So sehr hat Gott die Welt geliebt

Der Ökumenische Christusdienst ist das Herzensanliegen Jesu. Dafür ist er Mensch geworden, und dafür ist er am Kreuz gestorben, hinabgefahren in das Reich der Toten, auferstanden, wieder zurückgekehrt zum Vater und wird er wiederkommen, um am Ende alles dem Vater zu unterwerfen, damit „Gott sei alles in allem“ (1Kor 15,28). Zwei Zitate Jesu lassen sein Herzensanliegen erkennen: Johannes 3,16 und Johannes 17,21.

Joh 3,16 beschreibt, dass es ein innergöttliches Geschehen – gleichsam ein innergöttlicher Beschluss – war, dass Jesus sich auf den Weg machte, um diese Welt zu erlösen: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Gott gab seinen Sohn! Er hat ihn nicht festgehalten. Es war ein Geschehen allein aus Liebe. So sehr hat Gott diese Welt geliebt. Für „Welt“ steht an dieser Stelle das griechische Wort kosmos. Damit ist die ganze Welt gemeint – Himmel und Erde umfassend. Dazu gehört alles, was wir unter dem Begriff „Schöpfung“ verstehen, alle Zusammenhänge der Natur, aber auch die gesamte Entwicklung der Menschheit mit allem, was sie hervorgebracht hat. Dazu gehören das Schöne, aber auch das Böse, die Segensgeschichte, aber auch die Schuldgeschichte. Und dieser Begriff „Kosmos“ versteht die Welt als ein Schmuckstück. Von dem Wort „Kosmos“ wird der Begriff „Kosmetik“ abgeleitet. In der Schöpfungsgeschichte wird aus Chaos – aus dem Tohuwabohu der Urflut – der Kosmos. In diesem ursprünglichen Schöpfungsgeschehen steckt sozusagen das Herzblut Gottes, des Schöpfers. „Denn also hat Gott die Welt geliebt …“

Aus diesem Schmuckstück der Schöpfung wurde durch die List der Schlange, des Teufels, nach und nach wieder Unordnung – um nicht gleich wieder von Chaos zu reden. Ursache war das zerstörte Liebesverhältnis des Menschen zu Gott. Misstrauen hatte sich breitgemacht: „Sollte Gott gesagt haben?“ (1Mose 3,1) Gott zerriss es darüber das Herz. Seine Sehnsucht nach seinen geliebten Menschen war so stark, dass er mit dem Sohn beriet: Was tun wir? Ziel war es dabei, die Menschen zurückzuholen in die Liebesgemeinschaft des Vaters. Gott wollte wieder mit den Menschen zusammenleben können. Die Trennung, die durch die Sünde in die Beziehung zwischen Gott und den Menschen gekommen war, sollte aufgehoben werden. Diese Versöhnung offenbart sich in Jesu lösendem Wort am Kreuz: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30).

Hier kommt nun die zweite Bibelstelle in den Blick – Joh 17,21: Jesus bittet, „dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“

Durch die Trennung des Menschen von Gott kam nicht nur die Sünde ins Spiel, sondern auch die Uneinheit, die Zwietracht. Jesus bittet, dass auch die Einheit wiederhergestellt wird – die Einheit zwischen Gott und Mensch. Jesus betet: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ Es geht zunächst und zu allererst darum, dass der Mensch wieder in der Einheit mit Gott lebt. Und zwar in der Einheit, die zwischen dem Vater und dem Sohn und natürlich auch mit dem Heiligen Geist gegeben ist. Jesus stellt die Einheit zwischen ihm und dem Vater einfach fest. Sie wird als vorhandene Tatsache bezeugt. „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir.“ Diese Aussage lässt sich nicht in Frage stellen. So ist es.

Und nun betet Jesus, dass wir genauso in dem Vater und dem Sohn sein sollen. Wir werden in die Liebes- und Lebensgemeinschaft des dreieinigen Gottes hineingenommen. Denn der Vater und der Sohn sind ohne den Heiligen Geist nicht zu denken, auch wenn bei Johannes davon nicht immer ausdrücklich die Rede ist. Und warum das Ganze? Es ist als Zeugnis für die Welt gedacht: „auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ Die Einheit wird hier geradezu als Voraussetzung für alle Evangelisation beschrieben. 

Nun ist es ungewöhnlich, beide Bibelstellen in einem Zusammenhang zu sehen. Aber es ist wohl deutlich geworden, dass zur Erlösung unbedingt die Einheit gehört und dass es keine Einheit ohne das Erlösungswerk Jesu geben kann. Und es wird auch deutlich, dass diese Einheit im dreieinen Gott gegeben ist. Sie kann also nicht gemacht werden. Umso mehr aber kann sie bezeugt werden. Diese Wirklichkeit ist zu leben. Dazu ist jeder, der durch die Taufe in den einen Leib Jesu eingefügt wurde, berufen.

Wenn wir also vom Ökumenischen Christusdienst sprechen, haben wir diese Dimension im Blick. Der Dienst des Christus ist die Erlösung und die Einheit und die Vollendung. Alles soll Gott dem Vater zurückgebracht, ihm untergeordnet werden. Von dem Wort „Kosmos“ her gedacht, geht es hier um die ganze Welt. In diesem Sinne ist der ursprüngliche Wortsinn, ist der Begriff „Ökumene“ zu verstehen. Er meint die ganze bewohnte Erde – mit allem, was dazu gehört. Ökumene meint also nicht nur die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Kirchen, Denominationen und Gemeinden. Der Ökumenische Dienst des Christus umfasst auch die ganze Schöpfung.

Das ist eine eher ungewöhnliche Sicht auf unser Zeitgeschehen. Es ist eine veränderte Perspektive. Wir schauen nicht auf das, was getan werden muss, sondern auf das, was längst von Jesus Christus erwirkt wurde. Natürlich sind wir als Menschen, in denen Jesus lebt, in seinen Ökumenischen Christusdienst einbezogen. Insofern können und müssen wir aktiv werden. In der Jahreslosung für 2019 „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Ps 34,15) kommt das zum Ausdruck. Aber es geschieht auf dem Boden dessen, was wir sind: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Und: Jesus bittet, „dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ 

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