Welche Zukunft haben wir?

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Die rasanten Entwicklungen unserer Zeit bringen viele Fragen mit sich. Angesichts der Komplexität der Themen fehlt oftmals der Durchblick. Das Wissen wächst in unglaublicher Geschwindigkeit. Sogenannte Universalgelehrte kann es im Unterschied zu früheren Zeiten nicht mehr geben. Das alles bricht nicht einfach nur über uns herein. Wir Menschen sind dabei aktiv Gestaltende. Umso mehr kommt es darauf an, aus unterschiedlichen Blickwinkeln etwas zusammen anzuschauen. Noch wichtiger ist es, nach der Sicht Gottes zu fragen, ebenso gemeinsam. Ein Versuch dazu, der ermutigen will, folgt nun hier.

Digitalisierung und Klimawandel, das sind, wenn es nach dem Gegenwartsphilosophen Richard David Precht geht, zwei Themen, die für das 21. Jahrhundert besonders bedeutsam sind. Beide werden zu gigantischen strukturellen Herausforderungen führen, vergleichbar mit der ersten industriellen Revolution. Es gehe dabei um eine Transformation des Arbeitsmarktes, und der Umbau zur Nachhaltigkeit könne nur durch einen entsprechenden Umbau unseres Sozialsystems erreicht werden – so Precht in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Focus“ vom 29.05.2021.

Für ihn lassen sich diese Themen nicht mit ein paar Schönheitsoperationen am gegenwärtigen System regeln. Nachhaltigkeit ist mehr als nur regional vermarkten und kaufen. Und Digitalisierung ist viel mehr als immer schnellere Datennetze. Es sind Themen, welche die nächsten Jahrzehnte beherrschen und tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen werden. Themen wie autonomes Fahren und die entsprechende Gesetzgebung dazu erscheinen eher als Randthema der Digitalisierung. Spannender wird es in all den Bereichen, in denen sich das Zusammenspiel von Menschen und Maschinen verändert. Bisher steuerte der Mensch die Maschine. Der sogenannte Transhumanismus geht davon aus, dass sich die menschlichen Möglichkeiten in der Verbindung mit Technologie erweitern lassen. Der Mensch will über sich hinauswachsen, will neue Stufen der Evolution erreichen.

Man kann nun diese unumkehrbaren Entwicklungen ganz unterschiedlich betrachten – philosophisch, juristisch, psychologisch, soziologisch, politisch, geistlich, theologisch, als Arbeitgeber oder als Arbeitnehmer, als Gewerkschafter, als Umweltschützer, als Wissenschaftler – wie auch immer. Es werden sich unterschiedliche Herangehensweisen und Bewertungen ergeben.

Der Ökumenische Christusdienst fragt in dem allen nach der Sicht Gottes. Wie sehen wir von ihm her auf diese Entwicklungen? Fadi Krikor (Father’s House for all Nations) 1 (Die Not des getrennten Leibes Christi in Syrien) sprach in diesem Zusammenhang von einer Frosch- bzw. Adlerperspektive. Der alle und alles umfassende Dienst des Christus nimmt demnach die Adlerperspektive ein. Er sieht von Gott her.

Welche Zukunft haben wir? Dazu vier Beobachtungen:

  1. Im uralten Schöpfungsauftrag der Bibel bekommt der Mensch den Auftrag, diese Erde in der Verantwortung vor Gott zu gestalten. Er soll sie bewahren und bebauen. Damit war gleichsam ein ethischer Rahmen gegeben, in dem sich die Menschen in all ihrem Bemühen bewegen sollten. Zugleich war es ein positiver Auftrag, sich als Menschheit zu entwickeln.
  1. Die Trennung des Menschen von Gott führte zu einer Krise. Die Hybris des Menschen schreitet voran. Der ethische Rahmen löst sich auf. Das Bebauen ist unübersehbar. Das Bewahren bleibt auf der Strecke. Es fällt auf, dass die Bibel kaum etwas über wissenschaftlichen und technischen Fortschritt sagt. Wohl aber spricht sie immer wieder von den zwischenmenschlichen Beziehungen und dabei auch immer von der Beziehung zu Gott. Beide bedingen einander. Hier liegt der Schlüssel für alles künftige Bewahren und Bebauen.
  1. Mit dem Opfertod Jesu am Kreuz hat sich die Welt verändert. Denn „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“ (2Kor 5,19). Etwas modern und vielleicht auch etwas salopp formuliert: Gott sieht diese Welt immer durch die Brille des Opfertodes seines Sohnes. Mit den Worten von Franz von Assisi heißt es im Einheitsgebet so: „Herr Jesus Christus, wir beten dich an und danken dir, denn durch deinen Opfertod am Kreuz hast du die Welt erlöst.“ In diesem Sinn sind wir Botschafter an Christi statt.
  1. Auffällig ist, dass die Bibel – und darin vor allem das Neue Testament – wenig über einzelne Details und spezielle Entwicklungen der Geschichte sagt. Demgegenüber wird immer wieder das Ziel formuliert. Paulus beschreibt es in 1Kor 15 mit den Worten: „dass Gott sei alles in allem.“ Es geht um Vollendung, um Wiederherstellung. Dazu im Folgenden etwas ausführlichere Gedanken.

Ich möchte an dieser Stelle von der Himmelfahrt Christi ausgehen. Sie wird in allen Glaubensbekenntnissen der großen Kirchen bezeugt.

„… aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“

Christus regiert. Er sitzt zur Rechten Gottes. Mit Christi Himmelfahrt wird vollzogen, was Paulus im Philipperhymnus beschreibt: Jesus „erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr, zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,8-11)

Die Offenbarung des Johannes greift dieses Geschehen immer wieder auf. Dort hat der auferstandene und erhöhte Christus immer seinen Platz in unmittelbarer Nähe zum Thron Gottes. So schreibt der Seher: „Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; … Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß“ (Offb 5,6-7).

Jesus, das Lamm Gottes, hat die Vollendung der Heilsgeschichte Gottes übertragen bekommen. Er hat seine Herrschaft in der Gesinnung des Gotteslammes angetreten. Man könnte hier auch von einer Christokratie sprechen. Christus regiert.

In der Offenbarung tauchen diese Bilder immer wieder als Lobpreisgebete auf: In Offb 11 ertönt ein vielstimmiger Jubelgesang: „Nun gehört die Herrschaft über die Welt unserm Herrn und seinem Christus, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Oder Offb 12: „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus“ (siehe auch Offb 15).

All das lenkt unseren Blick auf die Grundlage unseres Glaubens: Gott regiert. Gott regiert und mit ihm der Sohn. Der an Christi Himmelfahrt Erhöhte ist der Herr – der Kyrios. Das ist die Wirklichkeit, in der wir leben. Das gilt sowohl in den Zeiten einer Pandemie, in der Digitalisierung unseres Lebens, im Kampf gegen den Klimawandel als auch in allen anderen Entwicklungen unseres Lebens.

Das gilt angesichts einer angespannten Lage in Israel. Das gilt bei allen politischen Veränderungen oder Konstellationen in unserem Land, die durch die Bundestagswahl entstanden sind. Und das gilt in allen anderen geopolitischen Entwicklungen.

Gott regiert. Er wird alles vollenden. Das bestimmt unser Leben und unsere Zukunft.

Zu ihm wollen wir unseren Blick erheben und anbetend staunen. Und unter diesem Blickwinkel dürfen und sollen wir diese Erde – auch in den Bereichen Digitalisierung und Klimawandel – in der Verantwortung vor Gott gestalten.


  • Vereinigung vom gemeinsamen Leben im Ökumenischen Christusdienst

    Vereinigung vom gemeinsamen Leben im Ökumenischen Christusdienst

    Die Vereinigung vom gemeinsamen Leben im Ökumenischen Christusdienst wurde ursprünglich 1928 gegründet. Nachdem sie während der Naziherrschaft verboten war, kam es 1947 mit dem Namenszusatz „im Ökumenischen Christusdienst“ zur Wiedergründung.

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