Der Gnadenstuhl ist die bedeutendste mittelalterliche Bildschöpfung für das Motiv der Dreifaltigkeit und ihrer Vergegenwärtigung.

Der österreichische Bildhauer Roland von Bohr (1899 – 1982) fertigte den hier abgebildeten Gnadenstuhl – in Zusammenarbeit mit Br. Gotthilf Haug – im Jahr 1923/24. Dieser Flügelaltar befindet sich in einer kleinen Kapelle des Schweizerischen Diakonievereins in Rüschlikon-Nidelbad.

In der Darstellung des „Gnadenstuhls“ entdecke ich das ganze Evangelium. Es ist für mich ein „Für“-Bild. Gott ist für dich. Gott ist für mich. Gott ist für die ganze Welt.

Freier Zutritt

Was sofort auffällt: Die Flügel des Altars (hier nicht sichtbar) sind offen. Keine Tür, kein Vorhang, der uns den Zugang zu Gott versperrt. „Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei“ (Mk 15,38). Freier Zutritt zu Gott dem Heiligen, zum Gnadenstuhl. Der Weg ist frei, Gott erwartet uns.

Und Gott, der Vater, sieht mich, den Betrachter, an. Ich entdecke: Das, was hier passiert, betrifft mich, betrifft jeden von uns. Ja, es meint die ganze Welt. Die offene Tür und sein michfindender Blick sind eine Einladung, auf die Aussage dieses Bildes zu hören, mit ihm ins Gespräch zu kommen.

Unendlich geliebt

Welch eine Szene: Du, Gottvater, in deiner Herrlichkeit – mit einer kostbaren Krone gekrönt und mit prächtigen Kleidern bekleidet – hältst das Kreuz, an dem dein geliebter Sohn – seiner Kleider beraubt und mit Dornen gekrönt – sterbend hängt. Und der Heilige Geist als Band zwischen euch. Was hat dich, den Dreieinigen Gott, in diese Situation gebracht?

Es ist offensichtlich: Vater, Sohn und Heiliger Geist handeln und wirken in Einigkeit. Voll Sehnsucht und Liebe nach den Menschen verfolgen sie das gleiche Ziel. Und dich, Vater, treibt die Liebe hier zum Äußersten: „Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend übermaßen; er dacht an sein Barmherzigkeit, er wollt mir helfen lassen; er wandt zu mir das Vaterherz, es war bei ihm fürwahr kein Scherz, er ließ’s sein Bestes kosten“1

Deine liebende Suche und Frage im Paradies: „Mensch, wo bist du“ (1Mo 3,9) findet hier eine Antwort und schenkt einen Weg zurück, zurück zu dir. „Nehmt mich und lasst diese gehen“ (vgl. Joh 18,8), sagt Jesus, lässt sich binden und geht für die ganze Welt als Opferlamm Gottes den Weg ans Kreuz.

Alle sind eingeladen

„Jesus ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt“ (1Joh 2,2).

Deine Arme und Hände, Vater, halten und tragen Jesus am Kreuz. Aktion und Passion deiner Gottesliebe. Es sind ausgebreitete, liebende Arme, hin zur ganzen Welt, egal ob freundlich oder feindlich. Deine Einladung, Umarmung gilt nicht nur Einzelnen, sondern allen Völkern, Rassen und Nationen. Sie ist ein leidenschaftlicher Ruf, nach Hause zu kommen.

Jesu Kreuz, welches (hier) die Erde berührt, ist die Brücke zwischen Himmel und Erde. Es ist der Weg zurück zu dir, Vater. So wie Jesus es selbst von sich bezeugt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh 14,6).

Mit ihm lieben

Deine opfernde Gottesliebe, die in Christus Jesus vollbracht und uns in deinem Wort (angedeutet durch die vier Evangelistensymbole Mensch, Löwe, Stier und Adler) offenbart und verkündigt ist, wartet auf Antwort. Sie ruft uns in das gemeinsame Leben mit dir, dem Vater, mit deinem Sohn und mit dem Heiligen Geist hinein.

Beim längeren Anschauen dieses Bildes erlebe ich einen Perspektivwechsel, einen Standortwechsel. Ich stehe nun nicht mehr nur vor dem Bild, als Betrachter und Eingeladener. Das gemeinsame Leben mit dir verändert. Deine Leidenschaft und Liebe für die Welt steckt an. Auch ich sehe:„Die Welt. Sie ist oft so leichtsinnig, läuft draußen herum und nachts ist sie auch nicht zuhause“.2

Du, Jesus, beauftragst deine Jünger: „Ernte zwar ist viel, der Werker aber sind wenige. Flehet nun an den Herrn der Ernte, dass er Werker hinaustreibe in seine Ernte“ (Mt 9,37.38, Konkordante Übersetzung). Du willst, dass alle von der offenen Himmelstür hören und den Weg zurück zu dir, Vater, finden. Du rufst mich, uns in deine Diakonie an der Welt. Zusammen mit dir rufen wir: „Lasst euch versöhnen mit Gott“ (2Kor 5,20).


Autorin

Elke Lehmann
Elke Lehmann – Friedberg

Vereinigung vom gemeinsamen Leben

  • Vereinigung vom gemeinsamen Leben im Ökumenischen Christusdienst

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