24. BETRACHTUNG – Besonders komme Dein Blut in unser Verhältnis zu uns untereinander

Mit dem Wort „Besonders“ werden nicht Vorteile für Christen festgeschrieben. Die Christen werden im Gegenteil von ihren Wichtigkeiten weggeführt, seien diese noch so fromm und bedeutsam. Die zwei Generalwichtigkeiten der Heiligen Schrift treten ins helle Licht: Gottes- und Nächstenliebe. Es sei an die Textstelle erinnert, wo Jesus die Frage eines Schriftgelehrten nach dem vornehmsten Gebot im Gesetz beantwortet: Du sollst lieben Gott deinen Herrn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das vornehmste Gebot. Das andere aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Dass die Gottesliebe an erster Stelle sein soll, kommt klar zum Ausdruck – ebenso auch die Nächstenliebe.

Die nüchterne Betrachtung solcher Priorität lässt sehr schnell erkennen, dass menschliches Vermögen nicht ausreicht, dem zu entsprechen. In meinem anfänglichen Glaubensleben hatten Phantasten zur totalen Wahrheit und Reinheit aufgerufen. Hier sperrt sofort die Selbsttäuschung ihren Rachen auf.

Anders wussten die Verfasser unseres 11-Uhr-Gebets: nämlich dass alles Totale dem Wesen Gottes entspringt. Wenn also immer wieder das Blut Jesu hineinkommen muss in alle Bezüge der Menschen, so liegt darin das Bekenntnis von der Notwendigkeit, dass Jesu Wesen unser menschliches Dasein durchdringe. Ich erinnere mich noch sehr gut an seelsorgerliche Hinweise im Blick auf meine geistliche Entwicklung, wo davor gewarnt wurde, die Natur nur überfluten zu lassen vom Geist Gottes. Vielmehr wurde die Seele mit einem Glas verglichen, das mit Geist gefüllt werden soll – was aber nur gelingen kann, wenn der bisherige Inhalt ausgeleert wird. Darum gehört Sündenerkenntnis mit Bekenntnis und Vergebung in diesem Zusammenhang erwähnt. Mit dem lebendigen Gott kann der alte Mensch nicht vereinigt werden. Der in und mit Christus lebende Mensch steht dagegen an der allerwichtigsten Stelle seines Glaubenslebens. Spätestens hier müssen Unterschiede in Frömmigkeit und Lebenspraxis erkennen, dass sie der göttlichen Wirkkraft Platz zu schaffen haben – nicht weil sie keinen Wert haben, aber weil sie für die geistvolle Beziehung der Christen untereinander nichts auszurichten vermögen. Unsere Verhältnisse untereinander brauchen aber auch nicht umgebaut werden. Sie sollen lediglich darauf achten, dem Blut Jesu Tür und Tor offen zu halten.

Der gläubige Mensch wird überrascht sein, wenn dann plötzlich die Liebe zu den ganz anderen die Herrschaft antritt. Solch Liebesverhältnis hat eine ganz andere Farbe wie Toleranz oder Duldung. Sie ist die Verlängerung der Jesusliebe gemäß dem Schriftwort: Niemand hat größere Liebe, denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde (Joh 15,13).

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