Benedikt XVI über die Heiligkeit der Kirche

Was bedeutet es, dass die Kirche “heilig” genannt wird?

Zitate dazu aus:
BenediktXVI, Einführung in das Christentum, S. 321ff.

Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz

Papst Benedikt XVI. bei der Generalaudienz

Das Zweite Vatikanische Konzil selbst hat sich dazu durchgerungen, nicht mehr bloß von der heiligen, sondern von der sündigen Kirche zu sprechen; wenn man ihm dabei etwas vorwarf, so höchstens dies, dass es noch viel zu zaghaft darin geblieben sei, so stark steht der Eindruck von der Sündigkeit der Kirche in unser aller Bewusstsein.

Die Jahrhunderte der Kirchengeschichte sind so erfüllt von allem menschlichen Versagen, dass wir Dantes grauenvolle Vision verstehen können, der im Wagen der Kirche die Babylonische Hure sitzen sah, und dass uns die furchtbaren Worte des Pariser Bischofs Wilhelm von Auvergne (aus dem 13. Jahrhundert) begreiflich scheinen, der meinte, ob der Verwilderung der Kirche müsse jeder, der es sieht, vor Schrecken erstarren. »Braut ist das nicht mehr, sondern ein Untier von furchtbarer Ungestalt und Wildheit …«.

Wie die Heiligkeit, so scheint uns auch die Katholizität der Kirche fragwürdig. Der eine Rock des Herrn ist zerrissen zwischen den streitenden Parteien, die eine Kirche auseinander geteilt in die vielen Kirchen, deren jede mehr oder minder intensiv in Anspruch nimmt, allein im Recht zu sein. Und so ist die Kirche für viele heute zum Haupthindernis des Glaubens geworden. Sie vermögen nur noch das menschliche Machtstreben, das kleinliche Theater derer in ihr zu sehen, die mit ihrer Behauptung, das amtliche Christentum zu verwalten, dem wahren Geist des Christentums am meisten im Wege zu stehen scheinen.

Es gibt keine Theorie, die solche Gedanken der bloßen Vernunft gegenüber zwingend widerlegen könnte, so wie freilich auch umgekehrt diese Gedanken ihrerseits nicht bloß aus der Vernunft, sondern aus einer Bitterkeit des Herzens kommen, das vielleicht in einer hohen Erwartung enttäuscht worden ist und nun in einer gekränkten und verletzten Liebe nur noch die Zerstörung seiner Hoffnung empfindet. Wie sollen wir also antworten? Im Letzten kann man nur ein Bekenntnis ablegen, warum man dennoch diese Kirche im Glauben zu lieben vermag, warum man durch das entstellte Angesicht hindurch immer noch das Antlitz der heiligen Kirche zu erkennen wagt. Aber fangen wir trotzdem von den sachlichen Elementen her an. Das Wort »heilig« ist, wie wir vorhin schon sahen, in allen diesen Aussagen zunächst nicht als Heiligkeit menschlicher Personen gemeint, sondern verweist auf die göttliche Gabe, die Heiligkeit schenkt inmitten der menschlichen Unheiligkeit. »Heilig« wird die Kirche im Symbolum nicht deshalb genannt, weil ihre Glieder samt und sonders heilige, sündenlose Menschen wären dieser Traum, der in allen Jahrhunderten von neuem auftaucht, hat in der wachen Welt unseres Textes keinen Platz, so bewegend er eine Sehnsucht des Menschen ausdrückt, die ihn nicht verlassen kann, bis nicht wirklich ein neuer Himmel und eine neue Erde ihm schenken, was ihm diese Zeit niemals geben wird. Schon hier werden wir sagen können, dass die härtesten Kritiker der Kirche in unserer Zeit verborgenerweise ebenfalls von jenem Traum leben und, da sie ihn enttäuscht finden, die Türe des Hauses krachend ins Schloss schlagen und es als lügnerisch denunzieren. Aber kehren wir zurück: Die Heiligkeit der Kirche besteht in jener Macht der Heiligung, die Gott in ihr trotz der menschlichen Sündigkeit ausübt. Wir stoßen hier auf das eigentliche Kennzeichen des »Neuen Bundes«: In Christus hat sich Gott selbst an die Menschen gebunden, sich binden lassen durch sie. Der Neue Bund beruht nicht mehr auf der gegenseitigen Einhaltung der Abmachung, sondern er ist von Gott geschenkt als Gnade, die auch gegen die Treulosigkeit des Menschen bestehen bleibt. Er ist der Ausdruck der Liebe Gottes, die sich durch die Unfähigkeit des Menschen nicht besiegen lässt, sondern ihm dennoch und immer wieder von neuem gut ist, die ihn gerade als den sündigen immer wieder annimmt, sich ihm zuwendet, ihn heiligt und ihn liebt.

Aufgrund der nicht mehr zurückgenommenen Hingabe des Herrn ist die Kirche immerfort die von ihm geheiligte, in der die Heiligkeit des Herrnanwesend wird unter den Menschen. Aber es ist wahrhaft Heiligkeit des Herrn, die da anwesend wird und die sich zum Gefäß ihrer Anwesenheit immer wieder auch und gerade in paradoxer Liebe die schmutzigen Hände der Menschen wählt. Es ist Heiligkeit, die als Heiligkeit Christi aufstrahlt inmitten der Sünde der Kirche. So ist die paradoxe Gestalt der Kirche, in der sich das Göttliche so oft in unwürdigen Händen präsentiert, in der das Göttliche immer nur in der Form des Dennoch anwesend ist, den Gläubigen ein Zeichen für das Dennoch der je größeren Liebe Gottes.

Das Anstößige an Christi Heiligkeit war … schon für seine Zeitgenossen die Tatsache, dass ihr diese richtende Note durchaus fehlte – dass weder Feuer über die Unwürdigen fiel, noch den Eiferern erlaubt wurde, das Unkraut auszureißen, das sie wuchern sahen…. Christus hat offenbart, was wahre „Heiligkeit“ ist: nicht Absonderung, sondern Vereinigung, nicht Urteil, sondern erlösende Liebe. … Liebe, die sich nicht in der adeligen Distanz des unberührbar Reinen hält, sondern sich mit dem Schmutz der Welt vermischt, um ihn so zu überwinden.

Im Grunde ist immer ein versteckter Stolz wirksam, wo die Kritik an der Kirche jene gallige Bitterkeit annimmt, die heute schon anfängt, zum Jargon zu werden.

Das will nicht sagen, dass man immer alles beim Alten sein lassen und es so ertragen muss, wie es nun einmal ist.

Maßstab ist das Aufbauen. Eine Bitterkeit, die nur destruiert, richtet sich selbst.

Illusion ist die Vorstellung einer Kirche der „Heiligen“ anstatt einer „heiligen Kirche“, die heilig ist, weil der Herr in ihr die Gabe der Heiligkeit schenkt ohne Verdienst.

Artikel in dieser Serie← Wahre und falsche Marienverehrung ← Vorheriger ArtikelNächster Artikel → Die Bedeutung des Wortes „Ökumene“ →