Wir steuern auf einen Abgrund zu - was bedeuten darin Glaube, Hoffnung, Liebe?

Wir steuern auf einen Abgrund zu – was bedeuten darin Glaube, Hoffnung, Liebe?

Es gibt die Gefahr frommer Weltflucht-Tendenzen. Wir sollten nicht einfach die Augen verschließen vor dem, was sich in unserer Welt tut. In diesem Beitrag blickt der Autor wach und nüchtern auf das Weltgeschehen. Er kann dabei jedoch nicht bei dem stehenbleiben, was sich in rein innerweltlicher Perspektive zeigt. Von der Mitte des heilsgeschichtlichen Geschehens um Jesu Sterben und Auferstehung her entwickelt er die biblische Zukunftsperspektive. Das herzverändernde Geschenk von Glaube, Hoffnung und Liebe ermöglicht dem Menschen von innen her, Teil des „Liebeswerkes Gottes in der Menschheit“ zu sein.

Blick in die Welt von heute

Der Fortschrittsoptimismus, der lange Zeit in den westlichen Ländern herrschte, ist – jedenfalls bei vielen – in Pessimismus umgeschlagen. Zu eindeutig sind die Meldungen, die wir empfangen: Klimakatastrophe, drohende wirtschaftliche Rezession, wachsende Kluft zwischen Reichen und Armen, wachsende Spannungen zwischen politischen Machtzentren mit Handelskriegen, Aufrüstung und Stellvertreterkriegen und vor allem die ins Ungeheuerliche gewachsene technische Macht des Menschen, mit Hilfe der Mikrobiologie und der künstlichen Intelligenz das menschliche Leben von Grund auf zu verändern. Es ist überhaupt nicht abzusehen, ob es der Menschheit gelingen wird, diese Bedrohungen so einzudämmen, dass sie nicht in den Abgrund stürzt. Die aufgezählten Phänomene sind globaler Natur. Die dafür notwendigen Entscheidungen sind so einschneidend und verlangen ein so grundlegendes Umsteuern, dass nicht abzusehen ist, wie sie zustande kommen können. Alle müssten handeln, nicht nur Politiker, sondern Wissenschaftler, Techniker, User von digitalen Möglichkeiten, Hacker im Internet, sodann die Masse der Konsumenten, die nicht von ihrem gewohnten Lebensstil ablassen will, und die noch größere Masse der Armen, die diesen besseren Lebensstil vor Augen hat. Und es gibt einen neuen Typ von Zerstörern: Selbstmordattentäter.

Die biblische Zukunftsperspektive für die Welt

Wird Gott die Katastrophe verhindern? Wird er die Welt retten? Die Antwort der Bibel ist eindeutig: Nein, die Welt wird nicht gerettet. An die Stelle dieser Welt werden „ein neuer Himmel und eine neue Erde“ 1Im hebräischen Alten Testament ist das Äquivalent für unseren Begriff „Welt“ der Ausdruck „Himmel und Erde“.  (Offb 21,1) treten. Schon in der Sintflutgeschichte stand das Ende der Welt zur Debatte. Gott entschied sich aber, seiner Schöpfung die Treue zu halten, und zwar in doppeltem Sinn: Gott fährt fort, Menschen und Welt zu erschaffen, aber ebenso gilt die Schöpfungsordnung, so dass schlimme Folgen erfahren wird, wer sich nicht an sie hält. Eine weitere Etappe ist der Turmbau zu Babel. Wiederum greift Gott ein: „Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen“ (Gen 11,8). So ist Babylon zum Namen der Welt geworden, die nicht aufhört, „wie Gott sein“ und „Gut und Böse“ selbst bestimmen zu wollen (Gen 3,5). Im letzten Buch der Bibel wird das Ende dieser Stadt gezeigt: „So wird Babylon, die große Stadt, mit Wucht hinabgeworfen werden und man wird sie nicht mehr finden“ (Offb 8,10 und 21).

Dazwischen erstreckt sich das, was wir „Heilsgeschichte“ nennen. Sie hat ihren Höhepunkt in der Sendung des Sohnes Gottes in die Welt erreicht. Daran, wie sich die Welt zu ihm verhält, entscheidet sich ihr Schicksal. „Denn darin besteht das Gericht 2Krise (κριϭισ), wörtlich übersetzt: Scheidung. : Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse“ (Joh 3,19). Im Verhältnis zum Licht, Christus, vollzieht sich die Scheidung: „Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind“ (Joh 3,21). Die folgenden Kapitel des Johannesevangeliums beschreiben das Ringen Jesu um den Glauben „der Juden“, die erwählt sind, die ganze Welt zu vertreten. Am Ende wird festgestellt: „Obwohl Jesus so viele Zeichen vor ihren Augen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn“ (Joh 12,37). Der Hohe Rat verurteilt ihn und lässt ihn durch Pilatus hinrichten. Wäre es dann nicht an der Zeit, dass Gott mit „dieser Welt“ endgültig Schluss macht?

Er tut es nicht. Im Gegenteil: Er hat Jesu Tod am Kreuz zum Tor des Erbarmens sogar für die gemacht, die ihn gekreuzigt haben, und mit der Auferweckung Jesu und seiner Begegnung mit den Jüngern hat die Heilsgeschichte ihr Ziel erreicht (Joh 19,30). Die Menschheitsgeschichte geht zwar noch weiter; wie lange, bleibt Gottes Geheimnis: „Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.“ (Apg 1,7) Der heilsgeschichtliche Sinn dieser weitergehenden Geschichte besteht darin, dass das Zeugnis für Jesus sich über die Erde ausbreitet: „Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8).

Die „Welt“ ist nicht mehr Adressat der Offenbarung. Der Ausdruck „Welt“ steht in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums für die, die sich der Wahrheit verschließen. Die Jüngerschaft setzt das Zeugnis Jesu für die Wahrheit fort. Die „Welt“ agiert gegen ihr Zeugnis, wie sie gegen Jesus agiert hat: „Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat.“ (Joh 15,18) So sind die Jünger zwar „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ (Joh 17,11.14). „Herrscher der Welt“ ist Satan (Joh 14,31). Er ist zwar in seinem vermeintlichen Sieg über Christus schon endgültig besiegt; aber noch sind ihm Zeit und Macht gelassen. Noch ist Zeit der Entscheidung für die Menschen. Die „Welt“ manifestiert sich in dem jeweils herrschenden Mainstream einer Gesellschaft, der sich in Meinungsbildung, Ansehen und Erfolg durchsetzt. Christen sind Fremdlinge in dieser Welt.

Glaube, Hoffnung, Liebe – die Wirkweise des Heiligen Geistes in uns

Nur im Glauben erfassen wir die Wirklichkeit, in der wir leben, in ihrer ganzen Wahrheit. „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Indem wir „auf seine Stimme hören“ (Joh 18,37), werden wir immer mehr „in Christus sein“ (zahlreiche Stellen in den Paulusbriefen), diese seine Wahrheit in uns aufnehmen und lernen, alles von ihr her zu sehen. Dieser Glaube ist gleichzeitig Wirkung des Heiligen Geistes in uns und unser Glaube, insofern wir uns für ihn entschieden haben. Im Glauben leben heißt mit der Heiligen Schrift leben und verlangt eine kritische Wachheit im Umgang mit „der Welt“: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung eures Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!“ (Röm 12,2

Die Hoffnung lässt uns über diese vergängliche Welt hinaus auf das verheißene Ziel unseres Lebens schauen, das Gott herbeiführen wird. Indem wir nicht mehr auf uns selbst und auf Menschen vertrauen, sondern „in jeder Lage betend und flehend unsere Bitten mit Dank vor Gott bringen, wird der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, unsere Herzen und Gedanken in Christus Jesus bewahren“ (Phil 4,6-7). 

Die Frucht, die aus Glaube und Hoffnung in uns immer mehr wächst, ist Liebe. Als „Frucht des Geistes“ wird sie zur bestimmenden Haltung des Alltags und wird in den unterschiedlichen Lebenssituationen erfahrbar als „Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22-23).

Die Liebe hat sich im Leben Jesu und endgültig in seinem Sterben und Auferstehen als die stärkste Macht erwiesen. Denn in aller äußeren Ohnmacht, die daher rührt, dass sie die Freiheit der anderen respektiert, ist sie die einzige Macht, die Menschen von innen her zu bewegen vermag. Als Jünger Jesu sind wir berufen und durch den Heiligen Geist befähigt, Teil dieses Liebeswerks Gottes in der Menschheit zu sein. Gott bleibt der Schöpfer, der auf geheimnisvolle Weise durch Fügungen in seiner Schöpfung wirkt, die ja kein geschlossenes System ist. Indem wir dankbar und mit Freude die Gaben der Schöpfung annehmen, uns ihrer – seinen Geboten gehorsam – bedienen und auf die Impulse des Heiligen Geistes achten, die uns von innen her leiten, können wir im Kleinen wie im Großen an seinem Heilswerk mitwirken. Wie viele Menschen sich dadurch erreichen lassen und wie sehr auch jeweils ein Stück Welt positiv gestaltet zu werden vermag, weiß Gott allein. Wir dürfen hoffen, dass es viele sein werden und es viel sein wird. 

Die Hoffnung lässt uns über diese vergängliche Welt hinaus auf das verheißene Ziel unseres Lebens schauen, das Gott herbeiführen wird.

P. Alex Lefrank SJ, Bühl (Baden)

Fussnoten   [ + ]

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