Von der Versuchung, virtuell zu leben

Von der Versuchung, virtuell zu leben

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Ist das wirklich, was wir ständig zu sehen bekommen? In welcher Wirklichkeit bewegen wir uns eigentlich, gerade auch unsere Kinder und Jugendlichen? Was macht wirkliches Leben aus? Solche Fragen sind dringender, als uns da und dort lieb sein könnte. Das betrifft auch unser Bild von Gott und unseren Umgang, unsere Beziehung zu ihm.

„Virtuell“, das Wort ist in aller Munde, aber kaum einer weiß genau, was er damit überhaupt meint. Früher bedeutete es in der Bildungssprache „der Möglichkeit nach“. Man konnte etwa sagen: „Ein Samenkorn ist virtuell schon ein Baum.“ Aber in diesem Sinne benutzen wir das Wort kaum noch. Heute verwenden wir es meist als Lehnwort aus dem Englischen. Was bedeutet es da? Ein Beispiel: Wenn Kinder auf dem Rücksitz des Autos quengelnd fragen, „Wann sind wir endlich da?“, dann wird die leicht genervte amerikanische Mutter antworten, „we are virtually there“, und das heißt: „wir sind fast da, wir sind so gut wie da“. Im Deutschen würden wir also „praktisch“ oder „fast“ sagen.

Die virtuelle Realität in diesem Sinne ist also eine „Beinahe-Realität“, sie ist nur fast so wie die richtige Realität. Aber was fehlt ihr? Im Internet-Lexikon Wikipedia steht, die virtuelle Realität sei „nicht physisch“, während die wirkliche Welt physisch sei. Das ist wie vieles, was im Internet steht, blanker Unsinn. Natürlich ist die virtuelle Realität auf einem Computerbildschirm physisch. Sie besteht aus lauter kleinen materiellen Bausteinen, die ein Physiker beschreiben könnte. Also nochmal: Was fehlt der virtuellen Realität?

Vor Jahren habe ich einmal einen virtuellen geistlichen Begleiter programmiert, also einen Computer, mit dem man sich wie mit einem einfühlsamen Seelsorger unterhalten konnte.

Das Programm war so gut, dass ein junger Jesuit die anderen aus dem Raum schickte, weil das „Gespräch“ mit der Maschine sehr persönlich wurde. Aber selbst wenn das Programm so gut antwortete wie ein echter Seelsorger, so fehlte ihm doch etwas: Es erlebte nichts. Es empfand kein Mitgefühl mit den Problemen des jungen Mannes, es empfand nicht das Verlangen, jetzt etwas sagen zu wollen, oder die Unsicherheit, die einen überkommt, wenn einem die Worte fehlen. Es hatte keine Empfindungen. Es fühlte sich nicht irgendwie an, dieses Computerprogramm zu sein. Deshalb war es nur virtuell. Für einen echten Hund, beispielsweise, fühlt es sich irgendwie an, ein Hund zu sein, für einen virtuellen Hund hingegen nicht. Der virtuelle Hund besteht nur aus einer Reihe von Bildpunkten, die hundeförmig angeordnet sind. Der wirkliche Hund hat eine innere Einheit, weil er Bewusstsein hat und etwas erlebt.

Gott ist gerade darum realer als alles andere. Gott ist nicht virtuell. Gott ist der tiefste Ursprung von allem, was wirklich ist. Deshalb: Gehen Sie den Pfad des tieferen Empfindens, er führt Sie ohne Umwege zu Gott.

Jetzt sind wir bei einer tiefen spirituellen Weisheit angelangt: Wirklichkeit im vollen Sinne ist da, wo etwas erlebt, etwas gespürt, etwas erfahren wird. Anstatt mit dieser vollen Wirklichkeit in Kontakt zu sein, verlieren wir uns gerne an die Dinge, die nichts erleben: das Geld, den Besitz, die Technik. Im Grunde sind das alles aber nur virtuelle, also seelenlose Realitäten. Und so bekommt Jesu Wort plötzlich eine ganz überraschende Bedeutung: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber seine Seele einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch seine Seele zurückkaufen?“ (Mt 16,26) Man kann die seelenlose Zeit im Leben nicht zurückkaufen. Die Zeit, die man an seelenlose Dinge verschwendet hat, ist verronnen. Wie viel großartiger ist doch ein einfaches empfindungsfähiges Wesen – eine Katze oder ein Pferd – im Vergleich zum neuesten Handy oder Auto? Und um wie viel großartiger noch der Mensch? Wir hingegen trainieren unsere Kinder vom Vorschulalter an, sich in virtuellen Welten zurechtzufinden, haben aber immer weniger Zeit für eine personale Begegnung mit ihnen.

Was ist dann ein spirituelles Leben? Es ist ein Leben, das immer die tiefere, die intensivere Empfindung sucht.

Die Intensität des Fühlens ist nicht nur der Indikator geistlichen Wachstums, es ist der verlässlichste Weg zur Realität. Wer einmal in das Schweigen der Meditation gegangen ist, der kennt die Empfindsamkeit des Spürens, die aus der Achtsamkeit wächst. Vielleicht bot keine Epoche zuvor dem Menschen so viele Möglichkeiten, sich in seelenlose, vordergründige Beinahe-Realitäten zu verlieren. Unser Leben ist oft ein Haschen nach Wind und Luftgespinst (Koh 1,14). Für einen von mir hochgeschätzten Philosophen, Alfred N. Whitehead, ist subjektive Erfahrung die tiefste Realität. Deshalb ist Gott für ihn nicht einfach nur der, der alles weiß, sondern der, der alles erlebt, alles miterlebt. Gott ist gerade darum realer als alles andere. Gott ist nicht virtuell. Gott ist der tiefste Ursprung von allem, was wirklich ist. Deshalb: Gehen Sie den Pfad des tieferen Empfindens, er führt Sie ohne Umwege zu Gott.

Aus: Jesuiten 2012/4 – Virtuelle Welten, S. 22-23.

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