Vier Schlüssel für ein gereiftes Leben aus Gott III

Klaus Heß (1907-1987)

Schlüssel zur Einheit

Er hat aus Zweien eins gemacht. Aus welchen Zweien? Aus Juden und Heiden (vgl. Eph 2,14). Welche Gegensätze und welche Feindschaft! Zwischen beiden stand nicht nur rassischer Gegensatz, zwischen beiden stand das Gesetz, zum Beispiel die Beschneidung und der Fluch. Wir wissen, dass nichts tiefer trennen und feindschaftliche Leidenschaften erregen kann, Hass und Lästerung bis hin zu Mord und Totschlag, als der Unterschied des Glaubens, der Religion. Das liegt daran, dass sich hier unsere Gegensätze mit den seelischen Gefühlen und Kräften verbinden, die uns am tiefsten und innigsten angehören. Aber Er hat aus Zweien eines gemacht. Wodurch? Durch Seinen Tod am Kreuz, durch Sein Sterbensopfer.

Was hat Ihn bewegt, sich dermaßen zerreißen zu lassen, von den Juden verworfen und von den Heiden ans Kreuz geschlagen? Dem religiösen Hass Seines Volkes ausgeliefert und der Verachtung der Fremden? Es ist die Liebesglut Seines Herzens, erfüllt von der Liebe Gottes, Seines Vaters. Diese hat Ihn getrieben, sich in den Riss der Feindschaft, in die Entzweiung hineinzugeben und durch sich selbst die Einheit, die Versöhnung, die neue Liebes- und Lebensgemeinschaft zu schaffen. Die Liebesglut Jesu allein ist die Macht, jene anderen Leidenschaften, jenen Fanatismus eigenmächtigen Glaubens und jene unsagbare Gleichgültigkeit und heuchlerische Toleranz gerade innerhalb der sogenannten Christenheit zu überwinden und uns in Seiner Liebe zu einen. Die Liebe, und zwar die Liebe am Kreuz, die gekreuzigte Liebe ist der Ort der Einheit.

Was Not tut heute, das ist eine Bruderschaft der Liebenden, damit Einheit werde unter uns. Einheit, nicht des Gesetzes, nicht der Lehre, nicht der Erlebnisse, nicht der Gebete, nicht der Pläne und Unternehmungen, sondern Einheit in der Liebe, Einheit im Kreuz, im gekreuzigten Jesus, dem Sohne Gottes. Aus ihr folgt die Einheit in all diesen anderen Anliegen, Einheit voll schönster, herrlicher Mannigfaltigkeit Gottes, Seines Lichtes und Seines Geistes. Es muss eine Kreuzbruderschaft wachsen, die von jener Liebe getrieben, die Jesus erfüllt, in den Riss eintritt und sich im Kreuze eint um jeden Preis, trotz Verachtung, Nachrede, Schande, Verwerfung, Hohn und Spott. Eine Bruderschaft der Liebe, die römische Katholiken, reformierte Protestanten, Orthodoxe und Lutheraner ebenso umfasst wie Brüder und Schwestern aus Freikirchen und Klöstern, aus der Pfingstbewegung wie aus den Quäkern und aus sonstigen Gruppen der Christenheit. Was uns fehlt, das ist das Ja zur Liebe Gottes um jeden Preis, das Ja zum Kreuze Christi, das Ja zur völligen Nachfolge dessen, der hinging, nicht nur das Volk zu erlösen, sondern die zerstreuten Gotteskinder zusammen zu bringen in Eins. Wir sind erfüllt mit Angst wie die Jünger: Das widerfahre dir nur ja nicht! Wir haben Angst vor Rom und dem Papst oder vor den Geistesgaben und den versucherischen Mächten, die hinter allem stehen und stehen könnten. Wir haben Angst vor dem Urteil der Menschen, besonders der Frommen und unserer Kirchgenossen, wenn sie uns da oder dort sehen, etwa mit einem Mönch oder mit einem Prediger oder in einer Kapelle dieser oder jener Konfession und Gruppe. Wir sind leidensscheu und feig und lassen Jesus, unseren Herren, den letzten Weg Seines Opfers für die Einheit allein gehen. Welche Schmach für Ihn, welch ein Schmerz für Sein liebendes Herz. Und wieder geht Sein Fragen an uns: Könnt ihr euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? Das ist die Taufe der Buße, weg von aller Sünde und Trennung, hinein in die Einheit des Dreieinigen Gottes und aller Brüder, hinein in die Liebes- und Lebensgemeinschaft Seines Herzens und Lebens.

Furcht ist nicht in der Liebe! So gewiss die Bruderschaft des Kreuzes und der Liebe bis heute nicht gefehlt hat, so gewiss wird sie in diesen letzten Tagen sich überall erheben aus dem Staub, aus der Verzagtheit, aus der Menschenfurcht und wird in die Fußstapfen des Mannes der Schmerzen und der Liebe treten und dem Lamme folgen, wo es hingeht. In der Kraft der durchgrabenen Hände und Füße des gekreuzigten Gottessohnes wollen wir uns die Hände geben über alle schrecklichen Nöte und Trennungen hinweg – die wir nicht einfach wegleugnen, sondern zu tragen und an- und miteinander zu erleiden haben – wollen in die Fußspuren des Herrn treten und den Weg zueinander und miteinander zum Vater suchen und gehen zum Zeugnis dafür, dass Jesus Christus die Wahrheit aus Zweien eins gemacht und die Welt versöhnt hat mit Gott durch sich selbst. Wir haben aber alle Gelegenheit dazu dort, wo wir hingestellt sind, denn „das Leben besteht aus lauter Gelegenheiten zur Liebe(Hilty).

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