Bleiben

Sr. Anke Langmaack (Ordo Pacis)

Bleibt in mir wie ich in euch! (Joh 15,4)

„Bleiben” ist ein kostbares biblisches Wort – jemand hat gesagt, es ist ein Gottes-Wort. Es gilt gleicherweise für Gott und für uns Menschen: Einerseits Gott in seiner nicht nachlassenden, bleibenden Liebe zu uns und andererseits der Mensch, der in Gottes Gegenwart wohnen, bleiben darf.

Jesus fordert uns auf: Bleibt in mir wie ich in euch! Aber: Wo denn finden wir ihn, wo ist der Ort, an dem wir in ihm bleiben können? Und wo ist er in uns zu Hause? Es liegt nahe, dass wir denken: Sein Ort in uns kann doch nur dort sein, wo in unserer Beziehung zu ihm alles gut und in Ordnung ist, wo es klappt mit unserem Verhalten, unserer Frömmigkeit, unserem Glauben, und wo er das tut, was wir gern möchten. Dann wäre der Ort für Jesus dort, wo auch unsere Ideale wohnen, unsere Wünsche und Träume, wo wir ganz offen für ihn wären.
Ich glaube, an diesem Ideal-Ort will Jesus überhaupt nicht wohnen, sondern dort in uns, wo wir wirklich wir selbst sind, so wie wir tatsächlich wir sind: Realität, kein Traum! Dort will Jesus in uns zu Hause sein, mit uns zusammen leben, ganz egal, was er da antrifft. Vielleicht ist es dort einladend und voller Licht, vielleicht auch dunkel und ungemütlich; womöglich findet Jesus aus Platzgründen nur einen Schemel für ein Dasein am Rande.
Wie auch immer: Er sucht unsere Gesellschaft. Er will wirklich gern mit uns zusammen sein in unserer Wirklichkeit. Er hält es (ohne Abwehr) aus bei uns. Eben: Er bleibt, lässt uns nicht im Stich. Und: Er will unsere Antwort hervorlocken, unser Ja, mit ihm voll Freude zusammenzuleben. – Er in uns, wir in ihm.
Ein Schritt weiter: Wenn Jesus uns dort begegnen darf, wo wir wirklich wir selbst sind ohne Verstellung und Maske, dann sind wir ihm sehr nahe.

Wir können ohne viel Umstände mit ihm im Gespräch sein – kurz: Wir können beten, ganz einfach. Wir können hören, antworten, still sein, mit ihm schweigen, ihm erzählen, ihn kennenlernen und er uns. Er bleibt – wir bleiben. Daraus kann ein Zwiegespräch werden (Schweigen gehört dazu!), ausgerichtet auf ihn, eine Art inneres Beten, wo seine Gegenwart die Mitte ist und wir uns einfach niederlassen in seiner Zuwendung. Alles, was wir erleben, was uns angeht, was ihn angeht, Schönes und Schwieriges, Böses und Gutes, alles können wir in unserem Innersten vor ihn bringen, mit ihm teilen. Er sagt: Bleibt in mir, begleitet mich wie ich euch!
Es geht um ein ganz standfestes Bleiben. Doch wir sind so schnell fluchtbereit – bloß weg von unserem Versagen, weg von unseren zerbrochenen Idealen! Aber Jesus will an dem Ort unserer Niederlagen bleiben und will uns dort bei sich haben, damit wir mit ihm alles durchstehen können. Er will seine Gegenwart wirken lassen, seinen Frieden hineinbringen in unser Nichtkönnen, in all die Verworrenheiten in uns und um uns. Ja, er fürchtet auch das Böse nicht, das in uns am Werk ist. Er nimmt alles in die Hand; wir müssen uns nicht selbst von all dem befreien; aber wir können ihn da hinein einladen und alles mit ihm teilen, was uns so angreift. Er will einen neuen Anfang schenken – genau dort, wo es nötig ist. Er bleibt und bittet: Bleibt ihr doch in mir wie ich in euch!
Wir kennen vermutlich in unserem Leben mit Gott die Wüsten-Gefühle, wo plötzlich alles wie leer ist in uns, keine Freude und Begeisterung mehr, einfach nur Langeweile und Lähmung. Dann ist Jesu Platz eben in unserer Wüste. Er hält unsere Trockenheiten mit uns aus. Er flieht nicht vor der Dunkelheit in uns, vor dem Bedrohlichen, vor den Zweifeln, vor diesem Tappen im Ungewissen, wer Gott überhaupt ist, ob es ihn denn überhaupt gibt. Jesus bleibt, immer, und lockt uns: Bleibt in mir wie ich in euch!

Er ist völlig bereit für uns und gleichzeitig lässt er uns gewähren, hat tiefen Respekt vor uns und unserer Freiheit. Und auch er selbst bleibt in uns ganz frei, ganz vorbehaltlos. Er liebt – unerschütterlich. Er bleibt und bleibt, hält durch in uns, die wir es ihm oft nicht gerade leicht machen. Er muss häufig hart an uns arbeiten, mit seiner Güte ganz tief eindringen in all das Verkrustete, unentwegt. Er tut es. Er bleibt. Und immer tiefer erkennen und erfahren wir dabei seine Gegenwart. Er trennt sich nicht von uns. Er zürnt uns nicht. Er verwirft uns nicht. Er ist einfach da, unbeirrt, treu, zuverlässig. Erstaunlich, dass er uns so aushält, dass er in solcher Liebe in uns bleibt! Es hängt von ihm ab: Wir können ihn nicht loswerden, aber auch nicht zum Dableiben zwingen. Er bleibt in uns – von sich aus. Und immer stärker zieht er uns dabei an seinen Ort, in seine Mitte: hin zum Vater, in dem er bleibt und der Vater in ihm – und darum er in uns und wir in ihm!

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