Vom verborgenen Leben und Leiden mit Gott für das Ganze

Michael Decker

Unvergesslich ist mir ein Satz von Jakob Schelker im Nidelbad (Schweizerischer Diakonieverein) aus den 1990er Jahren. Vater Direktor, wie wir ihn respektvoll nannten, sagte einmal: „Wenn es in der Zeitung steht, ist es schon verdorben…!” – Ich brauchte eine Weile, bis ich verstand, was er meinte: Es gibt geistliche Vorgänge und geheimnisvolle Wirklichkeiten des Reiches Gottes, die vertragen keine Öffentlichkeit.

Diese Behauptung widerspricht einer heute weitverbreiteten Meinung. Auch Christen meinen oft: Das Leben mit Gott muss unter die Menschen gebracht und öffentlich bezeugt werden. Wir müssen Gott die Ehre geben, indem wir vor den Leuten Rechenschaft ablegen für die Hoffnung und Erfahrungskraft unseres Glaubens. „Jeder Christ ein Missionar!” heißt es manchmal. Denn: Nur das existiert, was öffentlich wird, was die Leute sehen und bemerken. Wer keine Rolle spielt, spielt auch keine Rolle.

Oft ist das richtig: Es gibt begabte und beauftragte Christen, die aus Liebe zu Gott und den Menschen die frohe Botschaft durch Wort und Tat leben, weitersagen, lehren und auf alle denkbaren medialen und kreativen Weisen verbreiten. Doch das ist nicht alles. Der steile Satz von Jakob Schelker weist noch auf eine andere Seite hin:

Manche Menschen sind begabt und beauftragt, im Verborgenen, unbekannt, unerkannt, sogar verkannt, zu leben, zu beten, zu leiden, das Alltägliche zu tun und gerade dadurch auf geheimnisvolle Art für das Große und Ganze, für das Heil der Welt zu wirken. Nachdem Jesus einmal viele Kranke geheilt hatte, verbot er den Jüngern, davon öffentlich zu reden. Er wusste um die verborgene Innenseite der Gottesknechtschaft:

Siehe, das ist mein Knecht, den ich erwählt habe, … ich will meinen Geist auf ihn legen, und er soll den Heiden das Recht verkündigen. Er wird nicht streiten noch schreien, und man wird seine Stimme nicht hören auf den Gassen; … bis er das Recht hinausführt zum Sieg (Mt 12, 18-21).

Er wird nicht streiten noch schreien, und man wird seine Stimme nicht hören auf den Gassen – und doch wird auch und gerade durch ihn dem, was vor Gott Recht ist, zum Sieg verholfen.
Ich bin sehr froh, dass ich dieser paradox scheinenden Wirklichkeit begegnet bin und im Lauf der Zeit auch immer mehr Zutrauen in ihre Wahrheit finde. Es geht nicht um Rückzug in die Innerlichkeit, auch nicht um Weltflucht, die jemand verlocken könnte, weil er Berührungsängste mit dem Fremden oder Dunklen hat.
Doch es gibt Berufungswege, die wie fruchtlos, wie nicht vorhanden, wie unwirksam erscheinen. Sie sind meist gar nicht selbst erwählt. Sie sind verordnet und erscheinen wie ein Verhängnis. Sie sind auferlegt durch Schwäche, durch Alter oder Krankheit. Sie gehen einher mit einem unscheinbaren Alltagsleben, auch mit Einsamkeit und Menschenferne. Sie werden oft zur Anfechtung, weil sich ständig der Vergleich mit den Gesunden, den Starken, den Tätigen und Erfolgreichen aufdrängt.

Es ist ein verborgenes Leben mit Christus in Gott. Es nötigt dazu, jeden Tag neu Glauben zu wagen. Die eigenen Leiden an Leib und Seele und die Nöte der Menschen werden zum täglichen Anruf, gerade diesen Weg und diese Umstände als den von Gott zugedachten Berufungsweg anzunehmen.

Manchmal helfen dabei Merkworte, wie z. B. das des Individualpsychologen Fritz Künkel: „Was du nur in deinem eigenen Herzen zu wirken meinst, wirkst du in Wahrheit am Schicksal der Welt!” Hier spannt sich der Glaube weit aus. Er kann nur in der unendlichen Liebe Gottes wurzeln. Aus Liebe zu Gott, die immer an erster Stelle stehen muss, gibt sich der Mensch in die Umstände und Einseitigkeiten seines Lebens hinein. Weil er Gott zuerst lieben möchte und liebt, bejaht er die eng gesetzten Grenzen und glaubt, dass das kleine, so wenig brauchbar erscheinende Leben dem Reich Gottes und den Mitmenschen dienen darf. Dabei versagt er sich jede Neugier, doch zu erkennen, dass irgendwo eine kleine Frucht gedeihen oder ein kleines Licht leuchten könnte.

Hilfreich sind Einsichten von Sr. Gertrudis Schinle, einer Trappistin und Eremitin in der Klause Egg in Heiligenberg, Bodenseekreis, von denen sie in ihrem Büchlein „Verborgene Kirche” schreibt:

Klause Egg
Klause Egg

„Einige unter euch sind berufen zu einem Leben auch äußerer Stille, Verborgenheit, Anbetung. Sie sollen für Mich frei sein. Sie sollen den andern das lebendige Zeichen dafür sein, dass Meine verborgene Anwesenheit wichtiger ist als alles andere” (S.111).

„Wer Mich liebt, dient der Welt, und anders kann man ihr nicht dienen” (S.10). „Setze dich dadurch für die Welt ein, dass du Mich liebst. Auch wenn niemand glaubt, dass dies der stärkste Einsatz für die Welt ist; du glaube es” (S.44).

„Achte auf Mich und fürchte nicht, Menschen zu vernachlässigen, während du auf Mich achtest. Du kannst nie liebevoller sein, als wenn du auf Mich achtest. Ich bin die Liebe” (S.21).

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