Eintreten in das von Gott gegebene Eins-Sein

„Tritt ein in den Liebesraum des Dreieinigen Gottes. Schau auf ihn und bete ihn an, durch den deine Berufung sicheren Grund erhält.“ 1Regel 1999, 10. Mit dieser Einladung beginnt nicht nur die Regel der Christusbruderschaft Selbitz, sondern dieser Satz macht zugleich deutlich, wie es sich mit dem „Eintreten“ in das von Gott gegebene Eins-Sein verhält: Es ist ein Eintritt in den – alle Menschen umfassenden – Liebesraum Gottes, der in sich selbst liebende Einheit ist. Und eben dieser Eintritt in die Liebesgemeinschaft des Dreieinigen bringt dann die eigene Berufung innerhalb des Gottesvolkes zum Leuchten, so dass diese einerseits klar aufscheint, andererseits aber auch andere Berufungen zu ergänzen vermag und gleichzeitig von ihnen gestärkt wird. 

Der Grund dieses Geschehens und des Liebesraumes ist Gott selbst, denn er ist die liebende und lebendige und darin vollkommene Gemeinschaft und Einheit. Doch darin bleibt er nicht für sich: Jesus Christus hat nachdrücklich an alle Menschen die Einladung ausgesprochen, in dieses Geschehen einzutreten: In dem Moment, in dem Gott in Jesus Mensch geworden ist, war klar, dass sich hier Gott nicht nur in seiner Liebe verschenkt, sondern dass diese Liebe uns Menschen in einen Raum hineinruft, in dem durch wechselseitige Selbsthingabe das Eins-Sein schon immer vollendet war und ist.

Liebe und Einheit, Selbsthingabe und Einheit – sie gehen also zusammen und finden im Dreieinigen Gott ihren tiefsten Ausdruck. Mit der Einladung, in genau diesen Liebesraum einzutreten, wird dann auch die Sehnsucht von uns Menschen adressiert, am göttlichen „Du“ – und damit an der höchsten Einheit – ganz zum „Ich“ zu werden.

Vor diesem Hintergrund ist klar, dass es nicht die Aufgabe von uns Menschen ist, Gottes Einheit in unserer Welt zu stiften. Vielmehr sind wir gerufen, auf diese zu antworten, in sie einzutreten und sie dann mitten in unserer Welt und in unserer Gemeinschaft mit anderen Menschen sichtbar zu machen. Es gilt also, „aus der Einheit mit Christus und allen Christen an der Einheit aller Christen in Christo innerhalb der verschiedenen Glaubensgemeinschaften der Christenheit“ 2 ÖCD, Aufruf 1948, 1. teilzuhaben und diese zu fördern, sich also von ihr geradezu in den Dienst nehmen zu lassen.

Doch wie ist dieser Eintritt in den Liebesraum des Dreieinigen Gottes, diese Indienstnahme noch genauer zu beschreiben? „Credere in Deum“, ist die Antwort, die Edith Stein auf diese Frage gibt, „glauben zu Gott hin“; Gott im Glauben zuzustreben, so nennt sie es 3Edith Stein, Endliches und ewiges Sein 2006, 34f. Doch dieser Glaube zu Gott hin, der dafür sorgt, dass der jeweils eigene Platz im Liebesraum ersehnt und eingenommen wird, setzt zunächst das gnadenvolle Ergriffenwerden des Menschen voraus. Dieses Ergriffenwerden entspricht dem ernsthaften Hören der Einladung „Tritt ein in den Liebesraum des Dreieinigen Gottes“, die dann im Glauben an eben diesen Gott – dem in der Einheit Vollkommenen und deswegen Ganz-Anderen – angenommen werden möchte. Es ist also auf unserer Seite der Ewigkeit die doppelte Bewegung des Ergriffen-Werdens und des Ergreifens, um die es hier geht. Eintritt in das von Gott gegebene Eins-Sein im Glauben meint also kein statisches Gott als den Ganz-Anderen dann letztlich verfügbar machendes „credere in Deo“, sondern es geht um die immerwährende Einladung und deshalb um eine im Leben immer wieder neu zu erfolgende Bewegung auf Gott hin („credere in Deum“).

In dieser drückt sich dann nicht zuletzt auch die gottsuchende Pilgerexistenz von uns Menschen aus, die sich in der Spannung des „schon jetzt“ und „noch nicht“ des Reiches Gottes als fragmentarisch, angefochten und deshalb auch als unvollkommen erfährt. Erst im Ewigen kommt es zur Vollendung „in Deo“; der Weg dahin ist indes von Glück und Anfechtung, von Momenten der Einheit und der Zerstreuung, kurzum: von „credere in Deum“ geprägt, auch wenn der Glaube dabei über alle menschliche Erkenntnis hinausstrebt. 4Ebd., 35.

„Credere in Deum“, der Glaube, der sich in Sehnsucht nach dem Vollkommen-Einen ausstreckt, findet seinen Ausdruck und seine Festigung in der Anbetung. Im Schauen auf den Ganz-Anderen und damit auf das vollendete und höchste „Du“ lässt sich eine Verheißung erkennen, die zum Wegweiser im Fragmentarischen und in Anfechtungen wird, denn sie richtet sich auf den aus, der in seiner Liebe einer jeden „Berufung sicheren Grund“ gibt.5Regel 1999, 10. Diese Ausrichtung ist wichtig, denn keine Zeit und kein Leben ist frei von „der Not der Spaltung und Zerrissenheit“ oder von der „inneren Entfremdung der Christen untereinander“ sowie von der „Ohnmacht der Christenheit und der ratlosen Verwirrung unter den Nationen und Völkern“ 6ÖCD, Aufruf 1948, 1.Das heißt, dass es in jeder Zeit und in jedem Leben die aktive Erinnerung braucht, dass Gott die Einheit schon gestiftet und in Jesus Christus alle Menschen eingeladen hat, dieser Wirklichkeit zu trauen und daraus zu leben.Und so ist es nicht zuletzt die Anbetung, die aus der Verwirrung des Herzens führt, denn in ihr richtet sich die Seele wieder neu auf den aus, der schon alles vollbracht hat.

Und schließlich: Der Eintritt in das von Gott gegebene Eins-Sein kommt ohne die Hinwendung zum Nächsten nicht aus. Im Dienst der Fußwaschung (Joh 13,1-19) wird die Art und Weise dieser Hinwendung deutlich, denn hier handelt Christus aus der zugeneigten Liebe heraus, die den Dreieinigen Gott als Wesensmerkmal auszeichnet (1Joh 4,16). Wenn also schon Gottes dreieiniges Sein auf die Bedeutung der communio verweist, so akzentuiert die Liebe, die in der Fußwaschung zum Ausdruck kommt, den Dienst am Nächsten und damit das Hinausgehen aus sich selbst noch einmal in besonderer Weise. 

Der Einladung Gottes zu folgen und in das von ihm gegebene Eins-Sein einzutreten, ist somit der Beginn eines Nachfolgeweges. Er ist getragen von der Glaubensgewissheit um den Dreieinigen Gott und beginnt beständig neu. Denn es ist ein Weg, der den Schmerz der Anfechtung, der Verwirrung und der Kreuzesnacht kennt. Es ist zugleich aber auch ein Weg, auf dem sich im Liebesraum Gottes die eigene Berufung im Glauben, in der Anbetung sowie im Dienst am Nächsten und an der von Gott geschenkten Einheit entfaltet. Er erlebt sich darin als angefochten, aber zugleich auch als sicher gegründet.


Es gilt also, „aus der Einheit mit Christus und allen Christen an der Einheit aller Christen in Christo innerhalb der verschiedenen Glaubensgemeinschaften der Christenheit“ teilzuhaben und diese zu fördern, sich also von ihr geradezu in den Dienst nehmen zu lassen.

Fussnoten   [ + ]

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