Glaubenserfahrungen als Erzieherin

Der Glaube wirkt sich aus, er durchdringt den Alltag. Er ist Ausdruck der Lebensverbindung mit Jesus. So kommt damit auch ein Mitempfinden im Sinne Jesu zustande. Sehr anschaulich schildert Kerstin Delle ihre Erfahrungen als Erzieherin. Sie sind auch wie ein kleiner Spiegel der Situation von Flüchtlingen unter uns.

„Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

(Joh 20,29)

Schon beim Öffnen der Kindergartentür merke ich, dass etwas nicht stimmt. Da kommt auch schon meine Kollegin auf mich zu und teilt mir mit, dass Asis, ein Flüchtlingskind, das seit zwei Jahren in unserer Gruppe ist, heute Nachmittag mit seiner Familie abgeschoben werden soll. Seine Eltern sind völlig fertig und stehen mit Tränen in den Augen vor mir, sie können es einfach nicht verstehen. Immerhin hat der Vater eine Arbeit, die Mutter geht Putzen, und Asis ist gut integriert – also warum?

Mich macht das sehr traurig, ich nehme die Eltern und Asis in den Arm, wünsche ihnen, dass es ihnen gutgehen wird, und im Stillen segne ich sie. Ich denke mir: Wenn ich schon so sehr mitleide, wie sehr leidet dann erst Jesus? Ich kann fast seine Not spüren und weiß gleichzeitig, dass er die Familie begleiten wird, denn er ist treu. Ja, ich will für die Familie glauben und stellvertretend für sie vor Gott treten und für sie einstehen. Ich glaube, dass sich Gott um sie kümmern wird, und ich werde sie nicht aus meinem Gebet entlassen.

Doch nun muss erst einmal der Alltag weitergehen. Zum Glück beginnen wir immer mit einem Morgenkreis. Da werden das Vaterunser gebetet, ein christliches Kinderlied gesungen und verschiedene, unseren Alltag betreffende Themen angesprochen. Heute nehmen wir die gerade geschilderte Situation mit ins Gebet, und jedes Kind kann selbst sagen, was es der Familie von Asis wünscht. Ich merke, wie ich langsam ruhiger werde, denn Sorgen und Nöte teilen und an Gott abzugeben, tut gut.

„Es zählt der Glaube, der sich in tätiger Liebe zeigt.“

(Gal 5,6)

Als ich in der Frühe den Gruppenraum betrete, kommt plötzlich eines der jüngeren Kinder – noch keine drei Jahre alt – und umklammert meine Hand, sagt jedoch nichts. Ich spüre, dass es jetzt einfach nur meine Nähe braucht, und lasse es gewähren. Ich mache alle anstehenden Arbeiten, nur eben einhändig, und nehme das Kind überallhin mit. Nach ca. einer Stunde setzt es sich auf meinen Schoß, gibt mir einen Kuss und geht. Liebe kann manchmal echt einfach sein.

Auf dem Flur treffe ich eine Kollegin aus einer anderen Gruppe. Mir fällt auf, dass sie niedergeschlagen aussieht. Für Gespräche ist leider keine Zeit, also nehme ich sie einfach nur in den Arm und halte sie fest, flüstere ihr ein paar aufmunternde, hoffnungsvolle Worte ins Ohr, bevor jeder wieder in seine Gruppe geht. Später schreibt sie mir eine SMS: „Danke, das war genau das, was ich gebraucht habe.“

Um 16.30 Uhr wird eines der syrischen Kinder abgeholt, die Mutter steht wieder einmal mit einem Brief in der Hand in der Tür. Ich hatte ihr angeboten, dass sie mit ihrem Schriftverkehr nach Dienstschluss zu mir kommen kann. Sie spricht zwar schon gut Deutsch, aber die Amtssprache versteht sie nicht. Heute hat sie einen Elternbrief aus der Schule eines ihrer anderen Kinder dabei. Ich sage ihr, was darin steht und wo sie unterschreiben soll. Ihre Augen strahlen vor Dankbarkeit.

„Glauben heißt Vertrauen.“

(Hebr 11,1)

Beim Einkaufen treffe ich auf Paula, sie ist eines meiner sehr schüchternen Kindergartenkinder. Als sie mich sieht, ist sie sichtlich verwirrt und versteckt sich hinter ihrer Mutter. Sie kann nicht verstehen, wieso sie mich außerhalb des Kindergartens trifft. Die Mutter redet auf sie ein, sie solle mich begrüßen, doch Paula weicht zurück. Instinktiv gehe ich in die Hocke und breite meine Arme aus – und Paula rennt ohne nachzudenken los, direkt in meine Umarmung. Diese Begegnung bringt mich zum Nachsinnen: Wenn Jesus die Arme für mich ausbreitet, bin ich dann auch bereit, mich von ihm auffangen zu lassen?

„Nun lebe nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“

(Gal. 2,20)

Wenn dieser Satz wirklich wahr ist – und das glaube ich -, dann ist es doch so, dass ich Jesus überallhin mitnehme. „Christus in mir“ im Kindergarten, beim Einkaufen, bei allen Gesprächen und Begegnungen. Jesus in mir, der die Kinder tröstet, anleitet, mit ihnen spielt und sie einfach liebhat. Christus in mir, der ein gutes Klima unter den Mitarbeitern schafft, den Eltern Mut macht und ihnen zuhört. Christus in mir, unterwegs, zu Hause oder auch, wenn ich allein bin. Jesus lebt mit der Fülle seines Lebens und Wesens in mir. Das darf ich mir immer wieder bewusst machen und glauben. Es wird Auswirkungen haben.

Liebe kann manchmal echt einfach sein.

Kerstin Delle, Vereinigung vom gemeinsamen Leben

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