Christliche Existenz inmitten einer muslimischen Umwelt

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Sr. Dorothea Vosgerau

Hat die Präsenz einer kleinen christlichen Gemeinschaft in einem muslimischen Land, in dem extremistische Kräfte immer mehr Einfluss gewinnen und die Möglichkeiten christlicher Aktivität zunehmend einschränken, einen Sinn? Diese Frage stellten sich die Trappisten-Mönche in dem kleinen Bergdorf Tibhirine, Algerien, Anfang der neunziger Jahre. Mit der Verschärfung der politischen Situation und den zunehmenden Unruhen im Land gewann sie für jeden einzelnen der französichen Ordensmänner immer stärkere und existenziellere Bedeutung.

1993 hatte die Islamische Heilsfront erklärt, dass „alle Fremden, die das Land nicht binnen Monatsfrist verließen, ihr Leben verwirkt hätten. Im ganzen Land wurden neben den vielen Einheimischen auch Fremde ermordet, unter ihnen christliche Laien, auch einige im kirchlichen Dienst stehende Menschen, und zwar unter dem ausdrücklichen Hinweis auf ihre Religion und Religionsausübung” (Die Mönche von Tibhirine, Verlag Neue Stadt, München 2010, S.13).

Christus muss präsent bleiben

Die Antwort, die aus jahrelangem intensiven persönlichen wie gemeinsamem Ringen der Gemeinschaft erwuchs, war einfach und klar: „Man muss bleiben. Christus muss präsent bleiben, nicht missionarisch aufgedrängt, aber in Freiheit bezeugt” (S. 51). Was die Mönche seit Jahren inmitten der Dorfgemeinschaft lebten, wurde ihnen zur immer gewisseren Berufung: „Einfach da sein” (Titel eines Gedichtes von P. Christoph).

Wie sah dieses Dasein aus? Die Mönche verstanden sich als „Gäste, die demütig um Gastrecht baten und bereit waren, sich den Gastregeln des Landes anzupassen – nur unter der Bedingung, in Stille ihr Leben des Gebets und der Arbeit führen zu können und mit ihren engsten Nachbarn oder auch mit weiteren interessierten Kreisen in ein Gespräch zu kommen. Dabei hegten sie keine anderen Absichten, als sich gegenseitig kennen, schätzen und lieben zu lernen” (S. 24). Die Mönche gewährten allen Hilfsbedürftigen Unterstützung, unabhängig davon, welcher religiösen oder politischen Richtung sie angehörten.  Frére Luc, der früher Militärarzt gewesen war, kümmerte sich um die Kranken in der Umgebung. Die Gemeinschaft ließ sich nie auf eine Seite ziehen. Doch damit geriet sie zunehmend zwischen die Fronten.

Aus persönlichen Aufzeichnungen einiger Mönche geht hervor, wie sehr das Gebet Ursprung und immer neue Quelle ihres Lebens war. Das Wort Hingabe, das auch im Islam eine wichtige Rolle spielt (Islam bedeutet „sich ergeben, sich unterwerfen”), taucht immer wieder auf. Aus dem Geheimnis der Hingabe Gottes, die die Mönche täglich in der Eucharistie empfingen, nährte sich ihre eigene Hingabe an das Land und seine Menschen. P. Christian schrieb in seinem Testament: „Wenn es mir eines Tages widerführe … Opfer des Terrorismus zu werden, … so möchte ich, dass meine Gemeinschaft, meine Kirche, meine Familie sich daran erinnern, dass mein Leben Gott und diesem Land HINGEGEBEN war” (S.100).

P. Christoph sagte im Rückblick auf seinen eigenen Weg: „Ich begann dieses Kloster zu lieben, das ohne Aufsehen lebte, schlicht und tief wahrhaftig. Da waren Männer, die hartnäckig, demütig und friedlich Zeugnis davon ablegten, dass es sich lohnt, Gott sein Leben in Gemeinschaft darzubringen, um zu ihm zu beten, ihn anzubeten, die Seligpreisungen zu verwirklichen und so zu lernen, bis ans äußerste Ende zu lieben” (S. 43).

Die Hingabe der Männer bis „ans äußerste Ende” nahm Gott an: In der Nacht vom 26. auf den 27. März 1996 wurden sieben der Mönche aus ihrem Kloster entführt und am 21. Mai ermordet.

Auswirkungen auf die Umwelt

Dieses und weitere Attentate auf Christen lösten bei der algerischen  Bevölkerung ein enormes Echo der Betroffenheit aus. Der muslimische Journalist Said Meqbel schrieb nach der Ermordung zweier Ordensfrauen: „Wie kann man auf zwei Frauen schießen? Auf zwei Ordensschwestern, zwei Geschöpfe Gottes, die wie üblich am Sonntag in ihre Kapelle gingen, um zu ihrem Schöpfer zu beten? … Es ist ihnen zu danken: dafür, dass sie gegen alle Ratschläge und Ermahnungen in diesem Land geblieben sind, das wir selber, wir Algerier, fluchtartig verlassen unter dem Druck des Terrors und der schwindelerregenden Verwirrung. Zwei Frauen gingen zu Gott, um Gnade zu erbitten. Sie gingen sicher dorthin, um Gott ihre kleinen Gebete darzubringen für uns unglückselige Algerier, die wir unter dieser Plage leiden. Vielleicht werden sie uns noch lange fehlen, diese letzten Gebete der zwei Ordensschwestern, die die Waage ein wenig zugunsten des Friedens und der Barmherzigkeit senken wollten” (S.51).

Bezeichnenderweise wird im Nahen Osten der Begriff „Hämorrhagie“ (Blutverlust) für den zunehmenden Wegzug der Christen aus den islamischen Ländern verwendet (vgl. S. 31).

Er erinnert an den bekannten Satz aus dem „Brief an Diognet”, 2. Jh.: „Was im Leib die Seele ist, das sind in der Welt die Christen. … Die Seele ist zwar vom Leib umschlossen, hält aber den Leib zusammen; so werden auch die Christen von der Welt gleichsam in Gewahrsam gehalten, aber gerade sie halten die Welt zusammen.“

Auch in der westlichen Welt wird das Christentum immer mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt. Das Lebenszeugnis der Mönche aus Tibhirine kann uns helfen, die Größe unserer Berufung anzunehmen und als „arme Kirche” den Kreuzweg unseres Herrn mitzugehen.

Die Geschichte der Mönche von Tibhirine wurde eindrucksvoll und sehr authentisch verfilmt. Ein wirklich lohnenswerter Film. Empfiehlt sich z.B. für einen Filmabend in der Gemeinde.

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