Turmbau zu Babel…

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… und die Zerstörung falscher Menschheits-Hoffnungen

Tolle Erfindungen hat es durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch gegeben. Was dahinter steckt, was damit erreicht werden soll, welche Nebenabsichten damit verknüpft sind, das ist jeweils höchst interessant. Mit der Geschichte des Turmbaus zu Babel verbindet sich die Frage, wie die Menschen mit ihrer Schöpferkraft umgehen, was letztlich ihr Ziel ist. Diese alte Geschichte ist höchst aktuell.

„Hoffentlich geht es gut!“ Dieser Stoßseufzer kann uns über die Lippen kommen, wenn wir einen unbekannten Weg vor uns haben und stehenbleiben oder gar zurückgehen keine Alternative ist.

Das gilt auch im Blick auf viele Entwicklungen unserer Zeit. Wie wird die Herausforderung der Klimaveränderung gemeistert werden können? Was ist mit den Klima- und Armutsflüchtlingen? Was wird aus den Erkenntnissen der Biotechnologie, mittels derer ins Genom des Menschen eingegriffen werden kann? Was ist mit der Nanotechnik, der Künstlichen Intelligenz, wenn damit begeisternde Fortschritte gelingen? Große Begeisterung über immer verblüffendere Entdeckungen und wachsende Fähigkeiten zur Optimierung des Lebens stehen dabei einem Bewusstsein wachsender Gefahren gegenüber. „Hoffentlich geht es gut!“

Und Gott in dem allem? Welche Rolle spielt dabei der Schöpfer des Lebens, von dem wir auch alle Zukunft geschenkt bekommen, wie wir glauben? Am Anfang der Bibel gibt es grundsätzliche Aussagen über die Menschheit. In Genesis (1Mo) Kap 1-11 wird in großartigen Erzählungen das „Urgeschehen“ beschrieben. Das grundlegend Gültige wird hier ausgedrückt. Was als großes Ereignis der Geschichte erzählt wird, beschreibt zugleich, was die Menschheit durch alle Zeiten kennzeichnet.

„Hoffentlich geht es gut“, das könnte auch nach dem Ende der Sintflut die Menschen und Gott bewegt haben. Mit dem Noah-Bund war eine gute Grundlage gelegt. Von den Nachkommen Noahs her hatten sich die Geschlechter und Völker entwickelt und auf Erden ausgebreitet (s. 1Mo 10,32). Die Erzählung des Turmbaus zu Babel (1Mo 11,1-9) schildert uns den Fortgang der Geschichte und sagt Charakteristisches aus über die Menschen und ihre Bestrebungen auf dem Weg in die Zukunft.

Es war traumhaft, damals. Alle verstanden sich. Es gab den wunderbaren Zustand einer rundum gelingenden globalen Kommunikation. „Alle Welt hatte einerlei Zunge und Sprache!“ Angesichts dessen könnten wir heute neidisch werden. Aber halt, sind wir nicht auf dem besten Weg, das wieder hinzubekommen? Durch die Informationstechnik entwickeln sich tolle Möglichkeiten globaler Kommunikation, die alle bisherigen Erfahrungen weit überschreiten! Smartphones sind bis in die hintersten Winkel der Erde verbreitet!

Zurück zur biblischen Erzählung: Eine Gruppe aus den auf Erden sich ausbreitenden Völkern wagte einen besonderen Aufbruch. Zielbewusst machten sie sich auf, von Osten herkommend, und fanden eine attraktive Gegend zum Bleiben. Die Ebene im Land Schinar hatte es ihnen angetan. Dort wollten sie sesshaft werden (1Mo 11,2). Es gibt eine Notiz darüber, wer wohl der Anführer war. In 1Mo 10,8-10 heißt es von Nimrod: „Der war der Erste, der Gewalt übte auf Erden … der Anfang seines Reichs war Babel, … im Lande Schinar.“ Die Bedeutung seines Namens ist „Empörer, Widerspenstiger“. Das kennzeichnet ihn, der als gewalttätiger Machthaber diesen zielbewussten Aufbruch anführte. Einer jüdischen Auslegung1 entsprechend wurde damit die von Gott gewünschte Ausbreitung („seid fruchtbar, mehret euch, füllet die Erde“, 1Mo 1,28) zu stoppen gesucht. Dieser eher unverdächtige Vorgang würde damit eine von Gott unabhängige, eigenmächtige Handlung spiegeln.

Mit der Zeit jedoch kam ein Unbehagen auf. Angst schien sich breitzumachen. Die Talebene war weit, der Einzelne und die Gemeinschaft drohten verloren zu gehen. Noch etwas unterschied sich vom gebirgigen Osten. Da waren nirgends Steine zu finden, nur Lehm oder Bitumen (Asphalt). Wie sollten so Häuser gebaut werden können? Eine zündende Idee kam auf: Was der Boden hergab, das konnte man durch Feuer härten und das Roherdpech als Mörtel nehmen! Ja, das war eine geniale Erfindung! Mit großem Eifer und Begeisterung wurde damit ein imposantes Projekt begonnen: „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde“ (1Mo 11,4).

Welche Motivation stand hinter diesem Entschluss und den damit verbundenen Denkweisen mit ihren Folgen? Die von Gott geschenkte schöpferische Kraft wurde eingesetzt, um Schutz und Heimat zu finden sowie die Einheit zu wahren. Daran war nichts Verwerfliches. Nach der bereits erwähnten jüdischen Auslegung leuchtet hier jedoch etwas Fragwürdiges auf: Es wäre Ungehorsam gegen Gott gewesen! 

Die Verweigerung gegenüber dem göttlichen Befehl von der Ausbreitung über die ganze Erde (1Mo 1,28), der für den Fortbestand der Menschheit entscheidend war, wurde zum Angriff auf Gottes Herrschaft. Aus Befehlsverweigerern wurden Himmelsstürmer.

Diese Auslegung überrascht. Aber einen Turm zu bauen, dessen „Spitze bis an den Himmel reiche“, und sich selbst „einen Namen zu machen“, das ging weit über einen positiven Einsatz gottgegebener Kreativität hinaus. Dieses Streben nach Sicherheit brachte eine Verherrlichung menschlicher Erfindungskraft und Leistung mit sich, die Gott auf die Seite schob und vergessen machte. 

Nicht mehr Gott war die einende Mitte, sondern das, was der Mensch unabhängig von ihm zustande bringen wollte.

Und dann kam Gott ins Spiel. Mit eindrücklicher Ironie wird es geschildert. Er, der ja eigentlich alles sieht, muss sich zuerst noch ganz weit nach unten begeben, um überhaupt sehen zu können, was da läuft. Was der Mensch in gigantischer Dimension fertigbringen wollte, war gegenüber der unbeschreiblichen Größe Gottes verschwindend klein. Dennoch war es nicht zu verharmlosen. Gottes Einschätzung macht es deutlich: „Dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun“ (1Mo 11,6). Warum? Wegen ihrer Einigkeit als Volk und ihrer gelingenden Kommunikation. Ohne Stopp dieses Vorhabens hätte sich eine von Gott unabhängige, maßlose Machtentfaltung ereignet, die in eine überhebliche Gottlosigkeit gemündet hätte. Um Gottes und der Menschen willen durfte das nicht sein. Deshalb griff Gott im schwungvollen Anfangsstadium ein. Sonst hätte es kein Zurück mehr geben können. 

Durch die Sprachverwirrung, die Störung der globalen Kommunikation, griff er strafend, aber auch vorbeugend zugunsten der Menschen ein, um die endgültige Katastrophe zu vermeiden.

Ist das nicht auch eine Botschaft für uns heute angesichts der atemberaubenden technologischen Möglichkeiten, z. B. mittels Künstlicher Intelligenz? Ja, hoffentlich geht es gut!

  • Vereinigung vom gemeinsamen Leben im Ökumenischen Christusdienst

    Die Vereinigung vom gemeinsamen Leben im Ökumenischen Christusdienst wurde ursprünglich 1928 gegründet. Nachdem sie während der Naziherrschaft verboten war, kam es 1947 mit dem Namenszusatz „im Ökumenischen Christusdienst“ zur Wiedergründung.

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