Von der Weite des Ökumenischen Christusdienstes

Die Liebe Gottes ist grenzenlos und unteilbar. Sie geht aufs Ganze, ist umfassend! Sie gilt allen Menschen und der ganzen Schöpfung. In Christus, dem einzigen Sohn Gottes, ist das deutlich geworden: „Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, auf dass er in allem der Erste sei. Denn es hat Gott gefallen, alle Fülle in ihm wohnen zu lassen und durch ihn alles zu versöhnen zu ihm hin, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.“(Kol 1,16-20)

Nichts von dem, was ist, was war und einmal sein wird, kann deshalb außerhalb der Reichweite der Liebe Gottes sein. Der Dienst Jesu, der durch den Weg seiner Erniedrigung und Entäußerung bis hin zum Tod am Kreuz geschah, macht das anschaulich. Diese Liebe Gottes ist nach dem Zeugnis des Apostels Paulus in die Herzen der Gläubigen ausgegossen (Röm 5,5). Das ist eine ungeheure Zusage! Unsere menschlichen Grenzen sind uns allzu bewusst. Wir kennen sie bei uns selbst, die Unfähigkeit zu lieben. Unter uns Christen ist es doch schon so. Aber wie kann dann Liebe gelingen?

Fähigkeiten entwickeln sich wachstümlich. Das gilt im natürlichen wie auch im geistlichen Bereich. Es gilt für den einzelnen Menschen wie für Gruppen und Gemeinschaften. Auch die Liebe muss wachsen. Die Fähigkeit und Bereitschaft, anderen zu dienen, kann sich entfalten. Der Horizont unserer Vorstellungen wächst mit unserer Erfahrung. Unser Blick weitet sich in dem Maß, in dem unser Erkennen Gottes vertieft wird, die Gottesbeziehung sich lebendig fortentwickelt. Im Rückblick können wir dankbar erkennen, dass sich ursprünglich vorhandene Grenzen erweitert haben oder gar überwunden wurden.

Gott selbst hat in seiner Liebe Grenzen überschritten. Das gibt es sonst nirgends in den Weltreligionen, dass der Schöpfer des Universums Mensch wird. Seine Liebe zu allem Geschaffenen hat ihn dazu gebracht, den Menschen auf vielfältige Weise zur Liebe anzureizen, sie ihm vor Augen und ins Herz zu malen. Weil er wirklich liebt, hat er dem Menschen Freiheit gelassen, also auch die Freiheit, die Liebe nicht zu erwidern. Dieses Drama der Liebe hat unglaublich viele Facetten. Mit dem Geschehen im Paradies und der Geschichte bis zum Turmbau von Babel wird es in seinen grundlegenden Dimensionen beschrieben. Für Gottes Liebe gibt es jedoch keine Grenzen, kein Genug, auch wenn zwischenzeitlich ein heiliger Zorn in ihm aufsteigen kann. Mit unbeschreiblicher Geduld hat er den Weg seines Gottesvolkes begleitet, durch Gericht und Gnade. Als die Zeit erfüllt war, kam das Unfassbare: In einem Stall kam er in seinem Sohn zur Welt – und so dokumentierte er, dass niemand zu armselig ist, um sich ihm nahen zu können. Auch die königlichen Weisen, also Höhergestellte aus anderen Völkern, fanden zu ihm. Jesus selbst, der Messias, ging seinen Weg der Liebe hin zu den Sündern – ohne Berührungsängste. Noch ärgerlicher für die religiöse Rechthaberei ist der selbstgewählte Weg seines Scheiterns und seiner Ohnmacht am Kreuz. Für die nichtreligiösen Menschen ist es reine Dummheit und absolut töricht, dieses Geschehen als Ausdruck der Macht der Liebe Gottes anzuschauen. Aber gerade darin ist all das niedergerissen worden, was uns Menschen in unserer Arroganz und Selbstherrlichkeit von Gott und voneinander trennt. Wem sich das im Herzen offenbart, der erfährt darin die tiefst mögliche Motivation zur wirklichen Liebe, dem wird diese Wirklichkeit zur Kraft Gottes. Und die braucht es, um lieben zu können, wie er liebt (vgl. Joh 17,26). 

Durch Jesu Auferstehung und Himmelfahrt, seine Inthronisation zur Rechten Gottes und durch das Geschenk des Heiligen Geistes ist die Sendung der Liebe Gottes auf die Glieder seines Leibes übergegangen. Sie hat dieselbe Qualität! Jedenfalls verlässt sich der allmächtige Gott darauf, dass seine Liebe in den Seinen zur Vollendung seiner Heilswege führen wird. Wie das möglich werden soll, zeigt uns der Apostel Paulus in Kol 1,26-27. Er weist auf das Entscheidende hin, „nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber offenbart ist seinen Heiligen. Denen wollte Gott kundtun, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Völkern ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.“

„Christus in euch“ geht über das Persönliche hinaus. Es ist die Wirklichkeit seiner Präsenz in der Gemeinschaft der Gläubigen. Das hat Bedeutung für die Völker! Er als das Haupt des Leibes Christi hat alle nötigen Gaben gegeben, damit der Leib aufgebaut wird zur Fülle Christi (s. Eph 4,11-13). Kennzeichen davon sind die „Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes“. Je mehr sich das ereignet, dieses Heranwachsen, dieses Reifen in der Liebe, dieses Einssein im Sohn und damit im Vater (Joh 17,21), umso mehr wird es zum Orientierungslicht für die Völker werden (Mt 5,14) und der Welt das Vertrauen in die Sendung des Sohnes ermöglichen. 

Ein unübersehbares Kennzeichen dafür ist heute das Schicksal der verfolgten Christen. Inmitten aller Umbrüche und Chaosmächte entsteht da ein Zeugnis, das sehr betroffen macht. Es zeigt vor allem, wie mächtig dieses Geheimnis des „Christus in uns“ unter den Völkern gegenwärtig ist. Der Weg Jesu in seiner Passion zum Ende seines irdischen Lebens ist die Folge seiner konsequenten Liebe. In ähnlicher Weise sind die Verfolgungen von Christen Zeichen und Folge ihrer Gottesliebe gegen Ende dieses Zeitalters vor der Wiederkunft Christi. Sicher gibt es heute auch eine Vielfalt anderer Manifestationen der Liebe Gottes unter den Völkern. Aber das Leiden der Nachfolger Jesu war noch nie so groß wie in unserer Zeit. Es ist ein Kennzeichen der Schicksalsgemeinschaft mit Jesus selbst, mit seiner Passion. Das hat die Verheißung von viel Frucht.

Die umfassende Weite des Dienstes Christi und damit des Ökumenischen Christusdienstes wurzelt im Verborgenen, in der Tiefe und so auch in der Mitte allen Heilsgeschehens: im Kreuz Christi und seiner Auferstehung und seiner Inthronisation zur Rechten Gottes.

„Den verkündigen wir und ermahnen alle Menschen und lehren alle Menschen in aller Weisheit, auf dass wir einen jeden Menschen in Christus vollkommen machen.“ (Kol 1, 28) Das ist die Konsequenz für den Apostel Paulus und alle in dieser Sendung stehenden Mitdienenden. Wie das konkret aussieht, für den Einzelnen und gemeinschaftlich, wird je nach Berufung und Führung unterschiedlich sein. Es ist eine Lebensweise und ein existenzieller Dienst, bei dem gerade auch die kleine Münze des Alltags ebenso bedeutsam ist wie der größere Horizont der Liebe.

Wem sich das im Herzen offenbart, der erfährt darin die tiefst mögliche Motivation zur wirklichen Liebe, dem wird diese Wirklichkeit zur Kraft Gottes.

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