27. BETRACHTUNG – Vereinige uns in der Liebes- und Lebensgemeinschaft deines heiligen Herzens

Man betet nicht nur unbestimmt um eine Vereinigung irgendwelcher Art. Man bittet Christus eindeutig, in der Gemeinschaft seines heiligen Herzens vereinigt zu werden. Das fordert demgemäss dazu heraus, abzuklären, was darunter verstanden werden kann. Das heilige Herz Jesu hat in der Geschichte der Kirche einen breiten Raum eingenommen, wobei gewisse Entartungen nicht verleugnet werden können.

Zunächst aber wird wieder jene Vereinigung deutlich, die nicht eine Folge menschlicher Aktion darstellt. Es ist vielmehr eine vorgegebene Wirklichkeit – nämlich das Herz Jesu -, in das hinein Vereinigung erbeten wird. Dieser Vorgang wirkt entspannend, aber auch alle Macher und Planer korrigierend.

Nun fragt sich, warum nicht die Vereinigung mit Jesus genügt? Das Herz besonders herauszuheben, scheint in der Tat etwas eigenartig. Allerdings wäre es deshalb eigenartig, wenn das Herz nur physiologisch verstanden würde. Dazu besteht zwar kein Grund, weil die Verwendung des Wortes HERZ in vielfältiger Weise den Menschen von heute geläufig ist. Zur Sinnfindung würde bereits der Gebrauch von „herzlich“ genügen.

Ein „herzlicher Gruß“ ist eben doch mehr, als ein freundlicher Gruss. Dabei will er nicht nur als ein Grad freundlicher erscheinen. Nein – er will von der totalen Existenz des Grüßenden kommen, also nicht dosiert, sondern von der Lebensmitte gesandt. Man könnte auch sagen: alles durchströmend. In der modernen Wissenschaft ist inzwischen unbestritten, dass bei allen Erscheinungsformen des Lebens – ob im Mikro- oder Makrokosmos – immer wieder eine Mitte feststellbar ist. Diese Mitte repräsentiert letztlich Wesen und Gestalt – und zwar kompetenter als die Hülle oder die Summe von umgebenden Einzelheiten.

Man könnte also daraus schliessen: Das Herz Jesu ist nicht nur das Innerste, sondern die Substanz des ganzen Christus. Dort hinein zielt unser Gebet – also nicht ein bisschen Jesus!

Das ist auch (etwas verschüttet) die Wurzel bei der Herz-Jesu-Frömmigkeit der katholischen Kirche. In nachfolgender Anmerkung (29) soll dazu mehr dargelegt werden, kann solches doch dazu beitragen, zumindest die Neugier zu befriedigen oder eine kleine Hilfe sein, fremde Elemente positiv im eigenen Leben zu deponieren, auch wenn keine Nachahmung notwendig ist.

Die evangelische Welt kennt ein Lied Zinzendorfs mit der ersten Strophe:

Herz und Herz vereint zusammen sucht in Gottes Herzen Ruh; lasset eure Liebesflammen lodern auf den Heiland zu. Er das Haupt, wir seine Glieder; er das Licht und wir der Schein; er der Meister, wir die Brüder; er ist unser, wir sind sein.

Eine kürzere Erklärung zum Herz-Jesu gibt es nicht.

Anmerkung

29

In der römisch-katholischen Kirche gibt es eine reiche Herz-Jesu-Praxis. Zu deren Geschichte und Entwicklung nachstehend nur einige Hinweise.

Eine entscheidende Bibelstelle ist aus der Kreuzigungsgeschichte der Lanzenstich durch die Kriegsknechte (Joh 19,33-37).

In der Zeit der späten Mystik (17. Jahrhundert) hat die Frömmigkeit einer französischen Nonne (Margareta Maria Alacoque) diese Bibelstelle als anbetungswürdig erkannt und dann in einer Vision ein Herz-Jesu-Fest gesehen, an dem Besonderes zu beten sei.

Tatsächlich hat dann Papst Pius IX. dieses Fest für den 3. Freitag nach Pfingsten eingeführt. Im Zuge der Verwirklichung haben sich die Jesuiten um weitestgehende Verbreitung gemüht, zumal ein Jesuit der Beichtvater von Margareta Maria war. Wie das bei umstrittenen und ausufernden Praktiken der Frömmigkeit oft anzutreffen ist, erlebte auch die Herz-Jesu-Anbetung diverse Auf- und Abstiege. Im 18. Jahrhundert wurde sie sogar kirchlich untersagt. Dann kam wieder die Gegenbewegung im 19. Jahrhundert, wo Papst Leo XIII. die ganze Welt dem Herzen Jesu weihte. In neuerer Zeit hat sich besonders der Jesuit Karl Rahner um eine biblische Form der Herz-Jesu-Verehrung bemüht. Wer der Stadt Paris einen Besuch abstattet, kommt nicht umhin, eines der mächtigsten Kirchengebäude (19. Jh.) wahrzunehmen, das sozusagen das Herz Jesu „über die ganze Stadt erhebt“, nämlich SACRE COEUR (heiliges Herz).

Im 20. Jahrhundert hat sich die Herz-Jesu-Frömmigkeit von der Mystik weiter entfernt und sich sogar dem Charakter unseres 11-Uhr-Gebets genähert, wie das ein Liedvers zum Ausdruck bringt (entstanden in den Jahren der Hitler-Diktatur):

Herz Jesu, Trost der ganzen Welt, mach unser Herz zu deinem! Nimm unsre Herzen ungezählt und mache sie zu einem!
Lass uns den Hass, das bittre Leid fortlieben aus der dunklen Zeit:
Lass uns dein Reich erscheinen!

Ähnlich findet man in römischen Andachtsbüchern schöne Formulierungen, wie zum Beispiel nachstehendes Gebet im Gotteslob:

Herr Jesus Christus,
lehre uns das Geheimnis deiner Liebe verstehen.
Lass uns teilhaben am Reichtum deines Herzens.
Jesus, Quelle des Lebens und der Heiligkeit,
bilde unser Herz nach deinem Herzen. Amen

26. BETRACHTUNG – Vereinige uns mit dir und miteinander

Hier geht es um die Bitte, dass die Verwirklichung der ursprünglichen Schöpfungsabsicht Gottes, nämlich die Identität des Menschen mit Gott seiner endgültigen Erfüllung zugeführt werden möge. In Jesus Christus ist sie bereits im Wesentlichen schon erhört. Sie muss aber durch den Glauben aktiviert werden und zwar vor allen anderen Bitten. Daher möchte ich die Bitte um Vereinigung mit Christus als Zentralanliegen bezeichnen. Ich freue mich beim Beten jedesmal, dass fromme Wünsche um das eigene Wohlergehen fehlen. Sie fehlen deshalb, weil in der Vereinigung mit Gott in Jesus alle Anliegen enthalten sind, ja sogar als nebensächlich bezeichnet werden müssen. Und doch sind sie der Erhörung näher, wie eben Quelle und Wasser zusammengehören. Sie werden als Folgeerscheinung selbstverständlich. Die Gottvereinigung ist wie ein Kristallisationspunkt anzusehen.

Nun möchte ich noch darauf aufmerksam machen, was sich in diesem Zentralbereich der Vereinigung ereignet. Es geht gerade nicht um jene Frömmigkeit, die sich selbst gefällt und alle Kontakte mit der bösen Welt um des Wohlgefühls der Gottvereinigung willen abbricht. Genau umgekehrt wird sich in solch dichter Nähe zum Herrn jene Verwandlung ereignen, wo alle Enge des Herzens zur großen Weite des Schöpfers und Erlösers aufgebrochen wird. Damit vollzieht sich die alle und alles umfassende Liebe, von der noch zu lesen sein wird. Ins Zentrum des Daseins einzutauchen bedeutet nicht Weltverneinung. Im Gegenteil wird die Fülle der Schöpfung mit ihren tausenden Anliegen für die menschliche Seele nicht nur ansehbar, sondern zu einem Teil ihrer selbst. Hier nur vollzieht sich die Verwirklichung wahrer Ergänzung aller menschlichen Gegensätze, wie das schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Gottesmann und Bruder vom gemeinsamen Leben, Eugen Belz, bezeugen konnte:

Trotz aller mangelhaften praktischen Gestaltung halte ich unverbrüchlich daran fest, dass die Botschaft der göttlichen Einheit ohne Aufhebung der Unterschiede mir als Zeugnis aufgetragen ist, dass im Kreuz Christi das Heil für die große Not der Spaltungen vorhanden ist. Auch dass die Harmonie der Gegensätze von Gott und Mensch, von Geist und Gesetz, von Freiheit und Autorität, von Dynamik und Statik, von Himmel und Erde in dem Menschensohn und Gottessohn Jesus Christus vollbracht und dadurch jedem einzelnen Christusgläubigen als Frucht der Erlösung möglich und geschenkt ist.

Auch ein Starez Siluan bezeugt, was fast kurios anmutet, dass ihm in der äußeren Einsamkeit und Gottversunkenheit erstaunliche Einblicke in die Vielfalt der Weltsituation gegeben wurden. Und Teilhard de Chardin verrät als Forscher seine „Methode“, in der Meditation des Opfers Jesu Klarheit über die Geschichte der menschlichen Spezies zu gewinnen.

25. BETRACHTUNG – Vereinige uns alle mit dir und miteinander

Kurz zuvor in unserem Beten wurde unser Verhältnis zu Jesus und zu einander unter sein Blut gestellt. Nun bitten wir um die Steigerung des Verhältnisses, nämlich um die Vereinigung. Dabei möchte ich jetzt eine wichtige Abklärung versuchen, weil der Hintergrund dieses Begriffs so vielfach schimmert.

Im Verlauf der Menschheitsgeschichte ist der Begriff der Vereinigung immer schon idealisiert worden. Vor allem sah man darin eine Vorteilsnahme in Bezug auf bessere Durchsetzungsmöglichkeiten idealer oder kämpferischer Ziele. Es sei an die revolutionären Parolen erinnert: „Proletarier aller Länder vereinigt euch“. Oder man denke an die vielen Vereinigungen wirtschaftlicher Art. Auch die Politik kommt ohne Vereinigungen nicht aus. Bei all dem darf man nicht übersehen, welche Konsequenzen daraus entstehen. Es gibt interessante Analysen, wonach etwa pauschal behauptet wird, dass alle Vereinigungen das Ziel haben, das Individuum aufzulösen. Oder es gibt ein Schlagwort: Vereinigungen sind die Geburtshilfen der Vermassung.

Wie aber ist es mit der zentralen christlichen Vereinigung? Es ist mit Sicherheit nicht an einen nur religiösen Zusammenschluss gedacht. Wenn Jesus betet, dass die Seinen so vereinigt werden, wie er mit dem Vater eins ist, so kann damit nicht eine Bündelung gleicher Frömmigkeit gemeint sein. Es ist überhaupt nichts herzustellen, sondern in eine vorgegebene Einheit zu integrieren. Selbst dazu reicht die Realität von Kirche nicht aus. Ja, es mangelt überhaupt an einer Ausdrucksweise, um das Geheimnis annähernd erfassen zu können. Da führen sogar Begriffe wie „Einheit“ in eine falsche Richtung.

Es war mir interessant festzustellen, dass der Begriff „Vereinigung“ in der ganzen Heiligen Schrift nicht vorkommt. Jesus selbst benutzt ihn auch nicht. Die Jünger und apostolischen Zeugen scheinen ihn sogar zu meiden. Warum wohl?

Ob sie ein Missverständnis fürchteten? So, als ob man einen Zustand beschriebe, der so nicht sein kann. Vereinigung im Sinn des Gebets Jesu ist tatsächlich ein immerwährendes Geschehen. Dabei wird niemand bestreiten, wenn ich von einem Vollendungsgeschehen ausgehe.

Die allerletzte Vereinigung steht noch aus und braucht den sichtbaren Anbruch des Reiches Gottes und darin die Wiederkunft des Herrn. Es braucht die Erlösung der Kreatur und sogar den Zusammenbruch der Antiwelten des Satans.

Aber der Prozess der Vereinigung ist – gleich einer Geburt – längst präsent und von Jesus selbst bezeugt und von den Aposteln beschrieben. Und was von ihm bezeugt wird, gilt für Zeit und Ewigkeit. Nun ist bei der Betrachtung der „Vereinigung“ abzuklären, welchen entscheidenden Charakter sie haben wird.

24. BETRACHTUNG – Besonders komme Dein Blut in unser Verhältnis zu uns untereinander

Mit dem Wort „Besonders“ werden nicht Vorteile für Christen festgeschrieben. Die Christen werden im Gegenteil von ihren Wichtigkeiten weggeführt, seien diese noch so fromm und bedeutsam. Die zwei Generalwichtigkeiten der Heiligen Schrift treten ins helle Licht: Gottes- und Nächstenliebe. Es sei an die Textstelle erinnert, wo Jesus die Frage eines Schriftgelehrten nach dem vornehmsten Gebot im Gesetz beantwortet: Du sollst lieben Gott deinen Herrn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das vornehmste Gebot. Das andere aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Dass die Gottesliebe an erster Stelle sein soll, kommt klar zum Ausdruck – ebenso auch die Nächstenliebe.

Die nüchterne Betrachtung solcher Priorität lässt sehr schnell erkennen, dass menschliches Vermögen nicht ausreicht, dem zu entsprechen. In meinem anfänglichen Glaubensleben hatten Phantasten zur totalen Wahrheit und Reinheit aufgerufen. Hier sperrt sofort die Selbsttäuschung ihren Rachen auf.

Anders wussten die Verfasser unseres 11-Uhr-Gebets: nämlich dass alles Totale dem Wesen Gottes entspringt. Wenn also immer wieder das Blut Jesu hineinkommen muss in alle Bezüge der Menschen, so liegt darin das Bekenntnis von der Notwendigkeit, dass Jesu Wesen unser menschliches Dasein durchdringe. Ich erinnere mich noch sehr gut an seelsorgerliche Hinweise im Blick auf meine geistliche Entwicklung, wo davor gewarnt wurde, die Natur nur überfluten zu lassen vom Geist Gottes. Vielmehr wurde die Seele mit einem Glas verglichen, das mit Geist gefüllt werden soll – was aber nur gelingen kann, wenn der bisherige Inhalt ausgeleert wird. Darum gehört Sündenerkenntnis mit Bekenntnis und Vergebung in diesem Zusammenhang erwähnt. Mit dem lebendigen Gott kann der alte Mensch nicht vereinigt werden. Der in und mit Christus lebende Mensch steht dagegen an der allerwichtigsten Stelle seines Glaubenslebens. Spätestens hier müssen Unterschiede in Frömmigkeit und Lebenspraxis erkennen, dass sie der göttlichen Wirkkraft Platz zu schaffen haben – nicht weil sie keinen Wert haben, aber weil sie für die geistvolle Beziehung der Christen untereinander nichts auszurichten vermögen. Unsere Verhältnisse untereinander brauchen aber auch nicht umgebaut werden. Sie sollen lediglich darauf achten, dem Blut Jesu Tür und Tor offen zu halten.

Der gläubige Mensch wird überrascht sein, wenn dann plötzlich die Liebe zu den ganz anderen die Herrschaft antritt. Solch Liebesverhältnis hat eine ganz andere Farbe wie Toleranz oder Duldung. Sie ist die Verlängerung der Jesusliebe gemäß dem Schriftwort: Niemand hat größere Liebe, denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde (Joh 15,13).

23. BETRACHTUNG – Besonders komme Dein Blut in unser Verhältnis zu uns untereinander

Wenn eine Analyse über den Zustand und die Beziehung der Gläubigen zueinander erstellt würde, so gäbe es auf allen Ebenen großes Erstaunen. Einerseits könnte es ein dankbares Erstaunen hervorrufen, so viel frohmachende echte Gemeinsamkeit bezeugt zu bekommen. Andererseits würde viel haarsträubende Uneinigkeit bis hin zur gegenseitigen Ablehnung schockierend wirken. Dabei ist die Bitte Jesu nach Joh 17 klar formuliert: Eins-Sein in der gleichen Qualität wie er mit dem Vater. Diese Qualität kann kein Mensch erreichen, wenngleich er Beziehungen von Mensch zu Mensch aufzubauen in der Lage ist. Daher ist es unumgänglich, der Lebensqualität Jesu Raum zu geben im Miteinander der Gläubigen.

Oekumene riecht mir zu sehr nach Ausgleich und Kompromiss. Auch habe ich oft die Sorge, dass unter Einheit so unendlich viel verstanden, aber zu wenig von Gott erwartet wird. So wie jeder Mensch im natürlichen Sinn vom anderen unterscheidbar ist, so könnte man sich das Wunder vorstellen, bei dem Grenzen bleiben, wobei aber deren trennende Funktion ein Ende hat und dafür sich zur Verbindungslinie wandelt. Hier bezeugt uns auch die Heilige Schrift die Mitte solchen Wunders: (Joh 11,51-52) Jesus sollte sterben für das Volk; und nicht für das Volk allein, sondern dass er auch die Kinder Gottes, die zerstreut waren, zusammen brächte.

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