Hinführung zum Einheitsgebet 2

Nach Michael Deckers Hinführung zum Einheitsgebet in der letzten Ausgabe wollen wir künftig aus den in Jahrzehnten gewonnenen Erwägungen von Luitpold Schatz jeweils kleine Abschnitte veröffentlichen. Es beginnt mit den ersten drei Worten als Bekenntnis vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt.

„Herr Jesus Christus …“

Die Verbindung dieser drei Namen finden wir im Neuen Testament an sieben Stellen, darunter in nachstehenden Texten:

„So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat“.

(Apg 2,36)

„Wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er sei der Herr“.

(2Kor 4,5)

„Alle Zungen sollen bekennen, dass Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters“.

(Phil 2,11)

Mit dieser dreifachen Anrufung beginnen viele fest formulierte Gebete. Sie wird dadurch zu einer gern benutzten und wichtigen Anrede. Aber schnell eilt man zum Inhalt des Gebets weiter. Es wäre gut, bei den drei Namen etwas innezuhalten.

Mit ihrer betonten Nennung vor der nachfolgenden Gebetswichtigkeit verlören viele Gebete ihre Ichbezogenheit. Nicht mehr der Mensch stünde am Anfang; nicht mehr der Wunsch nach Hilfe und Errettung bewegte vordergründig die Herzen. Dafür entstünde der Blick der Liebe, und es erblühte die anbetende Anschauung Gottes im Sohn.

Setzen wir den Herrn Jesus Christus getrost vorne hin als ein Bekenntnis und nicht nur als Anrede; als Huldigung und nicht bloß als Einleitung; als Zeugnis vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt.

Gewiss: Der Retter und Heiland muss im Menschenleben zu einer Realität werden. Da darf es ein Helfen und Heilen geben, ein Segnen und Trösten.

Doch das Herz sollte fest werden und sich dabei nicht mehr so wichtig nehmen. Es muss die Dimension des Herrn Jesus Christus einlassen in sein Dasein, um zu merken, dass sich eine Welt auftut und Raum gewinnt. Die Wirklichkeit des Herrn Jesus Christus würde zutage treten und neue Verhältnisse schaffen, und Inneres begänne sich zu entfalten.

Romano Guardini, der gebildete Theologe, sagt nicht von ungefähr: Wie ist es möglich, dass der Baum, auf den ich zugehe, mir wirklicher ist als ER, Jesus Christus, der Herr? Das ist eine Kardinalfrage, die alle Zustände und Dinge einbezieht.

Will der Mensch wirklich jene Einheit in dem Herrn Jesus Christus, wie dieser sie im hohepriesterlichen Gebet (Joh 17) gegenüber dem Vater gewollt hat? Oder will man nur – was auch schon viel wäre – eine Rolle im Reich Gottes spielen?

Teilhard de Chardin spricht vom göttlichen Milieu als der Einflusssphäre Gottes, wo aber immer noch Distanz zu dem lebendigen Gott selbst kennzeichnend ist. Dann spricht er vom Punkt Omega als dem Zielpunkt allen Lebens, wo Gott sein wird alles in allem und wir distanzlos in ihm.

So meint auch ein ostkirchlicher Starez (Heiliger), wenn er darauf hinweist, dass das Herzensgebet („Herr Jesus Christus – erbarme dich unser“) ohne die Erbarmungsbitte erst Klarheit gewinne. Die unaufhörliche Nennung des trinitarisch-ähnlichen Namens „Herr Jesus Christus“ lässt Leib, Seele und Geist des Menschen absichtslos und hingebungsvoll einmünden in die Luft der Verklärung, wie sie auch im hohepriesterlichen Gebet Jesu bezeugt wird.

Es gibt einen prägnanten Satz der Ordensgründerin Mary Ward: „Begnüge dich mit nichts, was weniger als Gott ist„. 1Luitpold Schatz, in: Quatemberbote 205, März 2000.


Einheitsgebet – Betrachtungen von Luitpold Schatz

Luitpold Schatz (1925 – 2014), Vereinigung vom gemeinsamen Leben

Fussnoten   [ + ]

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