Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden

Br. Johannes Junger

Jesus nennt den Himmel als den Ort des Willens Gottes. Wie im Himmel soll Gottes Wille auch auf Erden geschehen.
Meistens wird der Wille Gottes zuerst moralisch verstanden. Man meint ihn erfüllen zu können, wenn man sich in bestimmter Weise verhält, wenn man Gutes tut und Fehler vermeidet. Tatsächlich kennt das Neue Testament viele Worte, die solches nahelegen. Paulus schreibt an seinen Mitarbeiter: Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung (1Thess 4,3; siehe auch 1Thess 5,18).
Weiter ermahnt Paulus: …

stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene (Röm 12,2). In der Heiligung des Einzelnen soll sich der Wille Gottes im Alltag, mitten unter den Menschen und in der Gesellschaft erfüllen. – Andere Stellen in der Bibel haben jedoch noch einen weiteren Blickwinkel.

Israel lernt den Willen Gottes

Im AT lesen wir, dass das Volk Israel als Knecht und Lamm Gottes schon diese Berufung der Ganzhingabe hatte und bis heute hat. Israel steht immer noch unter der Erziehung Gottes für seinen letzten Auftrag. Über seiner ganzen Geschichte steht die Zusage:
Du hast gesehen, dass dich der Herr, dein Gott, getragen hat, wie ein Mann seinen Sohn trägt, auf dem ganzen Wege, den ihr gewandert seid… (Dtn 1,31).
Zur Zeit Jesu wartete das Volk auf das Heil Gottes und auf die Offenbarung seiner Herrschaft, wie selten zuvor in seiner Geschichte. Immer dann, wenn das Volk in große Nöte kam, suchte es nach Gott und seinem Reich. Aber die Menschen hatten ganz bestimmte Vorstellungen, wie dieses Reich aussehen sollte: Der Heilbringer sollte mindestens die Römer vertreiben, die Heiden heimsuchen und das Gesetz in seine endgültige Form bringen. Er sollte die Wege Gottes recht lehren und die moralischen Verhältnisse ordnen.
Es war ein schmerzhafter Lernprozess für Israel, dass Gott dem Volk ganz andere Seiten seines Willens bekannt machte und zumutete: Israel wurde (und wird) den Weg des Lammes geführt, nicht den Weg des Triumphes. Deshalb wartet Israel bis heute auf den Tag der Offenbarung der Herrschaft Gottes über alle gottwidrigen Mächte und Gewalten, über alles lasterhafte Wesen und Leben der Menschen.

Jesus Christus – der Menschensohn im Willen Gottes

Im NT verknüpft sich der Wille Gottes mit der Person des Menschensohnes. Jesus ruft den Einzelnen und alle von Gott Herausgerufenen in die unmittelbare Nachfolge: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird´s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird´s erhalten (Mk 8,34ff; Mt 16,24-28; Lk 9,23-27; Joh 12,24ff).
Einmal stellt Jesus seine natürliche und geistliche Familie vor: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter (Mk 3,25).
An anderer Stelle warnt Jesus in einer Predigt: Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel (Mt 7,21-23).
Von sich selbst bekennt Jesus: Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk. Denn: Ich kann nichts von mir aus tun. Wie ich höre, so richte ich, und mein Gericht ist gerecht; denn ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat (Joh 4,34 und 5,30). … Ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat…. Das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage (Joh 6,38.40).
Aus diesen Worten ist die völlige Verbundenheit des Vaters mit dem Sohn zu spüren. Im Hohepriesterlichen Gebet kommt diese Einheit am deutlichsten zum Ausdruck: Damit sie alle eins seien. Wie du Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast (Joh 17,21).
In dieser Einheit vollzog sich die Versöhnung Gottes mit der ganzen Welt: Jesus wurde für uns zum Fluch (Gal 3,13); der von keiner Sünde wusste, wurde für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt (2Kor 5,21). Jesus war im Willen des Vaters und ist für die Sünden aller gestorben.
Jesus war sich seiner Sendung vom Vater gewiss. Am Vorabend seines Leidens vor dem Passahfest erkannte er, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater. Und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende (Joh 13,1).
In der Stunde von Gethsemane können wir dieses Ringen Jesu um seine Ganzhingabe an den Willen des Vaters erahnen: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! (Lk 22,42)
Jesu Ganzhingabe auf seinem Leidensweg wird zum Vorbild für alle seine Nachfolger. Wer sich selbst und alles Gott überlässt, kann freiwerden von eigenwilligen und menschlichen Vorstellungen davon, wie Gott sein Reich bauen sollte. Jesus gibt nur die schlichte Anweisung: Handelt (mit dem Anvertrauten), bis ich wiederkomme! (Lk 19,13) Bis zur Wiederkunft Jesu wird Gottes Wille den Weg dieser Schöpfung bestimmen und gestalten. Bis zur Wiederkunft gilt es, unbedingt treu zu bleiben und sich Gottes Führung anzuvertrauen. Im Gleichnis von der bittenden Witwe beschreibt Jesus die Jünger als Menschen, die Tag und Nacht zu Gott rufen, dass er seinen Auserwählten Recht schaffen möge. Und Jesus verheißt: Gott, der gerechte Richter wird es tun. Doch: Wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde (solchen) Glauben finden auf Erden? (vgl. Lk 18,1-8)
Vielleicht findet Jesus viel Betriebsamkeit, viel guten Willen im Einsatz für ihn, aber nicht die Einheit mit dem Willen des Vaters und mit ihm selber.
Paulus hat für sich die Gefahr erkannt, dass gut gemeinter Eigenwille den Willen Gottes überdecken und blockieren kann. Deshalb wendet er sich an den Herrn, den er immer tiefer erfassen und in seinem Wesen widerspiegeln möchte: Ihn (Jesus) möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten (Phil 3,10f).

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