Jesus Christus – der ganz andere

Br.Johannes Junger
Wir alle meinen ihn zu kennen. Aber Jesus wird nicht nur von denen verkannt, die ihn ablehnen oder gar bekämpfen. Er wird auch von denen , die sich nach seinem Namen nennen, noch lange nicht in seiner ganzen Einzigartigkeit und dem Reichtum seines Wesens erkannt.
Der ins Fleisch gekommene Logos, der Gottessohn, wurde schon während seines Erdenlebens weder erkannt noch angenommen. Gegensätzliche Bewegungen, Hoffnungen und Erwartungen bestimmten das religiöse und politische Klima und verhinderten das Erkennen Jesu und seiner Gottesbestimmung – selbst bei seinen Jüngern, die ihm am nächsten standen. Ist das heute anders?

Jesus ist ohne den Hintergrund des Alten Testamentes und der Geschichte Israels nicht zu verstehen. Wer die heilige Schrift Israels nicht aus der Perspektive der Offenbarungen Gottes in ihr und aus dem Blickwinkel der Erfahrungen des wandernden Gottesvolkes liest, kann den Reichtum des Gottessohnes Jesus nicht erkennen.
Das Alte Testament bezeugt Israel als von Gott auserwähltes Volk, das als Knecht und Diener Gottes, als ein Königreich von Priestern und als heiliges Volk, der gesamten Menschheit den Weg in die Gemeinschaft mit Gott eröffnen sollte. Zwei Hoffnungslinien gehen durch die Botschaft des Alten Testaments: zum einen die Erwartung einer heilen Welt (Jes 9 und 11), zum andern die Verheißung eines leidenden Gottesknechtes, eines Gesalbten, der durch Verachtung und Leiden hindurch rettet (Jes 53).
Die überlieferten Geschichtsberichte zeigen uns, wie Israel im realen politisch-geschichtlichen Leben an diesen – für seine Vorstellung auseinander driftenden – Erwartungen und Verheißungen immer wieder zerbrach und scheiterte. Auch seine Jünger waren nicht in der Lage, ihn als den zu erkennen, der beide Verheißungen erfüllen sollte.
Was hat nun Jesus gebracht, was war seine eigentliche Bedeutung? Er hat zuerst die Verheißungen und Hoffnungen Israels bestätigt. Er hat uns den Vater, den Gott der Väter Israels, neu vor Augen gemalt. Johannes sagt:
„Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.“ Andere übersetzen sogar:
„Der am Herzen Gottes ruhte – und seinen Willen kannte und tat.“ Die Lehre Jesu kommt deshalb nicht aus menschlichem Erkennen und ist nicht erfassbar durch intellektuelle Annahme. Sie kommt aus der unmittelbaren Berührung mit dem Vater – aus dem Gespräch mit dem Vater von Angesicht zu Angesicht. Auf ihn lief die Geschichte Israels zu und von ihm geht die Geschichte des Gottesvolkes durch die Zeiten aus. Darin liegt bis heute der Reichtum, die Größe und Tiefe seiner Person – in Wort und Tat, die zu Lebzeiten von seinen Begleitern nicht erkannt wurde. Erst das Pfingstereignis hat ihnen die Augen dafür öffnen können.
Darum konnte Jesus erst nach seiner Auferstehung seinen Jüngern die Weltmission anvertrauen: Sie bekamen den Auftrag, die ganze Menschheit in die Gemeinschaft mit Gott zu rufen.

Wider die Gottvergessenheit

Jesus ist der Menschensohn, der die ganze Geschichte der Menschheit – von Adam an – auf sich genommen hat. Am eigenen Leibe hat er das menschlich-sterbliche Leben durchschritten und durchlitten. Denn nur so kann es verwandelt und zum Leben im Reich Gottes erweckt werden.
Er wurde versucht wie wir, blieb aber ohne Sünde. Der Kern aller Sünde ist doch das Beiseiteschieben Gottes; es ist die Illusion, die Welt aus eigener Kraft und Intelligenz – eben ohne den lebendigen Gott – in Ordnung bringen zu können. Es ist die Illusion zu glauben, politische, materielle und andere innerweltliche Realitäten seien die einzige ernst zu nehmende Wirklichkeit. Jesus widerspricht dieser Begrenzung mit seinem ganzen Leben, Sterben und Auferstehen.
Von daher ist die Frage so wichtig: Kennen wir Jesus? Oder sind wir auch in der Gefahr – wie viele Israeliten zur Zeit Jesu – uns von Gott und vor allem von Jesus unser eigenes, beschränktes Bild zu machen? Glauben wir auch, unsre menschlich gut gemeinten Hilfsaktionen zur Rettung der Welt und Menschheit reichten aus, die Welt zu erlösen?
Dieser Versuchung ist Jesus radikal ausgewichen. Er tat nur den Willen des Vaters – wie öfter von ihm berichtet wird – und widerstand den menschlichen Laborversuchen, Gott vor den eigenen Karren zu spannen und gutgemeinte Lösungen für Probleme anzubieten. Das hat ihn allerdings den Tod – das Opfer für die Schuld der ganzen Menschheit – gekostet. So wurde er zum Lamm Gottes, das der Welt Sünde hinweggetragen hat.
Jesus rief in seine Jüngerschaft und Nachfolge. Und das bedeutet nicht ein Gutes-Tun-Wollen, sondern ein im Sinne Jesu Gut-Werden-Wollen, ein lebendiges Leben und Hören auf Jesus oder – wie das Neue Testament sagt – ein neuer Mensch werden. Deshalb spricht Petrus in seinem Brief davon, dass wir „aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt, wiedergeboren sind„.
Durch diese Neugeburt im Heiligen Geist wird die Sünde überwunden, d.h. die Gottvergessenheit und das autonome Streben des Menschen.
Natürlicherweise gehört das anschließende Wachstum zum Menschsein, also zu jeder Neugeburt. Die Jünger Jesu erleben und durchschreiten ähnliche Reifeschritte, wie sie auch von Jesus selber berichtet sind. Dazu gehören ein Ernstnehmen des ganzen Evangeliums Gottes, wie auch das Wort Jesu (aus Joh 6,53): „Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch.“ Dies Beschenktwerden durch die Gnade Gottes ist die Voraussetzung für Menschen, die im Sinne Jesu leben und wirken wollen.
Durch solche Menschen kann Versöhnung untereinander geschehen und Reich Gottes in der Welt sichtbar werden.

Lernen wir, dass es nur eine einzige Liebe gibt:
Wer Gott umarmt, findet in Seinen Armen die Welt,
wer in Seinem Herzen das Gewicht Gottes aufnimmt,
empfängt auch das Gewicht der Welt
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