Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben!

Der Glaube – wie hält er durch? Bemerkenswert, mit welch klaren Worten Dietrich Bonhoeffer damals seine Konfirmanden angesprochen hat. Die Entscheidung für Christus, zu der er sie hinführt, muss sich bewähren. Mit erfreulich konkreten Hinweisen macht er ihnen klar, womit sie rechnen müssen. Ermutigend ist dabei die abschließende Versicherung, dass die entscheidende Hilfe dabei von Gott selbst kommt.

Liebe Konfirmanden!

Die Konfirmation ist ein ernster Tag. Wir wollen dankbar sein, dass uns Gott diese Stunde gemeinsamen Bekennens in der Kirche schenkt. Aber ganz ernst, ganz wirklich wird das alles eben doch erst nach der Konfirmation, wenn der Alltag wieder da ist, das tägliche Leben mit all seinen Entscheidungen. Da wird es sich dann zeigen, ob auch der heutige Tag ernst war. Ihr habt euren Glauben nicht ein für alle Mal.

Euer Glaube, den ihr heute bekennt von ganzem Herzen, der will morgen und übermorgen, ja er will täglich neu gewonnen sein. Glauben empfangen wir von Gott immer nur so viel, wie wir für den gegenwärtigen Tag gerade brauchen.

„Ich glaube …“ Der Glaube ist eine Entscheidung. Darum kommen wir nicht herum. „Ihr könnt nicht zwei Herren dienen.“ Ihr dient von nun an Gott allein, oder ihr dient Gott überhaupt nicht. Ihr habt nun nur noch einen Herrn, das ist der Herr der Welt, das ist der Erlöser der Welt, das ist der Neuschöpfer der Welt. Ihm zu dienen ist eure höchste Ehre. Zu diesem Ja zu Gott gehört aber ein ebenso klares Nein: Euer Ja zu Gott fordert euer Nein zu allem Unrecht, zu allem Bösen, zu aller Lüge, zu aller Bedrückung und Vergewaltigung der Schwachen und Armen, zu aller Gottlosigkeit und Verhöhnung des Heiligen. Euer Ja zu Gott fordert ein tapferes Nein zu allem, was euch je daran hindern will, Gott allein zu dienen, und sei es euer Beruf, euer Besitz, euer Haus, eure Ehre vor der Welt. 

Glaube heißt Entscheidung. Aber eure eigenste Entscheidung! Kein Mensch kann sie euch abnehmen. Sie muss aus der Einsamkeit, aus dem Alleinsein des Herzens mit Gott herkommen, sie wird aus heißen Kämpfen gegen den Feind in eurer eigenen Brust geboren werden. Noch seid ihr umgeben von einer Gemeinde; von Häusern, die euch tragen; von Eltern, die für euch sorgen; von Menschen, die euch helfen, wo sie können. Gott sei Dank dafür! Aber Gott wird euch in die Einsamkeit führen, mehr und mehr. Er will euch vorbereiten für die großen Stunden und Entscheidungen eures Lebens, in denen euch kein Mensch zur Seite stehen kann, in denen nur eines gilt: Ich glaube, ja ich selbst; ich kann nicht anders, lieber Herr, hilf meinem Unglauben.

Euer heutiger Glaube ist ein Anfang, kein Abschluss. Ihr müsst erst in die Schrift hinein und ins Gebet hinein, ihr ganz allein, und ihr müsst lernen, euch mit der Waffe des Wortes Gottes zu schlagen, wo es nottut. Christliche Gemeinschaft ist eine der größten Gaben, die Gott uns gibt. Aber Gott kann uns dieses Geschenk auch nehmen, wenn es ihm gefällt, wie er es vielen unserer Brüder heute schon genommen hat. Dann stehen und fallen wir mit unserem eigensten Glauben.

Euer Glaube wird in schwere Versuchungen geführt werden. Auch Jesus Christus wurde versucht, mehr als wir alle. Es werden zuerst Versuchungen an euch herankommen, Gottes Geboten nicht mehr zu gehorchen. Mit großer Gewalt werden sie euch bestürmen. Schön und verlockend, unschuldig und mit dem Schein des Lichtes wird der Satan, der Luzifer (der „Lichtträger“) zu euch kommen. Er wird euch Gottes Gebot verdunkeln und in Zweifel ziehen. Er wird euch die Freude an dem Weg Gottes rauben wollen.

Gott arbeitet an uns durch die Versuchungen. Er treibt niemals sein Spiel mit euch, verlasst euch darauf, sondern der Vater will das Herz seiner Kinder festmachen. Darum kommt das alles über euch. Und wenn die Versuchung noch so verwirrend ist, wenn unser Widerstand schon ganz zusammenzubrechen droht, ja und wenn selbst die Niederlage schon da ist, dann dürfen wir und sollen wir mit dem letzten Rest unsres Glaubens rufen: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben!

Euer Glaube wird geprüft werden durch Leid. Gott schickt seinen Kindern das Leid gerade dann, wenn sie es am nötigsten brauchen, wenn sie allzu sicher werden auf dieser Erde. Da tritt ein großer Schmerz, ein schwerer Verzicht in unser Leben, ein großer Verlust, Krankheit, Tod. Unser Unglaube bäumt sich auf. Warum fordert Gott das von mir? Warum hat Gott das zugelassen? Warum, ja warum? Das ist die große Frage des Unglaubens, die unseren Glauben ersticken will. Keiner kommt um diese Not herum. Es ist alles so rätselhaft, so dunkel. In dieser Stunde der Gottverlassenheit dürfen und sollen wir sprechen: Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben. Ja, lieber Herr, auch im Dunkeln, auch im Zweifel, auch in der Gottverlassenheit. Lieber Herr, du bist ja doch mein lieber Vater, der alle Dinge zu meinem Besten dienen lässt. Lieber Herr Jesus Christus, du hast ja selbst gerufen: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Du wolltest sein, wo ich bin. Nun bist du bei mir. Nun weiß ich, dass du in der Stunde meiner Not auch mich nicht verlässt. Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben.

Wenn wir trotz aller Versuchung doch nicht fliehen, sondern stehen und kämpfen, so ist das nicht unser starker Glaube und unser Kampfesmut, unsere Tapferkeit, sondern es ist ganz allein dies, dass wir ja nicht mehr fliehen können, weil Gott uns festhält, dass wir von ihm nicht mehr loskommen.

Gott führt den Kampf in uns und gegen uns und durch uns. Sein ist die Gerechtigkeit. Sein ist das Leben. Sein ist der Friede. Wir sind in der Unruhe, und bei Gott ist Ruhe. Amen.1Dietrich Bonhoeffer, Auszug aus einer Predigt zu Mk 9,24 (1938), in: Ders., Werke, Band 15, hrsg. v. Dirk Schulz, München 1998.

Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945)

Evangelischer Theologe, Vertreter der Bekennenden Kirche, im KZ Flossenbürg hingerichtet


Fussnoten[+]

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