Er kommt…

Michael Decker

Die Wiederkunft Jesu Christi Lieblingsgedanke der Wartenden

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Gott, unser Vater, Herr der Welten!
Lass bald kommen die Zeit der Erfüllung und Vollendung.
Sende ihn, den du senden willst.
Bei seiner Erscheinung werden deine Gläubigen auferstehen und wir, die wir leben, werden verwandelt und mit ihnen hingerückt ihm entgegen und so bei ihm sein allezeit.
Jetzt ist unsere Gemeinschaft mit ihm noch verborgen;
dann aber werden wir ihn schauen von Angesicht zu Angesicht.
Dann wird das Seufzen der Kreatur enden, der Tod entfliehen und Heil anbrechen auf Erden wie im Himmel.
Als deine Kirche werden wir dir in deiner neuen Schöpfung dienen mit unaufhörlicher Freude, bis du sein wirst alles in allem:
Gott-Vater durch Jesus Christus im Heiligen Geist.

Gott erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid… Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt. Sie ist sein Leib und wird von ihm erfüllt, der das All ganz und gar beherrscht (Eph 1,18.22f).

Wir warten. Alle Geschöpfe warten, bewusst oder unbewusst. Die ganze Erde und sogar der Himmel warten, dass der erscheint, der das ganze All, die Geschichte und jedes menschliche Herz erfüllen soll. Vom Warten auf Jesus Christus, der gekommen ist und versprochen hat, wieder zu kommen in Herrlichkeit, gibt Michael Decker im diesem Beitrag Zeugnis.

Auf die Frage: „Glauben Sie an die Wiederkunft Jesu„, antworten Christen verschieden: „Ja schon… irgendwie… die Wiederkunft ist von Jesus selbst und von den Aposteln angekündigt … aber eigentlich ist sie doch weit weg! Wenn es soweit ist, werden wir es schon merken … Und überhaupt: Es ist ein beängstigendes Thema; denn ehe der Herr wiederkommt, soll es großes Unheil, Naturkatastrophen, Verfolgung etc. geben.

Die angekündigten apokalyptischen Endzeit-Ereignisse scheinen für viele den Hoffnungshorizont zu verdunkeln.
Manche halten es auch für wichtiger, die Gegenwart und die nächste Zukunft in Kirche und Welt mitzugestalten.
Die Erwartung der nahen und nahenden Wiederkunft Jesu tritt in den Hintergrund.
Außerdem ist die im Neuen Testament angesagte nahe Wiederkunft Christi anscheinend ausgeblieben. Die Naherwartung Jesu und der Apostel hat sich nicht so erfüllt, wie sie erwartet wurde. Handelt es sich am Ende um eine Utopie, um einen Wunschtraum, weil wir uns nach paradiesischen Zuständen sehnen?

Das Reich Gottes ist mitten unter euch

Jesus hatte verkündigt: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen! Wahrlich, ich sage euch, dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht (Mk 13,30). Diese Worte lassen keinen Zweifel aufkommen, dass Jesus von Endereignissen spricht.
Ein anderes Mal sagte Jesus (Mk 9,1): Amen … einige hier … werden den Tod nicht schmecken, bis sie sehen werden, dass das Reich Gottes in Kraft gekommen sein wird (vgl. Mt 10,23).
Jesus erwartete also das unmittelbare, schnelle Kommen des Reiches, lehrte aber zugleich: … das Reich kommt nicht so, dass man sein Kommen an Vorzeichen ablesen kann (Lk 17,20f).
Die Worte, mit denen Jesus seine Jünger auf die letzten Dinge hinweist, haben einen eigenen Klang. Jesus sprach nicht im Ton der üblichen Erwartung des Weltendes.

In der religiösen Literatur gibt es eine bestimmte Gattung (Apokalyptik), in der die Themen „Gottesgericht“, „Weltuntergang“, „Zeitenwende“ oder die „Enthüllung göttlichen Wissens“ behandelt werden. Auch außerhalb der Bibel hatte und hat diese apokalyptische Weltanschauung immer wieder Interesse gefunden. In schweren Zeiten von Krieg, Verfolgung oder Krankheit suchen Menschen nach Halt und Orientierung. Sie fragen: „Wie hängt alles zusammen? Wo ist Gott in der Not? Wie lange dauert es noch, bis alles zerbricht oder bis endlich eine Lösung kommt?“ Die Apokalyptik weist auf den Zeiger der Weltenuhr. Sie versucht Abläufe zu erkennen und in prophetisch-visionärer Sprache anzusagen, welche Stunde es geschlagen hat.

Auch Jesus beschreibt dramatische Szenen, wenn er von den letzten Dingen lehrt, aber er tut es doch anders. Er weigert sich, Zeitpläne aufzustellen. Auf die Frage der Jünger, wann wird das geschehen? Was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? antwortet er: Fürchtet euch nicht! Aber seid wachsam! – Von dem Tag und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater… Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt… Und seid bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint (Mt 24, 36.42.44).

Oft ist das apokalyptische Denken eher pessimistisch und sagt: „In dieser Welt kann es nur noch schlechter werden. Das Chaos wird immer schlimmer. Wir treiben unweigerlich dem Abgrund zu. Aber später, in einer neuen Zeit und Welt, dann werden Leben, Licht, Ordnung und Heil anbrechen.“ Dabei werden immer zwei grundverschiedene Welten auseinander gehalten: Hier und Dort, Jetzt und Dann. – Jesus dagegen spricht anders. Er verkündigt nicht nur, dass es ein Reich Gottes gibt oder einmal geben wird, sondern dass es jetzt schon kommt. Er spricht sowohl von einem zukünftigen als auch von einem gegenwärtigen Kommen des Gottesreiches.

Die Erwartung der Wiederkunft in der Liturgie

In den Fürbitten vieler Gottesdienste wird eher um die Achtsamkeit auf das gegenwärtige Kommen Jesu hier und heute und um die rechte Vorbereitung des Einzelnen für das eigene Sterben und das Lebensende gebeten als um die Hoffnung auf die Wiederkunft.
Doch an einigen Stellen sind endzeitliche Hinweise bewahrt, z.B. im Glaubensbekenntnis: „Er (Jesus) sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten“ (Apostolicum).
In vielen Abendmahlsfeiern singt oder spricht der Liturg nach den Einsetzungsworten: „Geheimnis des Glaubens“; darauf antwortet die Gemeinde: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

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In der röm.-kath. Messe wird das Vaterunser oft durch einen Einschub erweitert; vor der Schlussdoxologie betet der Priester: „Erlöse uns, Herr, allmächtiger Vater, von allem Bösen und gib Frieden in unseren Tagen. Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.“ Hier wird um das Wiederkommen Jesu gebeten.
In älteren evangelischen Gottesdienstordnungen heißt es: „Lasst uns um Erbarmen rufen zu dem, der dieser Welt und aller Zeit ein Ende machen wird und ein Richter ist über die Lebendigen und die Toten. Lasst uns zu ihm rufen, der uns die Türe aufgetan hat zu Seinem Reich…“ Oder: „Allmächtiger Gott, wir gedenken vor dir des Sohnes deiner Liebe. Wir verkündigen seinen Tod. Wir freuen uns seiner Auferstehung und seiner Gegenwart zu deiner Rechten. Wir harren voll Zuversicht seiner Wiederkunft…“
In liturgischen Texten ist das Warten auf die Wiederkunft Jesu also aufbewahrt. Aber es bleibt die Frage: Wie lebendig ist der Glaube unter uns? Kann er spürbare und wirksame Hoffnungskraft freisetzen? Oder handelt es sich um liturgische Lippenbekenntnisse?

Umkehr zur Hoffnung

Zu allen Zeiten der Kirchengeschichte gab es einzelne Christen und Bewegungen, die mit großer Sehnsucht das Wiederkommen Jesu erwartet haben. Im 19. Jahrhundert waren es die katholisch- apostolischen Gemeinden, deren Glaube und Zeugnis bis heute leuchten. Damals lasen geisterweckte Menschen in England sorgfältig und ausdauernd die ganze Bibel und gewannen dabei eine starke Endzeithoffnung. Der Funke der Erweckung erfasste schließlich in ganz Europa und weltweit verschiedene christliche Kirchen und Glaubensgemeinschaften.
Die ersten Amtsträger entstammten der anglikanischen und der presbyterianischen Kirche Schottlands. Aber auch lutherische, reformierte und römisch-katholische Geistliche schlossen sich an.
Diese katholisch-apostolischen Gemeinden wollten sich weder von der Kirche trennen, noch eine eigene Kirchengemeinschaft gründen. Sie erkannten, dass die Christenheit großen Schaden leidet, weil sie den lebendigen Glauben an die Wiederkunft aufgegeben hat. Mit dem Verlust des Glaubens an die Wiederkunft wird die Hoffnungskraft geschwächt.
Aus dieser Wahrnehmung entstanden in den katholisch-apostolischen Gemeinden viele Bußgebete. Diese Christen waren überzeugt, dass die Kirche nur durch inständige Hinwendung zu Gott erneuert werden kann. Sie übten Buße – auch stellvertretend – für alle, die diese Hinwendung nicht für nötig ansahen. Sie warteten mit Sehnsucht auf die Wiederkunft Jesu zu ihren Lebzeiten.
Diese Gemeinden gehörten zu den klarsten Endzeitbewegungen. Doch auch ihnen wurde die Enttäuschung nicht erspart. Einer ihrer geistlichen Väter, John Cardale, sagte am Ende seines Lebens: „Wir haben uns geirrt, indem wir zu Lebzeiten mit der Wiederkunft Jesu rechneten.“ Heute wäre diese Bewegung vielleicht vergessen, wenn sich die Verantwortlichen nicht zu ihrem Irrtum gestellt hätten. Sie hielten ihre Sichtweisen nicht fest, sondern gaben die Gaben und Einsichten, die sie bekommen hatten, an Gott zurück. Sie starben im Vertrauen, dass Gott mit seiner ganzen Kirche weitergeht, auch wenn er es anders tut, als Menschen es warten. Ein umfassendes katholisch-apostolisches Bußgebet ist bis heute nicht veraltet:

„Gerechter, barmherziger Vater! Gleich irrenden Schafen haben wir deine Wege verlassen und nach unserem eigenen Willen sowie nach den Lüsten und Begierden unsres eigenen Herzens sind wir gewandelt. Deine Wahrheit haben wir mit unserem Verstand aufgenommen und unsere Herzen gegen dich verschlossen. Die Sünden vieler Zeitalter, Geschlechter und Stände ruhen schwer auf uns; wir und unsere Väter und Brüder haben gesündigt wider Dich und wider einander, und um unserer und deines ganzen Volkes Sünde und Untreue willen ist die Einheit deiner Kirche zerstört, dein Heiligtum entweiht, dein heiliges Wort und deine heiligen Sakramente verachtet, dein Geist gedämpft, deine Ordnungen und Ämter zerbrochen und die brüderliche Liebe erkaltet. 0 Herr, wir und unsere Väter haben die lebendige Hoffnung der nahen Zukunft deines Sohnes Jesus Christus sinken lassen, anstatt des ewigen Erbteils eine Behausung in dieser Weit vorgezogen und die Herrlichkeit und Ehre, die vergänglich ist, gesucht. Darum ist der Friede gewichen, die Erde mit Krieg und Streit überzogen und das Blut deiner Heiligen vergossen auf der Erde, die du mit dem Blut des Lammes geheiligt hattest. Um Jesu Christi willen: Tilge unsere Missetat, reinige und einige dein Volk … “

Die Verantwortung der Gläubigen und der Kirche geht immer in zwei Richtungen: Die Umkehr zu Gott (wie in den katholisch-apostolischen Gemeinden vorgelebt) und im Tun des Möglichen.
Jesus sagte seinen Jüngern: Handelt, bis ich wiederkomme! (Lk 19,13) Jesus sandte sie in alle Welt, um das Evangelium, die frohe Botschaft vom Reich zu verkünden. Schon Jesaja schaute, dass am Ende Gott den Völkern ein Mahl bereiten wird (vgl. Jes 25,6); auch Jesus sprach davon (vgl. Mt 8,11). Wenn Er wiederkommt, haben wir Gemeinschaft mit ihm und miteinander und mit Gott in Vollendung. Darum beteten die Christen von Anfang an ihre Gebete um die Wiederkunft Jesu vor dem Empfang des Abendmahls.
Wenn Jesus wiederkommt, wird alles neu sein (Mk14,25): Die Toten werden auferstehen (vgl. Mk 12,18-27 par) und die Schöpfung wird erneuert bzw. eine neue Schöpfung wird geschaffen. Wir können uns das kaum vorstellen.
Aber jetzt schon soll das Zeichen des kommenden Reiches Gottes aufleuchten. Darum tut Jesus Zeichen: Die Heilungen sind Hinweise und Vorzeichen der endgültigen Heilszeit (vgl. Lk 11,20 par; Mt 12,28 u.v.a.). Sie sind vorläufig, vorauslaufend. Die Zeichen sind noch nicht das eigentliche Reich. Aber bis das endgültig Neue anbricht, soll evangelisiert, gedient, geliebt und das eine Volk aus den Juden und aus den Völkern gesammelt werden. Darum betet Jesus auch so inständig in Joh 17 um die innere Einheit der Seinen.
[[Augustinus]] (354-430) schrieb einmal in einem Brief die beachtenswerten Worte: „Nicht derjenige liebt die Wiederkunft des Herrn, der sagt, sie liegt noch in weiter Ferne; auch nicht der, der sagt, sie steht unmittelbar bevor; sondern derjenige, der sie mit ernstem Glauben, fester Hoffnung und brennender Liebe erwartet, ganz gleich, ob sie fern oder nah ist“ (aus: Franz Stuhlhofer, Das Ende naht! Die Irrtümer der Endzeit Spezialisten, 1992).
Wer so wie [[Augustinus]] es beschreibt, warten kann, lebt in geduldiger Hoffnung:

Spannungsfeld

Schon im alten Bund wartete das Volk Israel auf den großen Tag des Herrn (vgl. Am 5,18.20). Die alten Profeten Jesaja, Amos, Jeremia u.a. verkündeten, dass dieser Tag der endgültigen Ankunft Gottes sowohl ein lichtvolles Ereignis als auch ein Tag des Gerichts und der Heimsuchung sein wird. Wer wird den Tag seines Kommens ertragen können? Wer wird bestehen, wenn Er erscheint!? (Mal 3,2)
Schon in Israel wusste man, dass die Welt nicht gesund und heil werden kann durch menschliche Leistung oder durch Entwicklungen zum Höheren und Besseren. Wir Menschen können keine rechten und gerechten Verhältnisse schaffen, die Bestand haben. Wir sind darauf angewiesen, dass Gott in die Geschichte eingreift. Nicht der materielle oder geistige Fortschritt, sondern die Gnade Gottes bringt die Zeit der Erlösung und des Heils.
Diese Aussicht auf das Kommende und den Kommenden ist ein wesentlicher Grund der Hoffnung. Wir hoffen und warten auf den allzeit ankommenden und auf den endlich wiederkommenden Herrn.

Wartezeit

Diese Botschaft klingt auch immer wieder im NT an, z.B. im Hebräerbrief (9,28): Christus wurde einmal geopfert, um die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil .
Die Zeit zwischen dem ersten Kommen Jesu und seiner letzten Wiederkunft ist also Wartezeit. Jemand sagte: „Warten ist ein Kind der Hoffnung; allerdings oft ein Stiefkind!“ Warten braucht Geduld, langen Atem und Ausdauer. Ein Ungeduldiger wartet nicht gern. Nur ein Geduldiger hält durch. Das Durchhalten ist eine Kraft. Die Quelle dieser Kraft ist die Hoffnung.
Paulus schreibt im Römerbrief (5,3ff): Wir wissen: Bedrängnis bringt Geduld; Geduld bringt Bewährung; Bewährung aber bringt Hoffnung (hier: Hoffnung auf die Wiederkunft). Hoffnung lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Hoffnung lässt also nicht untergehen. Wer hoffen kann, beschreitet einen Zukunftsweg.

Gelassenheit

Die überirdische und übernatürliche Dimension, der immer größere Horizont, ist die eigentliche Kraft der Hoffnung. Hoffnung ist mehr als die Devise: „Es wird schon irgendwie gut gehen.“ Hoffnung ist stärker als Optimismus oder Vertrauen in die Zukunft.
Hoffnung ist überzeugt, dass wir von Ewigkeit her und auf Ewigkeit hin unterwegs sind. Der Weg unseres Lebens kommt aus dem Leben mit Gott vor aller Zeit und reicht über die irdischen Horizonte hinaus in ein verwandeltes und vollendetes Leben jenseits aller Zeit. Es gab ein Leben bei Gott vor unserer Geburt, und es gibt ein Leben nach dem Tod. In diesem weiten Lebensraum herrschen Freiheit und Hoffnung. Wir leben in der Freiheit, dass sich in diesem Leben noch nicht alles abrunden und vollenden muss. Dieses Leben ist einmalig, und doch haben wir die gewisse Hoffnung, dass die Gnade größer ist als jede Sorge, hier alles in Perfektion erreichen oder bewältigen zu müssen. Wir werden den Idealen und Aufgaben, den Ansprüchen und Zielen nie ganz gerecht. Aber wir hoffen, dass Gott vollständig machen und ergänzen wird, was uns nicht möglich war oder was wir versäumt haben. Und dabei sagen wir nicht: „Hoffentlich tut Gott das…!“, sondern wir leben mit einer begründeten Annahme. Aus der Quelle der Hoffnung fließen Gelassenheit und Vertrauen.
Jesus sagte zu Marta, als sie auf dem Weg zum Grab des Freundes Lazarus waren: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? (Joh 11,25) – Und später betet Jesus: Das ist das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus erkennen (Joh 17,3).
So stärkt Jesus die Kraft der Hoffnung auf umfassendes Leben – auf das Leben hier und heute in allen Aufgaben und in der Sendung, in der wir stehen; und auf das Leben, das uns künftig, im nächsten Äon und Zeitabschnitt der Heilsgeschichte erwartet.
Ob für uns der nächste Zeitabschnitt mit unserem Lebensende, mit dem Tod dieses Leibes beginnt, oder ob wir in unserer Zeit den Anbruch eines neuen Äons erleben werden, den der Wiederkommende heraufführt, ist nicht so entscheidend. Die Qualität von Leben wird dadurch nicht bestimmt.

Gottes Sehnsucht

Das Neue Testament endet mit einem Wortwechsel zwischen der Gemeinde und Jesus. In den letzten Sätzen der Offenbarung hören wir zuerst eine Bitte: Der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! … (Off 22,17). Darauf ruft der Herr: Ja, ich komme bald! – Und die Gemeinde antwortet wieder: Amen, ja, komm, Herr Jesus! (Off 20,22).
Dieser kleine Dialog klingt durch die Jahrhunderte der Kirchengeschichte. Ja, ich komme bald! Dieses Wort bald sagt Jesus. Darin drückt er seine Sehnsucht aus. Das ist überraschend. Denn nicht nur wir rufen voll Sehnsucht: „Wann, kommst du Herr? Komme doch bald!“ – Sondern hier erfahren wir auch, dass Jesus voller Sehnsucht ist. Er möchte bald, in Kürze und im Nu wiederkommen.
Das Bald gehört demnach wesentlich zur Erwartung der Wiederkunft. Ohne dieses Bald gibt es keine Hoffnung und keine Kraft zu warten. Wir brauchen aber die Kraft zu warten. Denn wir wissen: Erst der Wiederkommende wird zurechtbringen. Erst seine nahe und nahende Wiederkunft wird die Geschichte der Völker und unsere eigene entscheiden.
Deshalb sollen wir immer das Heute messen am Kommenden. Wir leben auf Zukunft hin und – vielleicht noch wichtiger – von der Zukunft her. Wir sind gewiss, dass der Herr auf uns zukommt und dass er längst unterwegs ist. Von daher sehen wir viele Dinge anders und handeln auch anders. Vieles, was die Welt für groß hält, wird klein, und vieles Kleine wird uns groß.
[[Heinrich Spaemann]] schrieb einmal (sinngemäß): Wir müssen mit dem Kommen Christi umgehen wie mit einem Lieblingsgedanken … mit einem Lieblingsgedanken, aus dem man immer neue Kraft und Nahrung schöpft. Wer dies tut, wird den Knechten gleichen, die das Haus rüsten für ihren heimkommenden Herrn. Er/sie wird der Braut gleichen, die sich schmückt für ihren Bräutigam.
So verlieren wir das Bald nie aus dem Sinn. Wir spüren unsere Sehnsucht und wir spüren Gottes Sehnsucht. Der Vater im Himmel möchte, dass der Leib seines Sohnes endlich vollständig wird durch alle seine Glieder. Keine und keiner sollen fehlen. Alle sind gerufen. Auf alle wartet der Herr, bis die Fülle erreicht ist.

wildganse

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