KI und die Verantwortung des Menschen

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Welche Verantwortung für uns Menschen lässt sich angesichts der tiefgreifenden Durchdringung aller Lebensbereiche durch die KI erkennen? Dazu gibt es sicher unterschiedliche Ansichten. Hier kommt die Ansicht eines Experten, der sich als Christ auf diesem Gebiet seit vielen Jahren Gedanken macht. Er bleibt dabei nicht bei den technischen Aspekten stehen, sondern deutet an, welche sonstigen „Vorausdenker“ dazu miteinander ins Gespräch kommen müssten. Die Frage nach KI betrifft halt zunehmend unseren ganzen Alltag. Prof. em. Dr.-Ing. Klaus Henning (Kybernetiker) (Jg. 1945) war bis 2009 Inhaber des Lehrstuhls Informationsmanagement im Maschinenbau, Leiter des Zentrums für Lern- und Wissensmanagement an der RWTH Aachen und Senior Partner des Beratungshauses Umlaut Transformation GmbH, Köln.

Im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz und dem verantwortungsvollen Umgang mit diesen Technologien bin ich als Christ der festen Überzeugung, dass jede Art von Technik im Kern eine gute Gabe Gottes ist, um die Schöpfungsgeschichte fortzuschreiben.  Die Schöpfungsgeschichte ist nicht zu Ende, und wir sind die Hände Gottes, um diese Schöpfung zu gestalten. Im Rahmen dieser Grundberufung als Ingenieure, Welt verantwortungsvoll weiterzuentwickeln, zu gestalten und auch Fehlentwicklungen zu korrigieren, wo es danebengegangen ist, eröffnet KI jetzt eine neue herausragende Dimension. Wir haben ja schon mehrere tiefgreifende technologische Revolutionen erlebt wie die Einführung der Elektrizität oder des Automobils innerhalb jeweils einer Dekade, die die Welt tiefgreifend verändert haben. Bei der KI haben wir es aber neben dem technologischen Sprung zu tun mit einer fundamentalen Änderung des Umgangs mit Gedanken und der Art und Weise, wie wir kommunizieren, denken, handeln und Entscheidungen treffen.

Als Christ bin ich der festen Überzeugung, dass jede Art von Technik im Kern eine gute Gabe Gottes ist, um die Schöpfungsgeschichte fortzuschreiben.

Das hängt nicht allein an KI, sondern ist im Rahmen der gesamten digitalen Transformation zu sehen, die im Kern mit Hilfe von KI die größte Kulturrevolution seit Erfindung des Buchdrucks darstellt. Beim Buchdruck ging es auch nicht einfach um das Drucken von Büchern, sondern Gutenberg war der Überzeugung, dass er das Primat der Vernunft zur Geltung bringen wollte. Das technische Mittel Buchdruck hat einen Transformationsprozess eingeleitet, der Europa und die Welt regelrecht überrollt und alles verändert hat, nachdem die meisten Menschen dann lesen und schreiben konnten. Mit der digitalen Transformation geschieht heute etwas mindestens genauso Dramatisches.

Wichtige neue Aspekte der KI (insbesondere der starken KI)1 sind, dass technische Systeme eigene Entscheidungen treffen, selbst lernen, „spielen“ und probieren, kreative Entwicklungen vornehmen und innovative Strategien entwickeln und erproben, die vorher niemand kannte – weder die Entwickler noch das KI-System selbst. Systeme mit einem eigenen (Gedächtnis-)Bewusstsein erzeugen eine neue Dimension von Wirklichkeit: KI-Systeme werden in neuer Weise zum dialog- und antwortfähigen Gegenüber und Partner des Menschen.

Da entsteht in der göttlichen Schöpfung eine neue Seinsform, mit der wir in Dialog treten. Das spannt einen neuen Raum auf – auch einen geistlichen Raum. Das Verhalten und Lernen der Maschinen wird wesentlich davon abhängen, welches Verhalten sie an uns erleben, wovon sie lernen und wie sie daran ihre eigene „Ethik“ entwickeln.

Gerade die kaum noch gegebene Nachvollziehbarkeit und der damit einhergehende gefühlte Kontrollverlust bei lernenden, sich selbst weiterentwickelnden Systemen erfordern auf der einen Seite immer neu die Schaffung einer Vertrauenskultur, auf der anderen Seite Grenzziehungen an ethischen Fragen. Hier müssen Regeln gesetzt, ihre Einhaltung überprüft und gegebenenfalls Konsequenzen bis zum Abschalten von technischen Systemen durchgesetzt werden. Neben den etablierten Mechanismen der Technikfolgenabschätzung und -begrenzung und dem (prophetischen) Vorausdenken von Philosophen, Ethikern und Theologen braucht es in dieser beschleunigten Entwicklung gerade eine Gestaltungs- und Nutzungsverantwortung „im Kleinen“. Hier kommt es in unserer täglichen Arbeits- und Lebenswelt auf Wachheit und gute Wahrnehmungsfähigkeit, Bereitschaft zur Mitgestaltung im Alltag an.


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