Glaube und Gesinnung Jesu

Jesus, ganz Mensch und ganz Gott – und so ein Gläubiger. Was können wir an seinem Leben ablesen, das uns für unser eigenes Glaubensleben hilft? Der Blick auf ihn mittels des Christushymnus im Philipperbrief zeigt uns etwas über die Wurzeln seines Glaubens, über wesentliche Beziehungsaspekte zum Vater und die Frucht dessen, was auf seinen Glaubensgehorsam zurückzuführen ist. Samuel Pfeifer deutet dabei an, wie diese existenzielle Hingabe in den gemeinsamen Glauben des Leibes Christi für die Welt mündet.

Wenn wir uns fragen, wie Jesus glaubte, berühren wir den Kern des christlichen Glaubens. Es geht um die Frage Jesu: „Was denkt ihr, wer ich sei?“ (Mt 16,13ff) Musste Jesus als Sohn Gottes überhaupt glauben?

Wusste er nicht vielmehr alles? Er ist doch von Gott ausgegangen, war eins mit dem Vater (Joh 10,30), wusste, woher er kam und wohin er ging (Joh 13,3). Macht es da überhaupt Sinn, über den Glauben Jesu nachzudenken? Über die Gesinnung Jesu jedenfalls finden wir viele Aussagen in den Evangelien, besonders komprimiert aber im Philipperhymnus (Phil 2). Wir wollen uns anhand dieses ‚Hymnus‘ der Frage nach Kennzeichen von Jesu Glauben annähern, uns immer vor Augen haltend, dass wir über ein göttliches Geheimnis reden, das selbst geglaubt werden will: Jesus Christus, ganz Mensch und ganz Gott.

Menschwerdung

Der Philipperhymnus erinnert uns zunächst daran, dass Jesus Mensch wurde (Phil 2,7), und Menschwerdung beginnt in der natürlichen Familie. Jesus erlebt als Kind und Jugendlicher den jüdischen Glauben im Familienalltag und lernt dabei Gebete und Texte der Thora auswendig. Mit zwölf Jahren tritt er das erste Mal im Tempel in Erscheinung: „Wisst ihr nicht, dass ich dort sein muss, wo mein Vater ist?“ (Lk 2,49) Hier deutet er bereits an, dass es neben Josef einen weiteren, eigentlichen Vater gibt und neben seiner natürlichen auch eine geistliche Familie. Jesus verwendet das Wort „Abba“ bzw. „Vater“, als er uns beten lehrt (Mt 6,9) und als er selbst betet (Mt 26,39). Die natürliche Eltern-Kind-Beziehung ist für Jesus also Abbild seiner und unserer Gottesbeziehung. Damit weisen uns die Ehe und die Familie auf das innergöttliche Beziehungsgefüge hin.

Jesu Glaube wurzelt zutiefst in seiner Gotteskindschaft. An Kindern sollen wir diesen Vater-Glauben lernen: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder …“ (Mt 18,3). Das Vertrauen, das Kinder Eltern und Erwachsenen entgegenbringen, soll uns Vorbild für unser Vertrauen zu Gott sein. Wenn Jesus unseren Kleinglauben rügt, dann führt er uns damit vor Augen, wie wenig wir Gott als Vater zutrauen. Wie wenig wir seinen Verheißungen glauben, wie wenig wir seiner Präsenz zutrauen, wie wenig wir seiner Liebe vertrauen, wie wenig wir bereit sind zu glauben, dass unser Vater im Himmel tatsächlich weiß, was gut für uns ist – besser sogar als wir selbst. Als Kleingläubige dürfen wir bei Kindern in die Glaubensschule gehen.

Die Vertrauensbeziehung zwischen Sohn und Vater ist dabei wechselseitig. Immerhin vertraut der Vater dem Sohn nicht wenig an: Er überlässt ihm die alles entscheidende Aufgabe, die Welt durch seinen Opfertod am Kreuz zu erlösen. Damit wird Glaube zu einem gegenseitigen Vertrauen zwischen Vater und Sohn. Jesus fordert uns mit seinem Leben heraus, die Quelle unseres Glaubens in der wechselseitigen Vertrauensgemeinschaft mit dem Vater zu suchen und nicht in engstirniger Religiosität, einsamer Individualität oder seelischer Kommunität. Unser Glaube quillt aus der göttlichen Gemeinschaft des dreieinigen Gottes, oder er versiegt.

Die Menschwerdung führte für Jesus dazu, dass er die Einheit mit dem Vater größtenteils im Verborgenen lebte. Jesus „wurde der Erscheinung nach als Mensch erkannt“ (Phil 2,7). So lebte das ungestörte Gespräch zwischen Vater und Sohn auch nachts, in der Wüste, im Garten Gethsemane, auf dem Berg – den Mitmenschen größtenteils verborgen. Jesus rät uns das Aufsuchen von Stille und Abgeschiedenheit (Mt 6,6) – eine Übung, die in unserer von Entertainment-Sucht geprägten Zeit zunehmend schwerfällt. Stille offenbart, wie es um unseren Glauben und unsere Gottesbeziehung steht. Sie konfrontiert uns mit unserer Zerrissenheit zwischen eigentlicher Berufung und tatsächlicher Lebensgestaltung, zwischen Gott-geweiht-Sein und Gott-fern-Sein und führt somit zur Buße, zur immer wieder neuen Hinwendung zu Gott. Der Vater-Glaube, den uns Jesus vorlebt, will uns im Verborgenen vereinen mit unserem Schöpfer und mit seiner Schöpfung.

Glaubensgehorsam

Der Philipperhymnus nennt neben der Menschwerdung Jesu als weiteres Kennzeichen seines Glaubens seinen Gehorsam (Phil 2,8). Jesus selbst bezeugt: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk“ (Joh 4,34). Was ist das für ein Glaubensgehorsam, den Jesus uns vorlebt? Mit dem zuvor Gesagten ist klar, dass Glaubensgehorsam nur in einer vertrauensvollen Beziehung stattfinden kann. Jesus lebt statt eines Gesetzes-Glaubens, der Beziehung erfüllt, einen Beziehungs-Glauben, der das Gesetz erfüllt. Im Evangelium sehen wir, dass es sich beim Gehorsam Jesu nicht um einen mechanischen und blinden, sondern um einen existenziellen und ringenden Gehorsam handelt: „Vater, wenn du willst, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ (Lk 22,42). Solch ein Glaubensgehorsam nimmt Gott als Vater und sich selbst als Gotteskind ganz ernst. Der Glaubende ist also darum gehorsam, weil er Gott (und sich selbst) ganz als den glaubt, der er ist.

X