Ökumene – als persönliche Herausforderung

Schaut den Gottesknecht
in Seiner alle und alles umfassenden Buße im Jordan.
Für uns alle, eins mit uns allen steigt Er in den Jordan
und nimmt uns mit hinein in Seine Buße.
Wir dürfen im Vater sein,
brauchen nicht mehr zu erschrecken
vor eigener Sünde und Versagen,
noch vor Versagen und Sünde unserer Vorfahren,
nicht vor der Sünde Seiner Kirche,
nicht vor der Sünde Seiner Menschheit.
Alles ist gesühnt.
Und doch nimmt Er uns hinein in Seine Buße,
gibt uns Anteil an Seinem Leiden.
Es wird nicht zu schwer.
Er in uns, wir in Ihm, Er trägt,
Er vollendet, was Er vollbracht hat.
Ihm sei die Ehre –
dem Vater im Sohn durch den Heiligen Geist.

Wort aus der Stille

Luitpold Schatz (nach einem Vortrag leicht gekürzt)

Gott ermöglicht für jeden einzelnen Christen in all seinen Beziehungen auf unterster Ebene eine ökumenische Blickrichtung und Einstellung. Sie ist als Voraussetzung für alle oekumenischen Vorgänge nur auf dem Boden der Liebe Gottes möglich und überhaupt für jegliche Art der Oekumene unverzichtbar. Es geht also nicht um eine Macherei in Einheit. Es geht auch nicht um eine menschliche Liebe, die versucht, niemandem weh zu tun. Es geht um die Liebe Gottes, die so umfassend ist, dass wir darin nach dem Zeugnis der Schrift die Einheit als eines der wichtigsten Ziele des Heilsplanes Gottes erkennen können.

So bezeugt es das apostolische Wort: ER hat den Sohn in die Welt gesandt, auf dass dieser nicht nur für die Nationen sterben sollte, sondern dass er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte (Joh 11, 52).

Das Wunderbare dieser Gottesliebe zeigt sich darin, dass der Mensch einbezogen wird: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist (Röm 5,5).

Die göttliche Liebe ist den Gläubigen gewissermaßen „implantiert“ und muss nur erweckt und herausgefordert bzw. angewandt werden. Diese Liebe ist nicht abstrakt, sondern gestaltet das Leben wie sonst nichts auf der Welt.

Aufgrund eigener Erfahrung versuche ich dies vierfach darzustellen:

ANSCHAUEN (das Gute).

Der Prophet Micha warnt: Höret doch, ihr Häupter Jakobs und ihr Fürsten des Hauses Israel: Ist es nicht an euch, das Recht zu kennen? Ihr hasset aber das Gute und liebet das Böse (Mi 3,1f).

Eine erschütternde Zustandsanalyse! Und Paulus sorgt sich, dass so ein Zustand unter den Christen nicht eintreten möge. Im Römerbrief (12,9) klingt das so: Hasset das Arge, hanget dem Guten an!

Keine leichte Sache, wenn man daran denkt, wie die heutige Zeit geprägt wird durch das Ungute: Katastrophen, Kriege, Korruption, Veruntreuungen, Scheußlichkeiten, Verbrechen, Terror im Großen und im Kleinen, Unsittlichkeiten, Hass, Verleumdung und vieles mehr werden den Menschen in natura oder durch Medien vor die Augen gestellt.

Dabei ist kein Lebensbereich ausgeschlossen. Die ganze Informationstendenz ist negativ vergiftet. Journalisten werden zu Schnüfflern getrimmt, um das Fehlverhalten von Personen, Parteien und Kirchen in den Vordergrund zu schieben. – Was es da alles anzuschauen gibt, übersteigt menschliches Fassungsvermögen.

Sowohl aus der aktuellen Politik als auch aus dem Raum der Christenheit gibt es genügend Beispiele.

Als vor knapp 500 Jahren Martin Luther auf den Plan trat, wusste Rom nichts anderes, als in ihm den Revoluzzer, den Ketzer und Abweichler zu sehen. Seine reformatorisch einmalige Chance zu erkennen, mit ihm das Wort Gottes unter die Leute zu bringen, stand überhaupt nicht im Blickfeld.

Oder: Als im August 2000 die päpstliche Enzyklika Dominus Jesus veröffentlicht wurde, hat die evangelische Christenheit das, was zu kritisieren war, herausgehoben. Sie hat aber nicht das darin zu 90% enthaltene hervorragende Zeugnis über Jesus wahrgenommen.

Ähnlich erging es der vor kurzem erschienenen päpstlichen Verlautbarung über die Eucharistie. Der Aufstand über die Verweigerung der Kommuniongemeinschaft für evangelische Konfessionsmitglieder übertönte die ausgezeichnete und ausführliche Darlegung der Abendmahlsdimension. – Man könnte uferlos Beispiele anführen.

Aufgrund der Tatsache, dass die Fülle des anzuschauenden Bösen den Blick auf das auch noch vorhandene Gute aufs äußerste erschwert, gilt es um so mehr das Gute in der Welt bewusst anzuschauen. Es bedarf ständig aufs Neue, die Blickrichtung zu ändern. Es ist eine Herausforderung der Liebe, sich auf die Suche nach dem Guten zu machen. Und da alles Gute von Gott kommt, gilt es, die Gnaden und Gaben Gottes nicht zu übersehen.

Das gelingt nicht mit Mitteln der Vernunft wie z.B. einem positiven Denken. Einzig und allein ist die Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unsere Herzen, dazu fähig. Diese ökumenische Liebe umfasst mehr, als den einzelnen Menschen um Gottes willen zu lieben.

Menschliche Liebe misst den anderen an den eigenen Erfahrungen. Vergleiche aber torpedieren die Suche nach dem Guten. Nur die Liebe aus Heiligem Geist ermöglicht, nicht das unsere zu suchen (1.Kor13), sondern das des anderen. Sie ist freudvoll und gütig. Auf diese Weise kann jede Begegnung mit anderen Frömmigkeitsarten zu einer Expeditionsreise werden.

Dazu ein Beispiel:
Da wird ein überzeugter Christ aus einer pfingstlichen Gruppe von seinem katholischen Kollegen eingeladen, mit ihm eine Benediktinerabtei zu besuchen. Er will sich dem nicht entziehen, wenngleich er mächtige Bedenken gegenüber Rom in seinem Herzen hegt. Eine schöne Kirche tut sich vor den beiden auf und alles macht sich bereit zum Einzug der Mönche. Diese wenden sich – bevor sie ihre Chorstühle einnehmen – würdig neigend dem Altar zu. Dann beginnt der gregorianische Vespergesang. Auf dem Heimweg der beiden gesteht der Eingeladene seine innere Bewegtheit und meint, dass es gut sei, dass es so was noch in der Welt gibt.

Ein schlichtes Geschehen und doch ein Nachweis, dass Gottes Geist es möglich macht, geistlich objektiv zu bleiben. So erwächst durch die Entdeckung Gottes im Guten die Dankbarkeit. Der Kritikgeist wird durch den Dankgeist in seine Schranken gewiesen. Das wiederum bewirkt ein neues Lebensgefühl, weil Konstruktives dem Destruktiven weicht, und zwar auf allen Lebensgebieten, nicht nur im religiösen.

Bischof Dr. Paul-Werner Scheele bezeichnete die Undankbarkeit als ein Hindernis für den Fortschritt der oekumenischen Bewegung: „Dankbar müssten die Katholiken für alle Güter sein, die sie von ihren Mitchristen empfangen dürfen, die nicht zur katholischen Kirche gehören.“ Scheele würdigt besonders das Engagement der evangelischen Christen, die Schätze der Bibel in den Alltag hineinzunehmen. Es reicht nicht, von Heilsgütern, die in den nichtkatholischen Kirchen und Gemeinschaften zu finden sind, lediglich Notiz zu nehmen. Es gilt, diese mit Freude anzuerkennen. Gnadengaben, die Katholiken bei anderen Christen finden, können das Katholischsein vertiefen und verstärken.

Darum geht es: das Gute und den Guten nicht zu übersehen.

ZUSCHAUEN (Das Fremde).

Beim Ansehen des Guten taucht selbstverständlich auch uns Fremdes auf. Das sind etwa alle Vorgänge oder Tatbestände, die mir bisher unbekannt waren und auch nicht in meinem Leben vorkommen – Verhaltensweisen und Sitten, Gebräuche und Einstellungen. Fremdem gegenüber entsteht Unsicherheit. Es fehlt die Fähigkeit, es einzuordnen. Oft greift Furcht um sich.

Es ist bedauerlich, wie sehr die Furcht gerade bei gläubigen Menschen das normale Leben zu stören vermag. Solche Furcht beschneidet die Freiheit des Evangeliums. Man hat vor allem Angst, was nicht mit der eigenen Erfahrung übereinstimmt, anstatt dass man Angst hätte vor falschen Urteilen. Eigene Einsichten können gefährlich sein. Sie sind es, wenn man sie zum Dogma für andere macht und sich damit selbst Scheuklappen aufsetzt. So können Erfahrungen anderer nicht mehr landen, ja sie werden abgelehnt.

Dabei ist doch die Summe der Erfahrungen erst die Summe der Menschheit, und darin verbirgt sich das Geheimnis wahren gemeinsamen Lebens. Furcht vor dem mir Fragwürdigen mindert mein Glaubensleben.

Nur die Liebe kann das Fremde in großer Gelassenheit betrachten und es zulassen; denn: Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht in der Liebe (1.Joh 4,18).

Das hat zur Folge, dass nicht nur ich, sondern auch der andere seiner Meinung gewiss sein darf. Und was gibt es doch da für Unterschiede im Denken, im Glauben, im Verhalten.

Ein kleines Beispiel:
Der katholische Nachbar begibt sich mit einer Pilgergruppe nach Lourdes. Bei seiner Rückkehr meldet er sich bei seinem Hausgenossen zurück und berichtet voll Freude über seine Erlebnisse. Auch hat er ihm ein Fläschchen geweihtes Lourdes- Wasser mitgebracht aus Dank für dessen Blumengießen. Dieser ist etwas verwirrt, weil er als Baptist zwar schon ein Verhältnis zu Wasser hat, aber nicht zu solchem. Soll er dieses Mitbringsel abweisen oder müsste er diese Gelegenheit sogar benutzen, dem Pilger deutlich zu machen, dass dessen Praxis dem Neuen Testament widerspricht? Seine Frau kommt zur Begrüßung hinzu und gibt ihrer Freude Ausdruck darüber, dass die Reise gut verlaufen ist und die Heimkehrer so beglückt waren. Ihr Mann horcht erstaunt zu und trotz Verwirrung bedankt er sich für das geweihte Wasser.

Wenngleich beide nicht vorhatten, nach Lourdes zu fahren und sogar das Wasser zum Blumengießen verwendeten, so haben sie immerhin darauf verzichtet, ihre eigene Frömmigkeitsart dagegenzusetzen.

Dem anderen etwas zugestehen, was man selber nicht machen würde und nicht gleich reagieren, schafft eine Atmosphäre der Freiheit und der Liebe. So kann man gelassen zuschauen.

HINEINSCHAUEN (in die Vielfalt).

Zugestehen bzw. Zuschauen beweist geistige und geistliche Großzügigkeit. Dabei lässt man sich nicht auf das Fremde ein. Erst die Beschäftigung mit dem mir Fremden führt zu einer wichtigen Offenbarung, die bis dahin führen kann, dass ich mich selbst diesem Fremden verwandt fühle. Und auf einmal verliert Fremdes den Verdacht, nichts Gutes zu sein. Ein Hindernis in den Beziehungen zwischen jeder Art von Unterschiedlichkeiten, sei es bei geistlichen Gemeinschaften wie auch bei säkularen, aber auch bei Einzelpersonen, sehe ich in der mangelnden Beschäftigung mit den jeweiligen Partnern oder Vorgängen. Interesselosigkeit ist ein potenter Feind der Ökumene.

Es muss also auf die Frage: „Was ist der oder das Andere?“ die Frage kommen: „Wie ist der oder das Andere?“ Da beginnt dann eine neue Entdeckungsreise.

Man wird einsichtig darüber, dass ein und derselbe Geist eine Vielzahl von Fremdem als zur Einheit dazugehörig schafft. Die ökumenische Liebe sucht daher einen Weg, möglichst viel vom Anderen erkennen zu können. Man schaut im wahrsten Sinn des Wortes hinein und verharrt nicht an der Oberfläche. Es geht um die Bereitschaft, andere Realitäten nicht nur als etwas Fremdes, sondern als auch für mich gültig Neues zu integrieren.

Ein Beispiel:

Ich werde nie vergessen, wie ich mit einem Bruder vom gemeinsamen Leben seitens des Leitungsteams der urchristlich-apostolischen Mission nach Berlin eingeladen wurde, weil er – der evangelisch-lutherische Theologe – neben anderem sich auf ein Gespräch über unterschiedliche Auffassungen der Taufe einlassen sollte. Diese Freikirche pflegt die Erwachsenentaufe. Nach einer offenen Art des Redens und Hörens – es ging um die Geschichte der Kirche, um die verschiedenen Praktiken der Taufe u.v.m. – bezeugten die Gemeindeältesten ihr Erstaunen darüber, dass das Resümee des besagten evangelischen Bruders jeder dieser Praktiken ihre Ordnungsgemäßheit zubilligte bei zugleich vollem Ja zur Kindertaufe. Sie staunten dabei über die Fähigkeit eines lutherischen Pfarrers, die Erwachsenentaufe besser theologisch und geistlich interpretieren zu können als sie selbst. Die Konsequenz war, dass er gebeten wurde, in einer Darstellung dieser Gemeinschaft anlässlich einer gesamtkirchlichen Informationsschrift der Stadt Berlin den Abschnitt über die Erwachsenentaufe zu übernehmen, was dann auch geschah.

Wir waren uns damals einig, dass die Theologie dieser freikirchlichen Gruppe nicht die unsere sein kann, dass es aber unumgänglich sein muss, möglichst viele Unterschiede nach ihrer Legitimität zu erfassen. Der Verstand bringt das nicht fertig, aber die Erkenntnis der Liebe. Das geht nicht ab ohne Zurückstellung der eigenen Wichtigkeit.

So geht es im täglichen Umgang mit Menschen um Ähnliches. Unterschiedliche Lebensführungen verbauen eben dann nicht die Beziehungen, wenn die Liebe echt in den anderen hineinschaut, d.h. den anderen erkennt. Auf diesem Weg geschehen Ergänzung und Bruderschaft.

So ist wahre Bruderschaft ein Miteinander verschiedener Bekenntnisse. Und im Unterschied dazu ist Gemeinde ein Miteinander gleicher Bekenntnisse.

DURCHSCHAUEN (ins Ganze).

Wenn die alle und alles umfassende Liebe in unsere Herzen eingegossen ist, führt das zu einer geistig-geistlichen Herzerweiterung.

Sie erkennt, dass jedes Glied im Leibe nicht aus sich selbst, sondern von allen Realitäten des ganzen Leibes lebt. Das klingt fast phantastisch, ist es aber nicht. Wenn ein einziges Glied am Leib fehlt, entsteht für den ganzen Leib eine Lücke – er ist nicht mehr vollständig. Das bedeutet jene staunenswerte Erkenntnis vom Ganzen im Teil.

Viel wird in der Christenheit über das Geheimnis Christi im Sinn des Leibes und seiner Glieder gesprochen und bezeugt. Dabei liegt der Schwerpunkt oft auf der Wirkweise der jeweiligen Teile des Leibes. Ich will versuchen, andere Besonderheiten des Leibes Christi aufleuchten zu lassen.

War beim Hinschauen mehr die Vielfalt und das neu Aufzunehmende im Blickfeld, so eröffnet sich beim geistlichen Überschauen des Leibes das Geheimnis der Zusammenhänge des Lebens. Der so Erfasste erfährt seine kleine Existenz zwar als Teil eines großen Ganzen, aber darüber hinaus als Teilhaber des Ganzen.

Hier zeigt sich wie so oft, dass die Kinder der Welt klüger sind als die Kinder des Lichtes. Am Beispiel der Genetik wird das deutlich. Schon vor Jahrzehnten ist es gelungen, aus der Zelle vom Auge eines Frosches einen kompletten Frosch zu entwickeln. Das bedeutet die genetische Anwesenheit des ganzen Frosches in jeder seiner biologischen Zellen.Übersetzt auf das Bild des Leibes Christi folgert daraus: In mir, dem einzelnen Teil, lebt die ganze Vielfalt des Christuslebens.

Hierher gehört auch das Geheimnis der eucharistischen Kommunion. Jeder Teilnehmer empfängt mit der kleinen Hostie nicht einen Teil des Christus, sondern die Fülle des Christus. Diese Fülle erstreckt sich auf alle Dimensionen des Daseins, auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dazu gehören alle Entwicklungsstufen und Offenbarungen durch den zeitlosen Geist. Ihm verdanken wir den Reichtum des Christuslebens in der ganzen Christenheit aller Zeiten und Bekenntnisse. Eine solche Kommunion in der Kommunität mit Christus und seiner ganzen Kirche bewerkstelligt, dass wir nur im Ganzen und im unzertrennlichen, göttlichen und gemeinsamen L eben stehen und wirken können. Das hat Konsequenzen, denn auf diese Weise muss ich mich neben meinem erstrangigen lutherischen Bekenntnis auch zu den Orthodoxen, Römern, Pfingstlern, Reformierten, Methodisten usw. bekennen.

Karl Rahner formulierte einmal: „Die Kirche ist ein Corpus mixtum“, also ein vielfältig gemischtes Gebilde. Doch im Sinn des Leibes Christi ist es undenkbar, Missstände anzuklagen bzw. den Verursachern vorzuwerfen. Etwa: Ihr Katholiken habt durch Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverbrennung schwer gesündigt. Oder: Ihr Reformierte habt die Täufer ersäuft und schwere Schuld auf euch geladen. Das ist die unökumenischste Art nach der Weise des Pharisäers: Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser.

Im Sinn der Teilhaberschaft am Ganzen dürfen solche Sätze nicht fallen. Denn jeder Christ ist, ob er will oder nicht, nicht nur Teilhaber an den Gnadenmitteln der Kirche Jesu Christi, sondern auch Teilhaber an deren Schuld.

Ich weiß: Kollektivschuld ist nicht beliebt. Es wird gesagt: Jeder soll für seine eigene Schuld büßen. Am Bild des Leibes wird aber die Kollektivschuld – ebenso auch die Kollektivgnade – sehr anschaulich: Kann die Zunge lügen ohne den ganzen Menschen? Niemand wird die Zunge vor Gericht schleppen, sondern die ganze Person.

In solchem Zusammenhang verwende ich ungern den Begriff der Stellvertretung, denn dadurch wird signalisiert: Ich trete für etwas ein, was ich selbst nicht zu verantworten habe. – Stellvertretung ist für mich zum Pseudowort für geistliche Distanz geworden. Ganz anders klingt die korporative Buße (siehe nachstehendes Gebet). In solcher Haltung öffnet sich ein Zentralgeschehen wirklicher Oekumene. Da bohrt man nicht mehr an dem Splitter im Auge des anderen herum, sondern lernt geistliche Solidarität mit begnadigten Sündern. Das vermag die Liebe, die der Sünden Menge deckt (1.Petr 4) und die da ist das Band der Vollkommenheit, wo die Herzen zusammengefasst werden (Kol. 2).

Gott schenke uns viel Wahrnehmung seiner Guttaten; er gewähre uns viel Toleranz der Liebe gegenüber allem Fremden; er erwecke uns wahres Interesse an der Vielschichtigkeit des Daseins; er lasse uns große Freude über die Zusammenhänge des Lebens erblühen.

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