Das Heilige den Heiligen

Es ist dem Menschen ein Fallstrick, unbedacht Gelübde zu tun und erst nach dem Geloben zu überlegen (Spr 20,25).

In unserer Zeit, da die Menschen die Eile in alle Lebensgebiete unbekümmert eindringen lassen, gilt diese Mahnung besonders ernst für das Eindringen in das Geheimnis des Glaubens auf den Altären der Kirche Jesu Christi. Ohne die wahrhaftige Erkenntnis des Leibes und Blutes Jesu Christi treten viele Menschen daher unwürdig an die Altäre der Kirche, und so kommt über sie das Gericht Gottes. Es geschah schon die Einsetzung des Altarsakramentes damals verborgen vor beinahe allen Erdbewohnern. In der Nacht des Verrats tat der Herr Jesus Christus vor den Augen seiner Jünger das Heilige, das seither in ununterbrochener Folge durch fast zwei Jahrtausende vor den Heiligen sichtbar geschehen und dabei doch immer ein tiefes Geheimnis des Glaubens geblieben ist. Ist der Glaube an sich schon für uns Menschen ein Geheimnis, durch das uns eine gedanklich kaum erfassbare Macht gegeben werden kann, so ist doch selbst nur wenigen Christen bewusst, welch eine innige und alles durchstrahlende Quelle ewigen Lebens in Gott verborgen in diesem Sakrament fließt.
Es gibt einen reichen Schatz an Gnadengaben, Seligkeiten und sogar Herrlichkeiten schon hier im Erdenleben und noch mehr in der himmlischen Welt, nach denen der Mensch sehnlich streben sollte. Jene Quelle aber ist ausschließlich denen zugänglich, die mit ganzem Herzen, ganzer Seele und mit allen Kräften dürstend und inbrünstig Gott zu begegnen suchen. In der dunkelsten Nacht der Menschheitsgeschichte wurde Gottes verborgene Liebe von den Menschen in niedrigstem Hass grausamst zurückgestoßen. Demnach erwartet Gott nun von den Menschen, die auf seinen heiligen Namen getauft worden sind, die gesamte hingebende Liebe des Herzens für sich allein.

Wer schon nur eine kleine Vorstellung von der unermesslichen Liebe und Güte Gottes zu uns Menschen hat, wie wir sie in der Offenbarung Jesu Christi anbeten, der möchte doch auch sicher einmal sichtbar diesem Heiland begegnen dürfen, um Ihm die Füße zu küssen. Außer der großen Sünderin wird uns nur von einem Kuss berichtet, den ein Mensch Jesus gegeben hat. Ist es nicht sehr schmerzlich, dass dieser Kuss derjenige war, mit dem der Sohn des lebendigen Gottes in der Nacht verraten wurde? Dennoch kommt uns der Herr auch leiblich viel näher, als uns oft bewusst ist. Im innigsten Geheimnis des Glaubens begegnet uns der Herr, dürfen wir Ihn küssen, und Er vereinigt sich völlig mit uns.

Heutzutage mehr denn je spüren wir, dass im Hineingehen zum Altar Gottes durch Reinigung, Lobgesang, Anruf, Hören, Bekennen, Darbringung, Hingabe, Lobpreis, Gebet, Empfang, Opfer, Fürbitte und Sehnsucht nach der Wiederkunft des Herrn die Zer-splitterung der Christenheit als ein fast unerträglicher Schmerz gelitten werden muss. Dennoch siegt die Liebe Gottes über alle menschliche Schuld im Gericht des Vaters durch die Gegenwart des Sohnes im Leib und Blut Jesu Christi, und im Heiligen Geist entsteht die allumfassende und ewig untrennbare Lebensgemeinschaft mit allen Christen aller Zeiten. In der innigsten Vereinigung mit unserem Herrn Jesus Christus, wie sie an den Altären aller christlichen Konfessionen bei jeglicher Verschiedenheit doch erlebt wird, ist auch das Geheimnis der Einheit des Leibes Jesu Christi verborgen. Hier erfüllt sich die Einheit vollkommen im Herrn selbst. Das Gebot der Liebe Jesu Christi kann sich nur dort erfüllen, wo der Mensch mit Ihm nach Leib, Seele und Geist am allerinnigsten vereinigt ist. In der Gegenwart des Dreieinigen Gottes wird der Mensch Christ durch Christus. Da ist die Hütte („Tabernakel”) Gottes bei den Menschen! Und Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von den Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen (Offb 21, 3-4). Aus dieser Quelle des lebendigen Wassers kommt die Kraft der Überwinder, die alles ererben werden als Söhne des lebendigen Gottes in Ewigkeit.

In den Stürmen und den vielen Wirrnissen unserer Zeit, die in der alltäglichen Hetze dahineilt, bei der zermürbenden Anspannung der überall geforderten Arbeitsleistungen lasst uns alle immer neu zurückkehren zu der uns heiligenden Quelle aller Kraft, denn Einer ist heilig, Einer ist Herr, Jesus Christus, in dem wir sind zur Ehre Gottes des Vaters. Amen.

Erwin Klinge ✝ 2013
[Mitbegründer der Christusträger; viele Jahre auch engagiert in der Verkündigung der Botschaft des Oekumenischen Christusdienstes – Abdruck aus Quatemberbote Nr. 30 von 1956]

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