitpunkt und unter allen Umständen immer neu die Tür zur Liebe des Vaters – mitten im Erfolg und in der Freude, mitten im eigenen Scheitern, mitten im schmerzlichen Erleiden von Verletzungen: Weder dass uns etwas gelingt, noch dass uns Gerechtigkeit geschieht ist der tragende Grund unseres Lebens. Jesus macht unser Leben fruchtbar und sinnvoll. Er hat alle Abgründe durchschritten und erlöst. Darum ist seine Kraft so überschwänglich groß, weil sie alles Leben mit allen seinen Unmöglichkeiten umfasst.

Mit Ihm

Gerne wollen wir mit Ihm gehen, mit Ihm lieben und mit Ihm leiden und stoßen doch so schnell an unsere Grenzen. Aber es gibt noch eine andere Perspektive: staunend entdecken, dass „mit Ihm“ heißt, dass Er mit uns ist: Dass Er unser Leben schon längst zu Seinem gemacht hat; dass Er sich in Seinem Leiden mit unseren Schmerzen verbunden hat. Da beginnt ein Geheimnis wirksam zu werden: Unsere Freuden, Verletzungen und Schmerzen werden mit Seiner Liebe verbunden. Was oft so fest an uns haftet und uns für die Menschen um uns blind macht, wird zur Quelle neuer Kraft – Kraft zum Weitergehen, Kraft, von sich selbst abzusehen, Kraft zu lieben.

In Ihm

Gebet

Er ist unser Lebenselixier. Er ist die Luft, die wir atmen. Er ist das Wasser, in dem wir schwimmen. In ihm zu sein, ist alles. Nur in Ihm tragen wir mit unserer Existenz bei zu dem, was notwendig ist: …ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre jetzt und in Ewigkeit. Wenn Gott alle Herrlichkeit und Ehre hat, findet auch alles Geschaffene seinen Platz und seine Bestimmung. Da hat jede Verschiedenheit ihren unverzichtbaren Wert. Unser Beten wird umfassend, wo wir dieses Geheimnis an uns geschehen lassen: Danksagend und feiernd werden wir uns der Wirklichkeit der erlösenden Liebe Gottes gewiss – nicht nur für uns selber. Es ist die Liebe, die uns mit allem Geschaffenen verbindet. So reißt der heilige Geist mitten in den Unmöglichkeiten des Alltags unseren engen Horizont auf und lässt Seine tiefe Sehnsucht und Hoffnung in uns wachsen: Dass durch Ihn und mit Ihm und in Ihm alle heimgebracht werden.

 

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