EINLEITUNG

 

Was ist das unwiderlegliche Zeugnis der Christenheit an die Welt? Die innige unzertrennliche Gemeinschaft im Herzen Jesu. Dies ist ein Mysterium, das sich mit Worten nicht aussagen lässt, aber zugleich eine göttliche Realität ist.- Luitpold Schatz (1925 - 2014), Stuttgart-Weilimdorf

 
Beim 11-Uhr-Gebet ist es wie bei anderen Formen und Texten in der Kirche: Nicht Menschen bewirken sie letztlich, sondern durch sie der Heilige Geist.
Bei diesem Gebet klingen alle uns im Neuen Testament überlieferten Gebete auf.
Zunächst ist das Herrengebet in seinen drei Hauptbitten als letzter Zielpunkt aufgenommen:

Zu Gottes alleiniger Ehre –
zum Kommen des Himmelreichs –
dass der Wille des Vaters wie im Himmel
so auf Erden geschehe.

Weitere Grundlagen solchen Betens findet man in den apostolischen Gebeten des Epheserbriefes, Kap. 1,15ff und 3,14ff.

Ganz stark klingt auch das Gebet des Meisters vom Vorabend seines Todes auf. Fast dünkt einem das 11-Uhr-Gebet als eine Umwandlung des Hohepriesterlichen Gebets für den Gebrauch der Jünger. Doch nicht nur Gebete des Neuen Testaments, sondern solche, die der Geist in die Geschichte der Kirche schenkte, klingen wörtlich oder dem Sinn nach an. Etwa das Friedensgebet des Franz von Assisi:
O Herr, mache mich zu einem Werkzeug des Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst. Oder das Hingabegebet des Schweizer Heiligen Nikolaus von der Flüe: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir; gib alles mir, was mich fördert zu dir; nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.


Auch das Weihegebet an das Herz Jesu aus der Christkönigsfestliturgie unserer katholischen Geschwister klingt zum Teil wörtlich an: Ziehe alle an dein heiligstes Herz; und im Blick auf Israel: Möge das Blut, das auf sie herabgerufen wurde, als Bad der Erlösung auch über sie fließen.

Ebenso waltet im 11-Uhr-Gebet der Geist der bekannten großen Ektenie, verfasst von Johannes Chrisostomus, mit der Bitte für alle Menschen und alle Kreatur. Die Wurzeln reichen also hinein in die Heilige Schrift und in die Geschichte der Kirche. So lässt sich das 11-Uhr-Gebet nicht einer bestimmten Konfession zuordnen.
Es ist ein allumfassendes Gebet, also sowohl katholisch, aber auch orthodox (rechtgläubig; besser: rechtpreisend). Es ist evangelisch, also wortbezogen. Auch ist es pietistisch im tiefsten Sinn der Herzensfrömmigkeit. Und es ist pfingstlich, vom Geist getrieben. Das Wesentliche in allem ist von der ganzen Kirche für die ganze Kirche im Sinn der Inneren Kirche, weil es vom Herzen Jesu mit seiner Opferliebe erfüllt hineinzuwirken vermag in den Gesamtraum der Christenheit.

Natürlich hat dieses Gebet seinen geschichtlichen Standort, wie die Seele eben einen Leib braucht. Es ist nicht von ungefähr, dass es in das 20. Jahrhundert hineingeboren ist und dass es dem europäischen Raum angehört, von dem – positiv und negativ – jene Bewegungen ausgingen, die nachher in der Welt geschichtsmächtig wurden.
Hier seien einige Stimmen angefügt, um deutlich zu machen, wie nicht nur die Kirche, sondern auch die Welt nach jener Mitte schreit, die im Herzen Jesu geboten ist. Der Buchtitel eines früher bekannten kunstkritischen Werkes „Verlust der Mitte“ ist geradezu eine Diagnose unserer Zeit. Die Dichterin Gertrud von le Fort sagt: Das Herz ist gestorben, und zwar tief bis in die Reihen derer, die für die christlich Frommen gelten. Ja, vielleicht liegt bei denen der eigentümlich tote Punkt der heutigen Welt. Dies Zitat will nach biblischer Aussage bedeuten, dass die Liebe in vielen erkaltet ist und die Ungesetzlichkeit überhand nahm, ja sogar zum wahren Gesetz und zur neuen Freiheit erhoben wurde. Zerbrecht mir die alten Tafeln, lässt Nietzsche seinen Zarathustra sagen. Und Albert Einstein erklärt aus tiefer Einsicht: Das Problem unserer Tage ist nicht jenes der Atomenergie, sondern das des menschlichen Herzens. So eindeutig wir heute im Zeitalter der Atomspaltung leben, so sehr entspricht ihm die Spaltungstendenz aller Seinswerte bis hin zur Person und der Welt. Es ist sehr eigenartig, dass man im gleichen Zeitraum, in dem man das ‚atomos’ (das Unzerteilbare) eben doch zu zerteilen lernte, auch anfängt, das Individuum (lat. gleichbedeutend mit dem griechischen Begriff ‚atomos’, also unteilbar) zu zerspalten und zu zerreißen. In einer Zeit der Spaltung, der Analyse, der Auflösung entstand das 11-Uhr-Gebet, das wieder mit der Mitte eine Einheit zeigt, nicht nur für einen frommen Zirkel, sondern für den ganzen Kosmos, das Universum.
Das ist das Zeugnis der Apostel: Das Geheimnis seines Willens, dass in Christus alles wieder ein Haupt bekomme. Johannes, der Jünger, der am Herzen Jesu lag, könnte sinngemäß sagen: dass in Jesus alles wieder ein Herz bekommt, eine Mitte, von der her ein System, ein Ganzes, eine Synthese des Alls möglich wird, die nicht von Menschen gemacht ist. Der Mensch versuchte im Lauf der Geschichte, immer wieder selbst eine Mitte, eine Einheit zu schaffen. Aber auch hier gilt: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein (zur zusammenhaltenden Mitte) geworden.

Das 11-Uhr-Gebet entspricht jener positiven Tendenz, die der katholische Denker des 19. Jahrhunderts Ernst Hello aufzeigt: Eine allgemeine Bewegung, eine katholische Bewegung in allen Bedeutungen des Wortes treibt die christliche Welt an das Herz Jesu. Diese allgemeine Bewegung bedeutet, dass die Zeit des heiligen Johannes gekommen ist. Der Jünger, der keinem anderen gleicht; der Jünger, den Jesus liebte, der Mann des Herzens Gottes schickt sich an, die aufgesparten Geheimnisse zu enthüllen.

Was ist das unwiderlegliche Zeugnis der Christenheit an die Welt? Die innige unzertrennliche Gemeinschaft im Herzen Jesu. Dies ist ein Mysterium, das sich mit Worten nicht aussagen lässt, aber zugleich eine göttliche Realität ist.

Das 11-Uhr-Gebet kann letztlich nur vom Beter selbst erfasst werden. Es erschließt sich ihm, indem er betet; nicht auf einmal, sondern wachstumsmäßig. Er darf der Erhörung gewiss sein – zuerst in ihm selbst, wodurch er dann zum Einheitsmenschen werden kann, zu einem Erstling der Einheit. Der den Anbruch gab, wird auch die Vollendung schaffen.

Walter Faulmüller, Stuttgart-Weilimdorf
(Jahrbuch der Vereinigung vom gemeinsamen Leben im Oekumenischen Christusdienst)

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