42. BETRACHTUNG – Zu unserem ganzen Heil in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Es dünkt zunächst eigenartig, einen Zusammenhang zwischen unserem Heil und der Vergangenheit herstellen zu wollen. Leider überholt uns Christen die Naturwissenschaft. Sie hat längst geklärt, dass wir ein biologisches Glied einer Generationenkette sind, also die Gene vieler Geschlechter uns im Heute prägen. Das kann zu einem positiven Resultat ebenso wie zu einem schlechten führen. Die Bibel weiß um solche Verflechtungen. Schon im Alten Testament lesen wir: Gott bewahrt Gnade in tausend Gliedern … und sucht die Missetat der Väter heim auf Kinder und Kindeskinder … (2.M. 34).

Die moderne Zeit betrügt den Menschen insofern, als sie ihn zu überzeugen versucht, alles Vergangene als nicht mehr existierend anzunehmen. So ist es auch erklärbar, wenn nur der gegenwärtige Augenblick als verfügbar vorgegaukelt wird. In Wirklichkeit aber leben wir Heutigen von den Wichtigkeiten der Vergangenheit.

Im säkularen Raum gibt es dazu mannigfache Beweise. Denken wir nur an die Realität von Erbe oder auch Besitz. Beides sind vergangene Prozesse, die in die Gegenwart herein wirken. Ähnlich ist es mit den Kenntnissen oder dem Erlernten. Beides stammt von gestern und gestaltet das Heute. Und wie sehr greifen „gestrige“ schockhafte Erlebnisse danach, unsere Nerven von jetzt zu strapazieren. Dann gibt es den weiten Raum der schuldbeladenen Vergangenheit oder vielfache Fehler und Versäumnisse. Das alles erhebt Anspruch auf Wiedergutmachung, wenn noch ein Funken Gewissen vorhanden ist.

Dies breite Spektrum haben die Propheten des Alten und des Neuen Bundes immer wieder angemahnt. Ihnen ging und geht es darum, weder das Erbe aus der Hand Gottes noch die Verfehlungen zu vergessen. Biblische Beispiele gibt es zuhauf. Denken wir nur an den Ps 103: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Oder in Ps 143 bekennt der Sänger: Ich gedenke an die vorigen Zeiten; ich rede von allen deinen Taten und sage von den Werken deiner Hände. Solche und ähnliche Bekenntnisse finden wir auch in 5Mos 32.

Andererseits finden wir reichlich Ermahnung im Volk Gottes, ihre begangene Sünde „nicht unter den Teppich zu kehren“, so als ob das vergangene Unrecht keine Mitsprache mehr hätte. In 2Petr 1,9 redet der Apostel deutlich: Der ist blind und tappt im Dunkeln und vergisst der Reinigung seiner vorigen Sünden.

Das betrifft nicht nur die Einzelperson, sondern auch und in erster Linie die ganze Kirche. Daher beten die Glieder dieser Bruderschaft, von der das Einheitsgebet stammt: Wir und unsere Väter haben gesündigt. (34)

Mag es nun doch klar werden, wie wichtig das ganze Heil auch für die Vergangenheit werden kann! Vor Gott gibt es für den Menschen keine Eintagsfliegen-Existenz und daher keine portionierte Vergebung. Ihm sei Dank dafür.

Anmerkung

34

Das erwähnte Bußgebet sollte an dieser Stelle nicht fehlen. Es hat seinen Ursprung bei den katholisch-apostolischen Gemeinden Englands im 19. Jahrhundert.

Allmächtiger, barmherziger, heiliger und gerechter Gott! Dein Reich ist ein ewiges Reich und deine Herrschaft währet für und für. Du hast den Menschen geschaffen nach deinem Bilde, zu Dienst und Arbeit in deinem Reich. Er aber hat zu allen Zeiten deine Wege und Ordnungen verlassen. Auch wir lebten unseren eigenen Willen und nach dem Begehren unseres Herzens. Deshalb hast du, die vollkommene Liebe, eine ewige Erlösung in deinem Sohn Jesus Christus für die ganze Welt und Menschheit bewirkt. Du hast dir in der einen Kirche und Gemeinde Jesu ein Organ deines ewigen Reiches geschaffen.

Aber auch wir Christen, die Glieder dieses Leibes Christi, haben deine Wahrheit oft nur mit dem Verstand aufgenommen und die Herzen gegen dich verschlossen. Wir haben nach unseren vermeintlichen Rechten und unserer Meinung gehandelt.

Darum liegen die Sünden und Schäden vieler Zeitalter, vieler Gemeinschaften und einzelner schwer auf uns. Wir und alle vor uns haben gesündigt wider dich und dein ewiges Reich und auch widereinander. Wegen unserer und der Sünden aller, die sich nach dir nennen, ist die Einheit deiner Kirche zerstört, dein Geist gedämpft und die brüderliche Liebe in vielen erkaltet.

Wir haben mehr auf die kleinlichen Sorgen des Alltags und des Miteinanders in deiner Kirche und Gemeinde gesehen, als auf die Mahnung, zuerst nach dem Reich Gottes und seinen Ordnungen zu trachten. Die lebendige Hoffnung der Wiederkunft deines Sohnes Jesu Christi ist fast ganz verschwunden. Wir warten nicht mehr mit Verlangen auf die Offenbarung deines ewigen Reiches, in welchem Gerechtigkeit, Friede und Freude regiert. Wir haben uns auf dieser Welt häuslich eingerichtet, streben nach vergänglicher Ehre und Herrlichkeit.

Wir wollen mit unserem Willen und menschlichen Methoden dein Reich selber aufrichten. Darum ist die Menschheit mit Streit und Krieg geplagt, die Erde verwüstet und viele Ordnungen der Natur sind gestört und die Menschen stehen ratlos vor den Fragen der Zukunft. Und dabei hast du mit dem Blut deines einzigen Sohnes diese Welt erlöst und ihr das Heil geschenkt. Wir bitten dich, heiliger und gerechter Gott, um Jesu Christi willen, durch den Heiligen Geist, unseren Fürsprecher: Vergib uns alle Sünden, heilige und eine alle, die sich nach deinem Namen nennen. Schaffe erneut Raum für das Wirken deines heiligen Geistes unter uns, lass die Zeichen deines angebrochenen Reiches sichtbar werden zum Zeugnis für die Menschen. Lass Gnade für Recht ergehen nach deiner großen, barmherzigen Verheißung und um deiner Liebe und Treue willen.

Amen

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