Die Not des getrennten Leibes Christi in Syrien

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Fadi Krikor
Fadi Krikor
Dr. Johannes Hartl
Dr. Johannes Hartl

Am 30. April 2020 führte Johannes Hartl mit Fadi Krikor während eines Online-Livestreams ein hochinteressantes Interview im Gebetshaus Augsburg. Den Ausschnitt des Gesprächs, bei dem es um die Situation der Kirchen in Syrien mit deren Auswirkung auf das kriegsgeplagte Land ging, geben wir hier wieder. Es zeigt etwas von dem Zusammenhang zwischen der Situation der Kirche und der des entsprechenden Landes auf. Der Text ist leicht bearbeitet, hat aber den Charakter des Gesprächs beibehalten.1

Fadi Krikor (FK): Während wir bei einer Syrienreise die Pastoren besuchten, sprach der Herr zu mir und sagte: „Fadi, meine Herrlichkeit ist stärker als jede politische oder militärische Autorität. Ich würde sie gerne meinem Leib in Syrien geben. Nur, das Gefäß ist zerbrochen. Es ist nichts; da, wo ich meine Herrlichkeit hineinlegen kann.“

Ich sah, dass der Geist des Bürgerkriegs in Syrien nicht nur im Land ist, sondern auch in der Kirche. Noch mehr: Wo das Licht herkommen sollte, da ist es dunkel. Das Land ist ein Spiegelbild der Kirche. Sie haben sich zerfleischt. Christen haben Christen verklagt und ins Gefängnis gebracht. Das hat mich schockiert. Also fragte ich: „Herr, wie soll das denn gehen?“

JH: Eine Zusammenarbeit zwischen Konfessionen gab es also gar nicht?

FK: Nur auf politischer Ebene. Ein Beispiel: Die Freikirchen wollen immer missionieren. Sie tun es aber nicht bei den Moslems, sondern bei den Katholiken oder Orthodoxen. Sie nehmen deren Leute, taufen sie und sagen: „Jetzt seid ihr Christen.“ Die Pastoren bekämpfen sich gegenseitig: „Du klaust meine Leute!“ – Dabei haben sie eh nur zwanzig oder dreißig Leute.

JH: Sie sind also komplett uneins. Was hast du dann gemacht?

FK: Ich fragte: „Herr, wie soll das gehen?“ Da sagte er mir: „Sammle mir die Väter im Land. Wenn diese zusammenkommen, werde ich das Gefäß bilden. Sie sollen zusammenkommen, um mein Angesicht zu suchen.“ Ich dachte an Sodom und Gomorrha, über die der Herr sagte: „Sind zehn da, dann werde ich das Land heilen.“ Dann fragte ich: „Wer sind die Väter?“

Meine erste Reise dauerte nur drei Tage. Wieder zuhause angekommen, habe ich ihn erneut gefragt: „Wer sind die Väter?“ Nach zwei Monaten flog ich nochmals nach Syrien, um die Väter im Land zu besuchen. Das war auch dramatisch …

JH: Das heißt, du bist auf Kirchenleitungen, auf Bischöfe zugegangen. Du warst doch ein Nobody dort.

FK: Ein Nobody, ja.

JH: Und warum wollten sie dich treffen?

FK: Ich besuchte einen von ihnen und erzählte ihm, wie Gott gesprochen hat: „Sammle die Väter, das Gefäß“ usw.. Dieser katholische Priester wollte davon nichts hören. Er war total verletzt. Die wollten ihn ins Gefängnis stecken aus Eifersucht, weil junge Menschen und Familien ihn lieben.

JH: Wer ist „die“?

FK: Andere Priester.

JH: Andere Priester?

FK: So ist es.

JH: Nicht das Regime?

FK: Nein, nein. Vom Regime her sagen sie: „Ihr seid zersplittert. Könnt ihr nicht mal zusammenkommen?“ Die hätten es gerne, wenn die Kirche mit einer Stimme spräche. Leider ist das nicht der Fall. Aber sie wollen im Grunde eine starke Kirche.

JH: Also wenigstens ein wenig Stabilität im Land …

FK: Nochmal zum Thema der Väter. Es hat mich schockiert. Wir fuhren von Homs nach Aleppo und kamen um zehn Uhr abends dort an. Dann um vier Uhr in der Frühe, da erschallt aus allen Moscheen in ganz Aleppo: „Allahu Akbar!“ Die ganze Stadt war voll davon. Ich war das nicht mehr gewöhnt. Da dachte ich: „Hier sind keine Christen mehr. Die sind entweder getötet oder geflohen.“ In Aleppo gab es früher 300.000 Christen, heute sind es nur noch 28.000. Stell‘ dir das vor!

„Hier sind keine Christen mehr. Die sind entweder getötet oder geflohen.“

JH: 300.000 zu 28.000 – also ca. neun Prozent …

FK: Ja. Da dachte ich: „Was mache ich eigentlich hier?“ Ich stand auf, wollte packen und gehen. Da sprach der Herr zu mir: „Fadi, gibt es noch Christen?“ Ich sagte: „Herr, ja, aber sehr wenige!“ Und er sagte: „Solange es welche gibt, bin ich da.“ – Okay. Ich ging wieder schlafen.

Am Vormittag ging es dann zu einem Termin mit dem Bischof der Maroniten 2. Dem erzählte ich alles, aber er ging geistlich nicht mit. Am Ende fragte er nur: „Wie können Sie Gott hören?“ Das war alles. – Okay, wir gingen dann; ich war enttäuscht und dachte: „Das wird eh nichts.“

Um 17 Uhr gab es noch einen Termin mit dem aramäischen, syrisch-orthodoxen Bischof. Ich dachte: „Gut, das machen wir noch, dann packe ich meine Sachen und fliege zurück. Das wird nichts.“ Der Bischof, ehrwürdig, schwarz gekleidet, mit langem Bart, sah mich während der ganzen Zeit ernst an. Ich dachte mir: „Jetzt kannst du deine Geschichte erzählen, trinkst deinen Kaffee, dann kannst du gehen.“ Als ich fertig war, sah er mich immer noch so ernst an und sagte: „Alles, was du gesagt hast, hat mein Herz tief berührt. Was du auch planst, ich bin dabei.“ Da dachte ich: „Wow! Damit habe ich wirklich nicht gerechnet!“

Die syrische, aramäische Kirche hat im Land etwas zu sagen. Sie ist die erste, die Mutterkirche aus Syrien. Das hat mich sehr ermutigt. Wir flogen heim. Dann, 2019, hatten wir die Konferenz „Road to Damaskus“ in unserem Kloster. Daran nahmen auch Priester und Pastoren aus Syrien teil. 

Es muss also zuerst die Kirche in Syrien zusammenkommen, zumindest ein heiliger Rest, die Zehn, die Zwanzig … (1Mose 18,31+32; Sach 8,12). Erst dann kann die Kirche in Syrien die Nationen empfangen.

Es gibt ja nur die eine Braut aus den Juden und allen Nationen. Es gibt nicht eine syrische Braut, eine deutsche Braut … Es gibt nur die eine Braut. Der Teil der Braut in Syrien kann jedoch nicht alleine überleben. Die Kirche in Syrien braucht die Kirche aus den Nationen und den Juden.

JH: Ist es ein Prinzip, verwendet Gott Nationen, um anderen Nationen zu ihrer Bestimmung zu verhelfen? Würdest du das so sagen, dass wir immer einander brauchen?

FK: Das ist ein zentraler Aspekt. Ein Prinzip ist dabei ganz wichtig: Wenn du eine Flasche mit Wasser füllen willst, kommt es auf den Flaschenhals an. Das sind die Torwächter, die „zehn Gerechten“ als geistliche Autorität im Land, die eigentlich Gomorrha hätten retten können.

JH: … die das Schicksal einer ganzen Nation, obwohl sie eine sündige war, hätten bestimmen können. Du würdest also sagen, dass für das, was Gott für ein Land tut, immer zuerst die Einheit des Volkes Gottes der eigentliche Schlüssel ist?

Du würdest also sagen, dass für das, was Gott für ein Land tut, immer zuerst die Einheit des Volkes Gottes der eigentliche Schlüssel ist?

FK: Das ist der Schlüssel. Wenn die geistliche Autorität über dem Land nicht in Gottes Ordnung geht, kannst du machen, was du willst, es wird immer das Gift vom Feind landen dürfen. Erst wenn die geistliche Autorität sagt: „Nein, du kommst hier nicht rein!“ und dadurch eine Atmosphäre des Glaubens und des Segens schafft, dann werden die Menschen auf einmal zum Herrn finden. So ein Moslem in Syrien wird auf einmal aufstehen und sagen: „Mensch, meine Nachbarn, die Christen, sind gar nicht so schlimm.“ Oder er wacht auf und sagt: „Jetzt muss man sie aber wirklich umbringen!“ So ist die dortige Gedankenwelt.

JH: Na klar, Jesus sagt ja, dass die Welt nur hört, dass er vom Vater gesandt ist, wenn wir eins sind. Siehe Joh 17; ja, er betet darum. Du sprichst von der geistlichen Autorität im Land. Wer genau hat die denn? Ist es nicht ein bisschen anmaßend, von irgendeiner Gruppe zu sagen, sie hätte die?

FK: Sicher ist das anmaßend, und deshalb ist es sehr wichtig, dass Jesus sagt: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ Für mich sind das die zwei wichtigsten Eigenschaften. Das sind die einzigen, glaube ich, bei denen er von seinem natürlichen Charakter spricht.

„Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“

JH: Auch das einzige Mal, wo Jesus etwas über sich selber sagt, wie er ist, sanftmütig und von Herzen demütig.

FK: Von daher, wenn die Gottesfurcht, die ja der Anfang der Weisheit ist, da ist, dann wird man sehr vorsichtig sein und sich demütigen und sanftmütig sein und sich zurückhalten, weil wir es mit einem heiligen Gott zu tun haben.

JH: Es ist ja nicht an uns, zu definieren, wer jetzt irgendwie die geistliche Leiterschaft im Land ist. Aber zur Versöhnung und zur Einheit im Leib Christi können wir beitragen.

Hier das ganze Video

Fussnoten[+]

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