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Eiszeit – Shackletons fantastische Reise: Gedanken zur Pandemie

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Es gibt Schicksale und Erfahrungen, die in einer fast undenkbaren Weise menschliche Grenzerfahrungen aufzeigen. Wie ist es, wenn Situationen ausweglos erscheinen? In der Pandemie-Situation treten solche Erfahrungen weltweit auf und erschüttern auch unsere westliche Welt. 

Während ich diese Zeilen im Frühjahr 2021 schreibe, steigen die Zahlen der mit Corona infizierten Menschen in Deutschland wieder an. Gerade wurde ein harter Lockdown über Ostern beschlossen, die Inzidenzwerte steigen und die dritte Welle steht unmittelbar bevor. 

Als Religionslehrer bekomme ich die Auswirkungen dieser außergewöhnlichen Situation ebenfalls zu spüren: Alle Personen im Schulgebäude müssen zu jeder Zeit, also auch während des Unterrichts und in den Pausen, eine Mund-Nasen-Maske tragen. Zudem gibt es Notgruppen und Wechselunterricht, wöchentlich Selbsttests, Krisentreffen und vieles mehr. Das beeinträchtigt das Unterrichten spürbar.

Hinzu kommt immer wieder das bange Fragen: Reichen die Maßnahmen aus, um sich und andere vor einer Infektion zu schützen, oder stehen wir vor einem weiteren schulischen Lockdown? Ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Schulen wieder ganz geschlossen werden und der Unterricht auf Distanz erneut zur Normalität wird? Und: Wie sicher bin ich vor einer Infektion? Schützt mich meine erste Impfung ausreichend vor einer schweren Erkrankung?

Kein Zweifel, es stehen uns immens schwierige und unsichere Zeiten bevor. Wie können wir in dieser krisenhaften Zeit nicht nur wirtschaftlich und gesundheitlich über die Runden kommen, sondern auch seelisch in Balance bleiben? Und nicht zuletzt: Wie können wir an der Hoffnung auf Gott und seinem Wirken festhalten und nicht in Verzweiflung verfallen?

Von 1996 – 2000 arbeitete ich samt meiner Familie im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern als Religionspädagoge in der Mission in Papua-Neuguinea. Dort las ich einen Artikel über den Abenteurer Sir Earnest Shackleton, der zwischen 1901 und 1921 viermal versuchte, die letzten weißen Flecken auf der Landkarte des Südpols zu erkunden. Insbesondere eine seiner Expeditionen hat mich stark beeindruckt und inspiriert.

Nachdem der Südpol 1912 von dem Norweger Roald Amundsen zum ersten Mal erobert wurde, brach Shackleton im Sommer 1914 mit 27 Männern, 72 Schlittenhunden und seinem Schiff „Endurance“ (Ausdauer) auf, um als erster Mensch den antarktischen Kontinent zu überqueren. Seine Expedition geriet jedoch schon nach kurzer Zeit in Schwierigkeiten, da dichtes Packeis die Fahrt behinderte und schließlich zum Stillstand brachte. Nachdem die Temperatur in einer Nacht um 20 Grad gefallen war, fror das Schiff fest. Als eine Vielzahl von Bemühungen, das Schiff wieder freizubekommen, scheiterte, richtete sich die Besatzung auf eine lange Überwinterung im Eis ein. Sie hofften auf ein Auftauen des Eises und eine Fortsetzung ihrer Fahrt im nächsten antarktischen Sommer. Dabei war das rettende Festland nur noch etwa elf Kilometer entfernt, jedoch unerreichbar.

Doch ihre Hoffnung wurde enttäuscht. Nach einer langen, dunklen Winternacht mussten sie ihr Schiff, das langsam vom Packeis zermalmt wurde, verlassen. Nachdem die „Endurance“ gesunken war, saßen die Männer mit drei Beibooten, den Hunden und dem Proviant auf dem Packeis und mussten warten, bis sie offenes Wasser erreichen würden. Nach unmenschlichen Strapazen, Kälte, Nässe, Hunger und Durst erreichten sie schließlich ein ödes, eisbedecktes Eiland: die Elefanteninsel.

Doch ihre Hoffnung

wurde enttäuscht.

Da sie dort keine Rettung erwarten konnten, brach Shackleton mit fünf weiteren Männern und einem kleinen Boot zu der rund 1.200 Kilometer entfernten Insel Südgeorgien auf. Es ist kaum fassbar, dass sie diesen Flecken Erde nach zwölf Tagen erreichten und am Leben blieben. Doch damit noch nicht genug: Die rettende Walfangstation lag auf der anderen Seite des Eilandes. In einem kräftezehrenden Marsch durch unbekanntes und gebirgiges Terrain gelang es Shackletons Team nach 38 Stunden, die Zivilisation zu erreichen und sich und seine fünf Männer in Sicherheit zu bringen. Die Rettung der restlichen Besatzung auf der Elefanteninsel dauerte noch einmal etliche Monate und böte Stoff für eine eigene Geschichte.

Wie gingen Shackleton und seine Männer mit den Herausforderungen ihrer Expedition um? Was trug sie durch die fortwährende Krise? Wie begegneten sie Schwierigkeiten?

Shackleton taufte sein Schiff „Endurance“. Gleichzeitig war dies auch das Motto seiner Familie: Ausdauer. Aufgeben war für ihn keine Option, auch dann nicht, wenn das ursprüngliche Ziel die Überquerung der Antarktis, fallengelassen werden musste. Das neue Ziel, alle Männer zu retten, verfolgte er mit Leidenschaft und Hingabe. Hierin zeigte sich eine große Flexibilität und gleichzeitig die innere Stärke, seinem wichtigsten Prinzip treu zu bleiben: Niemals aufgeben, auch dann nicht, wenn man scheitert. Das bedeutete für ihn folglich, nicht an einem Traum stur festzuhalten, sondern, wenn notwendig, ohne großes Aufheben den Kurs zu ändern und ein anderes Ziel anzupeilen.

Aufgeben war für ihn keine Option, auch dann nicht, wenn das ursprüngliche Ziel fallengelassen werden musste.

Ein anderes Merkmal der seelischen Verfasstheit seiner Mannschaft war eine positive Grundeinstellung: Schwierigkeiten wurden „lächelnd ertragen“, notfalls mit einem Lied singend oder pfeifend auf den Lippen. Für jede Herausforderung gab es eine Lösung. Er und seine Männer blieben kreativ und schreckten auch nicht vor unkonventionellen Lösungen zurück.

Und nicht zuletzt erfuhren die Männer auch immer wieder ein übernatürliches Eingreifen: So berichteten Shackleton und seine zwei Begleiter, dass sie alle bei der Überquerung Südgeorgiens die Gegenwart und Begleitung einer vierten Person gespürt hatten.

Können uns diese Geschichte und die Erfahrungen Shackletons und seiner Männer helfen, innerlich stabil und gefasst der Coronakrise zu begegnen? Ich denke schon. Ihre Ausdauer, positive Einstellung und ihr Vertrauen in übernatürliches Eingreifen inspirieren mich. Ich fühle mich innerlich gestärkt und bereit, den nächsten Monaten mit weniger Angst und Pessimismus zu begegnen. 

Ich möchte lernen, in diesen schwierigen Zeiten mehr auf Gottes Begleitung und Eingreifen zu vertrauen. Und so kann es auch gelingen, an der Hoffnung festzuhalten und nicht zu verzweifeln.

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