Editorial

Das Leben ist nicht ein Frommsein,
sondern ein Frommwerden,
nicht ein Gesundsein,
sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden,
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind́s noch nicht, wir werdeńs aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
Es glüht und glänzt noch nicht alles,
es reinigt sich aber alles.
martin_luther
Martin Luther

Hoffnung empfangen

„Hoffentlich…“ – sagen wir mehrmals jeden Tag. „Hoffentlich geht es dir gut!“ – „Hoffentlich bleibt sie gesund!“ – „Hoffentlich hört es bald auf!“ … Das sagt sich schnell dahin. Im Inneren bewegt uns dabei aber die Kraft, die unsere Lebensspannung erhält. Denn wir wissen (auch unbewusst): Wer die Hoffnung bewahrt, besteht die Gegenwart und gewinnt die Zukunft. Dagegen: Wer die Hoffnung verliert, versäumt die Gegenwart und gibt die Zukunft preis.


Hoffen hieß früher „hopen“ und drückt sich darin aus, dass jemand erwartungsvoll hüpft und zappelt. Er springt unruhig hin und her. Er kann Hände, Füße und Mund nicht still halten oder kreist zumindest in Gedanken um ein zukünftiges Ereignis oder einen Umstand, den er sich herbei wünscht.
Der Hoffnung verwandt und doch von ihr unterschieden ist die „Sehnsucht“. Das deutsche Wort Sehnsucht lässt sich kaum in andere Sprachen übersetzen. Es erinnert an die ‘Sehne’, die im Fußgelenk gespannt ist, wenn ein Mensch zum Sprung ansetzt. Oder es lässt an den Pfeil denken, der nur von einer straffen Bogensehne abgeschossen werden kann. Sehnsucht ist also inneres Gespanntsein. Sprungbereit wartet jemand darauf, das zu erreichen oder zu ergreifen, worauf sein stärkstes Verlangen zielt.
Das Wort ‘Sucht’ in Sehnsucht bedeutet ‘siech’ und ‘krank’ sein. Wenn das Verlangen sich so steigert, dass Leib und Seele weh tun, können wir den starken Schmerz darüber spüren, dass die Liebe noch nicht erfüllt und das Leben noch nicht vollendet ist.
Mit allen Menschen teilen wir die Kraft und Erfahrung der Sehnsucht. Wie aber stehen Sehnsucht und Hoffnung zueinander? Sehnsucht kennen alle, aber Hoffnung im tieferen und christlichen Sinn wohl nicht.
Der Apostel Paulus zeigt auf den weitesten Horizont, der möglich ist. Er spricht von der Hoffnung auf die Wiederkunft Jesu Christi (Röm 5,5). Diese Hoffnung lässt nicht zuschanden werden. Mit ihr sind wir nicht auf dem Holzweg ([[Klaus Berger]]); sie lässt uns nicht beschämt im Regen stehen ([[Roland Werner]]).
Die Hoffnung auf den wiederkommenden Christus wird von Gott geschenkt. Wer sie empfängt, gewinnt in seinem Herzen eine frohe Gewissheit. Jede menschliche Sehnsucht kann darin einen Raum und ihr Ziel finden.
Um das Wunder des Erkennens dieser Hoffnung betet der Apostel:
Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid (Eph 1,18).
Michael Decker

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