37. BETRACHTUNG – Vereinige uns zu unserem ganzen Heil

Jetzt werden etliche Beter tief durchatmen: Endlich springt bei diesem Beten etwas für uns heraus. Darauf muss ich spontan antworten: Was heißt etwas?

Alles springt für uns heraus! Das ganze Heil! Dies beinhaltet nicht nur „dass ich in den Himmel komm“, sondern ein komplettes Heil. Darum sprechen wir vom ganzen Heil, das in den weiteren Benennungen sich selbst erklärt. Hier liegt der Unterschied zu den üblichen Bittgebeten, wo mehr oder weniger eine fromme Wunschliste Gott hingehalten wird. Da ist die Bewältigung des Lebens oder Vollmacht aus Heiligem Geist erbeten. Ja, so ist Gott, dass er sehr viele Kleinigkeiten des Daseins mit seiner Erhörung gelingen lässt. Und doch erinnert solcher Glaube an die berühmten Krämerseelen, die ohne es zu ahnen, sich um das Wesentliche betrügen; wo doch das Ziel der Erlösung durch Christus die Wiederherstellung des gottgewollten Menschen – besser noch ausgedrückt: der ganzen Menschheit ist. Darum hat das Wort UNSEREM so große Bedeutung. Da sind nicht nur die Sprechenden unseres Gebets gemeint; nein: Wir sprechen das aus für die ganze Menschheit, aber und vor allem als eine Konsequenz der Vereinigung im Herzen Jesu. Mit anderen Worten: Ohne diese Vereinigung wird sich kein ganzes Heil vollziehen. Welche Verantwortung für die getrennte Christenheit!

36. BETRACHTUNG – Vereinige uns zu aller Heiligen und der Engel Freude

Für einen Christen ist es ganz selbstverständlich, die Engelswelt als eine tatsächliche göttliche Dimension nicht nur zu glauben, sondern in der Heiligen Schrift als selbstverständlich bezeugt zu wissen. In der Tat wimmelt es dort von Engelserscheinungen. Aber auch die Menschheitsgeschichte aller Jahrhunderte greift das Geheimnis der Engel auf und versucht diesen unsichtbaren Wesen eine Gestalt zu geben. Davon zeugen die Kirchen und die Friedhöfe. Besonders vielschichtig stellt die Malerei die verschiedensten Bilder vor Augen. Das hat sich bis zu Marc Chagall durch die Zeiten gehalten.

In der Erdenwelt des heutigen Menschen allerdings verblasst die Realität der Engel. Alfons Rosenberg, der „Engelfachmann“, beklagt diese Verarmung, wenn er schreibt: Der Mensch begegnet dem Engel nicht mehr als dem Mittler göttlicher Botschaft und dem Repräsentanten der göttlichen Welt – er begegnet in ihm nur mehr sich selber. Ich selbst bekenne mich als Wahrnehmer der Engel – in aller Keuschheit und Zurückhaltung. (32)

Es heißt dort von der Freude der Engel als Folge der Gottvereinigung. Das bedeutet doch ein ausgeprägtes Wahrnehmungsvermögen seitens der Engel. Sie registrieren nicht nur die außerweltlichen Vorgänge, sondern feinste Herzensprozesse der Menschen und speziell der Christen. Dafür steht jener bekannte biblische Text:

Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut (Lk 15). Hier wird zugleich der Engel Fähigkeit festgestellt, sich freuen zu können. Natürlich wird diese Freude eine andere Qualität wie die der Menschen haben. Ohne sich in Spekulationen verlieren zu dürfen, müssen die Engel als Geschöpfe des Allmächtigen angesehen werden, also der Seinsweise der Ewigkeit zugehören. Damit haben sie solche Einblicke in geistliche Wirklichkeiten, die uns Menschen nicht zugänglich sind. So mussten sie sowohl das Werden des Menschengeschlechts als auch dessen Trennung von Gott erleben. Letzteres verursachte in ihnen einen großen Schmerz, denn der göttliche Plan mit der ganzen Schöpfung wurde vom Menschen verworfen. So ist demnach ihre Freude leicht vorstellbar, wenn die Vereinigung der Menschheit mit dem Dreieinigen Gott sich mit den „Erstlingen“ zu vollziehen beginnt. Kommt noch hinzu, dass diese mit ihrer neuen Existenz den Engeln gleichgestellt sind (Lk 20,36). Menschliche Gedanken weichen von der Wirklichkeit nicht weit ab, wenn angenommen würde, mit der Gottvereinigung finde auch eine Vereinigung mit der Engelswelt statt. Das wäre eine himmlische Analogie zur Heimkehr des verlorenen Sohns und der ausgelösten riesigen Freude des Vaters.

Anmerkung

32

Es gäbe eine Fülle von biblischen Auffächerungen der Engelwelt zu erwähnen. Da die Beter weithin beste Kenntnisse darüber besitzen, muss davon nicht berichtet werden.

Ich will lediglich auf vielleicht Unbekannteres hinweisen. Da beginne ich bei dem sprachlichen Begriff des Wortes ENGEL. Dabei handelt es sich um keine orginal-deutsche Wortfindung. Vielmehr ist das Wort Engel „klanglich“ eindeutig aus dem Griechischen übernommen worden. Dort hießen die Boten ANGELOS. Der Bote war jene wichtige Funktion, die heutzutage alle Kommunikationsmittel leisten (Post /Telefon / Internet mit E-Mail und Smartphone / etc.). Auch das römische Reich übernahm den Klang des Wortes und bezeichnete die Boten als Angelus. Interessant dürfte dabei sein, dass nicht nur im hebräischen und dann christlichen Glaubensraum, sondern über die „ungläubige“ Welt hin der Bote zur wichtigsten Funktion des Lebens zwischen der Gottheit und Menschheit geworden war. Die Gottheiten der Sumerer, Babylonier, Ägypter und anderer Volksreligionen übten ihre Herrschaft durch Boten aus. Als halbgöttliche Gehilfen und Boten durchwirkten sie die Natur und die Menschenwelt.

Wie hat nun das Christentum seine eigene Position im Blick auf die Engel gefunden? Es gibt in der frühen Kirche des Westens fast schon eine dogmatische Fixierung in der Formulierung des Augustinus:

Engel bezeichnet das Amt und nicht die Natur dieser Wesen. Fragst du nach deren Natur, so sind sie Geister; fragst du nach dem Amt, so sind sie Boten: seinem Wesen nach Geist, seinem Handeln nach Bote. Ihrem ganzen Sein nach sind die Engel Diener und Boten Gottes. Weil sie beständig das Antlitz des Vaters sehen, der im Himmel ist, sind sie Vollstrecker seiner Befehle, seinen Worten gehorsam.

Mich hat dann interessiert, wie die reformatorischen Kirchen zu den Engeln stehen. Abgesehen von deren biblischer Bedeutung finden sich in den Bekenntnisschriften keinerlei bündelnde und weiterführende Hinweise. Immerhin gab es Liederdichter, die unbekümmert ihre Engeltexte verfassten und die sogar in die Kirchengesangbücher eingingen.

Ein Beispiel ist der Text von Ernst Hoffmann (20.Jh):

Gott aller Schöpfung heilger Herr, zu deines Reiches Glanz und Ehr hast du der Engel Schar bestellt, für hohe Dienste sie erwählt.
Du sendest sie als Boten aus; dein Wort geht in die Welt hinaus. Groß ist in ihnen deine Kraft; dein Arm sind sie, der Wunder schafft.

35. BETRACHTUNG – Vereinige uns zu aller Heiligen und der Engel Freude

Die Vereinigung mit Christus löst ungeahnte Folgen aus, so auch die Freude der Heiligen. Nun fragt sich der Beter, was das mit den Heiligen auf sich hat. Das Neue Testament bringt an vielen Stellen den Begriff der Heiligen und bezeichnet ohne Frage jene Menschen, die ihr Leben von Gott bestimmen lassen, sich als gottgehörig wissen. Es sind also nicht Leistung, Berühmtheit oder moralische Sauberkeit Voraussetzung; eher könnte man sie als Folge der Gottbezogenheit bezeichnen. Die Bibel – auch schon das Alte Testament – benennt Gott als Inbegriff des Heiligen. ER ist der Heilige schlechthin. Insofern kann der menschliche Heilige nur Sein Widerschein sein.

Mir gefällt beim Begriff des Heiligen besonders ein mir wichtiger Zusammenhang mit dem Wort „ganz“. Die deutsche Sprache bezeichnet mit „heil“ nicht nur gesund, sondern „ganz“. Im englischen Wort „whole“ (wir begegnen ihm beim „holy“ = heilig) ist vorrangig das „Ganze“ gemeint. Also ist der Heilige der Ganze. Und ganz kann sich der Mensch ohne Gott, dem absolut Ganzen, keineswegs aufstellen. Paulus sieht die Gläubigen als Gottes Hausgenossen (Eph 2,19) und Bürger mit den Heiligen. Petrus spricht sogar, dass es darum geht, der göttlichen Natur teilhaftig zu werden (2Petr 1,4). In den Anmerkungen (31) versuche ich die Wirklichkeit der Heiligen anzusehen. Dabei wird es um unseren Lebensbezug zu ihnen gehen.

Anmerkung

31

Die Kirchengeschichte kennt eine Vielfalt von Heiligenverehrung, speziell im römischen und ostkirchlichen Kirchenwesen. Es ist dabei wichtig, die Quellen dafür einzubeziehen. Unbestritten sind das die biblischen Hinweise im Alten und Neuen Testament. Bereits in der Zeit der ersten Apostel sind nicht nur die Briefempfänger, sondern spezielle Menschen als Heilige benannt worden. Als Beispiel dienen zwei Stellen, nämlich Mt 27,52 und Apg 9,13: Als bei der Hinrichtung Jesu in seiner Todesstunde die Sonne sich verfinsterte, standen auf viele Leiber der Heiligen, die da schliefen. Und als Saulus zum Paulus geworden ist und sich auf den Weg zu Ananias machte, passierte die Botschaft des Herrn an Ananias, wobei dieser in seiner Antwort erwähnte: Ich habe von vielen gehört von diesem Mann, wie viel Übles er deinen Heiligen in Jerusalem getan hat.

Es erscheint wie selbstverständlich, zumal Apostel und Evangelisten im Bereich der ersten Gemeinden hohes Ansehen genossen, dass sie auch nach ihrem Tod verehrt und ihnen im Glauben ihrer weiter bestehenden Gottbezogenheit eine wichtige Rolle zugeteilt bekamen.

Interessant ist allerdings, dass im römischen Katholizismus die erste Heiligsprechung erst Ende des 9. Jahrhunderts stattfand. Es war der Augsburger Bischof Ulrich. Ich als Mensch des gemeinsamen Lebens bedaure dabei das Kriterium der Wundertätigkeit als Voraussetzung amtlicher Heilig-sprechung. Bei Ulrich war das die kreuztragende Beteiligung bei der Schlacht gegen die Hunnen mit daraufhin erfolgendem Sieg. Die Wirklichkeit ganzheitlicher Existenz, ganzheitlichen Denkens wären echte Kriterien. Statt dem werden die meisten „Heiligen“ als Spezialisten installiert, einer für die Handwerker, einer für Verlorenes, einer für die und jene Krankheit usw. Damit will ich diese Praxis nicht kleinreden. Das hat übrigens auch Luther nicht getan. Im Artikel 21 des Augsburger Bekenntnisses steht:

Vom Heiligendienst wird von den Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf.

Paulus bezeugt in seinen Briefen vielfach seine Freude über Menschen, die als treue Nachfolger Jesu sich bewährten. Eine spezielle Aussage dazu findet man in 2Kor 7,4: Ich rühme viel von Euch … ich bin überschwänglich in Freuden.

34. BETRACHTUNG – Vereinige uns zum Kommen des Himmelreiches

Die selbst den Christenmenschen eigene Interpretation des Himmelreichs ist meist vom Idealzustand des Lebens geprägt. Dazu gehört vor allem die Abwesenheit alles Bösen, kurzum ist der paradiesische Zustand gemeint. Das alles gehört aber zu den Begleiterscheinungen. Himmelreich sprengt alle Vorstellungswelten, weil sich keinesfalls eine Wiederherstellung des Schöpfungszustands ereignet, sondern sich eine globale, ja kosmische Ausweitung des gesamten Lebens, Denkens und Liebens vollzieht. Meist denkt der fromme Mensch bei himmlischen Bildern sofort an irdische Sinnbilder, weil er das aufgrund seiner Begrenzung so gewohnt ist. Das ist speziell bei der Offenbarung des Johannes augenfällig. Eines der einfachsten Beispiele findet sich in Offb 1,16, wo der Seher den erhöhten Herrn wahrnimmt, in seiner rechten Hand sieben Sterne. Später folgt die Erklärung: Das sind die „Engel“ der sieben Gemeinden. Mir ist nicht bekannt, dass jemals wahrgenommen worden ist, dass mit den Sternen statt einem Sinnbild die kosmische Ausweitung der Beauftragten gemeint sein könnte.

Prüft man diesbezüglich die Himmelreich-Gleichnisse Jesu nach der Niederschrift des Matthäus (Kapitel 13), entdeckt man ständig die Himmelreichs-Logik, die sowohl der irdischen Erfahrung als auch der Vernunft dieses Äons widerspricht.

Allein schon der Name „Himmelreich“ verweist uns sprachlich weit über das Erdland hinaus. Der deutsche Begriff – vom Germanischen kommend – hat einen Zusammenhang mit „verdecken“, also Himmel gleich dem „Verdeckten“. Himmelreich greift also weit über das uns Einsehbare hinaus. Es sind dann besondere Stunden und Zeiten, wenn sich eine Durchschau ereignet, also der Himmel offen ist (Stephanus, Johannes u.a.).

Es stimmt mich immer froh, wenn die ersten Zeugen des Auferstandenen mit schlichten Worten ihren Durchblick offenbaren. So bezeugt Paulus in Eph 4,10, dass der Auferstandene sich nicht im Himmel, sondern über allen Himmeln befindet. Warum? Dass er alles erfüllte.

Ich komme zurück auf das „Kommen des Himmelreiches“, wie es das Einheitsgebet als Folge der „Vereinigung mit Christus“ darstellt. Mehrheitlich erwartet die Christenheit zuerst das Kommen des Himmelreichs, damit dann die endgültige Erfüllung aller Verheißungen stattfindet. Wenn aber Jesus im hohepriesterlichen Gebet den Vater bittet um die Einswerdung der Seinen mit ihm selbst und dem Vater, so spricht er die Gegenwart an und nicht nachweltliche Zeiten. Dieser entscheidende Prozess fordert die Gläubigen auf, solches allen Initiativen und auch Frömmigkeiten vorauszustellen. Erst wenn aus dem liturgischen Ruf: Erhebet die Herzen und Wir haben sie beim Herrn eine durchdringende und über allem stehende Wahrheit geworden ist, geschieht die Erfüllung.

33. BETRACHTUNG – Zu Gottes alleiniger Ehre

Was immer auch im Leben Jesu geschah, es geschah zur Ehre seines himmlischen Vaters. Das hat er eindrücklich in seiner Jerusalemer Rede den Juden verkündigt. Was uns im Johannes-Evangelium davon überliefert wurde, ist wie eine MAGNA CHARTA und sollte jedem Christen heilig sein. In Joh 5, 17ff gibt Jesus Einblicke in seinen Bezug zum Vater, in die Art und Weise seiner Wirksamkeit und wie alles gipfelt (Vers 44) in der Ehre, die letztlich bei Gott ist und bleiben wird in Ewigkeit.

Dass dabei deutlich wird, wie ganz anders die Menschen ihr eigenes Leben aufzupolieren gedenken, kann jeder an seinem eigenen Dasein wahrnehmen.

Damit solches nicht zur Norm wird, sind immer wieder und von allem Anfang an die Künder von Gottes Hoheit aufgestanden und haben für die Ehre Gottes ihr Leben eingesetzt. Das wird wiederum erfahrbar, wenn man das Lied Mose (5.M. 32) vornimmt. Auszugsweise hier nur zwei Verse: Merkt auf ihr Himmel, ich will reden. Und die Erde höre die Rede meines Mundes – Ich will den Namen des Herrn preisen. Gebt unserm Gott allein die Ehre! Wir finden gerade diesen Satz abgewandelt in unserem Einheitsgebet. Daher noch einige Hinweise, was mit der alleinigen Ehre Gottes gemeint ist.

Es ist immer nötig – gerade bei Christen – „das Kind nicht mit dem Bad auszuschütten“. Hier nun stellt sich die Frage, ob Menschen generell nicht geehrt werden dürften. Hat einer durch seine Leistung den akademischen Grad des Dr. h.c. verliehen bekommen, was heißt „Doktor honoris causa“ (ehrenhalber) – muss er als Christ ein schlechtes Gewissen haben und gar solche Ehrung zurückweisen? Leider bestehen solche Missverständnisse in gläubigen Kreisen mehr als man denkt. Wie beurteilen wir folgenden Vorgang: Ein fabelhafter Kanzelredner, der die Menschen aufgrund seiner geistlichen Tiefgründigkeit in Scharen in seine Kirche bekommt, wird „angehimmelt“ und mit Ehren überschüttet, bis schließlich sogar das Fernsehen aufmerksam wird und es überall seine Vorträge auf CD’s zu kaufen gibt.

Die Bibel gibt eindeutige Antworten, z.B. Tut Ehre jedermann (1Petr 2,17) oder: Die Ältesten halte man zwiefacher Ehre wert (1Tim 3,17). Der Spannungsbogen zwischen solchen Stellen und nachfolgender Rede Jesu kann uns weiter führen. Da heißt es bei Joh 5: Ich nehme nicht Ehre von Menschen und dann noch: Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmt?

Hier wird deutlich, dass Ehre einem Gegenstand gleicht, den man geben kann und nehmen kann. Beides unterliegt aber der Gefährdung, sofern die menschliche Ehre nicht mehr der alleinigen Ehre Gottes nachgeordnet und deren letztes Ziel ist. Insofern sollten Ehrende und Geehrte Gewissensforschung treiben.

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