32. BETRACHTUNG – Zu Gottes alleiniger Ehre

Mit dem unscheinbaren Wörtchen „zu“ ist jene Stelle des Einheitsgebets erreicht, die sehr ausschlaggebend ist, weil sie Konsequenzen des bisherigen Betens aufzeigt. Wer aufmerksam die bisherigen Bitten vorbrachte, hat das Fehlen von Fürbitten gemerkt. Vielmehr hat die gemeinsame Beterschar zwei Wünsche zum Herrn geschickt. Sie weiß eben, dass ein Christenleben losgelöst von Christus keine Früchte tragen kann. Das lehrt das Gleichnis vom Weinstock und den Reben sehr anschaulich und dringlich. Darum ist es so bedeutsam, drängende andere Anliegen nicht zur Hauptsache allen Betens zu machen. Diese Anliegen wären jedenfalls nicht zurückgestellt, sondern wunderbar erhörlicher, wenn sie Teil unserer Gottesbeziehung würden. Und ähnlich ist es mit den Fürbitten. Ausdruck dafür ist das Wörtchen „ZU“. Unsere Gottvereinigung geschieht in erster Linie mit der Auswirkung, Gott damit zu ehren. In zweiter Linie hat sie Folgen für die Welt. Diese Folgen erhofft die betende Gemeinschaft und ihr Benennen ist wie eine Gewissheit auf Erfüllung des Willens Gottes – ohne ihm Vorschriften zu machen, was er wann wie zu erledigen hat. Mir ist es zutiefst ein Anliegen, Christenmenschen auf diese Spur zu bitten, damit sie auch von sich frei werden. Segensvolle Folge wird die Gelassenheit sein und Zufriedenheit mit Gottes Wirken, der eben keine Fehler macht.

31. BETRACHTUNG – Vereinige uns in der unzertrennlichen Liebes- und Lebensgemeinschaft

Die Qualität des Herzens Jesu ist weiterhin die endgültige Dauer. Die Dimension der Zeit tritt total zurück. Die begrenzte Liebe hat nichts mehr zu suchen. Der Neue Bund ist nicht abhängig von Stimmung und Interessen.

Die unseligen Trennungen sind gar nicht mehr machbar. Das Bleibende wird zur Regel. Das ist bereits in diesem Äon wahrnehmbar dem, der aufmerksam und lebensnah die Welt betrachtet. So habe ich selbst mit Staunen erkannt, dass sogar die Materie in ihrem Kern unvergänglich ist, wenngleich sie dem Tod – das heißt der Wandlung – unterworfen ist. Dazu gehört letztlich auch die in kosmische Weiten geschossene Materie.

So wird die Unvergänglichkeit zum Zeugen für die Unzertrennlichkeit. (30)

Wieder und wieder gilt es, das biblische Wort sprechen zu lassen, wie es in Eph 1 zu lesen ist: ER hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens, dass es ausgeführt würde … auf dass alle Dinge zusammengefasst würden in Christo, beides, das im Himmel und auf Erden ist, durch ihn. In unserem Äon durchkreuzen Spaltungen ein gedeihliches Miteinander der Menschheit. Welch ein Gegensatz, wenn Spaltungen oder Zerstörungen überhaupt nicht mehr möglich sind.

Anmerkung

30

dem alle und alles umfassenden Christus zu finden ist. Einen Christen mit wunderbarer Tiefe seiner Worte habe ich wahrgenommen. Es ist der Jesuit und Anthropologe Teilhard de Chardin. Ein ausschnittweises Gebet von ihm, das in dem Büchlein „Lobgesang des Alls“ erschienen ist, gebe ich nachstehend zur Kenntnis.

Glorreicher Christus, verborgen im Schoß der Materie ausgebreiteter Einfluss und blendendes Zentrum, in dem die zahllosen Fasern der Vielheit verbunden sind; – Du, dessen Stirn wie Schnee, dessen Augen wie Feuer; dessen Füße strahlender sind als schmelzendes Gold; Du, dessen Hände die Sterne gefangenhalten; Du, der Du der Erste und der Letzte, der Lebendige, der Tote und der Auferstandene bist; Du der Du in Deiner überströmenden Einheit allen Zauber, alle Lust, alle Kräfte, alle Zustände sammelst; Dich rief mein Sein mit einem ebenso großen Verlangen wie das Universum: Du bist wahrhaft mein Herr und mein Gott! Außerhalb Deines Leibes, Jesus, kann nichts bestehen, und zwar so sehr, dass selbst jene, die außerhalb Deiner Liebe verworfen sind, zu ihrem Unglück noch in den Genuss der Stütze Deiner Gegenwart kommen. Wir stehen alle unwiderruflich in Dir im universellen Milieu der Konsistenz und des Lebens! – Aber gerade weil wir keine fixfertigen Dinge sind, die man sich gleichgültig Dir nahe oder fern vorstellen kann; gerade weil in uns das Subjekt der Vereinigung mit der Vereinigung selbst wächst, die uns fortschreitend Dir gibt; – im Namen dessen, was das Wesentliche in meinem Sein ausmacht, Herr, höre das Verlangen dieses Dings, das ich meine Seele zu nennen wage: … zieh mich an – bis in die innersten Falten des Zentrums Deines Herzens! Je tiefer wir Dir begegnen, umso universeller enthüllt sich Dein Einfluss – dann werde ich wissen, dass ich dem zentralen Ort näher komme, wo das Herz der Welt in die herabsteigende Strahlung des Herzens Gottes konvergiert. – Lehre mein Herz die wahre Reinheit, jene, die keine blutleermachende Trennung von den Dingen ist, sondern ein Aufschwung durch alle Schönheit hindurch. – Gib mir endlich und vor allem durch eine immer wachsende Schau Deiner Allgegenwart die selige Leidenschaft, immer etwas mehr die Welt zu entdecken, zu schaffen und zu erleiden, damit es immer mehr in Dich eindringe.

30. BETRACHTUNG – Vereinige uns in der alle und alles umfassenden Liebes- und Lebensgemeinschaft

Es gibt Menschen, die sich in eine Beziehung zur Wesensmitte (Herz) Jesu führen ließen und darin buchstäblich versunken sind. Meist hat solche Versenkung separatistische Folgen insofern, als man dabei die „böse Welt“ vergessen hat. Wer aber wirklich die Liebes- und Lebensgemeinschaft Jesu erstrebt, wird sogar in verstärktem Maß der „Welt“ begegnen. Diese Welt ist sogar nur ein Bruchteil der Schöpfung. Vor allem aber ist sie und Vieles mehr ein Bestandteil der Qualität der hier dargestellten Gemeinschaft. Dort sind tatsächlich alle und alles vorhanden. Das Eigenartige scheint mir in der Teilhaftigkeit zu liegen, also nicht nur in der Wahrnehmung. Wieder hilft das Bild von den Gliedern des menschlichen Körpers, wenngleich es sich bis ins Unendliche erweitert. Bildhaft ausgedrückt erlebt der Christ „im Herzen Jesu“ eine Versammlung von Himmel und Erde, von Mensch und Tier, von Alt und Jung, auch von Glaubenswirklichkeiten, von Dingen und Gedanken und nicht zuletzt von Ungläubigen, ob brav oder böse. Wohlgemerkt: Alle und alles wird nicht nur versammelt, sondern umfasst. Da taugt das Bild der Umarmung weit besser, was letztlich ein Liebesprozess ist. Und Gottes Zuwendung gleicht dem letztgültigen Frieden zur Vollendung der Ewigkeit.

29. BETRACHTUNG – Vereinige uns alle in der einen alle und alles umfassenden Liebes- und Lebensgemeinschaft

Beim Meditieren des Einheitsgebets werden uns ganz klar die Qualitäten der erbetenen Vereinigung nahe gebracht. Zunächst fällt nach aller betrachteten Vielfalt auf, dass die Zahl Eins unübersehbar ist. Zunächst dünkt es als ein unauflöslicher Widerspruch. Wohl bemerkt geht es um die Qualität Gottes selbst.

In einem alten Glaubensbekenntnis (Athanasianum) wird stereotyp ausgesagt, dass wir nicht drei Götter glauben, sondern es ist ein Gott. Mit den menschlichen Maßstäben lässt sich solche Unauflöslichkeit nicht auflösen. Ich sehe nur eine einzige Möglichkeit des Verstehens, und die bezieht sich auf die Liebe Gottes. Allein schon im zwischenmenschlichen Bereich hat die Liebe trotz ihrer einzigen Qualität unendliche Entfaltungsmöglichkeiten – wie ja überhaupt der Mensch selbst auch. Erst recht die göttliche Liebe! Hier empfiehlt sich, das vierte Kapitel des 1. Johannesbriefs zu meditieren und natürlich immer wieder das Hohepriesterliche Gebet Jesu. Gerade darin wird deutlich, dass der Eine Gott Liebe ist, die auch wieder Eine und doch zugleich umfassend ist. Die Schöpferliebe ist keine andere denn die Erlöserliebe oder die Vollenderliebe.

28. BETRACHTUNG – Vereinige uns alle in der einen alle und alles umfassenden Liebes- und Lebensgemeinschaft deines heiligen Herzens

Wir erbitten die Vereinigung nicht mehr aus frommem Egoismus. Wir wissen vielmehr um das Geheimnis der Gemeinschaft, die nicht ein Produkt der Übereinstimmung sein kann. Im Gegenteil wird wahrgenommen, dass der christliche Glaube Menschen zusammenführt, die von Unterschieden aller Art gekennzeichnet sind. Von da her räumt solches Beten wirklich damit auf, Konfessionsfragen vor Gott zu bringen. Auch die unterschiedlichsten Lebenserfahrungen haben bei diesem Beten „kein Stimmrecht“ mehr. Es ist vielmehr umgekehrt: Man will wirklich alle „dabei“ haben. Verantwortlichkeit füreinander tritt an die Stelle von Grenzziehungen. Und es wird sogar höchste Zeit, geistliche Zutrittsverbote, wie sie in der Kirchengeschichte leider großen Raum eingenommen hatten, zu untersagen. Die letzten Endes wirklich „Unwürdigen“ hat nicht der Mensch zu beurteilen. Das ist einzig und allein Gottes Sache.

Als Jesus beim Passah-Mahl den Kelch herumreichte, sprach er ein bedeutendes Wort: Trinkt alle daraus. Nicht einmal den Judas hat er übergangen. Ähnlich wird bei der Gefangennahme Jesu erstaunen, wie er den Verräter ansprach: mein Freund.

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