Gedanken zu Bonhoeffer

Das Geheimnis des Evangeliums ist in seinem tiefsten Wesen eine Mitteilung von Leben.
Wer ein einziges Wort des Herrn in sich einlässt und ihm erlaubt, sich in seinem Leben auszuwirken, weiß mehr vom Evangelium als einer, dessen ganze Anstrengung sich in abstrakter Betrachtung oder historischem Forschen erschöpft. Das Evangelium ist nicht für Leute geschrieben, die nach neuen Ideen suchen. Es ist da für Jünger und Jüngerinnen, die ihm gehorchen wollen.

Madeleine Delbrel

Dietrich Bonhoeffer

Dorothea Vosgerau

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Nachfolge auf dem Weg durch die Passion, Leidenswege in einer Familie und im Älterwerden, Leiden an und mit dem kranken Leib Christi oder im spannungsvollen Miteinander von Amt und Charisma – das waren Themen in den Lebensbereichen von Familie und Kirche. Mit [[Dietrich Bonhoeffer]] begegnen wir nun einem Menschen, der um das christliche Zeugnis in Gemeinde und Welt gerungen hat. Weil ihn sein Weg in persönliches Leiden führte, kann er diejenigen ermutigen, die in der Gemeinschaft mit den Leiden Christi (vgl. Phil 3,10) in Gemeinde und Welt stehen.

Vom gereiften Christsein in der Welt.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches brauchte es Jahrzehnte, bis die Überlebenden der Katastrophen des Krieges, der Bombardierungen und des Flüchtlingselends sich innerlich von der ideologischen Verführung des Nationalsozialismus gelöst hatten und die Vergangenheit einigermaßen objektiv anschauen konnten. Nur wenige hatten diese Objektivität schon vor und während des Dritten Reiches. Zu ihnen gehörte Dietrich Bonhoeffer. Kein Wunder, dass seine Schriften in den Jahren nach dem Zusammenbruch im In- und Ausland die meistgelesene deutsche theologische Literatur wurden. Aber ebenso verständlich auch, dass man ihn z.T. theologisch völlig einseitig und falsch interpretierte, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass sein Leben vor Gott sich mit seinem theologischen Denken im Verlauf seines schweren Lebensweges untrennbar im Sinne des Neuen Testaments verbunden hatten. Bonhoeffer fühlte sich mehr und mehr um Jesu willen vor Gott verantwortlich für Kirche und Welt, weil für ihn die Gegenwart Christi in der Welt zur Realität geworden war.

Das Elternhaus.

Dietrich Bonhoeffer wird 1906 als sechstes von acht Kindern in Breslau geboren. Sein Vater – Professor für Psychiatrie und Neurologie – wird sechs Jahre später an die Charité in Berlin berufen, sodass Bonhoeffers eigentliche Heimat Berlin wird. Der Vater prägte die nüchterne, wissenschaftliche, auf Überprüfbarkeit ausgerichtete Atmosphäre in der Familie. Die Mutter hatte – für damalige Verhältnisse nicht alltäglich – durchgesetzt, dass sie das Lehrerinnenexamen für mittlere und höhere Mädchen- schulen ablegen durfte. Man war im Hause Bonhoeffer nicht besonders kirchlich, aber man erzog die Kinder im Geist des kultur-protestantischen Christentums, ethisch hochstehend und preußisch korrekt. Musikunterricht war selbstverständlich und so wurde Dietrich ein ausge- zeichneter Pianist.

Das Elternhaus mit Angestellten pflegte lebhafte Kontakte zu führenden Persönlichkeiten des Berliner Bildungs- bürgertums.

Theologischer Werdegang

Als 13-jähriger spricht Dietrich zum erstenmal davon, dass er Theologie studieren möchte. Mit 17 Jahren beginnt er sein Studium in Tübingen, geht nach einem Jahr zurück nach Berlin, promoviert als 21-jähriger und legt im gleichen Jahr sein erstes theologisches Examen ab. Sein Vikariat verbringt er in der deutschen Gemeinde in Barcelona. Dann arbeitet er als wissenschaftlicher Assistent an der Universität in Berlin und erwirbt dort 1930 die Lehrberechtigung. Im gleichen Jahr legt er sein zweites theologisches Examen ab. Da er mit 24 Jahren für die Ordination noch zu jung ist, bekommt er für ein Jahr ein Stipendium an eine renommierte theologische Hochschule in New York. Ab 1931 lehrt er an der Berliner theologischen Fakultät. Zugleich ist er Studentenpfarrer an der tech- nischen Hochschule mit dem Zusatz-Auftrag, Konfirmanden aus dem Berliner Arbeiterbezirk zu unterrichten.

Durch seine Auslandsaufenthalte und seine Sprachkennt- nisse ist er prädestiniert für die Mitarbeit in der öku- menischen Bewegung. Der Beginn seiner ökumenischen Arbeit fällt in die Zeit der Hetze national gesinnter Theologen in Deutschland gegen die „Vaterlandsverräter“ in dieser Bewegung. Erschreckend ist für ihn der sich ausbreitende Nationalismus unter der Jugend. Bei der Reichstagswahl 1933 wählt er als evangelischer Pfarrer die katholische Zentrumspartei, weil er sie wegen ihrer internationalen Bindungen noch für die unabhängigste Partei hält.

Von 1933-1935 arbeitet er als Pfarrer in einer Gemeinde in London. Zu dieser Zeit beginnt nämlich innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland, die ja aus einzelnen, voneinander unabhängigen Landeskirchen besteht, eine Spaltung zwischen „Bekennenden Christen“ und „Deutschen Christen“. Die Deutschen Christen nehmen das nationalsozialistische Gedankengut – wie z.B. die Rassentheorie vom nordischen Menschen, der dem jüdischen weit überlegen ist – in ihr kirchlich-theologisches Denken auf und wollen deswegen das Alte Testament nicht mehr in der Kirche anerkennen. Sie akzeptieren einen vom Führer eingesetzten autoritären Reichsbischof. Die Bekennenden Christen wehren sich dagegen mit der so genannten „Barmer Theologischen Erklärung“ (1934), die Jesus Christus als den alleinigen Herrn der Kirche bekennt und die Heilige Schrift als alleinige Grundlage des Glaubens. Bonhoeffer sieht sich schon ein Jahr vor dieser Barmer Theologischen Erklärung in seiner Radikalität gegen den Nationalsozialismus in Pfarrerskreisen in Deutschland ziemlich allein gelassen. Er glaubt, „in die Wüste“ – nach London – gehen zu müssen.

Von hier aus ist er sehr aktiv in der ökumenischen Bewegung. Er wird zum Jugendsekretär des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen gewählt und nimmt an zahlreichen ökumenischen Tagungen im In- und Ausland teil. Im Sommer 1934 hält er eine vielbeachtete Friedensrede auf der ökumenischen Konferenz in Fanö/Dänemark. In einer Morgenandacht über das Psalmwort (85,9):

‚Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten.‘ sagt er zum Stichwort Frieden: „Wie wird Friede: Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist?, dass alle Völker darüber froh werden müssen? Der einzelne Christ kann das nicht – er kann wohl, wo alle schweigen, die Stimme erheben und Zeugnis ablegen, aber die Mächte der Welt können wortlos über ihn hinwegschreiten. Die einzelne Kirche kann auch wohl zeugen und leiden – ach, wenn sie es nur täte -, aber auch sie wird erdrückt von der Gewalt des Hasses. Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.“

Schon 1933 hatte Bonhoeffer sich gegen das Gesetz gewehrt, das „nichtarische“ Pfarrer aus dem Kirchendienst entlassen werden müssen. Und permanent wehrt er sich gegen die Verleumdung und Entrechtung und Vernichtung der Juden, zumal einer seiner Schwäger davon betroffen ist.

Zugleich erhält Bonhoeffer durch seinen Schwager von Dohnanyi, der im Reichsjustizministerium einen wichtigen Posten bekleidet, ausgezeichnete Informationen über die politischen Vorgänge und den Umgang mit politischen Gegnern in der Berliner nationalsozialistischen Regierung. Dadurch schätzt er die politische Entwicklung in Deutschland äußerst realistisch ein.

Über seine innere Entwicklung…

…schreibt er im Jahr 1936 rückblickend an einen Freund:

„Ich stürzte mich in die Arbeit in sehr unchristlicher und undemütiger Weise. Ein wahnsinniger Ehrgeiz, den manche an mir gemerkt haben, machte mir das Leben schwer… Dann kam etwas anderes, etwas, was mein Leben bis heute verändert hat und herumgeworfen hat. Ich kam zum ersten Mal zur Bibel. Das ist auch wieder sehr schlimm zu sagen. Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen, darüber geredet und geschrieben – und ich war noch kein Christ geworden, sondern ganz wild und ungebändigt mein eigener Herr. Ich weiß, ich habe damals aus der Sache Jesu Christi einen Vorteil für mich selbst …gemacht. Ich bitte Gott, dass das nie wieder so kommt. Ich hatte auch nie, oder doch sehr wenig, gebetet. Ich war bei aller Verlassenheit ganz froh an mir selbst. Daraus hat mich die Bibel befreit und insbesondere die Bergpredigt. Seitdem ist alles anders geworden. Das habe ich deutlich gespürt und sogar andere Menschen um mich herum. Das war eine große Befreiung. Da wurde es mir klar, dass das Leben eines Dieners Jesu Christi der Kirche gehören muss, und Schritt für Schritt wurde es deutlicher, wie weit das so sein muss.Ich fand nun auch Menschen, die dieses Ziel mit mir ins Auge fassten. Es lag mir nun alles an der Erneuerung der Kirche und des Pfarrerstandes… Der christliche Pazifismus, den ich noch kurz vorher … leidenschaftlich bekämpft hatte, ging mir auf einmal als Selbstverständlichkeit auf.“

Sein Buch „Nachfolge“ enthält seine Auslegung der Bergpredigt, die er mit dem Satz beginnt: „Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade.“ Was er damit meint, wird einige Seiten weiter angedeutet: „Du beklagst dich darüber, dass du nicht glauben kannst? Es darf sich keiner darüber wundern, wenn er nicht zum Glauben kommt, solange er sich an irgendeiner Stelle in wissentlichem Ungehorsam dem Gebot Jesu widersetzt oder entzieht. Du willst irgendeine sündige Leidenschaft, eine Feindschaft, eine Hoffnung, deine Lebenspläne, deine Vernunft nicht dem Gebot Jesu unterwerfen? Wundere dich nicht, dass du den Heiligen Geist nicht empfängst, dass du nicht beten kannst, dass dein Gebet um den Glauben leer bleibt! Gehe vielmehr hin und versöhne dich mit deinem Bruder, lass von der Sünde, die dich gefangen hält, und du wirst wieder glauben können! Willst du Gottes gebietendes Wort ausschlagen, so wirst du auch sein gnädiges Wort nicht empfangen. Wie solltest du die Gemeinschaft dessen finden, dem du dich wissentlich an irgendeiner Stelle entziehst? Der Ungehorsame kann nicht glauben, nur der Gehorsame glaubt.“

Kirchliche Arbeit im Predigerseminar

Die Barmer Theologische Erklärung – von der wir eben schon hörten – leitete innerhalb der Evangelischen Kirche den Kirchenkampf ein. Gemeint ist damit der aus dem Evangelium erwachsene Widerstand gegen den Unrechtsstaat der NS-Ideologen mit seiner vernichtenden Rassen- und Blut- und Boden-Politik. Zugleich war damit der Versuch verbunden, sich kirchlich nicht von diesem staatlichen Unrechtsregime dominieren zu lassen. Schon zu Beginn dieses Kirchenkampfes will die Bekennende Kirche 1935 die Ausbildung ihrer zukünftigen Pfarrer nicht mehr der Evangelischen Kirche überlassen, in der die Deutschen Christen die Mehrheit bilden. Sie gründet ihre eigenen Predigerseminare. Dietrich Bonhoeffer wird von London zurückgerufen und zum Leiter des Predigerseminars in Finkenwalde in Pommern, östlich von Stettin, eingesetzt. Nach seiner Überzeugung soll das Seminar nicht einfach ein Ort des Studierens, sondern ein Ort bruderschaftlichen Lebens sein. Was er sich darunter vorstellt, hat er in seinem Buch „Gemeinsames Leben“ niedergeschrieben:

„Christliche Gemeinschaft heißt Gemeinschaft durch und in Jesus Christus. Auf dieser Voraussetzung ruht alles, was die Schrift an Weisungen und Regeln für das gemeinsame Leben der Christen gibt.“ … „‚Über die Bruderliebe brauche ich euch nicht zu schreiben; Gott selber hat euch schon gelehrt, einander zu lieben … Wir ermuntern euch aber, Brüder, darin noch vollkommener zu werden.‘ (1Thess 4,9f – Einheitsübers.) … Als Gott uns barmherzig wurde, als er uns Jesus Christus als den Bruder offenbarte, als er uns das Herz durch seine Liebe abgewann, da begann zu gleicher Zeit der Unterricht in der brüderlichen Liebe. War Gott uns barmherzig, so lernten wir zugleich die Barmherzigkeit mit unsern Brüdern. Empfingen wir Vergebung statt Gericht, so waren wir zur brüderlichen Vergebung bereit gemacht. Was Gott an uns tat, das waren wir nun unserm Bruder schuldig. Je mehr wir empfangen hatten, desto mehr konnten wir geben, und je ärmer unsere Bruderliebe, desto weniger lebten wir offenbar aus Gottes Barmherzigkeit und Liebe. So lehrte uns Gott selbst, einander so zu begegnen, wie Gott uns in Christus begegnet ist. … Von hier aus lernt nun der, den Gott in ein gemeinsames Leben mit anderen Christen hineingestellt hat, was es heißt, Brüder zu haben. ‚Brüder im Herrn‘ nennt Paulus seine Gemeinde (Phil 1,14). Bruder ist einer dem anderen allein durch Jesus Christus. Ich bin dem andern ein Bruder durch das, was Jesus Christus für mich und an mir getan hat; der andere ist mir zum Bruder geworden durch das, was Jesus Christus für ihn und an ihm getan hat.“

Wenn man das hört, kann man verstehen, dass Bonhoeffer der Theologie seiner Zeit nicht mehr folgen konnte: Es war die Theologie des Kulturprotestantismus. Ihre bedeutendsten Vertreter (u.a. Friedrich Schleiermacher) waren der Überzeugung, jeder Mensch sei in seinem Inneren religiös und das Christliche sei nur eine kulturelle, abendländische Prägung. Für sie war Jesus ein Religionsstifter wie jeder andere. Damit gestanden sie allen Weltreligionen gleiche Wichtigkeit und gleichen Wert zu. Bonhoeffer reagierte darauf mit der Aufforderung zu einem „religionslosen Christentum“. Damit will er sagen, dass es für einen an der Bibel ausgerichteten Christen nicht um eine unterscheidungslose Religiosität gehen kann, sondern um eine gehorsame Bindung an einen persönlichen Gott, an einen Erlöser und Bruder Jesus Christus und an eine Gemeinschaft der Heiligen, die ihren Glauben in der Praxis des Alltags und der menschlichen Gemeinschaft zu leben berufen ist. In den 60/70-iger Jahren sind diese Bonhoeffer-Aussagen über das „religionslose Christentum“ nicht mehr in diesem Zusammenhang gesehen und völlig abwegig interpretiert worden. Das hat Bonhoeffer damals bei vielen bibelgläubigen Menschen zu Unrecht in Misskredit gebracht.

In seiner radikal biblischen Einsicht lebte er mit den halbjährlich wechselnden Kandidaten des Predigerse- minars zusammen. Wegen der zunehmenden Verfolgungs- situation durch die Nazis – bekennende Pfarrer wurden verhaftet oder ab 1939 zur Wehrmacht eingezogen – waren diese Kandidaten in einer Situation wie die neutesta- mentlichen Wanderprediger: Sie versuchten, bei ständig wechselndem Wohnort, die vakanten, bekennenden Gemeinden im ganzen Land zu betreuen. Dabei wurden sie nicht von der offiziellen Kirche bezahlt, sondern durch freiwillige Spenden der bekennenden Gemeinden unterstützt. Nachdem die Gestapo 1937 das Finkenwalder Seminar gewaltsam schließt, wird das Seminarleben noch zwei Jahre an verschiedenen Orten unter schwierigsten Bedingungen fortgeführt.

Leben und Sterben in der Verantwortung für Gemeinde und Welt

Bonhoeffer ist fest entschlossen, bei dem bevorstehenden Krieg den Wehrdienst zu verweigern. Um der Hinrichtung wegen Kriegsdienstverweigerung zu entgehen, fährt er im Sommer 1939 auf Einladung in die USA; er soll dort Vorlesungen halten. Als aber der Krieg begonnen hat, kehrt er zurück nach Deutschland. Er ist der Ansicht, kein Recht auf die Teilnahme am Wiederaufbau der Kirche in Deutschland nach der Nazi-Herrschaft zu haben, wenn er bis dahin in der sicheren Emigration bleiben würde. Schon ein Jahr zuvor hatte er von seinem Schwager von Dohnanyi von den Umsturzvorbereitungen in der militärischen Abwehr gehört. Von Dohnanyi war auf Veranlassung des führenden Verschwörers Oberst Hans Oster im Sommer 1939 als politischer Referent in die Zentralabteilung der Amtsgruppe Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht – dem militärischen Geheimdienst unter Admiral Canaris – eingezogen worden. Durch von Dohnanyi wird Bonhoeffer mit verschiedenen Geheimdienstaufgaben betraut und entgeht dadurch dem Armeedienst. Er lebt nun ein gefährliches und politisch belastendes Leben mit einer regen Reisetätigkeit ins Ausland zu seinen Freunden in der ökumenischen Bewegung, dem die Gestapo bald auf die Spur zu kommen versucht. Für den Fall eines gelingenden Umsturzes hatte er hinter den Balken seines Dachzimmers im Haus seiner Eltern einen Kanzelaufruf versteckt, der die Gemeinde auf die Zeit nach dem Nationalsozialismus vorbereiten sollte. Das war für die Nazis natürlich Hochverrat am Deutschen Reich. Dieser Aufruf wird bei einer Hausdurchsuchung gefunden. Am 05.April 1943 wird Bonhoeffer zusammen mit Hans von Dohnanyi und dessen Frau – seiner Schwester Christine – verhaftet und in Untersuchungshaft gebracht.

Zu diesem Zeitpunkt ist der Umsturzversuch durch ein Attentat auf Hitler schon geplant, wird aber aufgrund des Zögerns führender Militärs immer wieder verschoben. Erst am 20.Juli 1944 kommt das missglückte Attentat durch den Grafen Stauffenberg zur Ausführung. Zu dieser Zeit ist Bonhoeffer bereits über ein Jahr in Haft.

Nur ein Zitat aus einem Brief aus „Widerstand und Ergebung“ – dem nach seinem Tod zusammengestellten Buch aus Briefen, Gedanken und Gedichten aus dem Gefängnis:

„Du musst übrigens wissen, dass ich noch keinen Augenblick meine Rückkehr 1939 bereut habe, noch auch irgendetwas von dem, was dann folgte. Das geschah in voller Klarheit und mit bestem Gewissen. Ich will nichts von dem, was sich seit damals ereignet hat, aus meinem Leben streichen, weder das Persönliche … noch das Allgemeine. Und dass ich jetzt sitze …, rechne ich auch zu dem Teilnehmen an dem Schicksal Deutschlands, zu dem ich entschlossen war. Ohne jeden Vorwurf denke ich an das Vergangene und ohne Vorwurf nehme ich das Gegenwärtige hin; aber ich möchte nicht durch menschliche Manipulationen in Ungewissheit geraten. Wir können nur in der Gewissheit und im Glauben leben – du bei den Soldaten draußen, ich in der Zelle. – In der „Imitation Christi“ („Nachfolge Christi „von Thomas a Kempis aus dem 15 Jh.) las ich gerade: ‚halte treu Wacht über deine Zelle und sie wird Wacht halten über dich.‘ – Gott erhalte uns im Glauben.“

Bis zur Ausführung des Attentats hatte er noch die begründete Hoffnung, dass das Verfahren gegen ihn eingestellt werden würde. Nach dem 20.Juli aber wird der Gestapo der ganze Umfang der Verschwörung um Oberst Oster bekannt. Er wird ins Gestapo-Gefängnis in Berlin verlegt und strenger bewacht.

Einen Tag nach dem missglückten Attentat auf Hitler schreibt er am 21.Juli 1944 an seinen Freund Eberhard Bethge:

„Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich selbst so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte. … Später erfuhr ich und erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt!), einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden – und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, – dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist Umkehr; und so wird man ein Mensch, ein Christ … Wie sollte man bei Erfolgen übermütig oder an Misserfolgen irre werden, wenn man im diesseitigen Leben Gottes Leiden mitleidet? … Ich bin dankbar, dass ich das habe erkennen dürfen, und ich weiß, dass ich es nur auf dem Wege habe erkennen können, den ich nun einmal gegangen bin. Darum denke ich dankbar und friedlich an Vergangenes und Gegenwärtiges.“

Wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner wird Bonhoeffer auf Befehl höchster Stelle über das KZ Buchenwald bei Weimar ins KZ Flossenbürg /Oberpfalz – nahe der tschechischen Grenze – gebracht. Er gehört zu denen, die noch umgebracht werden, weil sie zu tiefe Einblicke in das unfassbare Unrechts-Regime der Nationalsozialisten haben. Dort in Flossenbürg wird er am 09.April1945 auf der Hinrichtungsstätte erhängt.

Zehn Jahre später schreibt der damals bei der Hinrichtung anwesende SS-Arzt:

„Am Morgen des betreffenden Tages etwa zwischen 5 und 6 Uhr wurden die Gefangenen, darunter Admiral Canaris, … aus den Zellen geführt und die kriegsgerichtlichen Urteile verlesen. Durch die halbgeöffnete Tür im Barackenbau sah ich vor der Ablegung der Häftlings- kleidung Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses außerordentlich sympathischen Manneshat mich auf das Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig und gefasst die Treppe zum Galgen. Der Tod erfolgte nach wenigen Sekunden. Ich habe in meiner fast 50-jährigen ärztlichen Tätigkeit kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen.“

Dietrich Bonhoeffers letzte Worte, als er aus dem Auto aussteigen muss, das ihn in Flossenbürg zur Hinrichtung absetzt, ist ein Gruß an Bischof Bell von der anglikanischen Kirche, den er aus der ökumenischen Bewegung, seiner Zeit in London und seiner „geheimdienstlichen Tätigkeit“ als vertrauenswürdigen Bruder in Christus kennt. Er ruft diesen Satz einem englischen Mithäftling im Auto vor dem Verlassen zu: „Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens.“

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Texte von Dietrich Bonhoeffer

Der Gerechte leidet unter der Welt, der Ungerechte nicht. Der Gerechte leidet unter den Dingen, die für andere selbstverständlich und notwendig sind. Der Gerechte leidet unter der Ungerechtigkeit, unter der Sinnlosigkeit und Verkehrtheit des Weltgeschehens, er leidet unter der Zerstörung der göttlichen Ordnungen der Ehe und Familie. Er leidet darunter nicht nur, weil es für ihn eine Entbehrung bedeutet, sondern weil er etwas Ungöttliches darin erkennt. Die Welt sagt: das ist nun einmal so, wird immer so sein und muss so sein. Der Gerechte sagt: es sollte nicht so sein, es ist gegen Gott. Daran vor allem wird man den Gerechten erkennen, daß er in dieser Weise leidet. Er bringt gewissermaßen das Sensorium Gottes in die Welt; darum leidet er, so wie Gott unter der Welt leidet. – „Aber der Herr hilft ihm“ -nicht in jedem Leiden der Menschen ist Gottes Hilfe. Aber in dem Leiden des Gerechten ist immer Gottes Hilfe, weil er ja mit Gott leidet. Gott ist immer dabei. Der Gerechte weiß, dass Gott ihn so leiden läßt, damit er Gott um seiner selbst willen lieben lernt. Im Leiden findet der Gerechte Gott. Das ist seine Hilfe. Findet in eurer Trennung Gott und ihr findet Hilfe!
Die Antwort des Gerechten auf die Leiden, die ihm die Welt zufügt, heißt: segnen. Das war die Antwort Gottes auf die Welt, die Christus ans Kreuz schlug: Segen. Gott vergilt nicht Gleiches mit Gleichem, und so soll es auch der Gerechte nicht tun. Nicht verurteilen, nicht schelten, sondern segnen. Die Welt hätte keine Hoffnung, wenn dies nicht wäre. Vom Segen Gottes und der Gerechten lebt die Welt und hat sie eine Zukunft, Segnen, d. h. die Hand auf etwas legen und sagen: du gehörst trotz allem Gott. So tun wir es mit der Welt, die uns solches Leiden zufügt. Wir verlassen sie nicht, wir verwerfen, verachten, verdammen sie nicht, sondern wir rufen sie zu Gott, wir geben ihr Hoffnung, wir legen die Hand auf sie und sagen: Gottes Segen komme über dich, er erneuere dich, sei gesegnet, du von Gott geschaffene Welt, die du deinem Schöpfer und Erlöser gehörst. Wir haben Gottes Segen empfangen in Glück und im Leiden. Wer aber selbst gesegnet wurde, der kann nicht mehr anders als diesen Segen weitergeben, ja er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden; dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.
(8. 6.1944 Predigten II, 466f.)

Nicht nur die Tat, sondern auch das Leiden ist ein Weg zur Freiheit. Die Befreiung liegt im Leiden darin, dass man seine Sache ganz aus den eigenen Händen geben und in die Hände Gottes legen darf. In diesem Sinne ist der Tod die Krönung der menschlichen Freiheit. Ob die menschliche Tat eine Sache des Glaubens ist oder nicht, entscheidet sich darin, ob der Mensch sein Leiden als eine Fortsetzung seiner Tat, als eine Vollendung der Freiheit versteht oder nicht. Das finde ich sehr wichtig und sehr tröstlich.
(28. 7.1944 Widerstand und Ergebung, 406f.)

Es ist nichts Selbstverständliches für den Christen, dass er unter Christen leben darf. Jesus Christus lebte mitten unter seinen Feinden-. Zuletzt verließen ihn alle Jünger. Am Kreuz war er ganz allein, umgeben von Übeltätern und Spöttern. Dazu war er gekommen, dass er den Feinden Gottes den Frieden brächte. So gehört auch der Christ nicht in die Abgeschiedenheit eines klösterlichen Lebens, sondern mitten unter die Feinde. Dort hat er seinen Auftrag, seine Arbeit. „Die Herrschaft soll sein inmitten deiner Feinde. Und wer das nicht leiden will, der will nicht sein von der Herrschaft Christi, sondern er will inmitten von Freunden sein, in den Rosen und Lilien sitzen, nicht bei bösen, sondern bei frommen Leuten sein. 0 ihr Gotteslästerer und Christi Verräter! Wenn Christus getan hätte als ihr tut, wer wäre immer selig geworden?“ (Luther)

„Ich will sie unter die Völker säen, dass sie in fernen Landen mein gedenken“ (Sach10,9). Ein zerstreutes Volk ist die Christenheit nach Gottes Willen, ausgestreut wie ein Same „unter alle Reiche auf Erden“ (Dtn 28,25). Das ist ihr Fluch und ihre Verheißung. In fernen Landen, unter den Ungläubigen muss Gottes Volk leben, aber es wird der Same des Reiches Gottes in aller Welt sein.

Und ich will sie sammeln, denn ich will sie erlösen, sie sollen wiederkommen“ (Sach10,8.9).
(Gemeinsames Leben, S. 9)

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