Der Glaube der Menschen, die Hoffnung für die Kirche, die Liebe zu Gott

Der Glaube der Menschen, die Hoffnung für die Kirche, die Liebe zu Gott

Sehr erfreut sind wir über die orthodoxe Stimme, die durch Erzbischof Serafim laut wird. Für uns westliche Christen ist sie eine wichtige Ergänzung und Erweiterung unseres Horizonts. Bei Gott geht es eben ums Ganze!

In seinem Brief an die Galater schreibt der heilige Paulus: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28).

Diese Einheit in Christus ist eine mystische, geistliche Einheit, die sich auf die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung erstreckt. Denn die ganze Menschheit und die ganze Schöpfung sind in Christus „neu geschaffen“. Unser Erlöser Jesus Christus ist, weil er ohne Sünde ist, von den anderen Menschen nicht getrennt so wie wir, die wir in Spaltungen leben wegen unserer Sünden, sondern er ist der „Mensch schlechthin“ („Seht, das ist der Mensch“, Joh 19,5), „der totale Adam“ oder „der universale Mensch“, wie ihn die heiligen Kirchenväter nennen. Christus ist von nichts und niemandem getrennt. 

Alle Menschen und die ganze Schöpfung sind durch ihn neu geschaffen. Alle leben und alles lebt in Christus. Alle Menschen in Christus sind „ein einziger neuer Mensch, ein einziger Leib“. Derselbe Apostel schreibt an anderer Stelle: „Ihr seid der Tempel des Heiligen Geistes“ und „eure Leiber sind die Glieder Christi“ (1Kor 6,15 und 19; vgl. auch Röm 12,5 und 1Kor 12,12). Und wie Christus Einer aus der Heiligen Trinität ist, so wird durch ihn die Welt zur Gemeinschaft mit dem Vater und dem Heiligen Geist erhöht („so kommen wir Gott nahe durch den Heiligen Geist“). So sind wir in Christus nicht mehr „Gäste und Fremdlinge“ ohne Bleiberecht, sondern „Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Eph 2,19). Erneuert durch die Taufe wird jeder „zu einer Wohnung Gottes im Geist“ (Eph 2,22).

Solange es dem Menschen nicht gelingt, in seinem Herzen die Barrieren niederzureißen, die ihn von seinem Nächsten unter den Menschen trennen, solange es ihm nicht gelingt, alle Menschen und die ganze Schöpfung in seinem Herzen in Liebe aufzunehmen unter Wiederentdeckung seiner schöpfungsgemäßen Berufung als „universaler Mensch“ oder „totaler Adam“ – wie Christus selbst -, wird er sich nicht des inneren Friedens erfreuen können, der in alle seine Gedanken, Worte und Werke ausstrahlt und der seine Beziehungen mit den Nächsten und der Schöpfung bestimmt …

Es gibt tatsächlich Momente in unserem Leben, in denen wir uns mit der ganzen Menschheit und der Schöpfung solidarisch verbunden wissen, in einer Solidarität, die als ein Mit-Leiden mit dieser Welt zu verstehen ist, die so viel leidet. Daher sagt auch der heilige Isaak der Syrer (6. Jahrhundert), dass das Zeichen der Heiligkeit ein mitleidvolles Herz ist. 

Es ist wichtig zu wissen, dass der „idealtypische Mensch“ oder der „neue Mensch“, der in den Tiefen unseres Wesens schon von der Taufe an verborgen ist, kein Trugbild und keine Illusion ist, sondern Gott selbst, der sich mit uns in der Person seines Sohnes, unserem Herrn Jesus Christus, vereinigt hat.

(vgl. Eph 3,16; 1Petr 3,4)

Die Kirchenväter sagen, dass unser christliches Leben eine kontinuierliche Aktualisierung der Taufe ist … Wenn wir durch die Taufe in den Leib Christi eingegliedert werden, der die Kirche selbst ist, dann ist jeder gerufen, in Christus zu wachsen „zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi“ (Eph 4,13). Wir sind also gerufen, in Christus zu leben, nach seinen Geboten, bis zur vollständigen Identifizierung mit ihm. In diesem Sinne sagt der heilige Apostel Paulus: „Seid so unter euch gesinnt, wie es Jesus Christus auch war“ (Phil 2,5) und: „Wir aber haben Christi Sinn“ (1Kor 2,16). Und an anderer Stelle sagt er: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).

Aus alledem und aus vielen anderen Aussagen, die wir in der Heiligen Schrift und bei den Kirchenvätern finden, erkennen wir, dass das christliche Leben vor allem ein innerliches Leben ist, eine mystische Erfahrung, die das Herz zum Zentrum hat. In der Tat ist das Herz das Zentrum der menschlichen Person, der Sitz und die Quelle der Gefühle, des Willens und der Gedanken. Alle unsere physischen und psychischen Kräfte konzentrieren sich im Herzen wie in einem Fokus …

Ich will kurz vorstellen, was in unserer orthodoxen Spiritualität die Quintessenz des geistlichen Lebens darstellt: das Gebet, die Askese und das Ertragen von Leid.

Das Gebet ist Atem der Seele, ihr Leben selbst. Das wahre Gebet – ob in der Gemeinschaft, in der Kirche oder allein, ob zu Hause oder anderswo – wird mit dem Verstand im Herzen verrichtet, also mit voller Konzentration im Herzen, damit das Gebet unser ganzes Wesen umfasst und nicht nur den Verstand.

Der zweite Aspekt ist die Askese. Das griechische Wort Askese bedeutet Übung. Es wird in der Heiligen Schrift und in der geistlichen Literatur im Sinne von Abstinenz, Enthaltsamkeit, Selbstbeherrschung, Fasten, Verzicht und Nüchternheit gebraucht. Das christliche Leben ist ein asketisches Leben. Unter den asketischen Praktiken hat das Fasten eine besonders wichtige Rolle, weil es die menschlichen Sinne diszipliniert und dem Verstand hilft, sich beim Gebet ins Herz zu versenken. In der orthodoxen Tradition sind mehr als die Hälfte aller Tage des Jahres Fastentage, an denen nichts außer Gemüse und Früchte zum Verzehr kommen.

Und schließlich als Drittes das Ertragen von Leid. Durch sein Kommen in die Welt, um die Welt zu erlösen, hat unser Herr und Heiland Jesus Christus weder das Leid noch Unheil noch den Tod als Trennung der Seele vom Leib einfach abgeschafft, sondern er hat sie transfiguriert, das heißt verwandelt, er hat ihnen einen befreienden, erlösenden, heiligenden Sinn gegeben; aus Mitteln der Strafe hat er sie in Mittel der Erlösung verwandelt. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir angesichts der Leiderfahrungen und Prüfungen, durch die wir in unserem Leben gehen müssen, nicht am Glauben zweifeln, dass wir nicht irre werden und die Geduld nicht verlieren, sondern Christus immer mehr durch Gebet und Askese näher kommen. Daher hat auch das Gebet in Momenten des Leids eine andere Tiefe als das Gebet in guten Zeiten.

Das Gebet, die Askese, die Geduld in Leidenserfahrungen, die enge Einbindung in das sakramentale und liturgische Leben der Kirche – all das weitet das Herz allmählich, macht es aus einem Herzen aus Stein zu einem Herzen aus Fleisch (vgl. Hes 11,19) und öffnet es immer mehr zur Liebe zu Gott und zum Nächsten hin. Die Liebe wiederum ist das Zeichen der inneren Einheit, des Friedens des Herzens. Dann spürt der Gläubige, dass trotz aller Unterschiede alle Menschen in seinem Herzen leben und mit ihm eins sind … Jener wird mit Tränen in den Augen nicht nur für sich, sondern für alle Menschen und die gesamte Schöpfung beten. Jener wird sein Leben für seinen Nächsten geben.

Hoffnung

Die Liebe wiederum ist das Zeichen der inneren Einheit, des Friedens des Herzens. Dann spürt der Gläubige, dass trotz aller Unterschiede alle Menschen in seinem Herzen leben und mit ihm eins sind.

Dies ist auch meine Hoffnung für die Kirche: Solange es Christen gibt, die sich bemühen, wahrhaftig zu beten, ein Leben in Selbstbeherrschung zu führen und mutig mit den Versuchungen und Problemen des Lebens zu kämpfen – auch wenn diese Christen immer die Minderheit sein werden -, wird die Kirche lebendig sein und den Sieg davontragen.1Auszug aus: Diakonie als Dienst am Menschen. Predigt in der Laurentiuskirche Neuendettelsau, 2007. Erschienen in: Aus dem Glauben leben. Gesammelte Texte von Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa zur orthodoxen Theologie und Spiritualität, herausgegeben von Jürgen Henkel, Sibiu, Hermannstadt 2008.

Bischof und Metropolit Serafim, Rumänisch-Orthodoxe Kirche 

Fussnoten   [ + ]

X