40. BETRACHTUNG – Vereinige uns zu unserem ganzen Heil an Leib, Seele und Geist

Die Mutter Jesu spricht auf Elisabeths Willkommens-Gruß jenen wunderbaren Lobpreis Gottes, der als Magnifikat in die Kirchengeschichte eingegangen ist. Sie beginnt mit den Worten: Meine Seele erhebet den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes (Lk 1,46). Nimmt man dazu Worte dieses Heilands, so hat man reichlich Einblick, welche Bedeutung der Geist des Menschen hat. Es sind entscheidende Worte, die Jesus zum Schluss seines Lebens am Kreuz zum Vater spricht: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände (Lk 23,46).

Hier wird kurz und bündig festgestellt, dass es sich beim Geist um einen Besitzstand handelt. Es ist bei Maria und bei Jesus mein Geist. Dieser Besitz entsteht weder durch neue göttliche Einstiftung noch durch erdhaften Automatismus. Der Geist wird aus der Einheit von beidem, also der Seele und dem Leib, geboren. Auf diese Weise entsteht das Ich-Bewusstsein des Menschen und aus dem Menschen wird die Person. Aus dem Geist errichtet dann der Mensch seine Welt gemäß dem Schöpfungsauftrag, zu bauen und zu bewahren. Die Versuchung des Satans fordert aber gerade den Geist heraus, dem Schöpfer zu misstrauen, was schließlich zur Weltkatastrophe ausuferte. Darum bedarf der Geist des Menschen insonderheit des göttlichen Heils durch Auslieferung und Vereinigung.

39. BETRACHTUNG – Vereinige uns zu unserem ganzen Heil an Leib, Seele und Geist

Die Schöpfung des Menschen nach dem Zeugnis des AT besteht aus zwei Komponenten;

  1. aus irdischer Materie und
  2. aus überirdischer Materie.

In 1.M. 2,7 heißt das so: Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß und er blies ihm den lebendigen Odem in seine Nase und also ward der Mensch eine lebendige Seele.

Nun gibt es eine Fülle von Bedeutungsversuchen, wie denn letztgültig Seele zu verstehen ist. Für mich sehe ich eine Zweiheit vom Schöpfer einander zugeordnet: Leib und Seele sorgen im Miteinander um das Gleichgewicht zwischen der göttlichen Erdbezogenheit und der menschlichen Gottbezogenheit. Hier leuchtet auch das Geheimnis von Außen und Innen auf. Sogar das weibliche und männliche Prinzip findet sich da wieder. Die Materie – also die Mutter Erde – ist Ausgangspunkt der physischen Existenz. Der Gotteshauch – also von Gott dem Vater – ist Ausgangspunkt der psychischen Substanz. Demgemäß hat die Seele „den Draht nach Oben“ und der Leib „den Draht nach Unten“. Beim Sündenfall hat die Einheit Mensch den Draht nach Oben durchschnitten und die Folge für den Leib war die Vertreibung aus dem Paradies. Darum bedarf Leib und Seele des Heils. Dies vollzieht sich in der Hinwendung zum lebendigen Gott mittels der Vereinigung in Christus. Friede kehrt zurück.

38. BETRACHTUNG – Vereinige uns zu unserem ganzen Heil an Leib, Seele und Geist

Eine neue Ganzheit des Lebens leuchtet mit den drei Zusammengehörigkeiten auf. Man kann nicht nur über ein Drittel des Menschen nachsinnen, um seine Person erkennen zu können. So kann auch nicht das ganze Heil auf ein Drittel begrenzt sein, etwa auf die Seele. Die ewige Bestimmung des Menschen schließt Leib, Seele und Geist ein. Das scheint allmählich sowohl der Wissenschaft als auch der Theologie zu dämmern. Der Begriff der Seelsorge verschwindet daher allmählich. Man erkennt, wie sehr ein leiblicher Mangelzustand sich wie Mehltau über die Seele legt oder wie das Wissen die Seele bedrängen kann.

In solche Situationen will das ganze Heil einsickern, das heißt, mannigfache „Schizophrenie“ bewältigen.

Viele Christen können nicht fassen, dass auch der Leib der Ewigkeit gehört. Die für mich eigenartige Beerdigungspraxis stört letztlich den christlichen Glauben, wenn am Grab der Pastor demonstrativ die Vergänglichkeit mit den Worten Erde zur Erde – Staub zum Staube demonstriert. Ich bin zutiefst überzeugt, dass auch der Leib, also unsere physische Existenz zwar ein irdisches Ende haben muss, aber nicht im Sinn des Todes, sondern im Sinn der Verwandlung – gleich einer Auferweckung oder Transformation (33).

Anmerkung

33

Das 6. Kapitel des Römerbriefs ist eine Fundgrube für die Unvergänglichkeit der Substanz des Leibes. Das wird von vielen Gläubigen aufgrund spiritueller Überlagerungen überlesen. Damals haben die Zeugen Jesu – insonderheit Paulus – den Begriff des Todes verwendet, der in der modernen Welt irrtümlich mit „Vernichtung / Auslöschung“ begriffen wird. Tatsächlich ist der „Tod“ deshalb ein Tod, weil das Leben nicht mehr wahrnehmbar ist. In dem erwähnten Kapitel liest man z.B.: So wir samt Christus gepflanzt werden zu gleichem Tod, so werden wir auch seiner Auferstehung gleich sein. In der Geschichte der sieben nacheinander sterbenden Brüder und deren jeweiligen Wiederverehelichung mit derselben Frau spricht Jesus jenes Ewigkeitswort: Wer die Auferstehung von den Toten zu erlangen würdig ist, kann hinfort nicht sterben, denn er ist ein Kind Gottes, derweil er ein Kind der Auferstehung ist (Lk 20). Der geneigte Leser merkt, wie sehr wichtig mir die Übereinstimmung biblischer Ewigkeitswahrheiten mit der modernen Wissenschaft (nicht nur Philosophie) ist. Wer das bewusst wahrnimmt, kommt aus dem ehrfürchtigen Staunen nicht mehr heraus. Man bedenke die Konsequenz des großen Quantensprungs von der Messbarkeit des Sichtbaren zur Meßbarkeit des Unsichtbaren. Wer hat in den Fünfzigerjahren des 20. Jh. von der „NANO-Physik“ sprechen können? Niemand! Heute (2008) ist es nachweisbar, dass die endlose Makrowelt der endlosen Mikrowelt entspricht. Und ähnlich ist es mit den Lebensfunktionen. Die Welt der Zellen mit der Fülle der Gene als Extrakt der Körper wird mehr und mehr eine wahrnehmbare physikalische Mystik. Da werden die über das Sichtbare hinausschauenden Seher vergangener Zeiten plötzlich wissenschaftlich bestätigt. Auch wenn J.W. v. Goethes Christsein hinterfragt werden kann, so ist er doch ein Mensch mit Durchblick, der den vorgegebenen Grenzen menschlicher Weisheit „über die Schulter guckte“. So war er überzeugt, dass der Mensch bei dem Glauben verharren muss, dass das Unbegreifliche begreiflich sei. Vor vielen Jahren las ich in einer wissenschaftlichen Zeitung eine unfassbare Meldung. Dort stand zu lesen, dass alle Gene der bisherigen Menschheit in einem Fingerhut Platz hätten. Und die modernere Meldung berichtet von dem Bemühen der Forscher in Sibirien, aus einem tiefgefrorenen Mammutfund Zellen zu isolieren und zu vitalisieren, um diese Gattung wieder in die Gegenwart zu transportieren. Diese Vorgänge um Stammzellen und Klonen liefern den Nachweis von der Unvergänglichkeit allen Lebens, die ein Grundgesetz der Schöpfung war und bleiben wird in Ewigkeit.

37. BETRACHTUNG – Vereinige uns zu unserem ganzen Heil

Jetzt werden etliche Beter tief durchatmen: Endlich springt bei diesem Beten etwas für uns heraus. Darauf muss ich spontan antworten: Was heißt etwas?

Alles springt für uns heraus! Das ganze Heil! Dies beinhaltet nicht nur „dass ich in den Himmel komm“, sondern ein komplettes Heil. Darum sprechen wir vom ganzen Heil, das in den weiteren Benennungen sich selbst erklärt. Hier liegt der Unterschied zu den üblichen Bittgebeten, wo mehr oder weniger eine fromme Wunschliste Gott hingehalten wird. Da ist die Bewältigung des Lebens oder Vollmacht aus Heiligem Geist erbeten. Ja, so ist Gott, dass er sehr viele Kleinigkeiten des Daseins mit seiner Erhörung gelingen lässt. Und doch erinnert solcher Glaube an die berühmten Krämerseelen, die ohne es zu ahnen, sich um das Wesentliche betrügen; wo doch das Ziel der Erlösung durch Christus die Wiederherstellung des gottgewollten Menschen – besser noch ausgedrückt: der ganzen Menschheit ist. Darum hat das Wort UNSEREM so große Bedeutung. Da sind nicht nur die Sprechenden unseres Gebets gemeint; nein: Wir sprechen das aus für die ganze Menschheit, aber und vor allem als eine Konsequenz der Vereinigung im Herzen Jesu. Mit anderen Worten: Ohne diese Vereinigung wird sich kein ganzes Heil vollziehen. Welche Verantwortung für die getrennte Christenheit!

36. BETRACHTUNG – Vereinige uns zu aller Heiligen und der Engel Freude

Für einen Christen ist es ganz selbstverständlich, die Engelswelt als eine tatsächliche göttliche Dimension nicht nur zu glauben, sondern in der Heiligen Schrift als selbstverständlich bezeugt zu wissen. In der Tat wimmelt es dort von Engelserscheinungen. Aber auch die Menschheitsgeschichte aller Jahrhunderte greift das Geheimnis der Engel auf und versucht diesen unsichtbaren Wesen eine Gestalt zu geben. Davon zeugen die Kirchen und die Friedhöfe. Besonders vielschichtig stellt die Malerei die verschiedensten Bilder vor Augen. Das hat sich bis zu Marc Chagall durch die Zeiten gehalten.

In der Erdenwelt des heutigen Menschen allerdings verblasst die Realität der Engel. Alfons Rosenberg, der „Engelfachmann“, beklagt diese Verarmung, wenn er schreibt: Der Mensch begegnet dem Engel nicht mehr als dem Mittler göttlicher Botschaft und dem Repräsentanten der göttlichen Welt – er begegnet in ihm nur mehr sich selber. Ich selbst bekenne mich als Wahrnehmer der Engel – in aller Keuschheit und Zurückhaltung. (32)

Es heißt dort von der Freude der Engel als Folge der Gottvereinigung. Das bedeutet doch ein ausgeprägtes Wahrnehmungsvermögen seitens der Engel. Sie registrieren nicht nur die außerweltlichen Vorgänge, sondern feinste Herzensprozesse der Menschen und speziell der Christen. Dafür steht jener bekannte biblische Text:

Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut (Lk 15). Hier wird zugleich der Engel Fähigkeit festgestellt, sich freuen zu können. Natürlich wird diese Freude eine andere Qualität wie die der Menschen haben. Ohne sich in Spekulationen verlieren zu dürfen, müssen die Engel als Geschöpfe des Allmächtigen angesehen werden, also der Seinsweise der Ewigkeit zugehören. Damit haben sie solche Einblicke in geistliche Wirklichkeiten, die uns Menschen nicht zugänglich sind. So mussten sie sowohl das Werden des Menschengeschlechts als auch dessen Trennung von Gott erleben. Letzteres verursachte in ihnen einen großen Schmerz, denn der göttliche Plan mit der ganzen Schöpfung wurde vom Menschen verworfen. So ist demnach ihre Freude leicht vorstellbar, wenn die Vereinigung der Menschheit mit dem Dreieinigen Gott sich mit den „Erstlingen“ zu vollziehen beginnt. Kommt noch hinzu, dass diese mit ihrer neuen Existenz den Engeln gleichgestellt sind (Lk 20,36). Menschliche Gedanken weichen von der Wirklichkeit nicht weit ab, wenn angenommen würde, mit der Gottvereinigung finde auch eine Vereinigung mit der Engelswelt statt. Das wäre eine himmlische Analogie zur Heimkehr des verlorenen Sohns und der ausgelösten riesigen Freude des Vaters.

Anmerkung

32

Es gäbe eine Fülle von biblischen Auffächerungen der Engelwelt zu erwähnen. Da die Beter weithin beste Kenntnisse darüber besitzen, muss davon nicht berichtet werden.

Ich will lediglich auf vielleicht Unbekannteres hinweisen. Da beginne ich bei dem sprachlichen Begriff des Wortes ENGEL. Dabei handelt es sich um keine orginal-deutsche Wortfindung. Vielmehr ist das Wort Engel „klanglich“ eindeutig aus dem Griechischen übernommen worden. Dort hießen die Boten ANGELOS. Der Bote war jene wichtige Funktion, die heutzutage alle Kommunikationsmittel leisten (Post /Telefon / Internet mit E-Mail und Smartphone / etc.). Auch das römische Reich übernahm den Klang des Wortes und bezeichnete die Boten als Angelus. Interessant dürfte dabei sein, dass nicht nur im hebräischen und dann christlichen Glaubensraum, sondern über die „ungläubige“ Welt hin der Bote zur wichtigsten Funktion des Lebens zwischen der Gottheit und Menschheit geworden war. Die Gottheiten der Sumerer, Babylonier, Ägypter und anderer Volksreligionen übten ihre Herrschaft durch Boten aus. Als halbgöttliche Gehilfen und Boten durchwirkten sie die Natur und die Menschenwelt.

Wie hat nun das Christentum seine eigene Position im Blick auf die Engel gefunden? Es gibt in der frühen Kirche des Westens fast schon eine dogmatische Fixierung in der Formulierung des Augustinus:

Engel bezeichnet das Amt und nicht die Natur dieser Wesen. Fragst du nach deren Natur, so sind sie Geister; fragst du nach dem Amt, so sind sie Boten: seinem Wesen nach Geist, seinem Handeln nach Bote. Ihrem ganzen Sein nach sind die Engel Diener und Boten Gottes. Weil sie beständig das Antlitz des Vaters sehen, der im Himmel ist, sind sie Vollstrecker seiner Befehle, seinen Worten gehorsam.

Mich hat dann interessiert, wie die reformatorischen Kirchen zu den Engeln stehen. Abgesehen von deren biblischer Bedeutung finden sich in den Bekenntnisschriften keinerlei bündelnde und weiterführende Hinweise. Immerhin gab es Liederdichter, die unbekümmert ihre Engeltexte verfassten und die sogar in die Kirchengesangbücher eingingen.

Ein Beispiel ist der Text von Ernst Hoffmann (20.Jh):

Gott aller Schöpfung heilger Herr, zu deines Reiches Glanz und Ehr hast du der Engel Schar bestellt, für hohe Dienste sie erwählt.
Du sendest sie als Boten aus; dein Wort geht in die Welt hinaus. Groß ist in ihnen deine Kraft; dein Arm sind sie, der Wunder schafft.

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