30. BETRACHTUNG – Vereinige uns in der alle und alles umfassenden Liebes- und Lebensgemeinschaft

Es gibt Menschen, die sich in eine Beziehung zur Wesensmitte (Herz) Jesu führen ließen und darin buchstäblich versunken sind. Meist hat solche Versenkung separatistische Folgen insofern, als man dabei die „böse Welt“ vergessen hat. Wer aber wirklich die Liebes- und Lebensgemeinschaft Jesu erstrebt, wird sogar in verstärktem Maß der „Welt“ begegnen. Diese Welt ist sogar nur ein Bruchteil der Schöpfung. Vor allem aber ist sie und Vieles mehr ein Bestandteil der Qualität der hier dargestellten Gemeinschaft. Dort sind tatsächlich alle und alles vorhanden. Das Eigenartige scheint mir in der Teilhaftigkeit zu liegen, also nicht nur in der Wahrnehmung. Wieder hilft das Bild von den Gliedern des menschlichen Körpers, wenngleich es sich bis ins Unendliche erweitert. Bildhaft ausgedrückt erlebt der Christ „im Herzen Jesu“ eine Versammlung von Himmel und Erde, von Mensch und Tier, von Alt und Jung, auch von Glaubenswirklichkeiten, von Dingen und Gedanken und nicht zuletzt von Ungläubigen, ob brav oder böse. Wohlgemerkt: Alle und alles wird nicht nur versammelt, sondern umfasst. Da taugt das Bild der Umarmung weit besser, was letztlich ein Liebesprozess ist. Und Gottes Zuwendung gleicht dem letztgültigen Frieden zur Vollendung der Ewigkeit.

29. BETRACHTUNG – Vereinige uns alle in der einen alle und alles umfassenden Liebes- und Lebensgemeinschaft

Beim Meditieren des Einheitsgebets werden uns ganz klar die Qualitäten der erbetenen Vereinigung nahe gebracht. Zunächst fällt nach aller betrachteten Vielfalt auf, dass die Zahl Eins unübersehbar ist. Zunächst dünkt es als ein unauflöslicher Widerspruch. Wohl bemerkt geht es um die Qualität Gottes selbst.

In einem alten Glaubensbekenntnis (Athanasianum) wird stereotyp ausgesagt, dass wir nicht drei Götter glauben, sondern es ist ein Gott. Mit den menschlichen Maßstäben lässt sich solche Unauflöslichkeit nicht auflösen. Ich sehe nur eine einzige Möglichkeit des Verstehens, und die bezieht sich auf die Liebe Gottes. Allein schon im zwischenmenschlichen Bereich hat die Liebe trotz ihrer einzigen Qualität unendliche Entfaltungsmöglichkeiten – wie ja überhaupt der Mensch selbst auch. Erst recht die göttliche Liebe! Hier empfiehlt sich, das vierte Kapitel des 1. Johannesbriefs zu meditieren und natürlich immer wieder das Hohepriesterliche Gebet Jesu. Gerade darin wird deutlich, dass der Eine Gott Liebe ist, die auch wieder Eine und doch zugleich umfassend ist. Die Schöpferliebe ist keine andere denn die Erlöserliebe oder die Vollenderliebe.

28. BETRACHTUNG – Vereinige uns alle in der einen alle und alles umfassenden Liebes- und Lebensgemeinschaft deines heiligen Herzens

Wir erbitten die Vereinigung nicht mehr aus frommem Egoismus. Wir wissen vielmehr um das Geheimnis der Gemeinschaft, die nicht ein Produkt der Übereinstimmung sein kann. Im Gegenteil wird wahrgenommen, dass der christliche Glaube Menschen zusammenführt, die von Unterschieden aller Art gekennzeichnet sind. Von da her räumt solches Beten wirklich damit auf, Konfessionsfragen vor Gott zu bringen. Auch die unterschiedlichsten Lebenserfahrungen haben bei diesem Beten „kein Stimmrecht“ mehr. Es ist vielmehr umgekehrt: Man will wirklich alle „dabei“ haben. Verantwortlichkeit füreinander tritt an die Stelle von Grenzziehungen. Und es wird sogar höchste Zeit, geistliche Zutrittsverbote, wie sie in der Kirchengeschichte leider großen Raum eingenommen hatten, zu untersagen. Die letzten Endes wirklich „Unwürdigen“ hat nicht der Mensch zu beurteilen. Das ist einzig und allein Gottes Sache.

Als Jesus beim Passah-Mahl den Kelch herumreichte, sprach er ein bedeutendes Wort: Trinkt alle daraus. Nicht einmal den Judas hat er übergangen. Ähnlich wird bei der Gefangennahme Jesu erstaunen, wie er den Verräter ansprach: mein Freund.

27. BETRACHTUNG – Vereinige uns in der Liebes- und Lebensgemeinschaft deines heiligen Herzens

Man betet nicht nur unbestimmt um eine Vereinigung irgendwelcher Art. Man bittet Christus eindeutig, in der Gemeinschaft seines heiligen Herzens vereinigt zu werden. Das fordert demgemäss dazu heraus, abzuklären, was darunter verstanden werden kann. Das heilige Herz Jesu hat in der Geschichte der Kirche einen breiten Raum eingenommen, wobei gewisse Entartungen nicht verleugnet werden können.

Zunächst aber wird wieder jene Vereinigung deutlich, die nicht eine Folge menschlicher Aktion darstellt. Es ist vielmehr eine vorgegebene Wirklichkeit – nämlich das Herz Jesu -, in das hinein Vereinigung erbeten wird. Dieser Vorgang wirkt entspannend, aber auch alle Macher und Planer korrigierend.

Nun fragt sich, warum nicht die Vereinigung mit Jesus genügt? Das Herz besonders herauszuheben, scheint in der Tat etwas eigenartig. Allerdings wäre es deshalb eigenartig, wenn das Herz nur physiologisch verstanden würde. Dazu besteht zwar kein Grund, weil die Verwendung des Wortes HERZ in vielfältiger Weise den Menschen von heute geläufig ist. Zur Sinnfindung würde bereits der Gebrauch von „herzlich“ genügen.

Ein „herzlicher Gruß“ ist eben doch mehr, als ein freundlicher Gruss. Dabei will er nicht nur als ein Grad freundlicher erscheinen. Nein – er will von der totalen Existenz des Grüßenden kommen, also nicht dosiert, sondern von der Lebensmitte gesandt. Man könnte auch sagen: alles durchströmend. In der modernen Wissenschaft ist inzwischen unbestritten, dass bei allen Erscheinungsformen des Lebens – ob im Mikro- oder Makrokosmos – immer wieder eine Mitte feststellbar ist. Diese Mitte repräsentiert letztlich Wesen und Gestalt – und zwar kompetenter als die Hülle oder die Summe von umgebenden Einzelheiten.

Man könnte also daraus schliessen: Das Herz Jesu ist nicht nur das Innerste, sondern die Substanz des ganzen Christus. Dort hinein zielt unser Gebet – also nicht ein bisschen Jesus!

Das ist auch (etwas verschüttet) die Wurzel bei der Herz-Jesu-Frömmigkeit der katholischen Kirche. In nachfolgender Anmerkung (29) soll dazu mehr dargelegt werden, kann solches doch dazu beitragen, zumindest die Neugier zu befriedigen oder eine kleine Hilfe sein, fremde Elemente positiv im eigenen Leben zu deponieren, auch wenn keine Nachahmung notwendig ist.

Die evangelische Welt kennt ein Lied Zinzendorfs mit der ersten Strophe:

Herz und Herz vereint zusammen sucht in Gottes Herzen Ruh; lasset eure Liebesflammen lodern auf den Heiland zu. Er das Haupt, wir seine Glieder; er das Licht und wir der Schein; er der Meister, wir die Brüder; er ist unser, wir sind sein.

Eine kürzere Erklärung zum Herz-Jesu gibt es nicht.

Anmerkung

29

In der römisch-katholischen Kirche gibt es eine reiche Herz-Jesu-Praxis. Zu deren Geschichte und Entwicklung nachstehend nur einige Hinweise.

Eine entscheidende Bibelstelle ist aus der Kreuzigungsgeschichte der Lanzenstich durch die Kriegsknechte (Joh 19,33-37).

In der Zeit der späten Mystik (17. Jahrhundert) hat die Frömmigkeit einer französischen Nonne (Margareta Maria Alacoque) diese Bibelstelle als anbetungswürdig erkannt und dann in einer Vision ein Herz-Jesu-Fest gesehen, an dem Besonderes zu beten sei.

Tatsächlich hat dann Papst Pius IX. dieses Fest für den 3. Freitag nach Pfingsten eingeführt. Im Zuge der Verwirklichung haben sich die Jesuiten um weitestgehende Verbreitung gemüht, zumal ein Jesuit der Beichtvater von Margareta Maria war. Wie das bei umstrittenen und ausufernden Praktiken der Frömmigkeit oft anzutreffen ist, erlebte auch die Herz-Jesu-Anbetung diverse Auf- und Abstiege. Im 18. Jahrhundert wurde sie sogar kirchlich untersagt. Dann kam wieder die Gegenbewegung im 19. Jahrhundert, wo Papst Leo XIII. die ganze Welt dem Herzen Jesu weihte. In neuerer Zeit hat sich besonders der Jesuit Karl Rahner um eine biblische Form der Herz-Jesu-Verehrung bemüht. Wer der Stadt Paris einen Besuch abstattet, kommt nicht umhin, eines der mächtigsten Kirchengebäude (19. Jh.) wahrzunehmen, das sozusagen das Herz Jesu „über die ganze Stadt erhebt“, nämlich SACRE COEUR (heiliges Herz).

Im 20. Jahrhundert hat sich die Herz-Jesu-Frömmigkeit von der Mystik weiter entfernt und sich sogar dem Charakter unseres 11-Uhr-Gebets genähert, wie das ein Liedvers zum Ausdruck bringt (entstanden in den Jahren der Hitler-Diktatur):

Herz Jesu, Trost der ganzen Welt, mach unser Herz zu deinem! Nimm unsre Herzen ungezählt und mache sie zu einem!
Lass uns den Hass, das bittre Leid fortlieben aus der dunklen Zeit:
Lass uns dein Reich erscheinen!

Ähnlich findet man in römischen Andachtsbüchern schöne Formulierungen, wie zum Beispiel nachstehendes Gebet im Gotteslob:

Herr Jesus Christus,
lehre uns das Geheimnis deiner Liebe verstehen.
Lass uns teilhaben am Reichtum deines Herzens.
Jesus, Quelle des Lebens und der Heiligkeit,
bilde unser Herz nach deinem Herzen. Amen

26. BETRACHTUNG – Vereinige uns mit dir und miteinander

Hier geht es um die Bitte, dass die Verwirklichung der ursprünglichen Schöpfungsabsicht Gottes, nämlich die Identität des Menschen mit Gott seiner endgültigen Erfüllung zugeführt werden möge. In Jesus Christus ist sie bereits im Wesentlichen schon erhört. Sie muss aber durch den Glauben aktiviert werden und zwar vor allen anderen Bitten. Daher möchte ich die Bitte um Vereinigung mit Christus als Zentralanliegen bezeichnen. Ich freue mich beim Beten jedesmal, dass fromme Wünsche um das eigene Wohlergehen fehlen. Sie fehlen deshalb, weil in der Vereinigung mit Gott in Jesus alle Anliegen enthalten sind, ja sogar als nebensächlich bezeichnet werden müssen. Und doch sind sie der Erhörung näher, wie eben Quelle und Wasser zusammengehören. Sie werden als Folgeerscheinung selbstverständlich. Die Gottvereinigung ist wie ein Kristallisationspunkt anzusehen.

Nun möchte ich noch darauf aufmerksam machen, was sich in diesem Zentralbereich der Vereinigung ereignet. Es geht gerade nicht um jene Frömmigkeit, die sich selbst gefällt und alle Kontakte mit der bösen Welt um des Wohlgefühls der Gottvereinigung willen abbricht. Genau umgekehrt wird sich in solch dichter Nähe zum Herrn jene Verwandlung ereignen, wo alle Enge des Herzens zur großen Weite des Schöpfers und Erlösers aufgebrochen wird. Damit vollzieht sich die alle und alles umfassende Liebe, von der noch zu lesen sein wird. Ins Zentrum des Daseins einzutauchen bedeutet nicht Weltverneinung. Im Gegenteil wird die Fülle der Schöpfung mit ihren tausenden Anliegen für die menschliche Seele nicht nur ansehbar, sondern zu einem Teil ihrer selbst. Hier nur vollzieht sich die Verwirklichung wahrer Ergänzung aller menschlichen Gegensätze, wie das schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Gottesmann und Bruder vom gemeinsamen Leben, Eugen Belz, bezeugen konnte:

Trotz aller mangelhaften praktischen Gestaltung halte ich unverbrüchlich daran fest, dass die Botschaft der göttlichen Einheit ohne Aufhebung der Unterschiede mir als Zeugnis aufgetragen ist, dass im Kreuz Christi das Heil für die große Not der Spaltungen vorhanden ist. Auch dass die Harmonie der Gegensätze von Gott und Mensch, von Geist und Gesetz, von Freiheit und Autorität, von Dynamik und Statik, von Himmel und Erde in dem Menschensohn und Gottessohn Jesus Christus vollbracht und dadurch jedem einzelnen Christusgläubigen als Frucht der Erlösung möglich und geschenkt ist.

Auch ein Starez Siluan bezeugt, was fast kurios anmutet, dass ihm in der äußeren Einsamkeit und Gottversunkenheit erstaunliche Einblicke in die Vielfalt der Weltsituation gegeben wurden. Und Teilhard de Chardin verrät als Forscher seine „Methode“, in der Meditation des Opfers Jesu Klarheit über die Geschichte der menschlichen Spezies zu gewinnen.

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