Gottes Weg mit Israel und der Kirche

Bruder Johannes Junger

Durch den Segen Gottes über Abraham: …In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden (Gen 12,3) sind alle Menschen mit dem erstgeborenen Sohn Gottes, Israel (Ex 4,22) zusammengebunden und verwoben. Jesus sagte zu seiner Zeit der Samariterin: Das Heil kommt von den Juden (Joh 4,22). Dies war zu allen Zeiten für einzelne und ganze Völker und Religionen ein schweres Ärgernis. Warum das Volk Israel, die Juden? Die Auserwählung Israels war verbunden mit einem weltumspannenden Auftrag: Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein (Ex 19,6). Daß Israel Licht der Völker (Jes 42,6) sein sollte, hat ihm Verkennung, Schmach und Verfolgung von Anfang an eingetragen. Es wurde zum „leidenden Knecht Gottes“ unter den Völkern. Daß Israel sich immer wieder gegen diesen Auftrag stellen wollte, zeigt zur Genüge das Alte Testament, besonders die Prophetenbücher. Aber Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen (Röm 11,29), schreibt der Apostel Paulus. Israel gehört nach wie vor die Kindschaft, die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißung (Röm 9,4). Das war nun wiederum für die christliche Kirche ein schwer zu verkraftendes Ärgernis. Denn hatten nicht viele Juden gerufen: Kreuzige ihn(Mk 15,13 u.par.) und: Wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche (Lk 19,14)? Die Kirche vergaß sehr schnell, daß Jesus unser Friede ist, der aus beiden eines gemacht hat und den Zaun abgebrochen hat, der dazwischen war, nämlich die Feindschaft durch das Opfer seines Leibes (Eph 2,14). Gerade das so oft als antisemitisch angesehene Johannes-Evangelium bezeugt: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! (Joh 1,29), das also aller Menschen Sünde hinweg nimmt (1Joh 2,2).

An Jesus haben sich zu allen Zeiten die Geister geschieden. D.h. an dem was Gott in und durch Jesus getan hat zum Heil aller Menschen.

Dass am Anfang der christlichen Kirche die Juden eine Scheidewand zwischen Juden und Judenchristen (und bald auch gegenüber den Heidenchristen) aufgerichtet haben, wird auch von jüdischen Historikern bezeugt. Über die christlichen Bekenntnisschriften wurde das Verdammungsurteil gesprochen; man stellte sie den Zaubersprüchen gleich (nach Heinrich Graetz). Daß dann aber die christliche Kirche, nachdem sie zu Ansehen und Macht gekommen war, die Juden blutig verfolgte, ist ebenso gut belegt und leider eine furchtbare Tatsache.

Der größte Schock für die Juden in der weltweiten Zerstreuung in dieser Hinsicht war zunächst der Beginn der Pestzeit in Europa (um 1348 n.Chr.) und die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492. Ab da galten sie als die Sündenböcke der Weltgeschichte schlechthin und mußten zwischen Taufe oder Tod wählen. Es ging nicht mehr um das Evangelium Gottes des ganzen Christus Jesus, der nach dem Willen Gottes ein Jude war, sondern um die Verwirklichung einer Vision und Illusion, nämlich der Aufrichtung des Reiches Gottes unter der Herrschaft der Kirche.

Dieser Schock löste aber in den Juden eine tiefe Sehnsucht nach Gott, nach dem Land der Verheißung aus: „Im nächsten Jahr in Jerusalem„, hieß nun beim Passahfest die Parole. Viele Juden wurden damals in der heutigen Türkei, dem damaligen muslimischen osmanischen Reich, mit Freuden aufgenommen. Sie haben nicht nur dieses Reich mit aufgebaut, sondern auch die Kriege mitfinanziert, die gegen das christliche Europa in der Folge geführt wurden.

Zur gleichen Zeit, als in Europa mit Baruch de Spinoza der kritische Rationalismus und seine Interpretation des Judentums aufkam, lebte auch Sabbatai Zwi im osmanischen Reich (1626-1676). Beide sind vom rabbinischen Judentum verschrien und gehaßt worden als Verderber und Verräter, Betrüger und Zerstörer des Judentums. Sabbatai Zwi löste eine weltweite messianische Bewegung im Judentum aus. Einer der bekanntesten jüdischen Gelehrten unseres Jahrhunderts, Gershom Scholem, wies in seiner umfassenden Studie über S. Zwi nach, daß erst der sog. Sabbatianismus es ermöglichte, daß das Judentum aktiv in die neuere Geschichte eintreten konnte. Gerade dadurch, daß die Sabbatianer das tatsächliche Scheitern des Messias Zwi nicht als historisches Faktum akzeptiert haben, wurde der Weg frei für den Eintritt der Juden in die Geschichte, der mit dem Zionismus dann geschehen ist. Mit eine Folge dieses messianischen Aufbruchs war dann auch die Entstehung des Chassidismus. Diese Bewegung ist vielen unter uns durch die „Erzählungen der Chassidim“ von Martin Buber bekannt. Diese „messianische Bewegung“ ist wesentlich ein Hinweis auf ein Leben in Begeisterung, in begeisterter Freude. Weil aber der Mensch unvollkommen ist und in einer unvollkommenen Welt leben muß, suchte der Chassidismus, der Vollkommenheit eine irdische Stätte zu schaffen. Hier und jetzt soll der Fromme bereits messianische Freude empfinden und erleben.

Dazwischen lag aber auch die immer erneute Bemühung der Christenheit, oft triumphalistisch, die Juden zu Jesus als ihrem Messias zu bekehren. Erst im Umkreis des Pietismus kam es zu einem Verständnis der Bekehrung im Sinne des Apostels, nämlich ..daß ich meine Stammesverwandten zum Nacheifern reizen und einige von ihnen retten könnte (Röm 11,13f). [[Gerhard Tersteegen]] schriebGerhard Teerstegen im Jahre 1737 an seinen Freund Johann Schmitz in Solingen aber warnend: “…Gleichwie ichs nun als eine Unvollkommenheit ansehe, wann erweckte Seelen sich unterwinden, andere bekehren zu wollen, ehe sie selbst durchbekehrt sind, … also achte ich es noch viel mehr nötig in Ansehung der Juden-Bekehrung, daß man dem Herrn nicht vorlaufe, als wodurch weder uns selbst noch andern geholfen wird, sondern die Gnadenkräfte durch fruchtloses Auskehren vergeblich erschöpft werden…

 

Staatsgründung IsraelsEs ist kein Ruhmesblatt für die Christenheit, daß ausgerechnet die Aufklärung die Juden aus den Ghettos befreite und die Französische Revolution für ihre Menschenrechte eintrat. Aber die allgemeinen Versuche einer Emanzipation der Juden und ihre Assimilation scheiterten m.E. daran, daß hier menschliche Gedanken, Grundrechte und Vorstellungen vorherrschten und nicht nach Gottes Willen und Absichten gefragt wurde. So gab es ein böses Erwachen vor allem für die Juden. Zunächst in Rußland als Ende des 19. Jahrhunderts die sog. Pogrome aufkamen. Sie lösten den politischen Zionismus aus. Als dann Theodor Herzl 1894 in Frankreich den Alfred Dreyfus-Prozeß erlebte, trat dieser Zionismus in die Geschichte ein. Der Zionismus ist für die Juden bis heute nicht nur eine Reaktion auf den europäischen Antisemitismus. Vielmehr antworteten die Juden nach ihrem Geschichtsverstand mit dieser Bewegung unter dem Anspruch, eine eigene Heimstätte zu finden, einen Staat zu begründen, auf die Moderne. Im Zionismus suchten sie demnach eine wirkliche Begegnung mit den Herausforderungen der neuzeitlichen Geschichte, traten so also nochmals neu in die Geschichte ein. Damit sahen sich die Juden nach Gershom Scholem nicht mehr nur als Objekte des Handelns der Mehrheitsgesellschaften, sondern als verantwortliche Subjekte des eigenen Schicksals gegenüber den übrigen Nationen bzw. Seite an Seite mit ihnen. Sie erkannten auch, daß eine wirkliche Eingliederung in die bestehenden Gesellschaften für sie nicht möglich ist. Entweder sie gehen in die völlig säkularisierten Gedanken und Vorstellungen der Völker auf, oder sie bleiben ihrem Auftrag als von Gott erwähltem Volk treu und benötigen einen Raum, in dem sie sich ihrer Bestimmung gemäß entfalten können. Daß dies nach der Bibel nur das damals so genannte Palästina sein konnte, war den Frommen und politischen Zionisten klar.

Daß nun aber der Holocaust, die Shoa des Judentums, erfolgte kann hier nur angedeutet werden. Hierfür steht stellvertretend bis heute der Name Auschwitz.

[[Heinrich Spaemann]] schrieb einmal darüber:  „Es gibt nächst Golgatha keinen Ort in der Welt, der eine solche Leidensnacht gesehen hat – wie Auschwitz. Auschwitz ist die Verdichtung eines in seiner abgründigen schuldhaften Tragik bis dahin nie wirklich erkannten zweitausendjährigen Prozesses schuldhaften Versagens von Getauften in der Bruderliebe…“ Dasselbe sagt auch ein messianischer Jude, Benjamin Berger: A…daß durch den Antisemitismus der vielen Generationen viel Haß entstanden ist. Sonst hätten die Nazis nicht soviel gegen die Juden tun können. Es schlummerte schon im Unterbewußtsein der Völker; dadurch hatten die Nazis eine Handhabe. Wenn die Juden über den Holocaust nachdenken, so identifizieren sie ihn mit dem Christentum.“

Es gab zwar schon Ende des 19. Jahrhunderts Christen, die wie stellvertretend für alle beteten: „Wir haben nicht danach verlangt, daß die Kirche aus den Heiden vollendet werde, auf daß Israel nach dem Fleische eben dadurch zu eifern gereizt und selig werden möchte. Wir haben im Gegenteil weniger Treue im Festhalten an Gottes Verheißungen bewiesen als Israel…“ Papst Johannes XXIII. hat vor seinem Tode das vor Gott bekannt und ausgesprochen, für sich und die Kirche, was viele Gläubige seit dem Holocaust im Herzen denken und beten: „Wir erkennen nun, daß viele, viele Jahrhunderte der Blindheit unsre Augen gehalten haben, daß wir die Schönheit deines auserwählten Volkes nicht sehen und in seinem Gesicht nicht die Züge unseres erstgeborenen Bruders erkennen konnten … Vergib uns die Verfluchung, die wir in deinem Namen über die Juden aussprachen. Vergib uns, daß wir dich in ihrem Fleisch zum zweiten Mal kreuzigten. Denn wir wußten nicht, was wir taten.“

Ja wahrlich, wir können nur mit dem Propheten Daniel in der babylonischen Gefangenschaft beten: Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Wir gehorchten nicht deinen Knechten, den Propheten, die in deinem Namen zu unsern Königen, Fürsten, Vätern und zu allem Volk des Landes redeten… Wir, unsre Könige… und unsre Väter müssen uns schämen, daß wir uns an dir versündigt haben. Bei dir aber, Herr, unser Gott, ist Barmherzigkeit und Vergebung… (Dan 9).

Es war für mich eines der eindrücklichsten Erlebnisse, als ich aus dem Munde eines messianischen Juden hörte, als eine Christin von der Schuld der Christen sprach: „Wir, die Juden, haben gerufen: Kreuzige ihn.., wir wollen dich nicht! Wir (d.h. Juden damals) haben sogar das schreckliche Wort ausgerufen: Dein Blut komme über uns und unsere Kinder … Ich muß für uns alle vor Gott treten und Buße tun.“ Derselbe messianische Jude sprach auch davon, „daß die Juden ohne Glauben an Gott in ihr Land zurückgekehrt sind. Nicht nur das, es gab in den Herzen der Juden irgendwie eine Art Rebellion gegen Gott. Denn nach all dem grausamen Geschehen wollten sie nichts mit Gott zu tun haben. Sie wollten es allein schaffen (d.h. den Aufbau des Landes).“

Vielleicht müssen wir alle, Juden und Christen, mit dem Apostel Paulus bekennen: Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. Und fährt dann fort: 0 welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege… Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen (Röm 11,32-36).

So stehen wir alle miteinander dort, wo der Prophet Jeremia stand, als er auf den Trümmern Jerusalems betete: Unsere Väter haben gesündigt und leben nicht mehr, wir aber müssen ihre Schuld tragen … Bringe uns, Herr, zu dir zurück, daß wir wieder heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters! (Klgl 5,7.21).

Für uns Christen gilt vor allem, daß wir angesichts aller Fragen und ungelösten Anfragen an Gott und die Geschichte nicht vergessen sollten, zu bekennen: Es ist in keinem andern das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden… als allein der Name Jesu Christi! (Apg 4,12.10). Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott (2Kor 5,19f).

Diese Botschaft hat die Kirche durch viele Jahrhunderte in vielen Dienern und Dienerinnen durch Wort und Leben, Kraft und Zeugnis beispielhaft verkündet. Aber leider gilt auch, daß die Christenheit bis heute immer wieder in der Gefahr steht, diesen Zeugendienst in triumphalistischen Visionen und Hoffnungen auszuführen. Solchem Tun ist keine Verheißung gegeben. Wir können heute nur demütig bitten: Laß uns als Diener und Dienerinnen Christi Jesu unter allen Völkern und Religionen das Evangelium Gottes priesterlich ausrichten, damit wir alle zusammen ein Opfer werden, das Gott wohlgefällig ist, geheiligt durch den heiligen Geist zur Ehre Gottes und zur Heiligung seines Namens, daß sein Wille geschehe und sein Reich gebaut wird (s.a.Röm 15,16).

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