35. BETRACHTUNG – Vereinige uns zu aller Heiligen und der Engel Freude

Die Vereinigung mit Christus löst ungeahnte Folgen aus, so auch die Freude der Heiligen. Nun fragt sich der Beter, was das mit den Heiligen auf sich hat. Das Neue Testament bringt an vielen Stellen den Begriff der Heiligen und bezeichnet ohne Frage jene Menschen, die ihr Leben von Gott bestimmen lassen, sich als gottgehörig wissen. Es sind also nicht Leistung, Berühmtheit oder moralische Sauberkeit Voraussetzung; eher könnte man sie als Folge der Gottbezogenheit bezeichnen. Die Bibel – auch schon das Alte Testament – benennt Gott als Inbegriff des Heiligen. ER ist der Heilige schlechthin. Insofern kann der menschliche Heilige nur Sein Widerschein sein.

Mir gefällt beim Begriff des Heiligen besonders ein mir wichtiger Zusammenhang mit dem Wort „ganz“. Die deutsche Sprache bezeichnet mit „heil“ nicht nur gesund, sondern „ganz“. Im englischen Wort „whole“ (wir begegnen ihm beim „holy“ = heilig) ist vorrangig das „Ganze“ gemeint. Also ist der Heilige der Ganze. Und ganz kann sich der Mensch ohne Gott, dem absolut Ganzen, keineswegs aufstellen. Paulus sieht die Gläubigen als Gottes Hausgenossen (Eph 2,19) und Bürger mit den Heiligen. Petrus spricht sogar, dass es darum geht, der göttlichen Natur teilhaftig zu werden (2Petr 1,4). In den Anmerkungen (31) versuche ich die Wirklichkeit der Heiligen anzusehen. Dabei wird es um unseren Lebensbezug zu ihnen gehen.

Anmerkung

31

Die Kirchengeschichte kennt eine Vielfalt von Heiligenverehrung, speziell im römischen und ostkirchlichen Kirchenwesen. Es ist dabei wichtig, die Quellen dafür einzubeziehen. Unbestritten sind das die biblischen Hinweise im Alten und Neuen Testament. Bereits in der Zeit der ersten Apostel sind nicht nur die Briefempfänger, sondern spezielle Menschen als Heilige benannt worden. Als Beispiel dienen zwei Stellen, nämlich Mt 27,52 und Apg 9,13: Als bei der Hinrichtung Jesu in seiner Todesstunde die Sonne sich verfinsterte, standen auf viele Leiber der Heiligen, die da schliefen. Und als Saulus zum Paulus geworden ist und sich auf den Weg zu Ananias machte, passierte die Botschaft des Herrn an Ananias, wobei dieser in seiner Antwort erwähnte: Ich habe von vielen gehört von diesem Mann, wie viel Übles er deinen Heiligen in Jerusalem getan hat.

Es erscheint wie selbstverständlich, zumal Apostel und Evangelisten im Bereich der ersten Gemeinden hohes Ansehen genossen, dass sie auch nach ihrem Tod verehrt und ihnen im Glauben ihrer weiter bestehenden Gottbezogenheit eine wichtige Rolle zugeteilt bekamen.

Interessant ist allerdings, dass im römischen Katholizismus die erste Heiligsprechung erst Ende des 9. Jahrhunderts stattfand. Es war der Augsburger Bischof Ulrich. Ich als Mensch des gemeinsamen Lebens bedaure dabei das Kriterium der Wundertätigkeit als Voraussetzung amtlicher Heilig-sprechung. Bei Ulrich war das die kreuztragende Beteiligung bei der Schlacht gegen die Hunnen mit daraufhin erfolgendem Sieg. Die Wirklichkeit ganzheitlicher Existenz, ganzheitlichen Denkens wären echte Kriterien. Statt dem werden die meisten „Heiligen“ als Spezialisten installiert, einer für die Handwerker, einer für Verlorenes, einer für die und jene Krankheit usw. Damit will ich diese Praxis nicht kleinreden. Das hat übrigens auch Luther nicht getan. Im Artikel 21 des Augsburger Bekenntnisses steht:

Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf.

Paulus bezeugt in seinen Briefen vielfach seine Freude über Menschen, die als treue Nachfolger Jesu sich bewährten. Eine spezielle Aussage dazu findet man in 2Kor 7,4: Ich rühme viel von Euch … ich bin überschwänglich in Freuden.

34. BETRACHTUNG – Vereinige uns zum Kommen des Himmelreiches

Die selbst den Christenmenschen eigene Interpretation des Himmelreichs ist meist vom Idealzustand des Lebens geprägt. Dazu gehört vor allem die Abwesenheit alles Bösen, kurzum ist der paradiesische Zustand gemeint. Das alles gehört aber zu den Begleiterscheinungen. Himmelreich sprengt alle Vorstellungswelten, weil sich keinesfalls eine Wiederherstellung des Schöpfungszustands ereignet, sondern sich eine globale, ja kosmische Ausweitung des gesamten Lebens, Denkens und Liebens vollzieht. Meist denkt der fromme Mensch bei himmlischen Bildern sofort an irdische Sinnbilder, weil er das aufgrund seiner Begrenzung so gewohnt ist. Das ist speziell bei der Offenbarung des Johannes augenfällig. Eines der einfachsten Beispiele findet sich in Offb 1,16, wo der Seher den erhöhten Herrn wahrnimmt, in seiner rechten Hand sieben Sterne. Später folgt die Erklärung: Das sind die „Engel“ der sieben Gemeinden. Mir ist nicht bekannt, dass jemals wahrgenommen worden ist, dass mit den Sternen statt einem Sinnbild die kosmische Ausweitung der Beauftragten gemeint sein könnte.

Prüft man diesbezüglich die Himmelreich-Gleichnisse Jesu nach der Niederschrift des Matthäus (Kapitel 13), entdeckt man ständig die Himmelreichs-Logik, die sowohl der irdischen Erfahrung als auch der Vernunft dieses Äons widerspricht.

Allein schon der Name „Himmelreich“ verweist uns sprachlich weit über das Erdland hinaus. Der deutsche Begriff – vom Germanischen kommend – hat einen Zusammenhang mit „verdecken“, also Himmel gleich dem „Verdeckten“. Himmelreich greift also weit über das uns Einsehbare hinaus. Es sind dann besondere Stunden und Zeiten, wenn sich eine Durchschau ereignet, also der Himmel offen ist (Stephanus, Johannes u.a.).

Es stimmt mich immer froh, wenn die ersten Zeugen des Auferstandenen mit schlichten Worten ihren Durchblick offenbaren. So bezeugt Paulus in Eph 4,10, dass der Auferstandene sich nicht im Himmel, sondern über allen Himmeln befindet. Warum? Dass er alles erfüllte.

Ich komme zurück auf das „Kommen des Himmelreiches“, wie es das Einheitsgebet als Folge der „Vereinigung mit Christus“ darstellt. Mehrheitlich erwartet die Christenheit zuerst das Kommen des Himmelreichs, damit dann die endgültige Erfüllung aller Verheißungen stattfindet. Wenn aber Jesus im hohepriesterlichen Gebet den Vater bittet um die Einswerdung der Seinen mit ihm selbst und dem Vater, so spricht er die Gegenwart an und nicht nachweltliche Zeiten. Dieser entscheidende Prozess fordert die Gläubigen auf, solches allen Initiativen und auch Frömmigkeiten vorauszustellen. Erst wenn aus dem liturgischen Ruf: Erhebet die Herzen und Wir haben sie beim Herrn eine durchdringende und über allem stehende Wahrheit geworden ist, geschieht die Erfüllung.

33. BETRACHTUNG – Zu Gottes alleiniger Ehre

Was immer auch im Leben Jesu geschah, es geschah zur Ehre seines himmlischen Vaters. Das hat er eindrücklich in seiner Jerusalemer Rede den Juden verkündigt. Was uns im Johannes-Evangelium davon überliefert wurde, ist wie eine MAGNA CHARTA und sollte jedem Christen heilig sein. In Joh 5, 17ff gibt Jesus Einblicke in seinen Bezug zum Vater, in die Art und Weise seiner Wirksamkeit und wie alles gipfelt (Vers 44) in der Ehre, die letztlich bei Gott ist und bleiben wird in Ewigkeit.

Dass dabei deutlich wird, wie ganz anders die Menschen ihr eigenes Leben aufzupolieren gedenken, kann jeder an seinem eigenen Dasein wahrnehmen.

Damit solches nicht zur Norm wird, sind immer wieder und von allem Anfang an die Künder von Gottes Hoheit aufgestanden und haben für die Ehre Gottes ihr Leben eingesetzt. Das wird wiederum erfahrbar, wenn man das Lied Mose (5.M. 32) vornimmt. Auszugsweise hier nur zwei Verse: Merkt auf ihr Himmel, ich will reden. Und die Erde höre die Rede meines Mundes – Ich will den Namen des Herrn preisen. Gebt unserm Gott allein die Ehre! Wir finden gerade diesen Satz abgewandelt in unserem Einheitsgebet. Daher noch einige Hinweise, was mit der alleinigen Ehre Gottes gemeint ist.

Es ist immer nötig – gerade bei Christen – „das Kind nicht mit dem Bad auszuschütten“. Hier nun stellt sich die Frage, ob Menschen generell nicht geehrt werden dürften. Hat einer durch seine Leistung den akademischen Grad des Dr. h.c. verliehen bekommen, was heißt „Doktor honoris causa“ (ehrenhalber) – muss er als Christ ein schlechtes Gewissen haben und gar solche Ehrung zurückweisen? Leider bestehen solche Missverständnisse in gläubigen Kreisen mehr als man denkt. Wie beurteilen wir folgenden Vorgang: Ein fabelhafter Kanzelredner, der die Menschen aufgrund seiner geistlichen Tiefgründigkeit in Scharen in seine Kirche bekommt, wird „angehimmelt“ und mit Ehren überschüttet, bis schließlich sogar das Fernsehen aufmerksam wird und es überall seine Vorträge auf CD’s zu kaufen gibt.

Die Bibel gibt eindeutige Antworten, z.B. Tut Ehre jedermann (1Petr 2,17) oder: Die Ältesten halte man zwiefacher Ehre wert (1Tim 3,17). Der Spannungsbogen zwischen solchen Stellen und nachfolgender Rede Jesu kann uns weiter führen. Da heißt es bei Joh 5: Ich nehme nicht Ehre von Menschen und dann noch: Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmt?

Hier wird deutlich, dass Ehre einem Gegenstand gleicht, den man geben kann und nehmen kann. Beides unterliegt aber der Gefährdung, sofern die menschliche Ehre nicht mehr der alleinigen Ehre Gottes nachgeordnet und deren letztes Ziel ist. Insofern sollten Ehrende und Geehrte Gewissensforschung treiben.

32. BETRACHTUNG – Zu Gottes alleiniger Ehre

Mit dem unscheinbaren Wörtchen „zu“ ist jene Stelle des Einheitsgebets erreicht, die sehr ausschlaggebend ist, weil sie Konsequenzen des bisherigen Betens aufzeigt. Wer aufmerksam die bisherigen Bitten vorbrachte, hat das Fehlen von Fürbitten gemerkt. Vielmehr hat die gemeinsame Beterschar zwei Wünsche zum Herrn geschickt. Sie weiß eben, dass ein Christenleben losgelöst von Christus keine Früchte tragen kann. Das lehrt das Gleichnis vom Weinstock und den Reben sehr anschaulich und dringlich. Darum ist es so bedeutsam, drängende andere Anliegen nicht zur Hauptsache allen Betens zu machen. Diese Anliegen wären jedenfalls nicht zurückgestellt, sondern wunderbar erhörlicher, wenn sie Teil unserer Gottesbeziehung würden. Und ähnlich ist es mit den Fürbitten. Ausdruck dafür ist das Wörtchen „ZU“. Unsere Gottvereinigung geschieht in erster Linie mit der Auswirkung, Gott damit zu ehren. In zweiter Linie hat sie Folgen für die Welt. Diese Folgen erhofft die betende Gemeinschaft und ihr Benennen ist wie eine Gewissheit auf Erfüllung des Willens Gottes – ohne ihm Vorschriften zu machen, was er wann wie zu erledigen hat. Mir ist es zutiefst ein Anliegen, Christenmenschen auf diese Spur zu bitten, damit sie auch von sich frei werden. Segensvolle Folge wird die Gelassenheit sein und Zufriedenheit mit Gottes Wirken, der eben keine Fehler macht.

31. BETRACHTUNG – Vereinige uns in der unzertrennlichen Liebes- und Lebensgemeinschaft

Die Qualität des Herzens Jesu ist weiterhin die endgültige Dauer. Die Dimension der Zeit tritt total zurück. Die begrenzte Liebe hat nichts mehr zu suchen. Der Neue Bund ist nicht abhängig von Stimmung und Interessen.

Die unseligen Trennungen sind gar nicht mehr machbar. Das Bleibende wird zur Regel. Das ist bereits in diesem Äon wahrnehmbar dem, der aufmerksam und lebensnah die Welt betrachtet. So habe ich selbst mit Staunen erkannt, dass sogar die Materie in ihrem Kern unvergänglich ist, wenngleich sie dem Tod – das heißt der Wandlung – unterworfen ist. Dazu gehört letztlich auch die in kosmische Weiten geschossene Materie.

So wird die Unvergänglichkeit zum Zeugen für die Unzertrennlichkeit. (30)

Wieder und wieder gilt es, das biblische Wort sprechen zu lassen, wie es in Eph 1 zu lesen ist: ER hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens, dass es ausgeführt würde … auf dass alle Dinge zusammengefasst würden in Christo, beides, das im Himmel und auf Erden ist, durch ihn. In unserem Äon durchkreuzen Spaltungen ein gedeihliches Miteinander der Menschheit. Welch ein Gegensatz, wenn Spaltungen oder Zerstörungen überhaupt nicht mehr möglich sind.

Anmerkung

30

dem alle und alles umfassenden Christus zu finden ist. Einen Christen mit wunderbarer Tiefe seiner Worte habe ich wahrgenommen. Es ist der Jesuit und Anthropologe Teilhard de Chardin. Ein ausschnittweises Gebet von ihm, das in dem Büchlein „Lobgesang des Alls“ erschienen ist, gebe ich nachstehend zur Kenntnis.

Glorreicher Christus, verborgen im Schoß der Materie ausgebreiteter Einfluss und blendendes Zentrum, in dem die zahllosen Fasern der Vielheit verbunden sind; – Du, dessen Stirn wie Schnee, dessen Augen wie Feuer; dessen Füße strahlender sind als schmelzendes Gold; Du, dessen Hände die Sterne gefangenhalten; Du, der Du der Erste und der Letzte, der Lebendige, der Tote und der Auferstandene bist; Du der Du in Deiner überströmenden Einheit allen Zauber, alle Lust, alle Kräfte, alle Zustände sammelst; Dich rief mein Sein mit einem ebenso großen Verlangen wie das Universum: Du bist wahrhaft mein Herr und mein Gott! Außerhalb Deines Leibes, Jesus, kann nichts bestehen, und zwar so sehr, dass selbst jene, die außerhalb Deiner Liebe verworfen sind, zu ihrem Unglück noch in den Genuss der Stütze Deiner Gegenwart kommen. Wir stehen alle unwiderruflich in Dir im universellen Milieu der Konsistenz und des Lebens! – Aber gerade weil wir keine fixfertigen Dinge sind, die man sich gleichgültig Dir nahe oder fern vorstellen kann; gerade weil in uns das Subjekt der Vereinigung mit der Vereinigung selbst wächst, die uns fortschreitend Dir gibt; – im Namen dessen, was das Wesentliche in meinem Sein ausmacht, Herr, höre das Verlangen dieses Dings, das ich meine Seele zu nennen wage: … zieh mich an – bis in die innersten Falten des Zentrums Deines Herzens! Je tiefer wir Dir begegnen, umso universeller enthüllt sich Dein Einfluss – dann werde ich wissen, dass ich dem zentralen Ort näher komme, wo das Herz der Welt in die herabsteigende Strahlung des Herzens Gottes konvergiert. – Lehre mein Herz die wahre Reinheit, jene, die keine blutleermachende Trennung von den Dingen ist, sondern ein Aufschwung durch alle Schönheit hindurch. – Gib mir endlich und vor allem durch eine immer wachsende Schau Deiner Allgegenwart die selige Leidenschaft, immer etwas mehr die Welt zu entdecken, zu schaffen und zu erleiden, damit es immer mehr in Dich eindringe.

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